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Gesellschaftliche Stellung und Bedeutung des Spielmanns im Mittelalter

Hausarbeit 2007 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Merkmale des Spielmanns
II.I. Die Herkunft des „Spielmanns“
II.II. Der Begriff des „Spielmanns“
II.III. Die Namensgebung
II.IV. Die Kleidung
II.V. Die Spielorte und Repertoire
II.V.I Die Spielorte
II.V.II. Repertoire
II.VI. Die Entlohnung
II.VII. Die Wanderschaft

III. Die Stellung in der Gesellschaft
III.I. Rechtliche Stellung
III.II. Verteufelung: „Ministri Satanae“

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Meine Hausarbeit befasst sich mit dem Spielmann in der mittelalterlichen Gesellschaft als Bestandteil des damaligen kulturellen Lebens. Ich werde zuerst die den Begriff und die Person des Spielmanns definieren. Danach werde ich im zweiten Teil der Arbeit auf seine Stellung in der Gesellschaft, d.h. seine soziale Anerkennung, Einbindung und Akzeptanz, eingehen. Im letzten Teil erläutere ich die Verbreitung seiner Musik durch Fahrten und ihre Eigentümlichkeiten, die einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der mittelalterlichen Musik geleistet hat.

Sein Stand in der Gesellschaft war häufig umstritten: er war Unterhaltungskünstler für das „Volk“ auf dem Marktplatz oder am Hof, er war ein wichtiges Kommunikationsmittel, da er Nachrichten, Klatsch und Tratsch aus anderen Gegenden mitbrachte und keiner soviel Freiheiten zur Kritik an den herrschenden Schichten des Adel, des Klerus und dem reichem Bürgertum besaß wie er. Und nicht zuletzt wird der fahrende Musiker als „Hauptträger der mittelalterlichen Musikkultur“[1] bezeichnet.

Ziel meiner Arbeit ist es deshalb, einen Überblick über diese genannten Bereiche, ihre Zusammenhänge und Entwicklungen zu geben, wobei ich mich auf den europäischen Raum beschränken werde und nur den fahrenden Musiker als vornehmlichen „Berufsmusiker“ berücksichtige, der sich zeitlebens oder zumindest periodisch „auf Fahrt“ befand.

II. Merkmale des Spielmanns

In jeder Kultur gibt es eine soziales Gruppe, die sich durch „Unbehaustheit, Heimatlosigkeit und unablässiges, zumindest zeitweiliges Wandern“[2] auszeichnet. Ihr Ziel ist es, enge räumliche Grenzen zu überschreiten und in ferne Gegenden zu ziehen. Sie tragen dabei einen erheblichen Teil zum kulturellen Austausch und der geographischen Erschließung bei: Ihre Rolle als internationales Bindeglied auf materieller wie geistiger Ebene ist nicht zu unterschätzen. Und welches Medium eignet sich besser dazu als die Musik?

Der Spielmann gehört keinem Stand an und auch keiner geschlossenen sozialen Schicht, deshalb ist sein Standort innerhalb der teils streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft kaum zu bestimmen. Er findet sich in jeder Gesellschaftsschicht, da er von Geburt sowohl Leibeigener, als auch Adliger oder Ritter sein konnte. Er war manchmal ein hoch angesehener Gast bei Hof, aber auch der verachtete Tagedieb in der untersten sozialen Schicht.

Man muss darum immer die sozialgeschichtliche Entwicklung berücksichtigen, die sich maßgeblich auf den Beruf des fahrenden Musiker auswirkte: so erfolgte die Spezialisierung zum alleinigen Musiker erst im Laufe des Spätmittelalters parallel zur Zunftbildung. Die Hebung des allgemeinen Bildungsstandes und die Herausbildung des frühen Kapitalismus durch die Zünfte beeinflusste den sozialen Stand des Spielmanns erheblich: Es wurde nun der Berufsstand über den Geburtsstand festgelegt, was für den Spielmann, der keinem Stand angehörte, bedeutete, dass er gesellschaftlich noch mehr ins Abseits geriet.

Der Bedeutungsverlust des mittelalterlichen Spielmanns, mit Ausnahmen des Bettelmusikanten, setzt bereits Mitte des 13. Jahrhunderts ein, als sich das feudalistische System aufzulösen begann und er somit gezwungen war, sesshaft zu werden. Mit Aufkommen des Notendrucks und der Förderung des Lesens in der Reformationszeit, konnte Musik auch ohne das Zutun des Spielmanns verbreitet werden, was zur Folge hatte, dass er im internationalen Verkehr als persönlicher Vermittler zunehmend an Bedeutung verlor.

II.I. Herkunft

Die Herkunft des Spielmanns ist weitestgehend ungeklärt: im deutschsprachigen Raum übersetzt man alle lateinischen Bergriffe in den Glossen mit „spilman“, außerdem fungieren die Begriffe wie „ioculator“ oder „spilman“ als Obergriff für alle Unterhaltungskünstler des Mittelalters, die so genannten „Cantores“, „Histriones“, „Ioculatores“, „Scurri“, „Mimi“, „Spil- und Gumpelliute“, „Ménestrels“, „Trobadors“, „Trouvères“ und „Minnesinger“. Hinzu kommt noch die undifferenzierte Schreibweise, die teilweise schon im nächsten Landstrich anders war.

Es haben sich in der Forschung zu seiner Herkunft zwei Thesen herausgebildet: Hampe (1902) vermutet, das der europäische Spielmann vom „skôp“, einem germanischen Helden- und Mythensänger, abstammt. Reich (1903) hingegen behauptet, er ist der Nachfahre der „Mimus-Darsteller“[3]. Beide Thesen erwiesen sich als unhaltbar, da beide davon ausgingen, dass der Beruf des Spielmanns nur einem bestimmten Personenkreis offen stand, und dass sich die sozialen Bedingungen über einen langen Zeitraum nicht verändert hatten.

Ebenfalls von der Forschung wenig beachtet, blieben die Frauen unter den Spielleuten: Einige der „Jouglaresses“, „Troubairitz“, „Ménestrelles“, „Juglara“, „Jograresa“ und „Gliewméden“, sind sogar mit Namen urkundlich belegt. Lied mit Melodie ist das Canso „A Chantar“ der okzitanischen Sängerin Comtessa da Dia. Des Weiteren sind 15 Chansons, davon fünf mit Melodie von weiblichen Trouvères überliefert.

II.II. Der Begriff des „Spielmanns“

Wie Piet Wareham bemerkte, gehört „die Spielmannsphänomenologie zum kulturhistorischen Bild des Mittelalters als die unanalysierbare Resultante vormittelalterlicher Entwicklungen“.[4] Damit ist gemeint, dass die Bezeichnung für die Fahrenden, ob sie nun berufliche Musiker waren oder nicht, generell und „allesamt undifferenziert mehrdeutig“[5] sind.

Die schreibkundigen Verfasser der vorhandenen Quellen, auf die die Forschung zurückgreifen muss, macht selten einen Unterschied zwischen einem Berufskünstler der höheren Schicht, wie z. B. der des Musicus, oder einer niederen, wie die das Possenreißers. Fahrende, die weder Macht noch Reichtum besaßen, bis auf wenige Ausnahmen, auf die ich im Verlauf meiner Arbeit noch eingehen werde, wurden im Kollektiv gering geschätzt. Es gibt keine Anzeichen für Berufstätigkeit: So konnte ein „histrio“, „joculator“ und „mimus“, sowohl ein Schauspieler, als auch ein Geschicklichkeitsakrobat oder Musiker sein, der sang und mehrere Instrumente spielte. Diese Bezeichnungen und die des „spilman“ waren im europäischen Mittelalter am weitesten verbreitet, im Osten war es das slawische Wort „igrec“ oder „igrez“.[6]

Im 11. Jahrhundert wurden diese Bezeichnungen dialektisch angepasst und flexiert, wobei dann das Wort „Gaukler“ im Neuhochdeutschen entstand.

II.III. Die Namensgebung

Eine Besonderheit beim Spielmann war auch seine Namensgebung: Wie heute noch bei Künstlern üblich, trug er häufig eine Art Künstlername, der mehrere Funktionen hatte. Einmal wollte der Spielmann dadurch seine manchmal bürgerliche Abstammung verschleiern oder durch den „nomina iocosa“[7] beim Publikum auf sich aufmerksam machen. Die Namen war aber nicht nur „Reklameattribut, sondern konnte auch von der Umwelt geprägte Spott- und Kosenamen, die an den Betroffenen gerne als allgemein bekannt, oft markschreierisch aufdringlich klingende Stempel haften blieben.“[8]

Die Namensgebung bezog sich ebenso auf das Leben des Fahrenden wie z. B. „Suchendank“, „Suchenschatz“ oder „Suchenwirt“. Manchmal nannte der Spielmann in der Fremde sein Herkunftsland wie „Rumelant von Schwaben“. 1363 nannte sich in Basel ein Pfeifer „Meyenvogel“, was auf den Dienst des Liebesboten hinwies. Der „Ménestrel Pistoleta“ bedeutete Brieflein, was Bezug auf den Botendienst nahm. Es gab auch lautmalerische Bezeichnungen wie die eines Trommlers der sich „Bombarach“ nannte. Schon im 13.Jahrhundert wurde es dann üblich, dass man den Vornamen und danach die Berufsbezeichnung, „dictus spilman“, schrieb. Diese wird im Laufe des 16. Jahrhundert zum gängigen Nachnamen, so dass sich in den Einbürgerungsurkunden nun frühere Beinamen wie „Pfeifer“, „Lautenschlager“, „Trummenschlager“ als eingetragene Familiennamen finden lassen.[9]

[...]


[1] Gennrich, F.: Internationale mittelalterliche Melodien. In: ZfMw 11 (1929). S. 264

[2] Salmen, Walter: Der Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter.S.7

[3] Diehr, Achim: Literatur und Musik im Mittelalter. Eine Einführung. S.24

[4] Wareham, Piet: Spielmannsdichtung. Versuch einer Begriffsbestimmung. S.120

[5] Salmen, Walter: Der Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter.S.23

[6] Salmen, Walter: Der Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter.S.24

[7] Scherzhafter/ spaßiger Name

[8] Salmen, Walter: Der Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter.S.53

[9] Salmen, Walter: Der Fahrende Musiker im europäischen Mittelalter.S.54/55

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638679206
ISBN (Buch)
9783640531158
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v74002
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften
Note
1,3
Schlagworte
Gesellschaftliche Stellung Bedeutung Spielmanns Mittelalter Europäische Lebensformen

Autor

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