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Lässt sich Authentizität kommunizieren? Eine Einführung in das Kommunikationsverständnis Niklas Luhmanns

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 26 Seiten

Soziologie - Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Zur Person Niklas Luhmann

2. Zum Begriff „Kommunikation“

3. Kommunikation nach Luhmann
3.1 Selektion, Selektionsakte und Prozessoren in der Kommunikation
3.2 Sinnbegrenzung einer Selektion
3.3. Informationen sind nicht existent

4. Selektionsprozess der Kommunikation nach Luhmann
4.1. Erste Selektion - Information
4.2. Zweite Selektion - Mitteilung
4.3. Dritte Selektion – Mitteilungsverstehen
4.4. Vierte Selektion – Sinnverstehen und Anschlusskommunikation

5. Eigenschaften der Kommunikation bei Luhmann
5.1. Nonverbale Kommunikation
5.2. Kommunikation ist gefährlich
5.3. Das Phänomen der Inkommunikabilität

6. Anatomie der Nachricht - Schulz von Thun

7. Authentizität
7.1. Authentizität bei C. Rogers
7.2. Authentizität bei Schulz v. Thun

Fazit

Literatuverzeichnis

Einleitung

Kommunikation zwischen Menschen und die Schwierigkeiten innerhalb dieses Geschehens sollen im Verlauf dieser Arbeit näher betrachtet werden. Niklas Luhmann hat in seinen Arbeiten eine ganz andere, interessante Ansicht auf Kommunikation dargestellt. Er differenziert in seiner sozialen Theorie nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kommunikation aus. Unterscheidung ist das „Zauberwort“. Gebräuchliche Muster werden umgekehrt und in Frage gestellt. Nach einer kurzen Vita wird dem Begriff Kommunizieren Aufmerksamkeit geschenkt. Was ist Kommunikation? Was Luhmann unter dieser versteht wird in den folgenden Kapiteln zum Thema gemacht. Er spricht von Alter und Ego und wie diese sich durch Auswahl aus einer unbegrenzten Masse von Beobachtungen Mitteilungen durch Selektion schaffen. Informationen die es ohne Unterscheidung gar nicht gäbe. Selektion und Differenz von Mitteilungen sind aus seinem Verständnis, Komponenten die Kommunikation sogar gefährlich machen. Anschliessend wird der Kommunikationsprozess in Akte dekomponiert und beschrieben warum Kommunikation, nach Luhmann nie endet. Kommunikation und deren Eigenschaften die sich in diesem anderen Verständnis ergeben, sind weitere Ausführungen gewidmet. Luhmann behauptet unter anderem, so etwas bedeutendes wie „Echtheit“ sei überhaupt nicht kommunizierbar. Den Versuch dieser Behauptung zu überprüfen kann man nur gestalten, wenn man Luhmanns Verständnis von Kommunikation überblickt und ihn mit anderen Auffassungen über Kommunikation vergleicht. Dies soll am Ende der Arbeit, mit Hilfe den Arbeiten von Schulz v. Thun und dem Psychologen C. Rogers geschehen. Beide haben zu Luhmann abweichende Betrachtungsweisen zum Thema Kommunikation und Authentizität. Schulz v. Thuns Arbeit soll gegen Ende der Arbeit angesehen werden denn, er sieht sehrwohl die Möglichkeit Echtheit zu kommunizieren, dies als Fähigkeit sogar erlernen zu können. Er betrachtet allerdings auch den Mitteilungsprozess anders wie Luhmann. Rogers hat ihn dahingehend massgeblich beeinflusst, weshalb auch dieser hier eine kurze Erwähnung findet. Wenn man diese hinzuzieht ergibt sich die Möglichkeit für uns, zu Vergleichen und eventuell eine mögliche Antwort auf die begleitende Frage: ist Authentizität wirklich nicht kommunikabel zu finden. Kern der Arbeit soll jedoch bleiben, dem Leser einen Einblick in die differente Art zu geben, wie Niklas Luhmann Kommunikation versteht.

1. Zur Person Niklas Luhmann

Der Soziologe Niklas Luhmann gilt als der deutsche Vertreter und Begründer der Systemtheorie. 1927 in Lüneburg geboren wuchs er in bürgerlichen Verhältnissen auf. Nach seiner Kriegsgefangenschaft beginnt er 1946 in Freiburg i.B. ein Jurastudium. Im Anschluss an sein 2. Staatsexamen arbeitet er von 1954 bis 1960 in der öffentlichen Verwaltung am Oberverwaltungsgericht Lüneburg und im Kultusministerium von Niedersachsen. Ein zweites Studium schließt sich seiner Hochzeit, 1960 an. Er studiert Soziologie an der Harvard University/USA bei Talcott Parsons[1]. Ab 1962 arbeitet er für das Forschungsinstitut der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer als Referent. 1966 tritt er eine Stelle als Privatdozent an der Universität Münster an und wird 1968 zum Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld berufen, an der er bis zu seiner Emeritierung, 1993, Vorlesungen hält. Zwischen 1964 und 1998 veröffentlichte er zahlreiche Bücher und Aufsätze. Sein Schaffenswerk sollte laut eigener Aussage eine „Theorie der Gesellschaft“ sein.[2]

2. Zum Begriff „Kommunikation“

Zunächst kann man feststellen, dass die Bezeichnungen Kommunikation und Information eng miteinander verflochten sind. Kommunikation zu erläutern, ist ohne den Terminus der Information kaum bzw. unmöglich. Umgekehrt ist isolierte Information ohne die Option der Kommunikation sehr wenig nützlich. Kommunikation ist komplexes Geschehen das beschrieben, jedoch kaum begrifflich bestimmt werden kann.

Kommunikation ist eine kommunikative Aktivität oder ein prozessualer Komplex (ein Nach- oder Nebeneinander zusammenhängender) kommunikativer Aktivitäten eines oder mehrerer Subjekte und das Verstehen der in diesen Aktivitäten produzierten kommunikativen Akte jeweils auch durch andere Subjekte.[3]

In der allgemeinen Systemtheorie bedeutet Kommunikation die informelle Kopplung von Systemen,

d.h. das spezielle outputs des einen Systems zum input eines anderen Systems werden.[4]

In den verschiedenen Spezialgebieten der Wissenschaft haben sich unterschiedliche Modelle und Theorien zur Kommunikation entwickelt. Eine Interpretation oder Auseinandersetzung ist daher immer nur aus einer bestimmten Perspektive möglich. Um besseres Verständnis und Anhaltspunkte zu schaffen, wird eine Kommunikationstheorie auf Wesentliches reduziert dargestellt.

3. Kommunikation nach Luhmann

Zum Einstig einige bemerkenswerte Ausführungen zu den Grundlagen seiner Theorie. Luhmann unterscheidet zwischen b iologischen, sozialen und p sychischen Systemen. Der Mensch an sich ist kein System. Sein Körper besteht aus einem biologischen und einem psychischen System und selbst mehrere Menschen bilden gemeinsam keine Systeme. Nach seiner Auffassung bestehen soziale Systeme nicht aus Menschen und demzufolge besteht auch „die Gesellschaft“ als ein soziales System nicht aus Menschen. Das System der Gesellschaft besteht aus Kommunikation, nicht aus menschlichen Körpern und Gehirnen. Die Gesellschaft ist für Luhmann ein Netzwerk aus Kommunikation.[5] Einzig soziale Systeme kommunizieren, bestehen und erschaffen sich aus Operationen[6]. Minimalste Komponente des Gesellschaftssystems, ist die Kommunikation. „Sie ist die kleinstmögliche Einheit eines sozialen Systems [...].“[7] Menschen sind nach diesem Verständnis Teilnehmer an der Kommunikation, indem sie Informationen über Wahrgenommenes mitteilen. Charakteristisch für Kommunikation ist Wahlmöglichkeit, ihre Selektivität[8]. Die Auswahl, was kommuniziert werden kann, wird durch Sinn begrenzt. Luhmann geht davon aus, dass unsere soziale Existenz in all ihrer Vielfalt und Ausdifferenziertheit auf einem einzigen Prozess beruht: der Kommunikation. Sie ist flexibel und stabil gleichermaßen, denn selbst „im schlimmsten Fall“ kann man noch darüber reden. Die Gesellschaft bildet damit – durch Kommunikation als Basis – ein operativ geschlossenes Sozialsystem. Es existiert in einer Umwelt, zu der es sich differenziert.[9]

3.1 Selektion, Selektionsakte und Prozessoren in der Kommunikation

Kommunikation ist also die Art von Operation, durch die soziale Systeme ent- und bestehen. Sie ist ein Prozess, bestehend aus mehreren Selektionen. Diese Selektionsentscheidung ist zudem stets kontingent[10], also auch anders möglich. „Kommunikation ist [...] eine Synthese aus drei Selektionen. Sie besteht aus Information, Mitteilung und Verstehen. Jede dieser drei Komponenten ist in sich selbst ein kontingentes Vorkommnis.“[11] Man trifft folglich in der Kommunikation eine Entscheidung für und gleichzeitig gegen etwas. Kontingente Entscheidungen, werden innerhalb aller einzelner Selektionsakte getroffen. Luhmann versteht darunter: Information, Mitteilung und Verstehen. Er ordnet demnach dem Kommunizieren nicht, wie nach herkömmlichem Verständnis zwei Akte Senden und Empfangen zu, sondern drei Selektionsakte. Gewöhnlich vollziehen diese Phasen zwei Teilnehmer: Sender und Empfänger. Die zwei informationsverarbeitende Prozessoren oder Instanzen, können Personen (biologisch - psychische Systeme) oder auch soziale Systeme sein. Luhmann verwendet die Begriffe Alter und Ego (synonym) wenn er von Sender und Empfänger spricht. Diese Unterscheidung folgt einer sozialwissenschaftlichen Unterscheidung. In ihr kommt die Perspektive einfacher sozialer Beziehungen zum Ausdruck. Alter und Ego ordnet er den oben erwähnten dreistelligen Selektionsprozess zu.[12] „Da dies entscheidend ist und Kommunikation nur von hier aus verstanden werden kann, nennen wir (etwas ungewöhnlich) der Adressaten Ego und den Mitteilenden Alter.“[13]

3.2 Sinnbegrenzung einer Selektion

Theoretisch stehen in der Welt unbegrenzte Möglichkeiten zur Wahl, welche kommuniziert werden können. Praktisch wird diese Auswahl jedoch durch Sinn eingegrenzt. Nicht alles was mitgeteilt werden kann, macht Sinn. Was Sinn beinhaltet, wird in der Kommunikation selbst bestimmt. Luhmann versteht Sinn als allumfassend und zwangsläufig. Sinnlos, -leer oder -frei gibt es nach diesem Verständnis nicht. Alles macht Sinn, selbst das Vorhaben Unsinn zu produzieren, enthält eine Absicht, einen Sinn (vgl. zu Kunstformen). „Geht man vom Sinnbegriff aus, wird klar das Kommunikation immer selektives Geschehen ist,

denn Sinn kann man nicht vermeiden und nicht verneinen. Sinn lässt keine andere Wahl als zu wählen“[14] Das Medium Sinn als solches lässt sich also nicht dementieren. Was sich verneinen lässt, sind bestimmte Formen entsprechend Sinnvorschläge oder Sinnentwürfe. Zwar werden ausgewählte Sinnentscheidungen verwirklicht, die nicht gewählten bleiben jedoch bestehen, existieren weiter um eventuell an anderer Stelle als sinnvoll zu gelten.[15] „Jeder Sinn ist widerspruchsfähig, jeder Sinn kann zu einem Widerspruch aufgebaut werden. Die Frage ist nur, wie dies geschieht und warum. [...] Widerspruch ist ein Moment der Selbstreferenz von Sinn, da jeder Sinn die eigene Negation als Möglichkeit einschließt“[16] An dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass sich Luhmann mit dem Thema Sinn, umfangreich in seinen Abhandlungen „Soziale Systeme“ befasst.

3.3. Informationen sind nicht existent

Information ist kein fertiges Element, das als solches in der Welt vorhanden darauf wartet „versendet“ zu werden, wobei der Inhalt auch noch identisch bleiben soll. Demgemäss kann Information auch nicht wie ein „Brief“ übertragen werden. Sie wird durch den Beobachter konzipiert. „Für Sinnsysteme ist die Welt kein Riesenmechanismus, der Zustände aus Zuständen produziert [...]. Die Welt ist ein unermessliches Potenzial für Überraschungen, ist virtuelle Information, die aber Systeme benötigt, um Information zu erzeugen [...].“[17] Information ist demnach als eine Art Konstruktion von Systemen zu verstehen. Für Luhmann steht Kommunikation auch nicht mit Übertragung von Information gleich. „Die Übertragungsmetapher ist unbrauchbar, weil sie zuviel Ontologie impliziert. Sie suggeriert, dass der Absender etwas übergibt, was der Empfänger erhält. Das trifft schon deshalb nicht zu, weil der Absender nichts weggibt in dem Sinn, dass er selbst es verliert. Die gesamte Metaphorik des Besitzes, Habens, Gebens und Erhaltens, die gesamte Dingmetaphorik ist ungeeignet für das Verständnis von Kommunikation“[18] Die Mitteilung als solche ist nichts weiter als ein Selektionsvorschlag. Erst dadurch, dass diese Anregung aufgegriffen wird und weitergeführt wird kommt Kommunikation zustande.[19]

4. Selektionsprozess der Kommunikation nach Luhmann

[20]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

4.1. Erste Selektion - Information

Alter selektiert zunächst zwischen dem, was er als Information auswählt, als solche bewertet und allem anderen. Als Beobachter, Beobachtungen aus der Umwelt als Information zu bewerten und auszuwählen, schließt gleichzeitig unendlich viel anderes aus. „Information ist nach heute geläufigem Verständnis eine Selektion aus einem (bekannten oder unbekannten) Repertoire von Möglichkeiten.“[21] Diese Selektivität nicht inbegriffen, kann sich kein Kommunikationsprozess entwickeln. „Am Anfang steht also nicht Identität sondern Differenz. Nur das macht es möglich, Zufällen Informationswert zu geben und damit Ordnung aufzubauen, denn Information ist nichts anderes als ein Ergebnis, das eine Verknüpfung von Differenzen bewirkt – a difference that makes a difference“[22]. Da die Welt ein chaotisches und schier grenzenloses Potential an Informationswerten zur Verfügung stellt, wird dem Beobachter diese Fülle aus seiner Betrachtungsweise erst sichtbar, wenn er seine Aufmerksamkeit auf bestimmte Ausschnitte richtet. Er schafft sich mit seiner Position Selektionshorizonte, die er beobachtet, anderes bleibt ihm verborgen. „Immer dann, wenn die Zahl der zu verknüpfenden Elemente ein geringes Maß überschreitet und immer dann, wenn Komplexes in der Form von Sinn erfahren wird, entstehen Selektionsnotwendigkeiten, entsteht eine faktische Selektivität all dessen was realisiert wird.“[23] Es muss folglich bereits früher selektiert werden – vor der Beobachtung.[24]

[...]


[1] Parsons, Talcott, 1902-1979, amerikanischer Soziologe und Sozialpsychologe, Begründer der „Handlungstheorie“

[2] Vgl., Margot Berghaus, 2003, S. 14-16

[3] Zitat, S. Reck, 1996, S. 147

[4] Zitat H. Abels, D. Bald et al, 1994, S. 347

[5] Vgl., M. Berghaus, 2003, S. 33 & 64

[6] Operation ist der allgemeine Begriff für die entscheidenden Aktivitäten von Systemen. Existent wird ein System indem es operiert. Vgl., M. Berghaus, 2003, S. 39

[7] Zitat, N. Luhmann, 1997, S. 82

[8] Selektion = Auslese, Aussiebung, [Aus]wahl; Kürung; Selektierung, Duden - Das Synonymwörterbuch,

[9] Vgl., M. Berghaus, 2003, S. 63-73

[10] Kon|tin|genz = das Kontingentsein; kontingente Beschaffenheit; Möglichkeit u. gleichzeitige Nichtnotwendigkeit (einer Aussage) bzw. der Grad der Wahrscheinlichkeit des gemeinsamen Auftretens zweier Sachverhalte, Merkmale usw., Duden - Das Fremdwörterbuch,

[11] Zitat, N. Luhmann, 1997, S. 190

[12] Vgl., M. Berghaus, 2003, S. 76 - 83

[13] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 195

[14] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 194

[15] Vgl., M. Berghaus, 2003, S. 74-75, 118-119

[16] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 494

[17] Zitat, N. Luhmann, 1997, S. 46

[18] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 193

[19] Vgl. N. Luhmann, 1984, S. 193-194

[20] Abb. vgl. M. Berghaus, 2003, S. 78

[21] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 195

[22] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 112

[23] Zitat, N. Luhmann, 1984, S. 187

[24] Vgl., M. Berghaus, 2003, S. 79-80

Details

Seiten
26
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638823272
ISBN (Buch)
9783638824521
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74129
Institution / Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Lässt Authentizität Eine Einführung Kommunikationsverständnis Niklas Luhmanns

Autor

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