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Interreligiöses Lernen an der Hauptschule

Examensarbeit 2002 45 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Inhaltsverzeichnis

2. Theoretische und theologische Aspekte interreligiösen Lernens
2.1. Religionen
2.2. Gesellschaft im Wandel – vom konfessionellen Milieu zur pluralistischen Gesellschaft
2.3. Das Missionsverständnis der katholischen Kirche im Verhältnis zum interreligiösen Dialog
2.4. Die Stellung der katholischen Kirche zum interreligiösen Lernen nach dem 2. Vatikanischen Konzil
2.5. Leitlinien interreligiösen Lernens
2.6. Interreligiöser Dialog als neuer Zugang zur eigenen Religion

3. Praktische Durchführung
3.1. Vorüberlegungen, Rahmen und Planung des Workshops
3.1.1. Entstehungsgeschichte des Workshops
3.1.2. Planungselemente
3.1.3. Geplante Vorgehensweise
3.2. Rechtliche Bestimmungen zur Durchführung von Unterrichtsgängen
3.3. Zusammensetzung der Gruppe (Bedingungsfeld)
3.4. Durchführung der Exkursionen
3.4.1. Besuch der Bilal-Moschee am Aachener Westbahnhof
3.4.2. Besuch des Aachener Doms
3.4.3. Besuch des Zentrums für tibetischen Buddhismus in Aachen
3.5. Nachbereitung und interreligiöser Dialog
3.5.1. Reflexion des Besuchs in der Moschee
3.5.2. Reflexion der Domführung
3.5.3. Reflexion des Besuchs im buddhistischen Zentrum
3.6. Interreligiöser Dialog Islam – Christentum
3.7. Vorbereitung und Gestaltung der Präsentation
3.8. Präsentation im „Zelt der Religionen“

4. Reflexion des Workshops
4.1. Grenzen interreligiöser Erziehung
4.2. Chancen der interreligiösen Erziehung
4.3. Reflexion unter Berücksichtigung theoretischer Aspekte

5. Zusammenfassung und abschließende Betrachtung

6. Literaturangaben

7. Anlagen
7.1. Einladung und Einverständniserklärung der Eltern
7.2. Zeitplan
7.3. Einladung zum Besuch der Ausstellung
7.4. Ausstellungswand Hinduismus und hinduistischer Tempel
7.5. Ausstellungswand Islam und Bilal-Moschee
7.6. Ausstellungswand Buddhismus und buddhistisches Zentrum
7.7. Ausstellungswand Judentum und Synagoge
7.8. Ausstellungswand Christentum und Aachener Dom

Einleitung

Die deutsche Gesellschaft, insbesondere in einer Arbeiterstadt wie Stolberg, ist schon lange nicht mehr monokulturell oder monoreligiös. Mit der zunehmenden Migration siedelten sich insbesondere türkische Gastarbeiter und Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien an. Hinzu kamen viele Flüchtlinge aus Marokko sowie einzelne Familien aus anderen Ländern. Die Propst-Grüber Gemeinschaftshauptschule wird von Schülern[1] zahlreicher Nationalitäten besucht. Diese sprechen verschiedene Muttersprachen und haben verschiedene Religionszugehörigkeiten. Die Schule reagiert auf diese Zusammensetzung mit speziellen muttersprachlichen Angeboten in türkischer, albanischer und arabischer Sprache sowie mit Veranstaltungen, die dem multikulturellen Charakter der Schule gerecht werden. Mit einem Religionen-Workshop im Rahmen der Projekttage wurde der Versuch unternommen, neben der kulturellen auch die religiöse Dimension anzusprechen.

Viele deutsche Schüler besuchen mittlerweile die Schule ohne oder mit geringer religiöser Vorbildung. Ihre türkischen Mitschüler hingegen tragen ihren Glauben relativ offen nach außen. Während es insbesondere unter deutschen Jugendlichen „out“ ist, religiös zu sein, die Kirche zu besuchen oder an Gott zu glauben ist für islamische Schüler in der Regel der bekennende Glaube eine wichtige Voraussetzung für die Anerkennung in Familie und Freundeskreis. Durch das offene Praktizieren religiöser Riten wie des Fastens im Ramadan oder des Tragens von Kopftüchern ist manchem deutschen Schüler der Islam bekannter als das Christentum.

Der Religionen-Workshop hatte sich das Ziel gesetzt, die Schüler zum Nachdenken über die eigene und über andere Religionen anzuregen. Durch den knapp bemessenen Zeitraum von drei Schultagen konnten zwar nur Anstöße vermittelt werden. Diese sollten aber als Anregung dienen, sich mit den Religionen weiter auseinander zu setzen und auf die Dauer mit dem Wissen über die eigene Religion zur Toleranz gegenüber anderen Religionen zu gelangen.

In dieser zweiten Staatsarbeit werde ich zunächst kurz einige theoretische und theologische Hintergründe zum interreligiösen Lernen darstellen. Den Schwerpunkt der Arbeit bildet die Darstellung von Planung und Durchführung des Religionen-Workshops sowie die abschließende Reflexion des Workshops unter verschiedenen Aspekten.

2. Theoretische und theologische Aspekte interreligiösen Lernens

Interreligiöses Lernen ist in der Literatur ebenso wie in der theologischen Diskussion ein umstrittener Bereich, der, da er in seiner Erschließung recht jung ist, in vielen Fällen kaum eindeutige Vorgaben und Richtlinien anbietet. Zwar stellt sich die Gesellschaft heute nicht nur multikulturell sondern eben auch multireligiös dar, es gibt jedoch berechtigte Bedenken, eine Vereinheitlichung anzustreben. Eine Einheitsreligion ist nicht das Ziel des interreligiösen Dialogs, kann und soll es auch nicht sein. Die Anhänger einer Religion gehen zunächst davon aus, dass ihre Religion der einzige oder zumindest der beste Weg zum Heil ist. Ziel der interreligiösen Erziehung ist, anders als in der Mission, die andere Religion kennen und in ihrer Andersartigkeit zu respektieren zu lernen, zu akzeptieren, dass es verschiedene Wege zum Heil geben kann, unter denen sich jeder Mensch den aussuchen muss, der für ihn der beste ist. So wie in jede Kultur die jeweilige Religion mit eingeflossen ist und einfließt, ist auch die Religion nicht von der jeweiligen Kultur trennbar. Dementsprechend schwierig stellt es sich dar, einem Menschen entgegen seiner Kultur eine Religion vermitteln zu wollen, die nicht mit dieser vereinbar ist.

Erst das Zweite Vatikanische Konzil hat sich innerhalb der katholischen Kirche eindeutig positiv über die Weltreligionen geäußert, während zuvor die katholische Kirche ihren Glauben als den allein seligmachende Weg zum Heil gesehen hat.

2.1. Religionen

„Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im Tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tode? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?“[2]

Seit Menschengedenken werden in allen Völkern und Kulturen Götter und Gottheiten verehrt. Der Mensch versucht, zunächst ausschließlich über die Existenz höherer Wesen, später auch mit Hilfe der Naturwissenschaften, den Ursprung und den Sinn seines Daseins zu finden. Die Naturwissenschaften geben heute viele Antworten in Bezug auf die Entstehung des Menschen, seine Entwicklung und andere Hintergründe. Die Frage nach dem Sinn des Lebens konnte und kann trotz aller Forschungen nicht durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse beantwortet werden. Aus diesem Grund haben die Antworten, welche die Naturwissenschaften inzwischen geben können, die Religionen nicht verdrängt. In ihnen suchen die Menschen Antworten auf Fragen, welche die Seele betreffen, die Frage nach dem Sinn des Lebens sowie des Sterbens. In ihnen finden Menschen Trost, Hoffnung und Geborgenheit, Liebe und Anerkennung unabhängig von körperlichen und geistigen Kriterien. In der heutigen, wissenschaftlich aufgeklärten Gesellschaft spielen Religionen und religionsähnliche Gemeinschaften nach wie vor eine wichtige Rolle. Selbst wenn die Zahl der Kirchenaustritte eine Religionsmüdigkeit vermuten lässt, suchen doch immer mehr Menschen auf anderen Wegen nach Antworten. Sie kaufen Bücher über Meditationen und andere spirituelle Handlungen, beschwören Geister und übersinnliche Wesen, suchen nach Sinn, Halt, Werten und Leitlinien für ihr Leben. Auch Jugendliche und junge Erwachsene suchen danach und finden immer häufiger „Geborgenheit“ in Sekten, Kultgemeinschaften und anderen Gruppierungen, die nicht selten kriminelle Hintergründe haben. Es ist kein neues Problem, dass es Menschen gibt, welche die Sinnsuche anderer dazu zum eigenen Vorteil nutzen, indem sie Gelder einziehen oder ihre Anhänger auf andere Art und Weise abhängig oder hörig machen.

Wenn man sich näher mit den Gründen beschäftigt, die Jugendliche für den Beitritt zu einer Sekte oder die Teilnahme an okkulten Sitzungen, Geisterbeschwörungen oder schwarzen Messen nennen ist neben der Neugier auch häufig die Suche nach Sinn, Halt, Werten und Lebensrichtlinien zu spüren. Erschreckt hat unsere Gesellschaft erst vor wenigen Monaten der brutale Mord des „Satanistenpärchens“, der angeblich im Auftrag des Teufels geschah. Hier sieht man, welche Ausmaße die Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft annehmen kann.

Auch Popstars und andere Idole treten an die Stelle von religiösen Gemeinschaften und werden nicht selten verehrt. Gegenstände, Filme und Lieder erlangen Kultstatus und nehmen im Leben der Jugendlichen einen hohen Stellenwert ein. Nicht selten wird der in Liedern, Filmen und Jugendzeitschriften propagierte Lebenswandel von Jugendlichen idealisiert und sich um Nacheiferung bemüht.

Nicht nur Jugendliche haben ein großes Interesse an esoterischen, spirituellen und übersinnlichen Phänomenen. Im Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach grenzüberschreitenden Erfahrungen, tiefen, umfassenden Erlebnissen und Gefühlen, insbesondere in unserer konsumorientierten, lauten Welt, in der kaum Platz für Spiritualität bleibt.[3] Auf die Frage, warum Jugendliche nicht an Gott glauben, antworten viele: „Weil er sich mir noch nicht gezeigt hat, weil ich ihn nicht spüre, weil er meine Gebete nicht erhört hat.“ Jugendliche wollen Religion erleben, spüren, fassen, nicht als Gottesdienstbesucher in einer Kirchenbank vorgegeben bekommen.

2.2. Gesellschaft im Wandel – vom konfessionellen Milieu zur pluralistischen Gesellschaft

Bis in die Nachkriegszeit hinein zeichnete sich die deutsche Gesellschaft durch konfessionelle Milieus aus. Kirchliches und bürgerliches Leben waren nahezu deckungsgleich, der Personenkreis, die Feste im Jahr, nahezu alles richtete sich nach Traditionen, Regeln und Normen der jeweiligen Konfession. Die Eheschließung einer Protestantin mit einem Katholiken war oft schwierig und führte in der Regel dazu, dass ein Partner zur anderen Konfession übertrat. Verstöße gegen kirchliche Regeln wurden von der Gemeinde mit wachem Auge verfolgt und verletzten in der Regel die Familienehre. Gesellschaftliche Anerkennung fand nur, wer auch Anerkennung in der Pfarrgemeinde fand. Kindergärten und Schulen in kirchlicher Trägerschaft überwogen deutlich. Die Zugehörigkeit zum Kirchenchor sowie zu kirchlichen Verbänden und Vereinen, die Teilnahme an Wallfahrten, Prozessionen und natürlich am Gottesdienst machten ein gutes Mitglied der Gemeinde aus. Politisches Engagement fand häufig in einer der Kirche nahe stehenden Partei statt.

Erst durch den verstärkten Einfluss von Massenmedien, verstärkte Migration und höhere Flexibilität wurde das Einheitsmilieu nach und nach aufgebrochen, die Mischehe wurde gesellschaftsfähig, das Sonntagsgebot, die Partei- und Vereinszugehörig, der Schulbesuch und andere zuvor streng geregelte Gepflogenheiten wurden gelockert. In älteren Generationen und ländlichen Gegenden findet man dieses konfessionelle Einheitsmilieu noch häufiger, der Wandel vollzieht sich hier langsamer und in anderem Ausmaß. Für ehemalige „Milieukatholiken“ bedeutet dieser Wandel eine Beunruhigung und zum Teil auch eine Provokation. Jüngere Menschen finden den Halt, den sie in einem derartigen Milieu gefunden hätten, nicht mehr und verlieren die Orientierung. Klar festgelegte Regeln, die durchaus einengend empfunden werden konnten, waren Wegweiser und Leitlinie für die Bewältigung des Alltags. Ein Regelverstoß, der früher zum Ausschluss aus der Gemeinde geführt hätte, wird heute kaum noch wahrgenommen. Es gibt nur noch wenige festgelegte Regeln, an die sich jeder zu halten hat. Ihr Fehlen führt nicht selten dazu, dass insbesondere junge Menschen versuchen, sich in Sekten und religionsähnlichen Gemeinschaften Orientierungspunkte zu schaffen. [4] Mit der neuen Freiheit in Bezug auf Werte, Regeln und Normen kommen viele Menschen nicht zurecht. Einige leben diese Freiheit in Extremen aus und lassen kaum noch Grenzen für sich gelten, andere suchen nach strikten Regeln für ihr Leben und greifen zum anderen Extrem.

2.3. Das Missionsverständnis der katholischen Kirche im Verhältnis zum interreligiösen Dialog

Die Bibel gibt den Christen den Auftrag[5], auszuziehen und die frohe Botschaft zu verkündigen. Aus diesem Auftrag heraus hat sich über die Jahrhunderte hinweg eine Missionsbewegung entwickelt und gehalten, die zunächst von Israel über Rom nach ganz Europa und, besonders im letzten Jahrhundert, auch nach Afrika und Asien getragen wurde. Migranten sorgten dafür, dass der christliche Glaube nach Amerika getragen wurde, so dass nahezu überall auf der Welt Christen, ob als Mehrheits- oder Minderheitenreligion, zu finden sind. Auch der Koran bewegt die Anhänger des Islams dazu, ihre Religion zu verbreiten und möglichst alle Menschen auf den richtigen Weg, den des Islams, zu führen. Auf den ersten Blick ist diese Haltung nicht mit einem interreligiösen Dialog, bei dem sich gleichwertige Partner gegenseitig in ihrer Religionszugehörigkeit respektieren und akzeptieren sollen, zu vereinbaren. Dennoch ist Mission nach heutigem Verständnis, also dem nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, noch immer möglich und sinnvoll. Die Kirche gibt sich den Auftrag „Einheit und Liebe unter den Menschen, und damit auch unter den Völkern, zu fördern“[6]

Um eine Religion verstehen zu können, ist eine intensive Auseinandersetzung mit ihren Hintergründen, Wurzeln, Ansichten und Regeln unerlässlich. Lange Zeit haben die christlichen Kirchen versucht, Andersgläubige zu missionieren, ohne den bestehenden Glauben zu akzeptieren. Dies ist jedoch nicht überall gelungen und so wurde vielerorts die bestehende Religion beibehalten. Andernorts vereinbarten die Gläubigen die christliche mit ihrer eigenen Religion, indem sie gewisse Riten und Verehrungsformen übernahmen, um Gott zu loben, ihm zu danken oder ihn zu bitten.

2.4. Die Stellung der katholischen Kirche zum interreligiösen Lernen nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil

„In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit umso größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht. Gemäß ihrer Aufgabe, Einheit und Liebe unter den Menschen und damit auch unter den Völkern zu fördern, fasse sie vor allem das ins Auge, was unter den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.“[7]

Im Zweiten Vatikanischen Konzil strebte Papst Johannes XXIII an, die Feindschaft zwischen Juden und Christen zu beenden und ließ ein Schema erstellen, das sich zunächst nur gegen den Antisemitismus richtete. Nach einigen Überarbeitungen entstand neben einem Schema zum Ökumenismus[8] und einem Text zur Religionsfreiheit[9] ein selbstständiges Schema mit dem Titel „Die Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen ’Nostra Aetate’“[10], das am 28. Oktober 1965 verabschiedet und verkündet wurde. Das Dokument, das sich ursprünglich mit dem Verhältnis der Juden zu den Christen beschäftigen sollte, wird nicht allen Forderungen und nicht allen Religionen in gleichem Maße gerecht, kann aber durchaus als wegweisender Schritt in die richtige Richtung betrachtet werden.

Anders als in der Sendung[11], welche die Christen aus der Bibel als Auftrag zur Mission erhalten haben, wird im oben zitierten Auszug der Auftrag der Kirche angeführt, Frieden zu stiften. Im weiteren Verlauf wird beschrieben, dass das ganze Menschengeschlecht denselben Ursprung, Gott, hat und dasselbe letzte Ziel.[12]

Während die katholische Kirche bis dahin das katholische Christentum, ebenso wie andere Religionsgemeinschaften ihren Weg als den allein seligmachenden Weg zum Heil ansahen, wurden im Zweiten Vatikanischen Konzil die Weltreligionen erstmals positiv gewürdigt. Zuvor war an interreligiöses Lernen nach heutigem Verständnis kaum zu denken gewesen. Wenige Ausländer wohnten beispielsweise in Deutschland. Die wenigen fielen, mit Ausnahme der Juden, durch eine unterschiedliche Religionszugehörigkeit kaum auf, insbesondere wenn sie einer christlichen Konfession angehörten. Die weltweite Migration, die etwa bis Ende des Zweiten Weltkrieges stattgefunden hatte, war unter religiösen Gesichtspunkten wenig relevant gewesen oder war, wie etwa die Migration zahlreicher Menschen in die USA, gar aus religiösen Motiven geschehen. Interreligiöses Lernen fand aus der Distanz statt und war eher informativ oder als religionswissenschaftlicher Vergleich zu sehen, als am Erlebnis orientiert. Durch die verstärkte Migration in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts veränderte sich die Situation und die Zugänge zu anderen Religionen wurden unmittelbarer, fanden quasi vor Ort, im Klassenzimmer, auf dem Schulhof oder in der Nachbarschaft statt.

In der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils wird zunächst deutlich gemacht, dass alle Religionen danach streben, die Sinnfragen[13], die sich dem Menschen stellen, zu klären. Zudem wird der Auftrag der Kirche gemäß dem oben angegebenen Zitat definiert. Das Konzil beschreibt kurz die Wege von Hinduismus, Buddhismus und anderer Religionen auf dem Weg zu den Antworten auf die Fragen der Menschheit und stellt dann die diesbezügliche Position der katholischen Kirche dar. Christen erhalten den Auftrag, „mit Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Bekennern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christlichen Glaubens und Lebens jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ihnen finden anzuerkennen, zu wahren und zu fördern[14].“ Statt zu missionieren und sich der anderen Religion überlegen zu fühlen sind die Christen nun aufgefordert, das Gespräch zu suchen, sich auszutauschen, Angehörige anderer Religionen in ihrem Glauben zu unterstützen und sich in der Ausübung des eigenen Glaubens bereichern zu lassen.

In einem gesonderten Abschnitt geht das Konzil auf die Muslime ein, die wie die Christen Gott anbeten und deren Religion derselben Wurzel entspringt. Sie ehren Abraham, die übrigen Propheten des alten Testaments und Jesus, erkennen Jesus aber nicht als den Sohn Gottes an. Hierbei wird auch auf die Gemeinsamkeiten in der religiösen Lebenshaltung hingewiesen. Das Konzil mahnt, ‚Konflikte aus der Vergangenheit beiseite zu lassen, zugunsten gemeinsamer Bemühungen um soziale Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit für alle Menschen’[15].

Der eindeutige Schwerpunkt des Schemas liegt erwartungsgemäß in der Beschäftigung und Aussöhnung mit dem Judentum. Die gemeinsamen Wurzeln, die häufig Anlass für Konflikte gaben, enthalten den Auftrag, dem Judentum mit Hochachtung und Anerkennung und nicht herablassend und hasserfüllt entgegen zu treten. Der ewig unterschwellige Vorwurf der Ermordung Jesu wird entkräftigt und dem Judentum wird bestätigt, dass das ‚Volk Gottes nach wie vor von Gott geliebt wird, da die Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich sind.’[16] Antisemitismus, Verfolgung, Gewalt und Diskriminierung werden verurteilt und die Gläubigen werden aufgerufen, „einen guten Wandel unter den Völkern zu führen“.[17] Die Kirche stellt sich gegen jegliche Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Stand oder Religion.

2.5. Leitlinien interreligiösen Lernens

Theologen, Lehrer, Laien und andere Interessierte finden sich vielerorts zu Arbeitsgruppen, in Arbeitsstellen und anderen Organisationen zusammen, deren Anliegen der interreligiöse Dialog, das interreligiöse Lernen, die interreligiöse Erziehung ist. Die Thematisierung eines lange Zeit unbeachteten Bereiches der Theologie führte zu zahlreichen Publikationen und Veranstaltungen und unterstützt die Vereinheitlichung der theoretischen und theologischen Hintergründe, Grundsätze und Leitlinien in den Kirchen. Dies verhilft Religionslehrern, Religionspädagogen und anderen Verantwortlichen zu einem möglichst einheitlichen Umgang im Rahmen des interreligiösen Dialogs. John Hick, Paul Knitter und Leonard Swidler, Mitglieder der interreligiösen Arbeitsstelle INTR°A, entwickelten mit Anderen Leitlinien[18] zum interreligiösen Lernen. Diese sollen nun exemplarisch wichtige Aspekte interreligiösen Lernens beleuchten, aber auch hinterfragen.

In diesen Leitlinien, die auf religionspluralistische Ansätze verweisen und überwiegend in den angelsächsischen Ländern, die länger als Deutschland eine multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft bilden, entstanden sind, werden verschiedene Aspekte angesprochen. Zum einen geben sie an, dass ein „Dialog nur sinnvoll zwischen gleichen Partnern geschehen kann“[19]. Daraus ergibt sich, dass kein Anhänger einer Religion abwertend oder geringschätzend von der anderen Religion sprechen oder sie als minderwertig einstufen darf, sondern dass alle Religionen als gleichwertig und als ein geeigneter Weg zum Heil und zur Antwort auf die Sinnfragen des Menschen angesehen werden sollen. Ohne Toleranz, Respekt und Akzeptanz kann ein gleichwertiger Dialog, ob zwischen Religionen, Kulturen oder Einzelpersonen, nicht gelingen. Der „Absolutheitsanspruch“, den auch das Christentum für sich gelten lässt, „darf sich nur auf die Verbindlichkeit des eigenen Glaubens beziehen“.[20] Dies gilt nicht nur für das gesprochene sondern auch für das gedachte Wort. Im Vordergrund sollte ein unbefangenes Interesse füreinander stehen, keine wohlwollende Informationsbeschaffung mit dem Ziel, die Vorteile der eigenen Religion den Nachteilen der anderen gegenüber zu stellen um zu dem bereits im Vorfeld feststehenden Ergebnis zu kommen, in der „besseren“ Religion beheimatet zu sein. Solange sich ein Dialogpartner als der stärkere versteht, besteht die Gefahr der Missionierung, die Gefahr, dass dem „schwächeren“ Partner die eigene Religion schmackhaft gemacht und aufgedrängt werden soll.

Ein Problem, das sich im Umgang mit interreligiösem Lernen ergibt, stellt die bereits in 2.3. behandelte Mission dar. Christen gehen dem biblischen Auftrag nach, ihre Religion zu verbreiten, den Menschen das Evangelium, die frohe Botschaft zu verkünden und sie zu bekehren. Im Rahmen des interreligiösen Dialogs muss das Missionsverständnis „im Sinne eines persönlichen Zeugnisses und Engagements interpretiert werden, ohne dabei die anderen zur eigenen Glaubensweise bekehren zu wollen“.[21] Die verschiedenen Religionen müssen davon abweichen, ihre Religion als Ausdruck der endgültigen Wahrheit zu verstehen. „Es sind sprachliche, rituelle und spirituelle Annäherungen an das Transzendente. Ihre Aussagen sind vorläufig.“[22] Des Weiteren geben die Leitlinien vor, die verschiedenen Religionen in ihren Kulturen und mit ihren unterschiedlichen Denkweisen „als unterschiedliche Wege zum Heil zu verstehen.“[23] Somit wird das Bild der alleinseligmachenden Religion, des einzigen Weges zum Heil, durch eine an die Kulturen und Denkweisen der verschiedenen Religionen und Länder angepasste Sichtweise ersetzt. Gemeinsam ist allen Religionen die Suche nach Antworten auf die Sinnfragen. Jede Religion bemüht sich, diese aus ihrem Kontext heraus, mit ihren Riten, mit ihrer Spiritualität zu beantworten und das Leben so zu gestalten, dass es den jeweiligen Vorstellungen möglichst entspricht.

Im schulischen Kontext findet interkulturelles und interreligiöses Lernen oft schon beiläufig statt, indem Schüler verschiedener Herkunft gemeinsam die Schule besuchen und gemeinsam unterrichtet werden. Die Schulen haben auf diese neue Situation mit Sprachkursen, muttersprachlichem Unterricht, Beiträgen der verschiedenen Kulturen im Rahmen von Feiern und anderen Veranstaltungen und anderen Aktionen reagiert. Bezüglich des Religionsunterrichts bieten die Leitlinien jedoch einen Angriffspunkt, der nicht unkritisch zu betrachten ist. Gefordert wird ein Nachdenken über einen interreligiösen und überkonfessionellen Religionsunterricht. Hierbei stellt sich die Frage nach den Grenzen interreligiösen Lernens, die im Verlauf der Arbeit noch gesondert behandelt, hier aber bereits kurz angesprochen werden soll. Mit einem konfessions- und Religionen unabhängigen Unterricht würden viele Aspekte des herkömmlichen konfessionellen Religionsunterrichts entfallen. Damit nähme man den Schülern eine wichtige und möglicherweise sogar die einzige Gelegenheit, ihre eigene Religion intensiv und unter verschiedenen Fragestellungen kennen zu lernen, zu erleben und zu erfahren, sich auszutauschen, die Ursprünge von Riten und Traditionen zu erkunden und diese einzuüben. Ohne die Kenntnis der eigenen Religion ist interreligiöses Lernen nahezu unmöglich und unfruchtbar. Wichtig ist aber, nicht nur im Rahmen des konfessionellen Religionsunterrichts, allen Schülern Wissen über die verschiedenen Religionen zu vermitteln, Begegnungs- und Berührungspunkte zu schaffen und Toleranz einzuüben. Insbesondere an Hauptschulen, die in der Regel einen hohen Anteil an nicht-christlichen Schülern haben, sollte die Kultur- und Religionen-Vielfalt nicht als Belastung, sondern als Chance gesehen werden, andere Kulturen und Religionen aus der Nähe erleben und erfahren zu können, statt sie aus der Distanz zu betrachten.

2.6. Interreligiöser Dialog als neuer Zugang zur eigenen Religion

„Interreligiöser Dialog kann jedem Beteiligten helfen, in seinem eigenen Glauben zu wachsen. Und zwar dann, wenn die Partner der je anderen Glaubensüberzeugungen, -formen und religiösen Werte mit Geduld und Interesse kennen lernen und mit ihrem eigenen Glauben vergleichen. Wer anderen Sichtweisen begegnet, lernt unter Umständen die eigene religiöse Überzeugung mehr schätzen und wird angespornt, sich intensiver mit dem eigenen Glauben zu beschäftigen und ihn bewusster zu leben.“[24]

Viele Menschen in der westlichen Gesellschaft haben ihren Zugang zum Glauben verloren. In einer Welt, die von Kriegen und Katastrophen, Krankheit und Tod beherrscht wird und in der nur noch Geld, Leistung und Fortschritt zählen, geht manchen Menschen die Zuversicht, der Glaube und die Hoffnung verloren. Insbesondere der Verlust geliebter Menschen und eigene Schicksalsschläge stellen den Glaubenden immer wieder erneut auf die Probe. Der Eine sucht gerade in solchen Situationen die Nähe Gottes und die Geborgenheit der Kirchengemeinde, der Andere wendet sich in diesen Situationen enttäuscht und oft auch verbittert ab. Immer wieder hört man die Frage „Warum lässt Gott das zu?“, wenn es um Krieg, Tod und Schicksalsschläge geht. Gerade junge Menschen zweifeln des Öfteren an der Existenz Gottes, da er sich ihnen nie gezeigt hat und sie ihn in ihrer lauten und unruhigen Umgebung nicht spüren. Hinzu kommt, dass insbesondere im Jugendalter der Kirchgang und das öffentliche Bekenntnis zu Gott, zur Kirche und zum Glauben nicht angesehen sind. Einzelne Jugendliche, die dennoch mit christlichem Hintergrund aufwachsen, haben nur dann eine wirkliche Chance, wenn sie in der Familie oder innerhalb der Kirche einen starken Rückhalt, beispielsweise durch kirchliche Jugendgruppen, Messdienerarbeit oder offene Treffs, finden.

Jugendliche, denen die positive Erfahrung christlicher Jugendarbeit oder der Geborgenheit einer Gemeinde verwehrt bleibt, finden nur noch selten einen Weg zur Kirche und zum Glauben. Durch den interreligiösen Dialog und das Vorbild, das beispielsweise gläubige Muslime im direkten Umfeld dieser Jugendlichen geben, erhalten sie die Chance, über ihren eigenen Glauben und ihre eigene Religion zu reflektieren, Gemeinsamkeiten zu erkennen und möglicherweise einen neuen Zugang zur eigenen Religion zu finden. Der Platz, den die Religion im Leben muslimischer Jugendlicher häufig einnimmt, kann christlich getauften Jugendlichen vermitteln, dass Religiosität nicht „uncool“ oder veraltet ist, sondern nach wie vor eine Unterstützung im Alltag sowie in schwierigen Lebenslagen bieten kann. Über das Hinterfragen von Gründen, Hintergründen, Parallelen und Unterschieden erfahren viele Jugendliche erst, dass die eigene Religion ähnliche Hilfestellungen bietet und ähnliche Inhalte vertritt.

Vorgelebter Glaube jeglicher Religionszugehörigkeit führt in der Regel dazu, dass sich der Mensch mit seiner eigenen Stellung zum Glauben, zu seiner Religion und mit der Ausübung dieser Religion auseinandersetzt und für sich selbst Rechtfertigung für die eigene (Nicht-) Praktizierung des Glaubens sucht. Dieses Nachdenken kann bewirken, dass der eigene Glaube wieder bewusster und intensiver praktiziert wird. Christen tragen heute ihren Glauben nur noch selten nach außen. Das Vorbild, das gläubige Muslime geben, kann ermutigend wirken, sich wieder offen zur eigenen Religiosität zu bekennen und diese nicht mehr zu verbergen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1 Gebetsraum der Moschee: N. führt die Gebetshaltung vor)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 2 Gebetsraum der Moschee, unsere Führerin und ihre Enkelin)

[...]


[1] Aus Gründen der Lesbarkeit verzichte ich auf die Form „Schülerinnen und Schüler“ bzw. SchülerInnen. Beim Begriff „Schüler“ sind, soweit nicht gesondert aufgeführt, Angehörige beiderlei Geschlechts gemeint. Dies bezieht sich in allen Fällen, in denen nicht explizit die weibliche Form gewählt wird, auch auf andere Ausdrücke (z.B. Theologen, Lehrer etc.).

[2] siehe Konzilskompendium S. 355

[3] vgl. Bischof Hein "Jugend und Religion"

[4] vgl. Leimgruber S. 21 - 23

[5] siehe Elberfelder Bibel Mk. 16.15-16

[6] vgl. Konzilskompendium S. 350

[7] siehe Konzilskompendium S. 355

[8] siehe Konzilskompendium S. 217 /229

[9] siehe Konzilskompendium S. 655 / 661

[10] siehe Konzilskompendium S. 349 / 355

[11] vgl. Mk. 16.15

[12] vgl. Mk. 16.15

[13] siehe 2.1 „Religionen“

[14] siehe Konzilskompendium S. 356 / 57

[15] vgl. Konzilskompendium S. 357

[16] vgl. Konzilskompendium S. 358

[17] vgl. Konzilskompendium S. 359

[18] vgl. R. Kirste; INTR°A

[19] vgl. R. Kirste; INTR°A

[20] vgl. R. Kirste; INTR°A

[21] vgl. R. Kirste; INTR°A

[22] vgl. R. Kirste; INTR°A

[23] vgl. R. Kirste; INTR°A

[24] siehe Arinze S. 18

Details

Seiten
45
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638146821
Dateigröße
2.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7414
Institution / Hochschule
Studienseminar für das Lehramt für die Sekundarstufe I, Eschweiler – Lehramt für Sekundarstufe (Katholische Religionslehre)
Note
1,3
Schlagworte
interreligiöses Lernen Dialog Religionen

Autor

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