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Mächtig heilig? Überlegungen zu Ruotgers Lebensbeschreibung des heiligen Bruno, Erzbischof von Köln

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Dramatis personae
2.1 Ruotger – der Verfasser
2.2 Bruno – das direkte Objekt

3. Das Werk
3.1 Vorbilder
3.2. Über Art und Weise, Form und Inhalt
3.3 Die Darstellung von Zeit und Ort
3.4 Die Darstellung einiger Persönlichkeiten und die Kölner Frage

4. Die Funktion
4.1 Politische und ideengeschichtliche Umstände
4.2 Pro und Contra – das Doppelamt
4.3 Die Durchsetzung
4.4 Ruotgers Bruns-Vita und ihre Funktion

5. Resümee: Politische Streitschrift und Normierung der Überlieferung

6. Quellen- und Darstellungsverzeichnis

1. Einleitung

Das Mittelalter, hier speziell das zehnte Jahrhundert, zeichnet sich nicht übermäßig durch eine Flut geschriebener Überlieferungen aus. Die wenigen überlieferten, geschriebenen Quellen sind daher auch nicht so wortwörtlich zu nehmen, wie es sich manchmal anzubieten scheint. Vielmehr lohnt es sich häufig, Überlegungen zu zeitpolitischen Umständen, Gewohnheiten, Sitten und Machtkonstellationen anzustellen und diese in den Kontext des Geschriebenen zu setzen.

Diese Darstellung stellt sich die Frage, wie heilig der Erzbischof Bruno von Köln (925-965) tatsächlich war, wie viel Bischof und wie viel Politiker und Mitglied der Herrscherfamilie sich in seiner Person vereinen. Der zweite Schwerpunkt der vorliegenden Untersuchung ist weniger personengebunden ausgerichtet und stellt die Frage nach dem Verhältnis von Geschriebenem und Hintergründigem an Beispielen wie den Formulierungen des Autors, den Handlungen des Königs und der Reaktion der Stammesherzöge auf die Beschneidung ihrer Rechte.

Diesem Zweck gemäß werden erst in gebotener Kürze Fakten zum Autor und ausgehend von seiner Darstellung Fakten über seine nominelle Hauptfigur versammelt. Danach richtet sich der Schwerpunkt der Untersuchung auf werkimmanente Fragen bspw. die der Nachweisbarkeit von stilistischen Vorbildern und Einflüssen oder nach Orts- und Zeitangaben gestellt. Dieses Kapitel wird durch einen Fokus auf ausgewählte zentrale Figuren und eine daraus resultierende Überleitung zu grundsätzlicheren, inhaltlichen Problemstellungen abgeschlossen. Nach diesen Annäherungsversuchen werden elementare Fragen untersucht, etwa die nach den ideengeschichtlichen Umständen, der neu- und einzigartigen Mehrfachfunktion des Erzbischofs von Köln (der ab 953 zugleich Erzkapellan der königlichen Kapelle sowie Inhaber der königlichen Verwaltungsbefugnis über das Gebiet Lothringens war) und den politischen Folgen. Das alles steht im kontinuierlichen Zusammenhang mit der Darstellung Ruotgers und lässt es zu, pointiert zu fragen: ‚Wieviel Heiligkeit steckt tatsächlich in der Lebensbeschreibung des Herrn Erzbischofs Bruno?’

Hilfreiche Literatur zur Beantwortung dieser Fragestellung findet dabei Verwendung, namentlich von Gerd Althoff und vor allem Hagen Keller, Aufsätzen von H. Hoffmann, H. Naumann, W. Glocker und E. Müller-Mertens. Auch die Gesamtdarstellung von E. Wies zur Person Ottos des Großen erwies sich als hilfreich, während auf die älteren Arbeiten Irene Schmale-Otts und Friedrich Lotters eher weniger als mehr zurückgegriffen wurde. Insgesamt existiert nicht übermäßig viel Literatur zum jüngsten Bruder Ottos des Großen – ein Umstand, der den Lobeshymnen Ruotgers auf denselben in Gedanken beigestellt werden soll.

2. Dramatis personae

2.1 Ruotger – der Verfasser

Wie es im Zeitraum, der gemeinhin das Mittelalter genannt wird, leider häufig der Fall ist, fehlen essentielle Informationen über den Verfasser oder Urheber einer Quelle – so ist es auch im Falle Ruotgers, der als der Verfasser der Vita Brunos von Köln gilt. Viel verrät „der letzte Knecht“[1] des Kölner Erzbischofs Folkmar[2] nicht über sich, sei es um der Tugend der Bescheidenheit zu entsprechen oder weil er selbst keine mit seiner eigenen Person verknüpften, politischen Interessen mit der Vita verbindet. Wenigstens gibt er sich selbst einen Namen, womit der direkten Auskünfte Ende schon erreicht ist.

Damit beginnt die Kärrnerarbeit, denn alles Weitere muss aus der Quelle erschlossen werden. Er stammt aus Lothringen, was sich daraus schließen lässt, dass er an einer Stelle die Lothringer als ‚unser Volk’ bezeichnet, zum anderen bezeichnet er Lothringen als terra nostra,[3] wobei dies nicht letztgültig als geklärt betrachtet werden kann, da die Ungarn des 10. Jahrhunderts Heiden waren, aber ein Christ schreibt; christlich motiviert oder lokalpatriotisch – diese Frage muss vorerst noch offen bleiben. Ferner handelt es sich um einen Gelehrten, nicht nur weil er offensichtlich des Schreibens mächtig ist, auch eine gute klassische Bildung wird aus dem Geschrieben deutlich. Überflüssig zu erwähnen, dass er die Bibel studiert hat,[4] auch den Inhalt der Benediktiner-Regel hat er sich angeeignet – aus beiderlei verwendet Ruotger zahlreiche Redewendungen. Ebenso hat der Mönch Ruotger zahlreiche Autoren der Antike studiert. So verweist die Nutzung des Stilmittels der fingierten Rede[5] und auch der antithetische Satzbau darauf, dass der Verfasser Sallusts Schriften rezipiert haben musste. Die äußere Form der Heiligen-Vita hat beinahe zwangsläufig Ähnlichkeiten mit Sulpicius Severus’ Martins-Vita und auch Cicero und Vergil waren Ruotger geläufig. Eine der wenigen Parallelen, die der Quellenverfasser mit dem ‚Geheiligten’ seiner Vita zieht, ist die, dass beide Prudenz gelesen haben sollen. Ansonsten sind sich Zwei in der Schrift Ruotgers eher fern, was bei einem Blick auf die vom Autor genutzten Quellen und Zeugen deutlich wird.

Der Hauptlieferant des Materials über Brunos Leben und mutmaßlich der direkte Auftraggeber der Arbeit ist Folkmar, der Nachfolger Brunos im Kölner Erzbischofsamt. Während der letzten Reise Brunos blieb Folkmar als Stellvertreter Brunos in Köln. Da auch Ruotger, ansonsten zwar Zeit- und gelegentlich wohl auch Augenzeuge, bei dieser Reise nicht dabei war, sind ihm die Erzbischöfe von Verdun, Wikfried, und dessen Amtskollege in Metz, Theoderich, die Gewährsmänner, wenn vom Tod des Kölner Erzbischofs in Reims und dessen Testament berichtet wird. Die schriftlichen Quellen, die Ruotgers Arbeit zugrunde liegen, sind Brunos Briefe an Christian,[6] den ersten Abt des Klosters St. Pantaleon und das päpstliche Begleitschreiben, das Bruno mit der Übersendung des Palliums,[7] dem Kleidungsstück, das die Erzbischofswürde symbolisiert, erreicht haben dürfte.

Da Ruotger selber nicht für sich in Anspruch nimmt, Bruno nahe gestanden zu haben, sind es vermutlich seine ausgebildeten literarischen Qualitäten, die ihn zu „dieser süßen und angenehmen Bürde“[8] der Arbeit an der Lebensbeschreibung befähigen.

2.2 Bruno – das direkte Objekt

Dem Titel dieses Kapitels entsprechend, orientiert sich das Nachfolgende im Wesentlichen an den Ausführungen Ruotgers zum Leben Brunos, auch um die Grundlage dessen zu legen, was noch zu diskutieren ist. Bei Ruotger fehlende Angaben werden an passender Gelegenheit in Fußnoten ergänzt.

Bruno wird als Sohn König Heinrichs geboren,[9] ist höchsten Adels Ursprung und übertrifft alle Zeitgenossen in jeglicher Hinsicht, außer die Königs- und Kaiserwürde betreffend[10] natürlich – schließlich ist er nicht der Erstgeborene. Im Alter von vier Jahren wird der Wunderknabe dem Bischof von Utrecht, Balderich, zur Unterweisung übergeben,[11] der zu diesem Zeitpunkt nach Schmale-Ott selber erst elf Jahre alt ist.[12] Der Bericht(erstatter) will es so, dass in den folgenden Jahren sogleich Ruhe im vormals unruhigen Teil des Reiches einkehrt, Kirchen aufgebaut werden und die Untertanen im Lob Gottes vereint und frohgemut sind.[13] Aus diesem und vielen bei Ruotger folgenden Punkten müsste es sich, wäre der Bericht wahr, um einen wahren Wunderknaben handeln. Der geistlichen Ausbildung, die Bruno als nicht Erstgeborener den Gepflogenheiten der Zeit folgend genießt, entspricht Ruotgers weitschweifiges Lob des ununterbrochenen Studiums Brunos, der sich nach Ruotger selbst auf dem Kranken- und Sterbebett noch Bücher reichen ließ und auch auf Heereszügen immer eine Bibliothek mit sich geführt haben soll.

Eine derart profunde Bildung macht den späteren Erzbischof zum natürlichen Berater am Hofe seines Bruders Otto, an den dieser ihn, just König geworden, im Alter von noch nicht 15 Jahren beruft.[14] Hoch gebildet und demütig zugleich, ist Bruno eine Bereicherung des Hofes und steigt schnell in höchste Ämter auf. Er wird Ottos Kanzler, später Erzkapellan und schließlich Erzbischof von Köln. Zuvor oder nebenbei – Bruno ist in Ruotger Darstellung so einiges möglich – wird er auch noch geistlich-reformerisch tätig. Klosterinsassen werden von ihm „teils im Guten, teils mit Gewalt veranlaßt (sic!)“,[15] nach Ordensregeln zu leben. Dann tritt bei Ruotger endlich ein tatsächliches Problem in die Handlung ein: Der Westen des Reiches befindet sich in Aufruhe.

Als am 9. Juli 953 der greise Kölner Erzbischof Wikfried stirbt, gibt es im Volk keinen Zweifel und erwählt als Nachfolger „dem Rat der Großen und des ganzen Klerus folgend, den einzigen und einzig gewünschten Trost im Herrn Bruno, den hochherzigen und besterprobten Mann.“[16] Die Wahl war selbstredend einstimmig.[17] Dieser ausufernden Schilderung folgt interessanterweise der Exkurs zur Belagerung der Stadt Mainz, wo das Gegenbild zum zukünftigen Wirken Brunos als Bischof sowie als tutor und provisor, als archidux von Lothringen,[18] der Erzbischof Friedrich von Mainz angeblich mit einer Bande von Reichsfeinden unter einer Decke stecken soll. Dies wird angedeutet, aber freilich nicht gesagt.[19] So ließe sich die Beschreibungswiedergabe fortsetzen, doch sollte das Grundschema nun klar zu erkennen sein, darum seien einige Zeilen für Analytisches eingespart. Im Weiteren schlichtet Bruno noch Familienstreitigkeiten, was lediglich illustriert, welch treuer Mitstreiter Ottos I. er war. Er führt mit Ottos Söhnen die Amtsgeschäfte, als Otto gen Rom zieht und stirbt schließlich, gerade vierzig Jahre alt und einmal mehr auf Reisen, in Reims.

[...]


[1] RUOTGER, Lebensbeschreibung des heiligen Bruno, Erzbischof von Köln, übersetzt v. I. Schmale-Ott, Münster, 1954, Vorrede.

[2] Erzbischof von Köln 965-969.

[3] Vgl. Lotter, F., Die Vita Brunonis des Ruotger. Ihre historiographische und ideengeschichtliche Stellung, Bonner Historische Forschung Bd. 9, Bonn, 1958, S. 8.

[4] Zahlreiche Bibelzitate belegen diesen Umstand, der nicht zu überraschen vermag und nur der Vollständigkeit halber vermerkt worden ist.

[5] Vgl. bspw. Ruotger, Kap. 18.

[6] Vgl. Ruotger, Kap. 27.

[7] Vgl. ebd., Kap. 28.

[8] Ebd., Kap. 1.

[9] Bruno wird als dritter Sohn Heinrichs I. im Mai des Jahres 925 geboren. Siehe auch: GLOCKER, W., Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik, Köln, 1989, S. 119-135. (Quelle hier: URL http://www.genealogie-mittelater.de/liudolfinger_ottonen/koenigliche_linie/brun_erzbischof_von_koeln_965_liudolfinger/glocker_erzbischof_brun.html; abgerufen am 20.6.2006)

[10] Vgl. Ruotger, Kap. 2.

[11] Vgl. ebd., Kap. 4.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. ebd., Kap. 4.

[14] Vgl. ebd. Kap. 5.

[15] Ruotger, Kap. 10.

[16] Ebd., Kap. 11.

[17] Vgl. ebd., Kap. 12. (Die Einsetzung und die Feierlichkeiten nehmen in der Darstellung ein weiteres Kapitel ein.)

[18] Ebd., Kap. 20. Die komplizierte Formulierung Ruotgers entspricht den Schwierigkeiten der Zeitgenossen, den rechtlich neuartigen Sachverhalt in juristische Termini zu packen; eher wird umschrieben.

[19] Vgl. ebd., Kap. 16.

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638690591
ISBN (Buch)
9783638730099
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74294
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Geschichte und Kunstgeschichte
Note
1,0
Schlagworte
Mächtig Ruotgers Lebensbeschreibung Bruno Erzbischof Köln Reichsgeschichte Lothringen Otto I.

Autor

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