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Die Rolle des Bürgertums in der Revolution von 1848/49

Seminararbeit 2002 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung, Fragestellung, Quellen

2. Burgertum in der Revolution von 1848/49
2.1 Charakter der sozialen Klassen
2.2 Ursachen der Aufspaltung des Burgertums und die Ausdifferenzierung der verschiedenen Ziele
2.3 Gemeinsames Vorgehen in der Marzrevolution
2.4 Schwachung der Bewegung
2.5 Debatten der Nationalversammlung und Konterrevolution
2.6 Bewertung der Ursachen des Scheiterns in der Literatur

3. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Revolution von 1848/49 in Deutschland lasst sich weder als eine burgerliche noch als eine demokratische Revolution klassifizieren, da in ihrem Verlauf unterschiedliche Bewegungen und Aspekte zum Vorschein traten, die, von verschiedenen Zielen geleitet, den Versuch eines Umsturzes der reaktionaren Herrschaftshauser mit ihren jeweiligen Mitteln und Methoden vorantrieben. Obwohl die Revolution in ihren Hauptzielen letzt- endlich scheiterte, erreichte man durch das Zusammenwirken verschiedener gesell- schaftlicher Gruppen im Marz 1848 zunachst die notige Starke, die langst uberfalligen Reformen im sozialen, politischen und gesellschaftlichen Bereich gegen die Opposition der konservativen monarchischen Regierungen in den einzelnen Lander durchzusetzen. In der Literatur besteht ein weitgehender Konsens daruber, dass die Revolution zum einen auf Grund der Vielzahl an gleichzeitig zu losenden Problemen, wie der Nations- bildung, der Schaffung einer Konstitution und der Losung sozialer Probleme, zum ande- ren aber auch auf Grund der Uneinigkeit in der Zielsetzung und Vorgehensweise der verschiedenen tragenden sozialen Schichten scheiterte. Gerade durch die Beteiligung der verschiedenen Schichten und ihren individuellen Interessen ist es schwierig, eine gegenseitige Abgrenzung vorzunehmen und ihre etwaige Verantwortung am Scheitern der Revolution zu bewerten.

Diese Seminararbeit soll sich insbesondere mit der Rolle des Burgertums in dieser Zeit beschaftigen und seine Beteiligung an der Revolution untersuchen. Die Frage nach den individuellen Zielen und der Vorgehensweise dieser im Verlauf der Jahre 1848 und 1849 einflussreichen aber keineswegs homogenen Schicht muss dabei stets in Zusam- menhang mit den Grunden fur das Scheitern der Revolution stehen, damit eine direkte Abhangigkeit gegebenenfalls herausgearbeitet werden kann.

Als Primarquellen sollen vor allem Briefe und AuBerungen der Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung dienen, an denen verstandlich wird, vor welchen Problemen das gespaltene Burgertum stand und auf welche Weise es die Reformen je- weils durchsetzen wollte. Zum besseren Verstandnis der Entwicklungen soll zunachst der Unterschied zwischen den demokratischen und liberalen Kraften dargestellt werden, um anschlieBend das liberale Burgertum in seiner Rolle als dominierende Fraktion der Frankfurter Nationalversammlung herauszugreifen und seine Methodik abschlieBend zu bewerten.

2. Hauptteil

2.1 Charakter der sozialen Klassen

Die Revolution in Deutschland begann, nachdem in Frankreich Konig Louis Philippe am 24.2.1848 von republikanischen Demonstranten gesturzt worden war. Dieser Anlass fuhrte in den folgenden Wochen zum Ausbruch einer Kette von Revolutionen in den deutschen Einzelstaaten.[1] Dass es lediglich dieser Initialzundung bedurfte, um eine Volkserhebung zu verursachen, die die Massen erfasste, zeigt, welches revolutionare Potential sich in den Jahren der Restauration des osterreichischen Staatskanzlers Met- ternich angesammelt hatte. Auch wenn in diesen Tagen eine scheinbar homogen agie- rende Gruppe durch Volksversammlungen, Demonstrationen, Adressen und Petitionen Druck auf die Regierungen ausubte, „vereinten sich hinter der Fassade gemeinsamen oppositionellen Aufbruchs tiefgreifende, widerspruchliche und teilweise unvereinbare gesellschaftliche Konflikte“[2].

Bei der dabei im Vordergrund stehenden Schicht des aufstrebenden „Burgertums“ muss man weitere Abgrenzungen vornehmen, da es sich keineswegs um eine eindeutige sozi- ale GroBe handelte.[3] Sinnvoll ist es, einen Burger als denjenigen zu definieren, der we- der zum Adel noch zu den Unterschichten gehorte. Das Burgertum bildete folglich eine neue Mittelschicht, die nicht wirtschaftlich unmittelbar abhangig war und uber Besitz bzw. Bildung verfugte.[4] Innerhalb dieser Schicht kann man weiter unterscheiden zwi- schen dem Wirtschaftsburgertum, dem Beamten- und Bildungsburgertum, der freiberuf- lichen Intelligenz und dem Kleinburgertum.[5]

Anhand dieser breit gefassten Definition wird deutlich, dass man unter „Burgertum“ nicht eine einheitliche Tragerschicht der Revolution verstehen darf, sondern vielmehr eine „Mittelschicht“, deren Angehorige zwar alle am revolutionaren Geschehen aktiv beteiligt waren, aber aufgrund ihrer individuellen Ziele und Wunsche, die noch in der Ausdifferenzierung begriffen waren, unterschiedliche Ansichten vertraten, als es 1848/49 die Chance einer revolutionaren Umgestaltung gab.

Die Konstituierung der Bourgeoisie als neue wirtschaftlich dominierende soziale Klasse ist zuruckzufuhren auf die Fruhindustrialisierung und die damit verbundene Differenzie- rung zwischen der Lohnarbeiterschaft als Erwerbsklasse und der die Produktionsmittel besitzenden burgerlichen Klasse.[6] Die Auspragung der modernen Marktwirtschaft fuhr- te damit zur Entstehung einer neuen Elite, aus deren wirtschaftlicher Dominanz okono- mische Erwartungen entstanden, die sie mit Hilfe politischer Partizipation durchsetzen wollte. Aus dieser Entwicklung ergibt sich die Frage, ob sich „die alte aristokratische und die neue burgerliche Elite aufeinander zubewegten, zu Symbiose und Eliten- kompromiB tendierten, oder ob sie in Distanz zueinander verharrten, auf Abgrenzung bedacht blieben und gegebenenfalls eher zum Konflikt neigten.“[7] Gall kommt zu dem Ergebnis, dass zumindest Adel und die fuhrende Gruppe des Wirtschaftsburgertums eng miteinander verzahnt waren und die Ablosung einer Elite durch die andere erfolgte.[8] Er konstatiert jedoch keine „Verschmelzung der traditionellen Elite, sprich des Adels, mit der mehrheitlich aus dem SchoB des Stadtburgertums aufstrebenden neuen burgerlichen Elite"[9].

Diese Entwicklung verdeutlicht jedoch den Anspruch des Wirtschaftsburgertums auf politische Macht. Insbesondere in den wirtschaftlich dominierenden rhein-preuBischen Gebieten nahm die Verbindung von Wirtschaft und Politik zu, was sich an der Beteili- gung von Wirtschaftsvertretern wie dem Textilkaufmann David Hansemann oder dem Bankier Ludolf Camphausen an den Provinziallandtagen zeigt.[10] Beide gewannen nach der Marzrevolution in PreuBen an politischem Einfluss. Es liegt auf der Hand, dass eine politische Teilhabe von Vertretern der Wirtschaft auf eine Durchsetzung eigener Inte- ressen bedacht war, wie beispielsweise den Abbau okonomischer Schranken wie die „Freisetzung und Mobilisierung der okonomischen Energien durch Freihandel, Gewer- befreiheit, Freizugigkeit und freies Niederlassungsrecht“[11].

Das stadtische Kleinburgertum hingegen pladierte gegen diese Ziele und trat fur Zunft- schranken ein.[12] Seinen Hintergrund hatte das in der elementaren Existenzkrise dieser insbesondere aus selbstandigen Handwerksmeistern und Kleinhandlern bestehenden Schicht. Durch die uberdurchschnittliche Zunahme der Zahl der Handwerker und die Liberalisierung der Gewerbegesetze verschlechterte sich ihre soziale Lage in den 1840er Jahren zunehmend. Siemann sieht in diesen „elementar abstiegsbedrohten Angehorigen des Mittelstandes“ die demokratisch bis radikale Massenbasis der Revolution.[13]

[...]


[1] Vgl. Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1800-1866, Munchen 1983, S. 595

[2] Wolfram Siemann, Die deutsche Revolution von 1848/49, Frankfurt 1985, S. 17

[3] Vgl. Reinhard Rurup, Deutschland im 19. Jahrhundert 1815-1871, Gottingen 1992 (2. Auflage), S. 90

[4] Ebd., S. 91

[5] Vgl. Wolfram Siemann, S. 21

[6] Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Zweiter Band, Munchen 1987, S. 185f.

[7] Lothar Gall, Adel, Verein und stadtisches Burgertum, in: Elisabeth Fehrenbach (Hrsg.), Adel und Bur- gertum in Deutschland 1770-1848, Munchen 1994, S. 31

[8] Ebd., S. 37

[9] Ebd., S. 42

[10] Vgl. Wolfram Siemann, S. 22

[11] Ebd., S. 23

[12] Ebd., S. 31

[13] Ebd., S. 31f.

Details

Seiten
22
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638146838
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7415
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich-Meinecke-Institut
Note
sehr gut
Schlagworte
Rolle Bürgertums Revolution Deutsches Bürgertum Jahrhundert

Autor

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