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Die Bauernbefreiung in Preußen und in den Rheinbundstaaten: Ursachen und Verlauf

Hausarbeit 2000 18 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Terminus

3. Die Bauernbefreiung in Preußen und in den Rheinbundstaaten: Ursachen und Verlauf
3.1. Die Situation am Vorabend der Bauernbefreiung
3.2. Der Verlauf der Bauernbefreiung
3.2.1. Die erste Phase (1803/11-1815)
3.2.2. Die zweite Phase (1815-1830)
3.2.3. Die dritte Phase (1830-1848)
3.2.4. Die vierte Phase (1848)

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit der vorliegenden Seminararbeit soll der Versuch unternommen werden, einen Überblick über Ursachen und Verlauf der unter dem Schlagwort „Bauernbefreiung“ zusammengefassten Agrarreformen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu geben. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf die Faktoren Bevölkerungsentwicklung und Agrarkonjunktur gelegt werden, deren Wechselspiel ab der Mitte des 18. Jahrhunderts den Boden für die dann eingeleiteten Reformen bereitete. Des weiteren eingegangen werden soll auf innen- und außenpolitische Konstellationen, die für die Ausgestaltung und Durchführung der Bauernbefreiung maßgeblich waren.

In einem ersten Teil soll die Situation am Vorabend der Bauernbefreiung geschildert werden. Im Anschluß daran soll auf die einzelnen Phasen der Bauernbefreiung selbst eingegangen werden. Um den teilweise enormen regionalen Unterschieden des Verlaufs der Bauernbefreiung Rechnung zu tragen, sollen hierbei die Ereignisse in Preußen und in den Rheinbundstaaten getrennt behandelt werden.

Im Angesicht anhaltender Diskussionen über die Angemessenheit des Begriffs der Bauernbefreiung ist dem eigentlichen Hauptteil der Arbeit zunächst jedoch ein kurzer Abschnitt über den Terminus vorangestellt.

2. Zum Terminus

Der Terminus „Bauernbefreiung“ entspricht keineswegs der Ausdrucksweise der Zeit, sondern wurde erst 1887 von Georg Friedrich Knapp geprägt[1]. So findet sich in einer von Albert Judeich 1863 veröffentlichten ersten Bilanz der Ereignisse beispielsweise noch die zeitgenössische Bezeichnung der „Grundentlastung“[2]. Während mit diesem Begriff die Beseitigung der Feudalverfassung im Bereich der Grundherrschaft, also im Gebiet westlich der Elbe, umschrieben wurde, wurde für die Auflösung der gutsherrlich-bäuerlichen Beziehungen in den ostelbischen Territorien der Terminus „Regulierung“ verwendet. An dieser Stelle soll jedoch, trotz der anhaltenden Diskussion um die Angemessenheit der Begriffsprägung[3], der Einfachheit halber weiter von „Bauernbefreiung“ gesprochen werden.

3. Die Bauernbefreiung in Preußen und in den Rheinbundstaaten: Ursachen und Verlauf

3.1. Die Situation am Vorabend der Bauernbefreiung

Nachdem in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine erste Bevölkerungswelle ausgelaufen war, deren Auswirkung zunächst darin bestand, die enormen Bevölkerungsverluste des Dreißigjährigen Krieges auszugleichen, setzte in den deutschen Staaten, wie auch in den meisten anderen Teilen Europas, um 1740 ein zweites massives Bevölkerungswachstum ein, das seine Quelle auf dem Lande hatte und von der bereits „kompletten“[4]traditionellen Gesellschaft nicht mehr ohne weiteres kompensiert werden konnte[5].

Die Ursachen dieser Zunahme, die, folgt man Hans-Ulrich Wehler, zwischen 1740 und 1800 in Preußen und zahlreichen anderen deutschen Staaten rund 50%, zum Teil, wie in Schlesien, sogar 100% ausmachte[6], waren sicherlich vielschichtiger Natur. So gibt Wehler in seiner Gesellschaftsgeschichte den Ausbau einer differenzierten, sich stark kommerzialisierenden Landwirtschaft mit daraus resultierender Vergrößerung des Nahrungsspielraums und der Existenzchancen, sowie die Erhöhung der Aufnahmefähigkeit der ländlichen Gesellschaft durch die Protoindustrialisierung und die seit dem Siebenjährigen Krieg herrschende Konjunktur als Gründe an[7].

Bei Cristof Dipper, der den Anstieg der Bevölkerung Deutschlands im Gegensatz zu Wehler mit - durchschnittlichen - 27% beziffert[8], findet sich der Verweis auf einen steten Wertewandel mit zurückgehender Sozialkontrolle, der unter anderem ein sinkendes Heiratsalter der Frauen, sowie eine sinkende Neigung zum zölibatären Leben zur Folge hatte[9]. Durch gute Ernten in den 1730er Jahren habe sich dieser Wertewandel beschleunigt, da 25 Jahre später mehr Menschen als üblich ins Heiratsalter gekommen seien.

Dieser enorme Anstieg der Bevölkerung ließ vor allem die Schicht der Kleinbauern und Landlosen anschwellen[10], die sich nicht durch Subsistenzwirtschaft ernähren konnten, Nahrungsmittel zukaufen mußten und infolgedessen auf Nebenerwerb angewiesen, sowie von herrschenden Konjunkturen abhängig waren[11]. So zählten um 1800 bereits 25% der ländlichen Bevölkerung zu den ganz Besitzlosen[12], schon 1750 war die Zahl der bäuerlichen Vollerwerbsbetriebe in die Minderheit geraten[13].

Als Folge steigender Bevölkerungszahlen war sehr rasch eine Verknappung des Angebotes an Getreide zu verzeichnen, da die Ausdehnung der Anbauflächen mit dem Bevölkerungswachstum nicht mithalten konnte. Während, wie oben erwähnt, die Bevölkerung um mindestens 27% anstieg, konnten die Ackerflächen lediglich um 15% ausgedehnt werden[14]. Diese Differenz konnte zwar zum Teil durch gesteigerte Hektarerträge verringert werden. Dieser Faktor blieb in seiner Wirkung jedoch eher begrenzt, unter anderem deshalb, weil gesteigerte Erträge einen höheren Bestand an Zugvieh voraussetzten und auch der Getreideexport nach Nordwesteuropa, vor allem nach England, weiter zunahm[15].

Diese Verknappung hatte einen enormen Anstieg der Getreidepreise zur Folge[16], der allein zwischen 1770 und 1800 ganze 90% betrug. Löhne und Preise für gewerbliche Produkte stagnierten jedoch, so dass ein Großteil der Bevölkerung unter starken Existenzdruck geriet[17].

Eine wesentliche Verbesserung war unter diesen Umständen nur durch eine generelle Umstrukturierung der ländlichen Wirtschaftsweise möglich. Kameralistische Reformvorschläge der Zeit nennen so auch die Einführung neuer Anbautechniken, insbesondere der sogenannten Besömmerung der Brache[18], sowie die Aufteilung des Gemeindelandes, Flurbereinigung, Schließung der Wälder und Beseitigung von Hut- und Triftrechten[19]als wichtigste Maßnahmen, die zu einer Stimulierung des Agrarindividualismus führen sollten.

[...]


[1]Knapp, Georg Friedrich, Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Theilen Preußens (1887), Bd. I, München, Leipzig² 1927.

[2]Judeich, Albert, Die Grundentlastung in Deutschland, Leipzig 1863.

[3]Vgl. Schissler, Hanna, „Bauernbefreiung“ oder Entwicklung zur agrarkapitalistischen Gesellschaft? In: Sozialwissenschaftliche Informationen 8 (1970), S. 136-142 und Böhme, Helmut, „Bauernbefreiung“ oder „Bauernfreisetzung“? Preußen und Preußenbild zwischen Reform und Revolution, in: Büsch, Otto (Hrsg.), Das Preußenbild in der Geschichte. Protokoll eines Symposiums. Berlin 1981, S. 115-166.

[4]Dipper, Christof, Übergangsgesellschaft - Die ländliche Sozialordnung in Mitteleuropa um 1800, in: Zeitschrift für Historische Forschung 23 (1996), S. 57-87, hier S. 61, im Folgenden: Dipper, Übergangsgesellschaft.

[5]Dies jedoch zunächst in den Gebieten, in denen die agrarischen Reserven bereits erschöpft waren, d. h. vor allem im Bereich der westdeutschen Grundherrschaft. In den östlichen Regionen der Monarchie konnte die hier behandelte Bevölkerungswelle nach Dipper durch Landesausbau kompensiert werden. Vgl. Dipper, Übergangsgesellschaft, S. 65.

[6]Wehler, Hans-Ulrich, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 2: Von der Reformära bis zur industriellen und politischen Doppelrevolution, München 1987, S. 8, im Folgenden: Wehler, Bd. 2.

[7]Ebd., S. 8.

[8]Dipper, Christof, Die Bauernbefreiung in Deutschland - ein Überblick, in: GWU 43, 1992, S. 16-31, hier S. 19, im Folgenden: Dipper, Überblick. Ebenso wie Wehler konstatiert Dipper ein stärkeres Bevölkerungswachstum in Südwestdeutschland und Preußen, das zum Teil bei 100% gelegen habe.

[9]Ders., Übergangsgesellschaft, S. 63.

[10]bei Wehler findet sich der Terminus „Demographischer Übergang“ zur Kennzeichnung dieser Phase, Wehler, Bd. 2, S. 9. Vgl. auch Dipper, Überblick, S. 19.

[11]Ebd., S. 19.

[12]Ders., Die Bauernbefreiung in Deutschland: 1790-1850, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1980, S.43, im Folgenden: Dipper, Bauernbefreiung.

[13]Ders., Überblick, S. 19.

[14]Ebd., S. 19.

[15]Ebd., S. 19. Hier wird bemerkenswerterweise ausgeführt, daß die Landwirtschaft Mecklenburgs und Preußens den englischen Importbedarf an Brotgetreide um die Jahrhundertwende zur Hälfte deckte - dies trotz Knappheit im eigenen Land! Vgl. auch Pierenkemper, Toni, Englische Agrarrevolution und preußisch-deutsche Agrarreformen in vergleichender Perspektive, in: ders. (Hrsg.), Landwirtschaft und industrielle Entwicklung. Zur ökonomischen Bedeutung von Bauernbefreiung, Agrarreform und Agrarrevolution, Stuttgart 1989, S. 19.

[16]folgt man den Berechnungen des englischen Statistikers Gregory King, hatte ein Fehlbetrag von 20% der Normalernte bereits eine Preissteigerung von 80% zufolge.

[17]Dipper, Bauernbefreiung, S. 38.

[18]die Bebauung der im Rahmen der Dreifelderwirtschaft brachliegenden Flächen mit Blatt- und Hackfrüchten, auch als „verbesserte Dreifelderwirtschaft“ bezeichnet. Ebd., S. 39.

[19]Ders., Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft um 1800, in: Berding, Helmut und Ullmann, Hans-Peter (Hrsg.), Deutschland zwischen Revolution und Restauration, Königstein/Ts. 1981, S.284-295.

Details

Seiten
18
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638712859
ISBN (Buch)
9783638864374
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74327
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
Bauernbefreiung Preußen Rheinbundstaaten Ursachen Verlauf Grundkurs Grundherrschaft Agrarwirtschaft Spätmittelalter Frühneuzeit

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Titel: Die Bauernbefreiung in Preußen und in den Rheinbundstaaten: Ursachen und Verlauf