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Anwendung der Subkulturtheorien auf die Immigrationskriminalität am Beispiel türkischer Immigranten in Deutschland

Seminararbeit 2007 26 Seiten

Jura - Strafprozessrecht, Kriminologie, Strafvollzug

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Subkulturtheorien
II.a. Delinquent Boys. Albert Cohen
II.b. Lower Class Culture. Walter Miller
II.c. Delinquency and Opportunity. Richard Cloward und Lloyd Ohlin
II.d. Subculture of Violence. Martin Wolfgang und Franco Ferracuti
II.e. The subculture of delinquency. David Matza

III. Assimilationsprozess

IV. Das türkische Leben in Deutschland

V. Anwendung der Subkulturtheorien

VI. Fazit

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Vor ungefähr 50 Jahren begann durch die Chicago-Schule die Formulierung der Subkulturtheorien. Seitdem haben sie hauptsächlich den Zweck, Jungendkriminalität zu erklären, indem sie die Gruppen bzw. Subkulturen von Jugendlichen analysieren. Trotz der Meinungsverschiedenheiten der Autoren in mehreren Punkten, einigen sie sich fast alle darauf, dass diese Subkulturen aus Jugendlichen der Unterschicht bestehten. Die Subkulturtheorien wurden später auch verwendet, um das Verhalten von Gruppen wie z.B. Skinheads und Hooligans zu erläutern.

In dieser Hausarbeit soll erörtert werden, ob die Einwanderer eine Subkultur bilden können, die auch durch diese Subkulturtheorien erläutert werden kann. So befürwortet diese These, dass die geringe berufliche bzw. akademische Ausbildung der Immigranten diese dazu zwingt, in der Unterschicht zu bleiben. Des Weiteren teilen die Migranten gemeinsame Merkmale (Sprache, Herkunft, Kultur), die sie stärker zusammenbringen können und so ebenfalls zur Bildung einer Subkultur beitragen.

Wenn man davon ausgeht, dass die Subkulturtheorien auch die Entstehung und Handlungsweise von Ausländersubkulturen erklären können, könnte man folglich die Ergebnisse der Subkulturtheorien auch auf die Ausländerkriminalität anwenden.

In einem ersten Teil „Subkulturtheorien“ dieser Arbeit werden die Charakteristika von fünf repräsentativen Subkulturtheorien zusammengefasst, um eine theoretische Grundlage zu schaffen.

Der zweite Teil „Assimilationsprozess“ und dritte Teil „Das türkische Leben in Deutschland“ werden sich mit dem Assimilationsprozess und dem Zusammenleben von Ausländern in Deutschland befassen. Dies soll sowohl auf einer theoretischen Ebene geschehen, als auch anhand des praktischen Beispiels eines türkischen Einwanderers aufgezeigt werden.

In einem letzten Teil „Anwendung der Subkulturtheorien“ werden die ersten beiden Abschnitte diskutiert, um die oben erwähnte These dieser Arbeit zu bestätigen und auch abschließende Erwägungen zu machen.

Zum Thema Subkultur ist vor allem Literatur aus den Vereinigten Staaten vorhanden. Einen guten Überblick über die Situation der türkischen Gesellschaft in Deutschland gibt das Buch „Kollective Identitäten. Selbstverortungen türkischer MigrantInnen und ihrer Kinder“ von Rosemarie Sackmann[1].

II. Subkulturtheorien.

Die Wurzeln der Subkulturtheorien sind in den kriminologischen Forschungen zu finden, die anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten durch die Chicago-Schule durchgeführt wurden. Als Erster formulierte Cohen 1955 im seinem Buch „Delinquent Boys“[2] die Subkulturtheorien. Obwohl Autoren wie z.B. Whyte oder Frazier sich schon Jahre vor ihm um die Problematik der Jugendkriminalität in der Unterschicht und die Normen, die sie regieren, gekümmert haben[3], war er der erste, der eine allgemeine Theorie der Subkulturen verfasst hat.

II.a. Delinquent Boys. Albert Cohen.

Jeder Mensch, erklärte Cohen, wird ständig mit Problemen konfrontiert, die ihn unter Druck setzen. Wie er diese Probleme löst, wird dann von zwei Faktoren bestimmt: der Situation und dem Bezugsrahmen. Unter ersteren schließt Cohen die Mitmenschen und die Umgebung, in der die Person sich entfaltet, ein. Charakteristisch für Situationen sind die begrenzten Ressourcen, die im Endeffekt ihre Erwartungen und Chancen limitieren. Außerdem kommt es oft vor, dass die Situationen einander oftmals ausschließen, so dass die Personen ihre Ressourcen entweder in einer oder in der anderen benutzen, nicht aber in beiden.

Die Wahrnehmung dieser Tatsachen und Umstände variiert von Mensch zu Mensch und ist vom Bezugsrahmen, d.h. den Vorurteilen, den Werten, den Interessen und der persönlichen Stellungnahme der Person abhängig. „The facts never simply stare us in the face. We see them always through a glass, and the glass consists of the interests, preconceptions, stereotypes and values we bring to the situation“[4].

Die Situation und der Bezugsrahmen befinden sich in einer ständigen Interaktion, so dass Veränderungen in der einen Modifikationen im anderen verursachen.

Von besonderer Wichtigkeit sind auch die Mitmenschen, die ein Teil der Situation bilden, da sie meistens Mitglieder desselben Milieus sind. Wenn man ein Problem lösen will, braucht man ihre Kooperation und ihr Einverständnis, denn ohne ihre Mitarbeit wäre es kaum möglich, etwas zu unternehmen. Diese Abhängigkeit von den Mitmenschen zwingt die Person, Probleme zu lösen und Entscheidungen zu treffen, in einer Weise, die von dieser Sozialgruppe schon akzeptiert ist. Ferner ist die Übereinstimmung zwischen dem Verhalten der Person und dieser Art und Weise ein Zeichen ihrer Mitgliedschaft dieser bestimmten Gruppe. Das ganze ist ein Prozess, welcher den Bezugsrahmen bestätigt und das Verhalten vor den anderen rechtfertigt. Es gibt mehrere Gruppen, die durch die Bildung von Abhängigkeiten Einfluss auf das Individuum haben, aber nicht alle in demselben Maß. Wenn sie sehr einflussreich sind, nennt man sie Bezugsgruppen.

Cohen geht davon aus, dass in unserer Gesellschaft die Werte und die Ziele der Mittelschicht (Geld, Macht, Karriere, usw.) überwiegen und dass der Status einer Person von ihrem Erfolg nach diesen Maßstäben bestimmt wird. Die Möglichkeit, diese Ziele zu erreichen, bleibt aber wegen der begrenzten Ressourcen der Situation limitiert. Die Person wird dadurch frustriert und kann in Anpassungsprobleme an die Hauptgesellschaft geraten. Eine Subkultur taucht dann auf, wenn mehrere Personen dasselbe Problem teilen, sie sich in einer Gruppe vereinen und neue Erfolgsmaßstäbe schaffen, nach denen sie triumphieren können. Diese neue Gruppe, die dann als Subkultur anzusprechen ist, wird zur wichtigsten Bezugsgruppe und ändert den Bezugsrahmen der Person: andere Gruppen werden von diesem Moment an als Fremde erkannt und deswegen wird ein feindseliges Verhalten ihnen gegenüber geäußert, welches die Mitgliedschaft der Person an der einen Subkultur bestätigt.

Anhand damaliger Statistiken schließt Cohen, dass die kriminelle Subkultur hauptsächlich aus Jungen der Unterschicht gebildet wird[5]. Sie werden von den Werten der Mittelschicht inokuliert, erkennen aber schon mit jungem Alter, dass die Chancen für sie begrenzt sind und Erfolg ausgeschlossen ist. Der Junge bzw. die Gruppen von Jungen neigen dazu, Straftaten zu begehen.

Cohen beschreibt[6] die Delikte der jugendlichen Subkultur als sehr wandelbar (versatile), weil ihre kriminellen Aktivitäten von einfachen Ordnungswidrigkeiten bis hin zu schweren Straftaten reichen. Die knappe Planung der Straftaten und die mangelnden Ziele machen die kurzfristige Genusssucht (short-run hedonism) der Aktivitäten deutlich. Außerdem haben die Jungen Spaß an Straftaten, was ihre Bosheit (malice) zeigt. Noch ein anderes Merkmal ist die Autonomie (autonomy) der Gruppe, in der eine starke und solidarische Beziehung zwischen den Mitgliedern herrscht und es eine Resistenz gegen externe Einflüsse gibt. Zuletzt sind diese Gruppen nicht utilitaristisch (non-utilitarism), denn sie stehlen beispielsweise etwas, aus dem sie keinen Nutzen ziehen können und was sie später wegwerfen werden.

Cohens Meinung nach sind die Subkulturen nicht unbedingt kriminell. Tatsächlich behauptet er, dass jede Gesellschaft aus einer unzählbaren Menge von Subkulturen zusammengesetzt ist: die Subkultur des Fussballvereins, der Arbeit, der Künstler und sogar der Familie.

II.b. Lower Class Culture. Walter Miller.

Millers vertritt die These[7] der Kulturkonfliktansätze, in der er mehrere Werte- und Normensysteme in der Gesellschaft definiert. In der Unterschicht gelten Werte und Normen, die manchmal denen der Mittelschicht und dem Rest der Gesellschaft widersprechen. Der Unterschicht schreibt er folgende Kristallisationspunkte[8] zu:

- Schwierigkeiten (Trouble): bezieht sich auf Verhaltensweisen oder Situationen, die zu Problemen mit den offiziellen Normen, also denen der Mittelschicht führen. Diese Situationen werden normalerweise nicht aus Respekt vor den Normen vermieden, sondern um keine Schwierigkeiten zu bekommen. Obwohl die offiziellen Normen in der Regel eingehalten werden, ist oft auch Sympathie für die Normen der Unterschicht erkennbar.
- Härte (Toughness): die Maskulinität der Jungen hat eine besonders wichtige Bedeutung in der Unterschicht. Da ein männliches Vorbild oftmals im Haus fehlt und die meisten von ihnen von der Mutter erzogen werden, müssen sie die Rolle eines Mannes auf der Straße lernen. Eine Folge davon ist die Aggression gegen Homosexuelle und die Vermeidung aller “weiblichen” Verhaltensweisen.
- Geistige Wendigkeit (Smartness): „impliziert die Fähigkeit zu übertrumpfen, „auszustechen“, zu täuschen, sich das Vertrauen eines anderen oder mehrerer zu erschleichen, und die damit verbundene Fähigkeit zu verhindern, dass selbst überlistet, „übernommen“ und getäuscht wird“[9]. Nur diese Art von „Intelligenz“ ist allgemein akzeptiert, „normale“ Intelligenz wird mit Frauen und Schwachen in Verbindung gebracht.
- Erregung (Excitement): es handelt sich um eine Welt, in der Alkohol, Prügelei und sexuelle Abenteuer als regelmäßige Erregung angesehen werden.
- Schicksal (Fate): die Mitglieder der Unterschicht glauben an ein natürliches Schicksal, im Unterschied zu der Vorstellung Vieler der Mittelschicht, dass religiöser Glaube das Leben regiert. Entweder hat man Glück oder Pech im Leben, man braucht keine andere Erklärung. Das Schicksal spielt auch eine Rolle beim Wetten, was auch eine Erregung in der Unterschicht ist.
- Autonomie (Autonomy): die Mitglieder empfinden Abscheu vor Autoritäten und Kontrollen und zeigen eine starke Abneigung gegen institutionalisierte Regeln. Sie beanspruchen die vollkommene Freiheit, alle Entscheidungen selbst treffen zu können. Miller findet trotzdem eine Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität, denn viele verhalten sich, als wollten sie eigentlich in eine Institution eintreten, in der alles reguliert und kontrolliert wird, wie z.B. das Gefängnis oder das Militär.
Das Erscheinen von kriminellen Gruppen und Subkulturen erklärt Miller mit der Erziehung durch Frauen der Jungen: diese Art des Aufwachsens ist zwar normal für Jungen, wird aber später von der männlichen Prägung der Gruppe ergänzt. Sie lernen dann die männliche Rolle der Unterschicht und all die inhärenten Merkmale, die von einem Mann erwartet werden: Härte, geistige Wendigkeit und die oben bereits aufgezählten Wertvorstellungen. Die Gruppen funktionieren auch wie ein Filter, um neue Mitglieder auszuwählen. Nur diejenigen, die die Normen der Unterschicht einhalten und ihre Werte unterstützen, dürfen an der kriminellen Subkultur teilnehmen. Zwei neue Kristallisationspunkte sind in der Gruppe zu erkennen:
- Zugehörigkeit: deutet die Teilnahme an der Gruppe an und ist von besondere Bedeutung. Ob man ein Mitglied ist oder nicht, kommt darauf an, ob man die Regeln und Werte der Gruppe achtet.

[...]


[1] Sackmann, R.: Kollektive Identitäten. Selbstverortungen türkischer MigrantInnen und ihrer Kinder. Frankfurt am Main 2005. (Im Folgenden werden die Quellen bei erster Nennung komplett zitiert, danach nur mit Name des Autors und der Seite des Zitates)

[2] Cohen, A.: Delinquent Boys: The Culture of the Gang. Illinois 1955.

[3] Kaiser, G., Kerner, H.-J., Sack, F., Schellhoss, H.(Hrsg.): Kleines Kriminologisches

Wörterbuch. 3. Aufl. C.F. Müller, Heidelberg 1993, S. 277.

[4] Cohen, A. S. 53.

[5] Ebda. S.73.

[6] Ebda. S.15 ff.

[7] Miller, W.B.: Die Kultur der Unterschicht als Entstehungsmilieu für Bandendelinquenz. In: Sack, F., König, R.(Hrsg.): Kriminalsoziologie. 2.Aufl., Frankfurt 1974, S. 339-359.

[8] Ebda. S. 341.

[9] Ebda. S. 345.

Details

Seiten
26
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638714792
ISBN (Buch)
9783638783101
Dateigröße
478 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74421
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
15 (gut)
Schlagworte
Anwendung Subkulturtheorien Immigrationskriminalität Beispiel Immigranten Deutschland

Autor

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Titel: Anwendung der Subkulturtheorien auf die Immigrationskriminalität am Beispiel türkischer Immigranten in Deutschland