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Kulturelle Dichotomie Russlands: Moskau vs. Petersburg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 28 Seiten

Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Moskau und Petersburg im 19. Jahrhundert

2. Petersburg im Spiegel der zeitgenössischen Kritik

3. Moskau und Petersburg im Zentrum der Westler-Slavophilen-Debatte

4. Zur Gegenüberstellung der russischen Hauptstädte vor dem Hintergrund der Westler-Slavophilen-Debatte
4.1. Gegenstände der Diskussion
4.1.1 Zur Lage der beiden Hauptstädte im russischen Kulturraum
4.1.2 Zur Petersburger Mythologie
4.1.3 Zur Entstehung der beiden Hauptstädte
4.1.4 Peter I. und seine Reformpolitik

5. Moskau und Petersburg im westlerischen und slavophilen Denken

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts bricht in Russland ein neues Zeitalter an. Auf der Haseninsel in den Sümpfen des Neva-Deltas lässt Peter I. 1703 in Windeseile die neue Hauptstadt seines Reiches, Sankt Petersburg mit Einsatz übermenschlicher Anstrengung und unter menschlichen Opfern aus dem Nichts errichten. Petersburg wird als Meerestor Russlands, als „Fenster zum Westen“ aus militärisch-strategischen Gründen gegründet, um Russland an Europa heranzuführen.

Die neue Hauptstadt des Reiches wird von Anfang an als eine rationalistische Stadt konzipiert. Petersburg soll einen militärischen Stützpunk, das Zentrum des Reiches bilden und sogar das ‚Vierte Rom’ werden.[1] Als einzige europäische Hauptstadt entsteht sie nach dem Willen eines Monarchen am Reißbrett. Hier verbirgt sich auch der Unterschied Petersburgs zu anderen großen kulturellen Zentren Europas. Die Geschichte Petersburgs wurzelt nicht in alten Zeiten, wie zum Beispiel die Geschichte Moskaus oder Roms. Sein Pendant stellt das ‚heilige’ Moskau dar. Während die alte Hauptstadt Russlands wie andere europäische Metropolen das Ergebnis von jahrhundertlanger Baugeschichte, eine organische, aus der russischen Tradition gewachsene Stadt ist, repräsentiert Petersburg eine völlig nach Plan entstandene und somit eine künstliche Stadt, „die Kopfgeburt eines einzigen Mannes.“[2] Petersburg wird „als »unorganisch«, als gigantische Kulisse, die aus Zitaten irgendwelcher, [...] historischer Städte besteht [wahrgenommen] und [...] ist in einem spezifischen außerhistorischen, irrealen, illusionären Raum [angesiedelt].“[3] Moskau ist hingegen die Verkörperung Russlands, der Inbegriff des russischen, weiblichen Geschlechts. Petersburg liegt indessen das männliche Prinzip zugrunde.[4]

Aus der Gründung der neuen Hauptstadt geht eine Opposition, eine Rivalität zwischen Petersburg und Moskau hervor, die ihren Niederschlag in der russischen Literatur findet. Auf die kulturelle Dichotomie Moskau vs. Petersburg macht B. V. Mežuev aufmerksam:

История российской культуры по меньшей мере трех последних веков, [...] не знает более значимой и

фундаментальной для ее понимания дихотомии, чем противоположение двух городов – Москвы и Пе-

тербурга. За этой дихотомией скрывалось не только противоречие между московским и петербург-

ским периодами отечественной истории, не только разница в выборе исторических и геополитических

ориентаций для страны, не только известный конфликт западничества и славянофильства. Спор Мос-

квы и Петербурга – спор не только политический или культурный, но и метафизический, философс-

кий. В основе его [...] конфликт, вечная борьба, борьба между культурой и природой.[5]

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der kulturellen Dichotomie Russlands respektive dem Antagonismus zwischen Moskau und Petersburg. Den ersten wichtigen Themenschwerpunkt bildet der Vergleich zwischen Moskau und Peterburg in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier wird vor allem die Bedeutung der beiden russischen Hauptstädte im zeitgenössischen Geistesleben Russlands sowie in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts untersucht.

Im Zentrum der Arbeit soll vor allem die Rolle der beiden Metropolen vor dem Hintergrund der Westler-Slavophile-Debatte an ausgewählten Beispielen aus der essayistischen Prosa unter folgenden Gesichtspunkten diskutiert werden: die Lage der beiden Hauptstädte im russischen Kulturraum, die Petersburger Mythologie, die Entstehung der beiden Hauptstädte sowie Peter I. und seine Reformpolitik. Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit ist vornehmlich auf die neugegründete Hauptstadt, Petersburg gerichtet.

1. Moskau und Petersburg in der ersten Hälfte 19. Jahrhundert

„И перед младщею столицей

Померкла старая Москва ,

Как перед новою царицей

Порфироносная вдова .“[6]

Die russische Literatur ist besonders seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch eine Vielzahl von literarischen Vergleichen zwischen Moskau und Petersburg gekennzeichnet.[7] Eine explizite Gegenüberstellung von Moskau und Petersburg nimmt ihren Ursprung in A. S. Puškins literarischen und essayistischen Werken. Nach Donnert war Puškin „der erste Petersburger Dichter, der den Vorhang zerriß, der das andere[8] Antlitz Sankt Petersburgs bislang verhüllt hatte.“[9]

In seinem 1833 geschriebenen Verspoem Медный всадник stellt Puškin in der berühmten Einleitung das Verhältnis zwischen Moskau und Petersburg, dem alten und neuen Zentrum in der russischen Kultur und Geschichte dar. Das Prädikat „померкла“ sagt aus, dass Moskau mit der Gründung Petersburgs an Glanz verloren habe. Moskau repräsentiert nunmehr in der postpetrinischen Epoche eine überholte Vergangenheit, es tritt in den Schatten Petersburgs. In Путешествие из Москвы в Петербург begründet Puškin den Verfall Moskaus: „Две сто-лицы не могут в равной степени процветать в одном и том же государстве, как два сер-дца не существуют в теле человеческом.“[10] Der Wechsel der Hauptstadt führte unweigerlich zur Hervorhebung Petersburgs und löste den kulturhistorischen Gegensatz zwischen dem ‚heiligen’ Moskau und dem imperialen Petersburg aus.

Tatsächlich formiert sich das literarische, kulturelle und künstlerische Leben zu Beginn der dreißiger Jahre des 19. Jahrhunderts um die neue Hauptstadt Petersburg, dem neuen literarische Zentrum Russlands, das zu besonderer literarischer Bedeutung in diesem Jahrhundert avanciert. Obwohl Moskau weiterhin die Krönungsstadt Russlands bleibt und somit ihren kulturellen Status als zweite Hauptstadt behält, wird sie auf das Symbol des Alten reduziert. Ihre kulturelle Identität wird von einigen Zeitgenossen für nichtig erklärt. Petersburg als neue Hauptstadt erlangt eine eindeutig dominierende Position gegenüber Moskau. Im Gegensatz dazu prosperiert Moskau in Folge der erstarkenden Kaufmannschaft und Industrie. Sie gewinnt als Handelsstadt an Bedeutung:

Но Москва, утратившая свой блеск аристократический, процветает в других отношениях про-

мышленность, сильно покровительствуемая, в ней оживилась и развилась с необыкновенной

силой. Купечество богатеет и начинает селиться в палатах, покидаемых дворянством.[11]

2. Petersburg im Spiegel der zeitgenössischen Kritik

Gleichzeitig mit Puškin haben auch zahlreiche andere Schriftsteller die alte und neue Hauptstadt Russlands zum Vergleich herangezogen und dabei neue Akzente gesetzt. Vor allem N. V. Gogol’ wendet sich in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts gezielt der neuen russischen Metropole, Petersburg zu. Nilsson bemerkt hierzu: „pendant les années 1833 – 34 l’atmosphère de la grande ville intéressait Gogol au plus haut degré. A coté de ces contes, il existe plusieurs esqiosses et fragments de nouvelles non-achavées datant de 1833, qui se passent également à Pétersbourg.“[12] In „Петербургские повести“ thematisiert Gogol’ das Problem der Stadt. So heißt es in Невский проспект: „О, не верьте этому Невскому про-спекту! [...] Все обман, все мечта, все не то, чем кажется!“[13] Seine Novelle beendet er schließlich mit dem Verdikt:

Он лжет во всякое время, этот Невский проспект, но более всего тогда, когда ночь сгущенною мас-

сою наляжет на него и отделит белые и палевые стены домов, когда весь город превратится в гром и

блеск, мириады карет валятся с мостов, форейторы кричат и прыгают на лошадях и когда сам демон

зажигает лампы для того только, чтобы показать все не в настоящем виде.[14]

Petersburg offenbart sich bei Gogol’ als trügerische Fiktion, als etwas Abstraktes und Unwirkliches.[15]

Zum ersten Mal erblickt Gogol’ als zwanzigjähriger die Hauptstadt des Reiches im Dezember 1828 mit hochgespannten Erwartungen. Der Gesamteindruck, den die Stadt bei ihm hinterlässt, zeichnet sich bereits in einem an seine Mutter adressierten Brief ab, den er einige Wochen nach seiner Ankunft in Petersburg schreibt: „Петербург мне показался вовсе не таким, как я думал, я его воображал гораздо красивее, великолепнее, и слухи, которые распускали другие о нем, также лжи.“[16] Das vorher zurechtgelegte Bild der Hauptstadt entspricht aber nicht der Realität, die er dort vorfindet:

Тишина в нем необыкновенная, никакой дух не блестит в народе, всё служащие да должностные,

все толкуют о своих департаментах, да коллегиях, всё подавлено, всё погрязло в бездельных, ни-

чтожных трудах, в которых бесплодно издерживается жизнь их.[17]

Beim Vergleich Petersburgs mit Moskau und anderen europäischen Hauptstädten, scheut Gogol’ nicht davor, Petersburg als eine „charakterlose Stadt“ zu bezeichnen.

Петербург вовсе не похож на прочие столицы европейские или на Москву. Каждая столица вообще

характеризуется своим народом, набрасывающим на нее печать национальности, на Петербурге же

нет никакого характера: иностранцы, которые поселились сюда, обжились и вовсе не похожи на

иностранцев, а русские в свою очередь объиностранились и сделались ни тем ни другим.[18]

Moskau hingegen identifiziert Gogol’ in Петербургские записки 1836 года mit der Seele und dem Herzen Russlands. Die ‚heilige’ Stadt wird bei ihm durch eine Frauengestalt versinnbildlicht.

Dieses Petersburg, das Gogol’ in seinen Briefen der ausgehenden zwanziger Jahren schildert, entspricht dem düsteren Bild F. M. Dostoevskijs über Petersburg. Auch er nennt vierzig Jahre später in Дневник писателя, einer von ihm als Autor und auch als Herausgeber zugleich gestalteten Zeitschrift, Petersburg eine „charakterlose“ Stadt.

Да и вообще архитектура всего Петербурга чрезвычайно характеристична и оригинальна и всегда

поражала меня, – именно тем, что выражает всю его бесхарактерность и безличность за все время

существования. Характерного в положительном смысле, своего собственного, в нем разве только

вот эти деревянные, гнилые домишки, еще уцелевшие даже на самых блестящих улицах, рядом с

громаднейшими домами, и вдруг поражающие ваш взгляд словно куча дров возле мраморного

палаццо [...].[19]

[...]


[1] Vgl. dazu Lotman 1984, 44; Groys 1995, 168.

[2] Keller 1993, 275.

[3] Groys 1995, 169.

[4] Vgl. Groys 1995, 173.

[5] Mežuev 1998, 82.

[6] Puškin 1960, 286.

[7] Vgl. Toporov 1995, 271.

[8] Vgl. Petersburger Panegyrik im 18. Jh.

[9] Donnert 2002, 271.

[10] Puškin 1950, 211.

[11] Puškin 1950, 211.

[12] Nilsson 1954, 3.

[13] Gogol’ 1938, 45.

[14] Ebd., 46.

[15] Zum Trügerischen als Inbegriff des Wesens Petersburg vgl. V. F. Odoevskij, F. M. Dostoevskij, D. Merež-

kovskij.

[16] Gogol’1940, 136-137.

[17] Ebd., 139.

[18] Ebd.

[19] Dostoevskij 1873.

Details

Seiten
28
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638719124
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74097
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,3
Schlagworte
Kulturelle Dichotomie Russlands Moskau Petersburg

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