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"Kommunikation" und "einfache Sozialsysteme" bei Niklas Luhmann - Impulse für die Kommunikationswissenschaft

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Begriffe der Systemtheorie
2.1 Die Organisationsweise der Autopoiesis
2.2 Sinn und Sinndimensionen
2.3 Die Ebenen sozialer Systeme

3. Einfache Sozialsysteme bei Niklas Luhmann
3.1 Das Kriterium der Anwesenheit
3.2 System und Umwelt
3.3 Strukturbildung durch Thema und Beitrag
3.4 Individuen und Personen
3.5 Das Theorem der (zweifach) doppelten Kontingenz

4. Die Kommunikation als selbstreferentieller Prozess
4.1 Eine Synthese aus Selektionen
4.2 Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation
4.3 Die Beteiligung des Bewusstseins an der Kommunikation
4.4 Kommunikation und Handlung

5. Impulse für die Kommunikationswissenschaft

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

Anhang:
Abbildung

1. Einleitung

Als der Soziologieprofessor Niklas Luhmann 1969 von der Universität Bielefeld aufgefordert wurde, sein Forschungsprojekt zu benennen, beschrieb er seine Arbeit folgendermaßen. Sein Projekt lautete damals und seitdem: „Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine“.[1]

Niklas Luhmann verfolgte bei seiner langjährigen Arbeit an der Konstruktion einer umfassenden Systemtheorie das Ziel, eine „[...] universal angelegte Theoriearchitektur [...]“[2] zu entwerfen, die in der Lage ist der komplexen modernen Weltgesellschaft gerecht zu werden.

Als Schüler des Systemtheoretikers Talcott Parsons, beschäftigt sich auch Niklas Luhmann mit Systemen und deren Zusammensetzung aus Elementen zu komplexen Strukturen. Dennoch sind ihre Theorien, hinsichtlich der Komponenten und ihrer Organisationsweise, unterschiedlich.[3]

Niklas Luhmanns Gesellschaftstheorie lässt sich in vier Teilbereiche untergliedern, die allgemeine Systemtheorie, die Evolutionstheorie, die Differenzierungstheorie und die Kommunikationstheorie. Hierfür fließen Ansätze aus sehr unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen mit ein, wie zum Beispiel aus der Biologie, der Kybernetik, der Neurophysiologie und der Erkenntnistheorie.[4]

Im Folgenden sollen die, aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht, relevanten Bereiche der Systemtheorie näher beleuchtet werden. Die einfachen Sozialsysteme und das Verständnis von Kommunikation bei Niklas Luhmann. Aufgrund der begrenzten Umfangsvorgabe können nicht alle Aspekte der Systemtheorie berücksichtigt werden. Einige Bereiche der Theorie können daher entweder nur angerissen, oder müssen gänzlich außer Acht gelassen werden. Bei der Verwendung von Beispielen im Text, die sich durch kursive Schrift absetzen, wird der Individuumsbegriff, aus Gründen der Veranschaulichung, nicht im systemtheoretischen Sinn gebraucht werden. Abschließend soll auf den Unterschied der systemtheoretischen, im Vergleich zur handlungstheoretischen und wissenssoziologischen, Perspektive auf die interpersonale Kommunikation eingegangen werden. Es wird also der Frage nachgegangen, inwiefern die Ansätze der Systemtheorie zum besseren Verständnis interpersonaler Kommunikation verhelfen und welche Vorteile diese „neue“ Herangehensweise mit sich bringt. „Neu“ soll dabei nicht im Sinne von aktuell verstanden werden, sondern ist im Vergleich zu Kommunikations-theorien und -modellen zu sehen, die bis zur Etablierung der Systemtheorie vorherrschend/ traditionell waren.

2. Zentrale Begriffe der Systemtheorie

Die Begriffe System, Autopoiesis und Sinn durchziehen Luhmanns gesamte Systemtheorie und ermöglichen eine Unterteilung in drei Analyseebenen, die zur Verdeutlichung in Abbildung 1 dargestellt sind. Die Ebene des Organisationsprinzips von Systemen, die Ebene ihrer Operationsweise und die Ebene der Systemarten innerhalb der sozialen Systeme.

Ein System ist eine spezifische Menge an Elementen, die zueinander in Beziehung stehen und so eine Struktur aufbauen. Die Elemente bilden dabei eine abgegrenzte Einheit, die sich von der sie umgebenden Umwelt unterscheidet. Ein weiteres Charakteristikum ist, dass das Systemganze stets mehr ergibt als die Summe seiner einzelnen Teile. Die Elemente werden in einer jeweils spezifischen Art und Weise zusammengefügt werden und gehen Verbindungen ein. Eine theoretisch andere Anordnung und Strukturierung der identischen Teile würde auch eine andere Ganzheit ergeben.[5]

2.1 Die Organisationsweise der Autopoiesis

Die erste Ebene beschreibt, auf welche Weise sich die Systeme organisieren. Luhmann unterscheidet grundsätzlich drei Arten von autopoietischen Systemen, die biologischen, psychischen und die sozialen Systeme.[6]

Niklas Luhmann führt 1984 den, aus der Biologie stammenden, Begriff der Autopoiesis in die Systemtheorie ein und bewirkt so eine Wende in seiner Theorie sozialer Systeme.[7]

Systeme, die nach dem autopoietischen Konzept funktionieren, sind autonom gegenüber der Umwelt, weil sie weitgehend unabhängig von ihr existieren, aber trotzdem auf bestimmte Umwelteinflüsse angewiesen sind. Weiterhin können sie als operational geschlossen bezeichnet werden, weil es während des Bestehens des Systems weder Anfang noch Ende gibt. Systeme sind zwar „[...] operational, organisational und informationell geschlossen, aber materiell und energetisch offen“.[8] Neben der operationalen Geschlossenheit sind gleichzeitig offen, da sie Dinge, wie zum Beispiel Rohstoffe und Energie, die sie nicht aus sich selbst hervor bringen können, aus der Umwelt beziehen müssen. Weitere Charakteristika eines autopoietischen Systems sind die Selbstproduktion und die Selbsterhaltung der Elemente in selbstreferentiellen Prozessen und die Selbstorganisation der Strukturen. Selbstreferenz bedeutet, dass die Bildung und Erhaltung eines Systems nur aus sich selbst heraus passieren kann. Die Elemente werden also, durch Bezugnahme auf sich selbst, aus den eigenen Elementen gebildet.[9]

Zum Beispiel werden in einer partnerschaftlichen Beziehung Strukturen wie die Verteilung der Aufgaben, also wer Einkaufen geht und wer das Geld verdient, aber auch die Aufrechterhaltung der Beziehung, allein durch sich selbst organisiert und gewährleistet.

2.2 Sinn und Sinndimensionen

Die zweite Analyseebene beschreibt, die von Sinn geleitete, Operationsweise von Systemen. Von den biologischen, psychischen und sozialen Systemen sind es nur die sozialen, deren Sinnverarbeitung durch Kommunikation vollzogen wird. Nur sie bestehen, organisieren und erhalten sich in Form von Kommunikation. Im Gegensatz dazu, geschieht die Sinnverarbeitung bei den psychischen Systemen durch Gedanken und Vorstellungen.

Das Medium[10] Sinn ist das Bindeglied zwischen den psychischen und den sozialen Systemen.[11]

Der Sinnbegriff bei Niklas Luhmann bezieht sich auf Selektionen und Differenzen, er ist also nicht gleichzusetzen mit der im Alltag gebräuchlichen Bedeutung von Sinn.

Um in der komplexen Welt, mit ihrem unendlichen Horizont an Möglichkeiten, kommunizieren, handeln und erleben zu können, muss selektiert werden. Das potentiell Mögliche wird durch eine Aktualisierung mit Sinn ausgestattet. Sinn hat die Funktion, die Komplexität des Handelns und Erlebens zu reduzieren, gleichzeitig aber auch auf andere Möglichkeiten zu verweisen. Es ist also nicht nur das, was ausgewählt wurde, sondern auch der Verweis auf das nicht selektierte von Bedeutung.[12]

Nachdem ein Ereignis aktuell ist, verschwindet es sofort wieder und macht so Platz für den Anschluss neuer, sinnhafter Möglichkeiten. An diesem Sachverhalt der zeitlichen Instabilität und rekursiven Erneuerung wird deutlich, dass auch Sinn nach dem autopoietischen Konzept operiert.[13]

Nach Luhmann werden drei Sinndimensionen unterschieden, nämlich die Zeit-, die Sach- und die Sozialdimension. Die Zeitdimension bezeichnet das Wann, indem sie aus der prozessierten Unterscheidung zwischen vorher versus nachher resultiert. Die Sach-dimension differenziert dies von dem anderen und bezeichnet das Was. Die Sozialdimension bezeichnet das Wer und ergibt sich aus der prozessierten Unterscheidung des Verhältnisses und der Perspektiven zwischen Alter und Ego[14].

Wenn Person A und Person B (Sozialdimension), beispielsweise kommunizieren, dann geschieht dies zu einem konkreten Zeitpunkt (Zeitdimension), über ein aktuell definiertes Thema (Sachdimension) und gibt Auskunft über die Beziehung zwischen den beiden und deren jeweilige Perspektive.

2.3 Die Ebenen der sozialen Systeme

Auf der dritten Analyseebene lassen sich die sozialen Systeme, nach ihrem unterschiedlichen Komplexitätsgrad, in die Ebenen der Interaktion, Organisation und der Gesellschaft gliedern. Die Gesellschaft kann wiederum in verschiedene Funktionssysteme, wie Religion, Politik, Familie etc. , unterteilt werden.[15] Sie fungiert dabei als ein umfassendes, differenziertes System, das aus Teilsystemen und Teilsystemen in Teil-systemen besteht.[16]

Anschließend wird das einfache Sozialsystem, als ein „[...] rein situatives [...]“[17] System, näher erläutert.

3. Einfache Sozialsysteme

Niklas Luhmann bezeichnet Interaktionssysteme auch als einfache Sozialsysteme, da sie als Systemtypus die am wenigsten komplexen Systeme einschließen und dadurch für die Beteiligten überschaubar sind.[18]

Das einfache Sozialsystem besteht so lange, bis sich das Verhalten des einen nicht mehr an den Selektionen des anderen orientiert, also intern keine Kommunikation mehr produziert wird.[19] Der Vorteil dieser zeitlichen Begrenzung des Interaktionssystems ist, dass es zwar unterbrochen werden kann, aber trotzdem jederzeit die Möglichkeit besteht, es wiederaufzunehmen und fortzuführen.[20]

Wenn also zwei Personen, die sich über etwas unterhalten haben auseinander gehen, können sie sich jederzeit wieder treffen und so ihr einfaches Sozialsystem wieder aufnehmen. Sie können dabei sogar das Thema ihrer letzten Zusammenkunft weiter führen.

3.1 Das Kriterium der Anwesenheit

Voraussetzung für die Entstehung eines einfachen Sozialsystems ist die Anwesenheit der Beteiligten. Anwesenheit ist nur dann gegeben, wenn sich die Beteiligten einander wechselseitig wahrnehmen können. Als beteiligt soll jemand bezeichnet werden, der eigenes Erleben und Handeln zur Interaktion beisteuert. Wenn die wechselseitige Wahrnehmung von zwei oder mehr Personen zustande kommt, die Beteiligten also anwesend sind, dann bilden sie zwangsläufig ein einfaches Sozialsystem. Dieses Kriterium ist unerlässlich, da es nur so zur Kreuzung selektiver Prozesse des Erlebens und Handelns kommen kann.[21]

Die Problematik der Gebundenheit an körperliche Anwesenheit und an wechselseitig reflexive Aufmerksamkeit führten, evolutionsgeschichtlich gesehen, zur Aus-differenzierung anderer Systemtypen wie den Funktions- oder Organisationssystemen, die ohne Bindung an körperliche Anwesenheit funktionieren.[22]

3.2 System und Umwelt

Das System wurde im vorliegenden Text bereits als Ganzheit definiert. Eine Ganzheit kann allerdings nur dann als solche betrachtet werden, wenn sie in Differenz zu etwas anderem steht, was nicht zum System gehört. Es begrenzt sich selbst, indem es aus der Umwelt selektiert und dadurch festlegt, welche Elemente zum System gehören und welche nicht. Es selektiert durch die Auswahl der, für das System relevanten, Ereignisse. Relevant können Ereignisse nur dann werden, wenn sie sich auch im aktuellen Wahrnehmungsraum befinden. Die Umwelt kann demnach in Anwesendes und Nichtanwesendes unterschieden werden, beziehungsweise in Wahrnehmbares und Nichtwahrnehmbares. Anwesende Umwelt eines einfachen Sozialsystems sind alle Beteiligten, nicht anwesende Umwelt ist all das, was außerhalb der Grenze des aktuell wahrnehmbaren liegt.[23]

Umwelt existiert also nicht an sich, sondern immer nur in Bezug auf etwas, zum Beispiel ein System.[24]

Kennzeichnend für die Differenz zwischen System und Umwelt ist das Komplexitäts-gefälle, das durch die Reduktionsleistung des Systems entsteht. „Die Umwelt ist stets komplexer als das System“[25], auch wenn das System durch Operationen, wie die Produktion von Elementen und die Organisation der Strukturen, intern Komplexität aufbaut.[26]

[...]


[1] Luhmann (1997), S. 11.

[2] Krallmann/Ziemann (2001), S. 309.

[3] Vgl. Beck, Klaus (2006), S. 278.

[4] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 311.

[5] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 312.

[6] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 318 – 319.

[7] Vgl. Krallmann/Ziemann 2001, S. 311.

[8] Krallmann/Ziemann (2001), S. 315.

[9] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 313-314.

[10] Medien treten immer in einer bestimmten Form auf, sie bezeichnet die Erscheinung des Mediums. Zum

Beispiel ist die Sprache eine Form des Mediums Sinn (Vgl. Krause (2001), S. 171-172).

[11] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 317-319.

[12] Vgl. Schützeichel (2004), S. 244-245.

[13] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 318.

[14] Luhmann bezeichnet den Mitteilenden als Alter und den Adressaten einer Mitteilung als Ego (Vgl.

Luhmann (1984), S. 195).

[15] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 318-319.

[16] Vgl. Luhmann (1981), S. 30.

[17] Krallmann/Ziemann (2001), S. 319 .

[18] Vgl. Luhmann (2005a), S. 26.

[19] Vgl. Schützeichel (2004), S. 263.

[20] Vgl. Krause (2001), S. 50.

[21] Vgl. Luhmann (2005a), S. 26-27.

[22] Vgl. Krallmann/Ziemann (2001), S. 335.

[23] Vgl. Luhmann (2005a), S. 34.

[24] Vgl. Krause (2001), S. 224.

[25] Luhmann (2005a), S. 34.

[26] Vgl. Luhmann (1984), S. 236.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638881845
Dateigröße
384 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73744
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,0
Schlagworte
Kommunikation Sozialsysteme Niklas Luhmann Impulse Kommunikationswissenschaft

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