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Das geldpolitische Instrumentarium der Europäischen Zentralbank

von Susanne Kroll (Autor) Katharina Möbius (Autor)

Hausarbeit 2007 30 Seiten

VWL - Geldtheorie, Geldpolitik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Ziele und Strategien der Geldpolitik

3. Das Instrument der Offenmarktgeschäfte
3.1 Verfahrensweisen
3.2. Befristete Transaktionen
3.2.1 Hauptrefinanzierungsgeschäfte
3.2.2 Längerfristige Refinanzierungsgeschäfte
3.2.3 Feinsteuerungsoperationen
3.2.4 Strukturelle Operationen
3.3 Definitive Käufe und Verkäufe
3.4 Emission von Schuldverschreibungen
3.5 Devisenswapgeschäfte …
3.6 Hereinnahme von Termineinlagen

4. Das Instrument der ständigen Fazilitäten
4.1 Spitzenrefinanzierungsfazilität
4.2 Einlagefazilität …

5. Die Leitzinssätze der EZB

6. Das Instrument der Mindestreserven

7. Wirkungen und Grenzen der Geldpolitik

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

1. Einführung

Geldpolitik hat die Aufgabe, eine optimale Geldversorgung der Wirtschaft zu gewährleisten. Mit dem Entstehen einer einheitlichen Währung ging die Verantwortung für die Geldpolitik im Euro-Währungsgebiet auf die Europäische Zentralbank (EZB) über. Das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) setzt sich dabei aus der EZB und den nationalen Zentralbanken zusammen. Um den Sachverhalt transparent zu machen, dass nicht alle Mitgliedstaaten den Euro eingeführt haben, wird momentan noch zwischen dem ESZB und dem „Eurosystem“ unterschieden, wobei sich das Eurosystem dann aus der EZB und den Mitgliedstaaten mit Euro zusammensetzt. Die Mitgliedstaaten, die nicht am Euro-Währungsgebiet teilnehmen, haben einen Sonderstatus und führen weiter eine eigenständige nationale Geldpolitik, wobei sie dafür dann auch nicht am Entscheidungs- und Umsetzungsprozess der Geldpolitik für den Euroraum beteiligt sind.[1]

Die Geschäftsbanken die an den geldpolitischen Geschäften der EZB teilnehmen wollen, müssen bestimmte Bedingungen erfüllen. Sie müssen in das Mindestreservesystem einbezogen sein, es muss sich um finanziell solide Institute handeln, die der Bankenaufsicht unterliegen und sie müssen eine effiziente Durchführung der Transaktionen gewährleisten. Die Nachfrage nach Zentralbankgeld durch die Geschäftsbanken resultiert unter anderem aus der Pflicht, bei der Zentralbank Mindestreserven zu hinterlegen. Demnach müssen die Geschäftsbanken für Verbindlichkeiten, die sie gegenüber Einlegern eingegangen sind, Guthaben in Euro bei der EZB in Höhe eines bestimmten Prozentsatzes halten.[2]

Die Nachfrage der Geschäftsbanken nach Zentralbankgeld wird nur bedient, wenn sie ausreichend Sicherheiten stellen. Dies kann entweder durch Eigentumsübertragung oder als Pfandhinterlegung geschehen. Die EZB unterscheidet zwei Kategorien von Sicherheiten, die akzeptiert werden. Zur ersten Kategorie zählen marktfähige Schuldtitel, die von der EZB festgelegte einheitliche und im gesamten Euroraum geltende Zulassungskriterien erfüllen. Zur Kategorie zwei zählen weitere markfähige und auch nicht marktfähige Sicherheiten, für die die nationalen Zentralbanken Zulassungskriterien auf der Basis von EZB Mindeststandards festlegen. In der Praxis werden überwiegend Sicherheiten der Kategorie 1 verwendet und hier vor allem Staatsanleihen und von Kreditinstituten begebene Wertpapiere.[3]

2. Ziele und Strategien der Geldpolitik

Als geldpolitische Strategie wird das konzeptionelle Gerüst für die Geldpolitik im Sinne einer mittel- bis langfristig ausgerichteten Grundsatzentscheidung über den Instrumenteneinsatz zur Erreichung des geldpolitischen Finalzieles bezeichnet. Diese Strategie bezieht sich auf den gesamten Prozess vom Einsatz der Instrumente über die operativen Ziele und ggf. expliziter Zwischenziele bis hin zu den Endzielen der Geldpolitik. Die geldpolitische Strategie der EZB richtet sich strikt an ihrem vorrangigen Ziel, der Gewährleistung der Preisstabilität, aus und beinhaltet 2 Säulen, die zur Erreichung des Zieles führen sollen und die in Abbildung 1 veranschaulicht sind. Als Preisstabilität wird eine Norm bezeichnet, wonach die gesamtwirtschaftliche Inflationsrate eine bestimmte Marge weder über- noch unterschreiten darf. Diese wird gemessen am sogenannten Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI) und die Preissteigerungsrate soll mittelfristig unter, aber nahe von 2% gegenüber dem Vorjahr liegen.[4]

Abbildung 1: Die stabilitätsorientierte geldpolitische Strategie der EZB[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In der ersten Säule erfolgt die Schwerpunktsetzung der Geldmenge. Für die EZB stellt die Inflation letztlich ein monetäres Phänomen dar, daher wird der Geldmenge eine herausragende Rolle beigemessen. Ausgangspunkt für die Entwicklung der Geldmenge ist die Fisher’sche Quantitätsgleichung des Geldes: Geldmengenwachstum = reales Bruttoinlandsprodukt (BIP) -Wachstum + Inflation – Veränderung der Umlaufgeschwindigkeit. Im Jahr 1998 wurde vom EZB-Rat ein bisher unveränderter quantitativer Referenzwert für das Geldmengenwachstum von M3[6] bekannt gegeben. Dieser soll nur um 4,5 % wachsen unter der Annahme, dass das BIP mittelfristig um 2 - 2,5 % wächst. Der Referenzwert soll als Richtschnur der Geldpolitik dienen und zur Beibehaltung der Preisstabilität beitragen. Erhebliche und anhaltende Abweichungen des Geldmengenwachstums vom Referenzwert signalisieren Risiken für die Preisstabilität auf mittlere Sicht und werden als Indikatoren für geldpolitischen Handlungsbedarf angesehen. Tatsächlich ist die Geldmenge in Deutschland jedoch stark gewachsen. Im dritten Quartal 2006 lag das Geldmengenwachstum von M3 bei 10,5 %.[7]

Die zweite Säule beinhaltet die Evaluierung der Preisperspektiven. Diese umfasst eine umfangreiche Beurteilung der künftigen Preisentwicklung und der Risiken für die Preisstabilität im Euroraum. Die Beurteilung basiert auf einer breiten Palette von wirtschaftlichen und finanziellen Größen als Indikatoren der künftigen Preisentwicklungen, wie z. B. Löhne, Wechselkurse, Zinsstrukturkurve, sowie Analyse fiskalpolitischer Umfragen, der realwirtschaftlichen Entwicklung, Preis- und Kostenindizes, Konjunktur- und Verbraucherumfragen oder Inflationsprognosen. Nur soweit es ohne Beeinträchtigung des Zieles der Preisstabilität möglich ist, soll die EZB die allgemeine Wirtschaftspolitik in der Gemeinschaft unterstützen um zur Verwirklichung der Ziele der Gemeinschaft beizutragen. Zu den Zielen gehören beispielweise ein hohes Beschäftigungsniveau, ein beständiges und nichtinflationäres Wachstum, ein hoher Grad an Wettbewerbsfähigkeit, und eine Konvergenz der Wirtschaftsleistungen. Dabei erfolgt eine Berücksichtigung des Grundsatzes einer offenen Marktwirtschaft mit freiem Wettbewerb und die nationalen Zentralbanken fungieren als der operative Arm der EZB. Die EZB kann die Zinssätze durch Liquiditätssteuerung beeinflussen und unterstützt die Kreditinstitute ihren Liquiditätsbedarf zu decken. Mit ihrer Geldpolitik regelt die EZB den Geldumlauf mit dem Ziel, den Geldwert stabil zu halten.[8] Die Zwei- Säulen-Strategie stellt dabei im Kern eine Mischung aus Geldmengen-Steuerung und direkter Inflationssteuerung dar und ist vermutlich bewusst vage formuliert worden, um den geldpolitischen Handlungsspielraum der EZB nicht zu sehr einzuschränken.[9]

Um ihre Ziele, im Vordergrund die Preisstabilität, zu erreichen, stehen der EZB verschiedene geldpolitische Instrumente zur Verfügung, die sich in 3 Hauptgruppen einteilen (Offenmarktgeschäfte, Ständige Fazilitäten, Mindestreservepolitik) und im folgenden betrachtet werden sollen.

3. Das Instrument der Offenmarktgeschäfte

Unter den geldpolitischen Instrumenten des Eurosystems spielen die Offenmarktgeschäfte eine dominierende Rolle. Diese erfolgen auf Initiative des Eurosystems und dienen der Steuerung der Zinssätze und der Geldversorgung des Marktes bzw. des Geldmarktes (Liquidität) mit Zentralbankgeld.[10] Unter Offenmarktgeschäften versteht man dabei den An-und Verkauf von Wertpapieren durch die Zentralbank, was dementsprechend zu einer Schöpfung oder Vernichtung von Zentralbankgeld führt.[11] Der Name „Offenmarktgeschäfte“ erinnert noch an die Zeiten, als der Kauf und Verkauf von Wertpapieren tatsächlich noch an offenen Märkten, nämlich an Börsen stattgefunden hat. Kaufte die Zentralbank Wertpapiere, floss den Wirtschaftssubjekten Zentralbankgeld zu, es kam also zur Geldschöpfung. Verkaufte die Zentralbank später diese Papiere wieder, so entzog sie der Volkswirtschaft Zentralbankgeld, es kam also zur Geldvernichtung. Diese Geschäftsform hatte für die Zentralbank den Nachteil, dass sie immer dann, wenn sie ihr Geld verknappen wollte, vom Kalkül der privaten Wirtschaftsobjekte abhängig war, da sie die übrigen Marktteilnehmer nicht zum Kauf ihrer Wertpapiere zwingen konnte. Daher gingen die Zentralbanken dazu über, beim Kauf der Wertpapiere von den Geschäftsbanken zugleich den Zeitpunkt des Rückkaufs und den Preis hierfür festzulegen. Es handelt sich also um befristete Transaktionen, auf die im nächsten Punkt noch genauer eingegangen wird.

Wie in Abbildung 2 verdeutlicht, können Offenmarktgeschäfte hinsichtlich ihrer Zielsetzung, der Abstände in denen sie durchgeführt werden und der angewandten Verfahren in vier Gruppen unterteilt werden. Es erfolgt eine Einteilung in Hauptrefinanzierungsgeschäfte, in längerfristige Refinanzierungsgeschäfte, in Feinsteuerungsoptionen und in strukturellen Optionen, wobei die letzteren beiden in der Geldpolitik der EZB nur eine untergeordnete Rolle spielen, da sie nur selten zur Anwendung kommen. Das für die Offenmarktgeschäfte am häufigsten genutzte Instrument ist die befristete Transaktion. Sie kann für alle vier Kategorien genutzt werden. Darüber hinaus können sich bei den strukturellen Operationen Schuldverschreibungen begeben und endgültige Käufe bzw. Verkäufe durchgeführt werden. Feinsteuerungsoperationen können auch in Form von endgültigen Käufen bzw. Verkäufen und als Devisenswapgeschäfte erfolgen oder durch die Hereinnahme von Termineinlagen abgewickelt werden.

Abb. 2: Formen von Offenmarktgeschäften[12]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Grundprinzip von Offenmarktgeschäften ist in Abbildung 3 in Form einer kontenmäßigen Darstellung und für den Fall einer expansiven Offenmarktpolitik durch den Kauf von Wertpapieren durch die Zentralbank.veranschaulicht. Darin wird deutlich, dass sich durch den Kauf der Wertpapiere von den Geschäftsbanken der Bestand an Zentralbankgeld der Geschäftsbanken erhöht hat. Aufgrund dieser erhöhten Geldbasis können die Geschäftsbanken ihrerseits zusätzliche Kredite an Nicht-Banken gewähren. Da die Zentralbank die Geschäftsbanken nicht zu der von ihr geplanten Offenmarktpolitik zwingen kann, muss sie attraktive Konditionen bieten, d.h. dass bei einer geplanten expansiven Offenmarktpolitik, wie hier im Beispiel, die verlangten Zinssätze für die Zentralbank- Kreditgewährung niedriger sein müssen als die sonst üblichen Geldmarktzinsen. Offenmarktgeschäfte sind häufig zeitlich befristete Transaktionen, bei denen am Ende der Laufzeit das Geschäft rückgängig gemacht wird. Für unser Beispiel hieße das, dass die Geschäftsbanken am Ende der Laufzeit ihre Wertpapiere zurückkaufen müssen.

Abb. 3: Grundprinzip von Offenmarktgeschäften beim Kauf von Wertpapieren[13]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1 Verfahrensweisen

Offenmarktgeschäfte werden normalerweise in Form von Tendern durchgeführt. Ein Tender ist ein Verfahren zur Unterbringung einer Wertpapieremission in einer öffentlichen Ausschreibung, also quasi die Versteigerung von Zentralbankgeld, wobei im Prinzip das Emissionsvolumen an die Meistbietenden verteilt wird.[14] Das Tenderverfahren der EZB gliedert sich in sechs Verfahrensschritte. Als erstes erfolgt die Tenderankündigung durch die EZB und die nationalen Zentralbanken über Wirtschaftsinformationsdienste. Danach erfolgt die Vorbereitung und die Abgabe von Geboten durch die Geschäftspartner. Im dritten Schritt werden die Gebote durch das Eurosystem zusammengestellt und danach erfolgt die Tenderzuteilung und die Bekanntmachung der Tenderergebnisse. Im fünften Schritt erfolgt die Bestätigung der einzelnen Zuteilungsergebnisse und zum Abschluss die Abwicklung der Transaktionen.

Das Eurosystem unterscheidet nach Verfahrensschnelligkeit zwei Tenderverfahren: Standardtender und Schnelltender, die abgesehen vom zeitlichen Rahmen und dem Kreis der Geschäftspartner identisch sind.[15] Standardtender werden innerhalb von 24 Stunden von der Ankündigung bis zur Bestätigung des Zuteilungsergebnisses durchgeführt und alle Geschäftspartner die die allgemeinen Zulassungskriterien erfüllen, können an diesem Verfahren teilnehmen. Schnelltender werden in der Regel innerhalb von 90 Minuten durchgeführt und nach bestimmten Kriterien und Verfahren wird eine begrenzte Anzahl zur Teilnahme ausgewählt. Die Durchführung beider Verfahren kann als Mengentender oder Zinstender erfolgen.

[...]


[1] Vgl. Stocker, 2001, S. 22.

[2] Weiterführende Informationen zur Mindestreservepolitik der EZB erfolgen im Kapitel 6.

[3] Vgl. Baßeler, u.a., 2002, S. 511 f.

[4] Vgl. Heering, 2002, S. 37 f.

[5] In Anlehnung an Heering, 2002, S. 45.

[6] Geldmenge M3 beinhaltet den Bargeldumlauf zuzüglich bestimmter Verbindlichkeiten der im Euro-Währungsgebiet ansässigen Monetären Finanzinstitute (MFI): Sicht-, Termin- und Spareinlagen, Repogeschäfte, Schuldverschreibungen, Geldmarktfondanteile und Geldmarktpapiere.

[7] Vgl. Anhang 1

[8] Vgl. Mussel, 2006, S. 245 f.

[9] Vgl. Baßeler, u.a., 2006b, S. 167

[10] Vgl. Jarchow, 2003, S. 463.

[11] Vgl. Baßeler, u.a., 2002, S. 501.

[12] Eigene Darstellung.

[13] Eigene Darstellung nach: Baßeler, u.a., 2002, S. 502.

[14] Vgl. Baßeler, u.a., 2002, S. 504.

[15] Vgl. Europäische Zentralbank, 2006a, S. 25ff.

Details

Seiten
30
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638679343
ISBN (Buch)
9783640301102
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74043
Institution / Hochschule
Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Instrumentarium Europäischen Zentralbank Geld Kredite Währungen Kapitalmärkte

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