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Die Auswirkungen eines Traumas auf das Gehirn und die Möglichkeit der Bewältigung posttraumatischer Symptome mit Hilfe von EMDR

Hausarbeit 2007 12 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Wann wird EMDR angewandt?

3 Trauma und Gehirn
3.1 Das Gehirn im Normalzustand
3.2 Trauma – Das Gehirn im Ausnahmezustand
3.3 Die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse auf Körper und Gehirn

4 Die acht Phasen der EMDR-Behandlung
4.1 Anamnese und Behandlungsplan
4.2 Vorbereitung
4.3 Bewertung
4.4 Desensibilisierung (Reprozessierung)
4.5 Verankerung (Installation)
4.6 Körpertest (Body-Scan)
4.7 Abschluss
4.8 Überprüfung (Re-Evaluation)

5 Resümee

6 Literatur

1 Einleitung

EMDR ist die Abkürzung für E ye M ovement D esensitization and R eprocessing. Es handelt sich dabei um eine „[...] hoch wirksame traumabearbeitende Psychotherapie­methode“,[1] die von der klinischen Psychologin Francine Shapiro im Zeitraum von 1987 bis 1991 in den USA entwickelt und später fortwährend verfeinert wurde. Anstoß zur Entwicklung der Methode war ein persönliches Erlebnis Shapiros im Frühjahr 1987. Sie litt unter einer Krebserkrankung und wurde regelmäßig von belastenden Gedanken heimgesucht. Bei einem Spaziergang im Park stellte sie fest, dass zuvor stark belastende Gedanken verschwanden bzw. anschließend nicht mehr so belastend waren, nachdem sie ihre Augen zufällig hin- und her bewegt hatte.[2] Diese Erkenntnis nutzte sie zunächst, um „[...] eine spezifische Methode der Behand­lung traumatischer Erinnerungen [...]“[3] zu etablieren, welche den Namen E ye M ovement D esensitization (EMD) erhielt. Erst ab 1991, als das Verfahren in verfeinerter Form auch bei Patienten mit anderen psychischen Störungen zum Ein­satz kam, nennt Shapiro es EMDR. Es handelt sich nicht nur um ein Verfahren, das auf dem Wissen um die Desensibilisierung durch Augenbewegungen beruht, son­dern auch um eines, das eine beschleunigte Verarbeitung von Informationen ermög­licht. Andere affektive Stimuli wie z.B. Berührungen durch die Hände des Therapeuten oder akustische Signale können in eine EMDR-Sitzung einfließen, um den Prozess zu unterstützen. „Insgesamt betrachtet ergibt sich so das Bild einer komplexen klinischen Intervention, die alle Aspekte der Erinnerung und der dysfunktionalen Verarbeitung einbezieht, sowie die Möglichkeiten, die positiven Resultate zu generalisieren.“[4] EMDR in seiner jetzigen Form bedient sich nicht nur den Erkenntnissen der Neurowissenschaften, sondern vereint auch zahlreiche Schlüsselaspekte traditioneller psychologischer Disziplinen in sich. „Diese umfassen den Einsatz von frühkindlichem Material und Traummaterial (psychodynamisch), die Arbeit mit gegenwärtigen Stimuli (verhaltenstherapeutisch), die Berücksichtigung von negativen und positiven Selbstzuschreibungen (kognitiv), die Einbeziehung körperli­cher Empfindungen (körperbezogen) und eine systematische Orientierung für die letztendliche Integration der Behandlungseffekte (interaktional).“[5]

2 Wann wird EMDR angewandt?

EMDR wird hauptsächlich bei Personen angewandt, die an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Diese entwickeln Erwachsene, Jugendliche und Kinder, denen es nicht gelingt, das traumatische Erlebnis zu verarbeiten und in die eigene Biographie zu integrieren. „Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), welche in den Diagnosesystemen zu den Angststörungen (DSM-IV) bzw. Angst- und Belastungsstörungen (ICD-10) gezählt wird, zeichnet sich durch fünf Hauptkriterien bzw. mögliche Symptomgruppen aus:

- das Erlebnis eines Traumas wie z.B. ein schwerer Unfall, eine Vergewaltigung oder eine Naturkatastrophe
- das Auftreten unwillkürlicher und belastender Erinnerungen an das Trauma (sog. Intrusionen)
- ein Vermeidungsverhalten und/oder ein allgemeiner emotionaler Taubheitszu­stand,
- eine anhaltende physiologische Übererregung (sog. Hyperarousal) und
- die Symptome halten länger als ein Monat an.“[6]

Insbesondere die spontan auftretenden und nicht kontrollierbaren Intrusionen, welche sich in Form von Alpträumen, Flashbacks[7] oder Nachhallerinnerungen mani­festieren, können den Alltag der Person so massiv einschränken, dass bei Ärzten und Therapeuten Hilfe gesucht wird. EMDR als kurz angelegte (in manchen Fällen sind schon drei oder vier Sitzungen ausreichend), aber insbesondere im Falle von Mono-Traumata wirksame Maßnahme wird im Rahmen der ambulanten Versorgung (noch) nicht von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt, so dass die Sitzungen vom Klienten selbst gezahlt werden müssen. Eingebettet in eine Traumatherapie kann EMDR auch bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen durchgeführt werden, sofern der Therapeut mit der Behandlung dieser vertraut ist.

3 Trauma und Gehirn

3.1 Das Gehirn im Normalzustand

Das menschliche Gehirn, welches geschützt in der Schädelhöhle liegt und von der Hirnhaut umhüllt wird, kann als die Steuerzentrale des gesamten Körpers bezeichnet werden, denn es gewährleistet, dass wir einen Kontakt zu der uns umgebenden Um­welt herstellen und diese interpretieren lernen. Einfach ausgedrückt: Im Gehirn lau­fen die Informationen aus dem Körper und der Umwelt zusammen. „Im normalen Alltag geht dem Gehirn ein kontinuierlicher Strom von Sinnesdaten und Informationen zu, die auf verschiedenen Hierachieebenen nach ihrer Wichtigkeit geordnet und entsprechend gefiltert und ausgewählt werden.“[8] Viele Informationen gehen im Zuge des Selektionsprozesses verloren, d.h nur ein kleiner Anteil dessen, was aufgenommen wurde kann von der Person nachfolgend in Form einer Erinnerung abgerufen werden. Damit diese komplexen Vorgänge ohne Störungen ablaufen können, hat das Gehirn einen sehr hohen Bedarf an Energie und Sauerstoff, der fortwährend gedeckt sein muss. Wird es nur kurzfristig unzureichend mit Sauerstoff versorgt, kann es bereits zu schweren Schädigungen kommen und im schlimmsten Fall der Hirntod eintreten. Mit Stresssituationen dagegen kann das Gehirn umgehen. Sie dienen als Herausforderung und Antrieb, sofern sie dosiert auftreten und nicht übermäßig lange andauern und tragen dazu bei, dass bereits bestehende Verschaltungen verbessert werden.

3.2 Trauma – Das Gehirn im Ausnahmezustand

Eine traumatische Situation ist von einer normalen Stresssituation abzugrenzen. Die traumatische Situation ist dadurch gekennzeichnet, dass sie eine Bedrohung für das Leben der Person oder dessen Unversehrtheit darstellt und die individuellen psychi­schen Verarbeitungskapazitäten der Person übersteigt. Es gibt weder die Möglichkeit gegen die Bedrohung anzukämpfen, noch zu fliehen und insbesondere diese Tatsa­che ist dafür verantwortlich, dass viele Menschen nach einem traumatischen Erlebnis unter belastenden Symptomen leiden, die eine psychotherapeutische Intervention wie die EMDR-Methode notwendig macht. Wenn ein Ereignis als gefährlich eingestuft wird, setzt das Nerven- und Hormonsystem instinktiv sehr viel Energie frei, um auf diese Bedrohung eine angemessene Reaktion zu zeigen. Angemessen be­deutet hier eine, die die Bedrohung abwendet. Bedingt durch bestimmte äußere Um­stände wie z.B. Gewaltandrohung ist der Mensch jedoch während einer traumatischen Situation handlungsunfähig, so dass „[...] der kontinuierliche Fluss von Informationen zu ihren Verarbeitungszentren u.a. durch eine Welle von den Organis­mus mobilisierenden Neurohormomen unterbrochen wird.“[9] Der Hippocampus, der für die geordnete und differenzierte Informationsverarbeitung zuständig ist, gibt seine Vorherrschaft an die Amygdala ab. Der Mensch wird von großer Angst heimgesucht und erkennt die eigene Hilfslosigkeit angesichts der ausweglos scheinenden Situation. Zeitgleich befindet sich das Gehirn in einem Zustand höchster Erregung, was dazu führt, dass ein vermehrter Ausstoß körpereigener Opiatsstoffe stattfindet. Unter der Prämisse, das Leben um jeden Preis zu erhalten, werden Angst und Schmerz abgeschaltet. Der Mensch erlebt in diesem Moment etwas, was die klinische Psychologie Dissoziation nennt. „Es handelt sich dabei um einen Prozess, durch den Gedanken, Gefühle oder Einstellungen ihre normale Verknüpfung (Assoziation) zu anderen Inhalten und zur Persönlichkeit verlieren; sie werden abge­spalten und sind häufig später der Erinnerung nicht mehr zugänglich.“[10] Die Reaktionen variieren dabei von Person zu Person. So kann sich z.B. ein Kind während einer Missbrauchssituation außerhalb seines Körpers fühlen (z.B. schwebend über dem Bett) oder aber sich in eine Phantasiewelt zurückziehen, in der ihm niemand Schaden zufügen kann.

[...]


[1] << www.emdr-institut.de/0100_emdr/index.php >> 20.03.2007, 13.36 Uhr.

[2] Ebd.

[3] Eschenröder, Christof T. (Hrsg.): EMDR – Eine neue Methode zur Verarbeitung traumatischer Erin­nerungen. dgvt-Verlag, Tübingen 1997, S. 11.

[4] Shapiro, Francine: EMDR – Grundlagen und Praxis. Handbuch zur Behandlung traumatisierter Menschen. Junfermann Verlag, Paderborn 1998, S. 55.

[5] Eschenröder, Christof T. (Hrsg.): EMDR – Eine neue Methode zur Verarbeitung traumatischer Erin­nerungen, dgvt-Verlag, Tübingen 1997, S. 97.

[6] Vgl.

<<http://charite-psychiatrie.de/menuelinks/patienteninformation/krankheitsbilder/posttraumatischebel.html >> 25.03.2007, 15.17 Uhr.

[7] Unter Flashbacks versteht man das spontane, vorübergehende Wiedererleben früherer Gefühlszu­stände. Im Rahmen einer PTBS ist damit das wiederkehrende unwillkürliche Nacherleben der be­drohlichen (oder als bedrohlich erlebten) traumatisierenden Situation gemeint.

[8] Vgl. Hofmann, Arne: EMDR in der Therapie postraumatischer Belastungssyndrome. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 1999, S. 5.

[9] a.a.O., S. 6

[10] << http://lexikon.meyers.de/meyers/Dissoziation >> 25.03.2007, 20.32 Uhr.

Details

Seiten
12
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638744065
ISBN (Buch)
9783638755320
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73975
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Philosophie
Note
1,3
Schlagworte
Auswirkungen Traumas Gehirn Möglichkeit Bewältigung Symptome Hilfe EMDR Grundprobleme Philosophie Gehirns

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