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Mutterliebe und Stillen - das schönste Geschenk

Vortrag von Prof. Dr. med. Hans Sachs, Frauenarzt, Psychotherapeut

Wissenschaftlicher Aufsatz 2007 26 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhalt

Brustkrebs und Mutterliebe

Zur Bindungstheorie Bowlby’s

Mutterliebe und psychische Auffälligkeiten

Mutterliebe und Hirnforschung

Mutterliebe und Politik

Verwendete Literatur

Brustkrebs und Mutterliebe

Mich hat in meiner frauenärztlichen Praxis die Begegnung mit sehr jungen Brustkrebs-Patientinnen geprägt, die zwischen 24 und 42 Jahren alt waren. Mit mehreren von ihnen habe ich über Jahre einzelpsychotherapeutische, tiefenpsychologisch orientierte Gespräche geführt. In diesen Gesprächen habe ich erlebt, all diesen Frauen hat in ihrer frühen und weiteren Kindheit eines gefehlt: eine liebevolle, feinfühlige Bemutterung. Dabei spielen Trennungserlebnisse in der Frühkindheit und ihre Wiederholung im späteren Leben eine wichtige Rolle.

Karikaturisten können oft treffend einen Sinnzusammenhang auf den Punkt bzw. in ein Bild bringen. Im Cicero (m.W. Maiheft 2005) fand ich eine solche Skizze : ein spielendes Kind auf dem Teppich, eine geöffnete Tür, in deren Rahmen ein Butler steht, der auf einem vermutlich silbernen Tablett dem Kind einen Briefumschlag präsentiert und diesen geöffnet hat. Da das Kleinkind noch nicht lesen kann schreibt der Zeichner unter dieses Bild: „Your parents want to inform You that they love You“ ! Sie wissen vielleicht, dass Brustkrebs überwiegend eine Erkrankung der sozialen Oberschicht ist.

Was bedeutet Brust als Symbol weiblicher Identität. Laktationsberaterinnen erleben mit, Stillenkönnen heißt auch, eine gewisse Macht auszuüben. Ein Kind an der Brust ernähren, das ist Ausdruck eines naturgegebenen Könnens. Wie in utero die Nabelschnur so kann Stillen eine überlebensnotwendige Verbindung zwischen Mutter und Neugeborenem sein etwa auf der Flucht, im Krieg oder nach Naturkatastrophen.

Im Allgemeinen trinkt das Kind an der Brust jeweils nur so viel wie es braucht und/oder die Brust bereithält. Brusternährung/Stillen ist auch ein kybernetisches, d.h. sich selbst steuerndes Wechselspiel zwischen Mutter und Kind, das eine natürliche Harmonie zwischen diesen beiden Partnern widerspiegelt. Dabei spricht die Mutter mit ihrem Kind und sieht es richtig an. Sie ist gleichsam auf den verbalen und den Blickaustausch mit ihrem Kind programmiert. Wir wissen heute, das Sprachzentrum des Gehirns ist bei Frauen viel besser entwickelt als bei Männern.

So kann man Stillen als einen Vorgang der Beziehungsaufnahme zwischen diesen beiden Menschen Mutter und Neugeborenem sehen. Psychische Repräsentanzen der Brust sind Fragen wie übe ich Macht aus und zweitens wie gestalte ich meine mitmenschlichen Beziehungen und wie lebe und erlebe ich hier Zärtlichkeit. Diese Macht und diese Zärtlichkeit wird üblicherweise privat in der Familie oder einer intimen Zweierbeziehung gelebt.

Brustkrebs symbolisiert die Zerstörung dieses Machtausübens und dieses Zärtlicheitsaustausches. Wer oder was kann mich dazu bringen, auf diese Macht unbewusst zu verzichten und die Fähigkeit nicht leben zu wollen, Zärtlichkeit zu geben und zu empfangen etwa beim Liebesvorspiel. Es ist die nicht bewusste Angst, erneut so verletzt zu werden, so wie ich als Kleinstkind verletzt wurde durch eine unliebevolle frühe Betreuung. Und es ist die ungeheure, ebenfalls nicht bewusste Angst, die seinerzeit damit verbundenen Gefühle der Ohnmacht und Angst wiedererleben zu müssen, wenn ich eben diese Macht ausüben soll.

Meine frühe Mutter hat in mir keine innere Sicherheit, Fülle, Urvertrauen, emotionale Intelligenz begründet. Deshalb produziere ich lieber irgendwelche Stillschwierigkeiten, ich somatisiere wie die Psychosomatiker das nennen, und fliehe später vor der möglichen Psychose unbewusst eher in die psychosomatische Brustkrebserkrankung wenn Auslösesituationen wie z.B. Trennung vom Partner mich ungewollt auf die Probe stellen und ich wegen der früh erworbenen Strukturmängel meines Ichs und meines Selbst dieser Krise nicht standhalten kann. Es ist zu wenig untersucht, ob auch der Baby-Blues, das postpartale Stimmungstief und die postpartale Psychose hier ihre tiefste Begründung haben.

An Krebs erkrankt nicht die Brust sondern die Frau in ihren psychosozialen Bezügen. Und Stillschwierigkeiten hat nicht allein die Brust sondern die Mutter mit ihrer persönlichen bisherigen und aktuellen Lebenserfahrung. Krebsnachsorge und Stillschwierigkeiten erfordern m. E. eine besondere psychosomatische Kompetenz. Eine gute Mutter ist eine Frau, die selbst als Kleinkind gut bemuttert wurde. Das ist nur bei weniger als der Hälfte der Frauen der Fall. Stillschwierigkeiten müssten deshalb häufig sein.

Ich sehe Brustkrebs als einen weiteren Indikator der Zerstörung der Familien an. Wir haben in der Bundesrepublik eine Brustkrebsepidemie und natürlich auch in den Ländern der Eu/europäischen Union. Lange Zeit war dies ein gut gehütetes Geheimnis. Unter uns leben etwa 500 000 Frauen, die wegen einer Brustkrebserkrankung behandelt wurden, in den Ländern der EU sind es etwa 2 Millionen. Vor zehn Jahren hatten wir in Deutschland noch etwa 45 Tsd. Neuerkrankungen jährlich, heute sind es 55 Tsd. mit steigender Tendenz von zirka 1000 Fällen pro Jahr an zusätzlichen neuen Erkrankungsfällen.

Brustkrebsscreening-Programme der Politik sind wahrscheinlich überflüssig. Bei jährlich steigenden Neuerkrankungszahlen kann die Sterblichkeit an Brustkrebs gar nicht sinken wie die Zielvorgabe für das Screening signalisiert. Screening schützt auch nicht vor Erkrankung. Echte Vorbeugung könnte sein, die Familien mit kleinen Kindern zu fördern, in denen diese Vertrauen zu sich, innere Sicherheit und Selbstvertrauen erwerben und damit fast eine Garantie für ein gesundes Leben haben so wie die Bindungstheorie das gefunden hat. Nur muss dieses Wissen vermehrt in der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden.

Wenn sich erst 100 000 oder mehr Brustkrebsneuerkrankungen pro Jahr in der Bundesrepublik ereignen und erwiesen ist, dass die Brustkrebs-Screening-Programme die Sterblichkeit an Brustkrebs nicht mindern können, dann wird vielleicht so etwas wie der Herzog’sche Ruck durchs Land gehen und es werden die Frauen sein, die ihn gleichberechtigt bewirken. Sie werden eine Familienförderung von der Politik einfordern, die z.B. den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Bindungstheorie entspricht.

Zur Bindungstheorie Bowlby’s

Bowlby, (26.2.1907 – 2.9.1990), der sie 1958 begründete, war beim Chef der Abteilung für seelische Gesundheit der WHO in Genf mit seiner Arbeit über die 44 jugendlichen Diebe aufgefallen. In seinem Kreis brachte ihm das den Spitznamen Ali Bowlby und die vier- und vierzig Räuber ein. Er wurde beauftragt, im Nachkriegseuropa die seelische Gesundheit heimatloser und obdachloser Kinder zu untersuchen und zu beschreiben und kam wie von selbst auf das Thema Trennungen. Sein Bericht über mütterliche Zuwendung und geistige Gesundheit wurde ein Weltbestseller.

James Robertson, einer seiner Mitarbeiter, beobachtete systematisch auf einer Station tuberkulosekranker, ein- dreijähriger Kinder mit Aufenthalten von bis zu vier Jahren das Verhalten dieser Kinder auf die sich immer wieder ereignenden Trennungen von ihren Eltern. Er fand bekanntlich die drei reaktiven Phasen Protest, Verzweiflung und Loslösung bzw. Entfremdung oder Gleichgültigkeit den Eltern gegenüber. Dokumentiert wurden sie in mehreren Filmen, die um die Welt gingen und bewirkten, dass heute Eltern in Kinderkliniken oft mit stationär aufgenommen werden können, wenn ihre Kinder hospitalisiert werden müssen.

Ein weiterer wichtiger Mitarbeiter Bowlby’s war Mary Ainsworth, die als Koautorin der Bindungstheorie gilt und mit ihrem Fremde-Situation-Test reproduzierbar messbar macht, was eine sichere Bindung eines Kleinstkindes an seine Mutter kennzeichnet. Dies führt idealerweise zu einem Lebensgefühl der Angstfreiheit, der Geborgenheit, der Selbstschätzung und Sicherheit. Der seelischen Stabilität könnte man auch sagen, oder von Hardiness und Resilienz (Widerstandsfähigkeit in Krisen). Und umgekehrt: habe ich dies nicht geschenkt bekommen, fehlt mir lebenslang etwas Wesentliches !

Anfang der 1950-ziger Jahre wurden die Arbeiten von Konrad Lorenz aktualisiert (1972 Nobelpreis für Medizin und Physiologie zusammen mit Tinnbergen und Frisch), die dieser schon Mitte der 30-ziger Jahre veröffentlicht hatte, in denen von früher, postpartaler Prägung bestimmter Vogelarten die Rede war.

Prägung ist etwas Anderes als Lernen. Sensible Lebensphase, in der Prägung geschieht, und deren Unwiderruflichkeit, Irreversibilität, sind die beiden wesentlichen Kenngrößen. Prägung ereignet sich in einer frühen Entwicklungsphase eines Tieres oder des Menschen, der sog. sensiblen Periode. Nach ihrem Ende können Menschen und Tiere nicht einfach umlernen und sich ein anderes Mutterbild einprägen. Lernen kann man dagegen lebenslang. Prägung ist emotionales Kennenlernen, Erspüren der anderen Wesenheit könnte man sagen, und das funktioniert wechselseitig, denn der Säugling ist von Beginn an emotional voll funktionsfähig.

Bowlby nahm um 1958 an, dass mit diesen Modellbefunden aus der Ethologie, der Tierverhaltensforschung, die Bindung eines Säuglings oder Neugeborenen an seine Mutter zutreffender verstanden werden könnte als mit den Kategorien der klassischen Psychoanalyse und veröffentlichte seine Bindungstheorie.

Die wichtigsten Definitionen zur Bindungstheorie sind: Bindungsverhalten ist Suchen und Halten der Nähe zu einer als stärker, also schutzgebend eingeschätzten Bindungsperson. Den Beginn einer solchen Bindung nannte Bowlby „Sich-Verlieben“, das Andauern einer Bindung „Liebe“ und die Folgen des Verlustes einer Bindung beschrieb er als um jemanden trauern. Das Bonding, die Phase des Kennenlernens zwischen Mutter und Neugeborenem gehört erkennbar hierher.

Erlebt wird das Andauern einer Bindung als innere und äußere Sicherheit. Und die Erneuerung einer Bindung nach kurzer Trennung würde normalerweise freudig begrüßt. Bindungsverhalten des Neugeborenen löst Fürsorglichkeit, Elternverhalten aus. Schreien, Rufen, später Nachfolgen, Klammern auch Protest bei Entfernen der Eltern sind die Signalgeber dafür. Die Auslöser des Bindungsverhaltens sind Müdigkeit, Hunger, Nässe, Kälte, Fremdheit, Krankheit, Schmerzen, Angsterregendes das ist vor allem eine drohende Trennung von der wichtigsten Bindungsperson. Hier kann nackte Wut auftreten. Aggressives Verhalten ist dann Ausdruck eines Bindungswunsches! (Köhler 2004, 1) Das ganze System funktioniert kybernetisch, sich selbst steuernd.

Seine Überlegungen führten Bowlby – Ähnliches passierte später Kohut mit seiner Selbstpsychologie - zu einer von anderen als Frontalangriff (casus belli) eingeschätzten Korrektur und Ergänzung der Psychoanalyse. Er verwarf z.B. die Triebmythologie, die Annahme, Identifikationen mit den Eltern sei die alleinige Erklärung für Bindung, Liebe zwischen Mutter und Kind sei allein aus der Nahrungsaufnahme zu erklären, er erweiterte eigenständig den Begriff bzw. den Vorgang der/s Trauer(ns) und über den Oedipuskomplex habe ich bei ihm nichts gelesen. Bowlby argumentiert aus einer Haltung echten Respekts zu Freud.

Es ist eine Tatsache, schreibt Frau Lakotta (2006 im Spiegel, pg. 164), die Bindungstheorie avancierte zu der am besten fundierten analytischen Theorie über die psychische Entwicklung des Menschen ( vgl. dazu aktuell Dierks „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ 2007, pg.27). Die Säuglingsforschung veränderte auch das Konzept des Unbewussten.

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Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638730884
ISBN (Buch)
9783638732512
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74433
Schlagworte
Mutterliebe Stillen Geschenk

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Titel: Mutterliebe und Stillen - das schönste Geschenk