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Der Atomkonflikt mit Iran - Lösungsansätze und Perspektiven aus neorealistischer Sicht

Seminararbeit 2006 18 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Neorealismus nach Waltz
2.1 Politische Strukturen und Prinzipien
2.2 Einheiten des internationalen politischen Systems
2.3 Distribution von Ressourcen
2.4 Interdependenz und Integration
2.5 Verhältnis von Strukturen und Strategien
2.6 Freiheit als Kennzeichen von Anarchie
2.7 Handlungsmodelle im Neorealismus
2.7.1 Balance of Power
2.7.2 Bandwagoning
2.7.3 Balancing oder Bandwagoning?

3. Der Atomstreit mit Iran

4. Das Sicherheitsdilemma

5. Lösungsansätze aus Sicht des Neorealismus
5.1 Balancing
5.2 Bandwagoning
5.3 Aspekte einer Konfliktlösung
5.3.1 Geschlossenes Vorgehen gegen Iran
5.3.2 Anreize für Iran
5.3.3 Kosten-Nutzen-Aspekte

6. Ausblick

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. Einleitung

Bereits seit geraumer Zeit ist das Verhältnis zwischen der westlichen Welt und Iran deutlich angespannt. Der Grund für die momentan extreme Anspannung liegt im Wesentlichen im aktuellen Atomstreit zwischen den Konfliktparteien. Während die auf Kontrolle und Sicherheit bedachten Staaten der westlichen Welt bzw. des UN-Sicherheitsrats darauf bestehen, dass Iran sein Atomprogramm der Kontrolle der internationalen Gemeinschaft unterwirft und sich an die Bedingungen des Atomwaffensperrvertrags hält, erhebt Iran uneingeschränkten Anspruch auf einen geschlossenen atomaren Energiekreislauf und die Anreicherung von Uran, welches nicht zuletzt zum Bau von Atomwaffen verwendet werden kann. Vor allem jedoch verwehrt sich das Land den gestellten Forderungen und sorgt auf diese Weise für eine zunehmende Eskalation der Situation. Grund für dieses Vorgehen scheint nicht zuletzt die kritische Sicherheitslage im Nahen Osten zu sein, die zumindest dafür sorgt, dass Iran offiziell Anspruch auf einen eigenen und somit geschlossenen atomaren Energiekreislauf erhebt. Iran befindet sich geografisch in einer recht prekären Lage: Zum einen stellt der Nahe und Mittlere Osten nahezu ständig einen Krisenherd dar, zum anderen ist das Land umgeben von allgemein bekannten Atommächten wie Israel, Russland, Pakistan und Indien. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen dabei auch die Vereinigten Staaten, die in der gesamten Region militärisch präsent sind und ebenfalls über atomare Ressourcen verfügen.

Es ist dies ein klassisches Szenario, wie es im Neorealismus nur allzu oft beschrieben wird. Das geschilderte Problem wirft dabei die Frage auf, welche Lösungsansätze und Perspektiven in diesem Konflikt aus neorealistischer Sicht möglich sind. Bezeichnend ist dabei das aus Sicht des Neorealismus typische Verhalten Irans, das sich als offensichtlicher „Underdog“ den Forderungen der Weltmächte vehement widersetzt. In dieser Hausarbeit sollen daher die unterschiedlichen Rollen der Konfliktparteien näher untersucht werden; die Analyse soll dabei aus Sicht des Neorealismus nach Waltz die aufgeworfene Fragestellung beantworten. Dabei ist die (globale) Sicherheit einer der Kernpunkte des Problems und gleichzeitig einer der Schlüsselbegriffe des Neorealismus. Der theoretische Rahmen der Analyse wird sich dabei im Wesentlichen an Waltz’ Ausführungen orientieren, weitere Aspekte des Neorealismus und Quellen zu dem hier vorliegenden Konflikt werden ebenfalls in die Analyse einfließen. Dabei sollen nach einem Überblick über den Konflikt anhand der eingeführten Überlegungen und Begriffe mögliche Handlungsoptionen aufgezeigt werden. Am Ende der Ausführungen steht ein Ausblick auf einen möglichen Ausgang des Konflikts.

2. Der Neorealismus nach Waltz

Waltz’ Ausführungen zum Neorealismus stehen nicht am Anfang einer Theorie. Bereits zuvor hatte Morgenthau mit seinem Buch „Politics among Nations“ (1948) wesentliche Begriffe des Realismus geprägt. Kenneth Waltz nahm diese Überlegungen Ende der 1970er Jahre in seinem Buch „Theory of International Politics“ auf und stellte den
Überlegungen Morgenthaus zum internationalen Machtsystem den Aspekt der Sicherheit gegenüber. Wesentlich ist für Waltz dabei die Frage der Struktur, die er im Hinblick auf das Ordnungsprinzip, die Funktionen der Einheiten sowie die Distribution von Ressourcen bestimmt.

2.1 Politische Strukturen und Prinzipien

Die Grundannahme von Waltz ist, dass ein System aus einer Struktur sowie miteinander in Beziehung stehenden Einheiten besteht (vgl. Waltz 1979: 79). Für die Struktur ist es dabei von wesentlicher Bedeutung, dass das Augenmerk auf die Position der einzelnen Einheiten gelenkt wird. Die Beziehung zwischen den einzelnen Einheiten bleibt nach Waltz unbedeutend (vgl. Waltz 1979: 80). Auf diese Weise erhält man eine Skizze der Gesellschaft, in der die Positionen deutlich werden, was dazu führt, dass eine fixe Struktur gegeben ist, die universell anwendbar ist und auf andere Fälle übertragen werden kann (vgl. Waltz 1979: 80).

Waltz überträgt diese Annahmen nun auf seine Analyse von politischen Systemen und hält fest, dass die Struktur die Anordnung eines Systems bestimmt (vgl. Waltz 1979: 81). Eine nationale politische Struktur besteht demnach aus dem Prinzip, nach dem sie geordnet ist; ferner aus den Funktionen, die den unterschiedlichen Einheiten zugeschrieben werden; schließlich aus der Verteilung von Fähigkeiten unter den einzelnen Einheiten (vgl. Waltz 1979: 82). Bereits hier wird deutlich, dass sich Waltz in seinen weiteren Ausführungen zum Neorealismus ausschließlich auf die gegenseitige Wirkung von Struktur und Prozess konzentriert und dabei politische Abläufe unberücksichtigt lässt (vgl. Waltz 1979: 82). So lange die politische Struktur bestehen bleibt, sorgt sie für eine ähnliche Leistung und einen ähnlichen Ablauf von Prozessen (vgl. Waltz 1979: 87).

Nachdem Waltz zunächst auf nationale Strukturen eingeht und eine dreigliedrige Definition aufgestellt hat (s.o.), wendet er nun seine Definition auf das internationale System an, mit dem er sich anschließend intensiver beschäftigt: Während in nationalen Strukturen eine klare Hierarchie herrscht und eine Orientierung auf das Zentrum der Macht, d.h. ein System der Über- und Unterordnung existiert, sind die Einheiten eines internationalen Systems auf Koordination angewiesen. Formal gesehen steht keine Einheit über einer anderen: Weder darf eine Einheit anderen Befehle erteilen noch muss sie anderen Befehlen Folge leisten (vgl. Waltz 1979: 88). Internationale Systeme zeichnen sich durch einen hohen Grad an Dezentralisierung und Anarchie aus und stellen ein klares Gegenteil zur Struktur nationaler Systeme dar (vgl. Waltz 1979: 88). Besonders auffällig ist dabei die Abwesenheit einer übergeordneten Instanz, wodurch sich Befehlsgewalt schnell durch die individuelle Fähigkeit einer Einheit bemessen lässt (vgl. Waltz 1979: 88). Diese Ausprägung führt dazu, dass die Einheiten individualistisch und auf ihr eigenes Wohlergehen aus sind (vgl. Waltz 1979: 91). So entsteht ein internationales System der Selbsthilfe, in welchem die einzelnen Akteure ihr Überleben sichern wollen (vgl. Waltz 1979: 91). Das Streben nach Überleben ist deshalb notwendig, weil die Sicherheit – einer der Kernpunkte von Waltz‘ Theorie – nie gewährleistet ist und aufgrund der anarchischen Struktur des Systems auf der eigenen Initiative der Akteure beruht (vgl. Waltz 1979: 92).

2.2 Einheiten des internationalen politischen Systems

Das zweite Kriterium, das Waltz zur Definition von politischen Strukturen heranzieht, liegt in den Eigenschaften der Einheiten. Internationale Strukturen verändern sich dabei nur durch unterschiedlich ausgeprägte Ressourcen („capabilities“) der Einheiten (vgl. Waltz 1979: 93). Waltz vergisst dabei nicht zu erwähnen, dass Staaten zwar nicht die einzigen internationalen Akteure sind, sehr wohl aber die wichtigsten (vgl. Waltz 1979: 93). Daher ist eine Entscheidung nötig, um die Struktur beschreiben zu können – andere Akteure bleiben bei ihm unberücksichtigt, allein die Staaten spielen eine Rolle. Waltz macht ferner deutlich, warum er Staaten als gleiche Einheiten („like units“) bezeichnet. Dies gilt nach seinen Ausführungen lediglich in der Hinsicht, dass ein Staat einem anderen im Hinblick auf die politische Autonomie gleicht, d.h. souverän ist (vgl. Waltz 1979: 95). Damit darf jedoch nicht die Annahme einhergehen, dass diese Souveränität beliebiges Handeln von Staaten zulässt – ein Einfluss von außen durch andere Staaten kann hier im Wege stehen (vgl. Waltz 1979: 96). Waltz folgert schließlich, dass Staaten im Grunde genommen gleich und dennoch unterschiedlich sind – dieser scheinbare Gegensatz basiert auf ihren unterschiedlich ausgeprägten Ressourcen (vgl. Waltz 1979: 97).

2.3 Distribution von Ressourcen

Während sich in einem hierarchischen System die Einheiten durch funktionale Zuweisung und ihre Ressourcen voneinander abheben, zeichnen sich die Einheiten in einem anarchischen System durch größere oder geringere Ressourcen („capabilities“) im Hinblick auf ähnliche Aufgaben aus (vgl. Waltz 1979: 97). Demnach verändert sich die Struktur eines Systems dann, wenn sich die Distribution der Ressourcen unter den einzelnen Einheiten ändert (vgl. Waltz 1979: 97). Die Ressourcen spiegeln sich dabei im Wesentlichen durch das Machtpotenzial der Akteure wider (vgl. Waltz 1979: 97). Ein Staatengefüge entsteht so durch die unterschiedlichen Machtkompetenzen der Einheiten. Die unterschiedliche Verteilung von Ressourcen wird dabei nicht im Hinblick auf einen Staat deutlich, sondern allein bei Betrachtung des Gesamtgefüges, wobei die Interaktion zwischen den einzelnen Staaten außer Acht gelassen wird (vgl. Waltz 1979: 98-99).

2.4 Interdependenz und Integration

Des Weiteren stellt Waltz fest, dass unterschiedliche Einheiten umso mehr voneinander abhängig sind und sich ergänzen, je spezialisierter oder einzigartiger ihre Ressourcen ausgeprägt sind (vgl. Waltz 1979: 104). Die Interdependenz beruht dabei auf rationalen Überlegungen über Gewinne und Verluste bei den einzelnen Einheiten. Beim internationalen System, welches nach Waltz durch das Selbsthilfe-Prinzip gekennzeichnet ist, bestimmt das Streben nach Überleben das Verhalten der einzelnen Einheiten (vgl. Waltz 1979: 105). Die eigene Unabhängigkeit bei gleichzeitiger Gewinnmaximierung steht dabei stets im Vordergrund der Überlegungen eines Staates (vgl. Waltz 1979: 106).

2.5 Verhältnis von Strukturen und Strategien

Dass ein Handlungsmotiv nicht immer das gewünschte Ergebnis herbeiführt, beruht auf der Struktur, die unter Umständen unbeabsichtigte Konsequenzen mit sich zieht (vgl. Waltz 1979: 107). Strukturelle Zwänge können dabei nicht unberücksichtigt bleiben, auch wenn dies gewünscht ist. Um den Systemerhalt zu sichern, müssen eigene Ziele zum Wohl des Ganzen geopfert werden (vgl. Waltz 1979: 109). Dabei bleibt festzuhalten, dass umfangreiche und anspruchsvolle Aufgaben nur von Akteuren ausgeführt werden können, die über ebenso umfangreiche und anspruchsvolle Fähigkeiten verfügen (vgl. Waltz 1979: 109). Aus diesem Grund sind vor allem die dominanten und großen Staaten im System gefragt, das Notwendige für das Überleben der Welt zu leisten (vgl. Waltz 1979: 109).

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Details

Seiten
18
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638678988
ISBN (Buch)
9783638755313
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73971
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Politikwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Atomkonflikt Iran Lösungsansätze Perspektiven Sicht Grundseminar Realismus Neorealismus

Autor

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