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Ist Oswalds von Wolkenstein Kl. 33 "Ain tunckle farb" ein Tagelied?

Seminararbeit 2004 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Klein 33 „Ain tunckle farb“
1. Text
2. Übersetzung

III. Kommentar zur Übersetzung

IV. Interpretation unter Einbeziehung der Gattungsfrage
1. Erste Strophe
2. Zweite Strophe
3. Dritte Strophe

V. Zusammenfassung

VI. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Absicht dieser Arbeit ist es, eine Interpretation von Oswalds von Wolkenstein Lied Kl. 33 vorzulegen, innerhalb dieser die Gattungsfrage unter dem Gesichtspunkt „Ist Kl. 33 ein Tagelied?“ diskutiert wird. Dafür ist zunächst eine Übersetzung des Liedes erforderlich, der sich ein ausführlicher Kommentar bezüglich der sprachlichen und grammatikalischen Schwierigkeiten anschließen wird.

II. Klein 33 „Ain tunckle farb“

1. Text

I Ain tunckle farb von occident

mich senlichen erschrecket,

Seid ich ir darb und lig ellend

des nachtes ungedecket.

5 Die mir zu vleiss mit ermlein weiss und hendlin gleiss 5

kan freuntlich zu ir smucken,

Die ist so lang, das ich von pang in meim gesang

mein klag nicht mag verdrucken.

Von strecken krecken mir all bain,

10 wenn ich die lieb beseuffte, 10

Die mir mein gier neur weckt allain,

darzü meins vatters teuchte.

II Durch wincken wanck ich mich verker

des nachtes ungeslauffen,

Gierlich gedanck mir nahent ferr 15

mit unhilflichem waffen.

5 wenn ich mein hort an seinem ort nicht vind all dort,

wie offt ich nach im greiffe,

So ist neur, ach, vil ungemach, feur in dem tach,

Als ob mich brenn der reiffe. 20

und winden, binden sunder sail

10 tüt si mich dann gen tage.

Ir mund all stund weckt mir die gail

mit seniklicher klage.

III Also vertreib ich, liebe Gret, 25

die nacht bis an den morgen.

Dein zarter leib mein herz durchgeet,

das sing ich unverborgen,

5 Kom, höchster schatz! mich schreckt ain ratz mit grossem tratz,

davon ich dick erwachen, 30

Die mir kain rü lat spät noch frü, lieb, dorzü tü,

damit das bettlin krache!

Die freud geud ich auf hohem stül,

10 wenn das mein herz bedencket,

Das mich hoflich mein schöner bül 35

gen tag freuntlichen schrencket.

2. Übersetzung

I Eine dunkle Farbe von Westen

erschreckt mich Sehnsüchtigen,

weil ich sie entbehre und jammervoll

nachts unbedeckt liege,

5 sie, die es vermag, mich eifrig mit weißen Ärmchen und glänzenden Händchen 5

liebevoll an sich zu drücken.

Die ist so lange weg, dass ich vor Sorge in meinem Gesang

meine Klage nicht unterdrücken kann.

Vom Strecken krachen mir alle Knochen,

10 wenn ich die Geliebte beseufze, 10

die, nur die allein, meine Begierde weckt,

und dazu Verlangen in meinem Unterleib.

II Ich wälze und drehe mich in der Nacht

schlaflos hin und her.

Begehrliche Gedanken nahen sich mir von weitem 15

mit unnützen Waffen.

5 Wenn ich meinen Schatz dort an seinem Ort nicht finde,

sooft ich nach ihm greife,

so ist nur, ach, viel Verdruss, Feuer unterm Dach,

als ob mich der Reif brennte. 20

Und bei Tagesanbruch dreht und fesselt

10 sie mich ohne Seil.

Ihr Mund weckt immer meine Begierde

samt sehnsüchtiger Klage.

III So verbring ich, liebe Grete, 25

die Nacht bis zum Morgen.

Dein schöner Körper durchdringt meine Seele,

das singe ich offen.

5 Komm, liebster Schatz, mir steht der Penis mit großer Hartnäckigkeit,

wovon ich häufig erwache. 30

Der lässt mir weder früh noch spät Ruhe,

Liebste, tu doch etwas, damit das Bettchen krache.

Vor Freude juble ich vom hohen Thron herab,

10 wenn meine Seele daran denkt,

dass mich meine schöne Geliebte 35

bei Tagesanbruch in höfischer Art und Weise liebevoll umarmt.

III. Kommentar zur Übersetzung

Senlichen in Vers 2 entspricht dem mittelhochdeutschen Adjektiv senlich (Lexer, Matthias: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. Stuttgart 1979 [Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1876]. Bd. 2, Sp. 878.), was „sehnsüchtig“ bedeutet. Man vergleiche dazu auch die Angaben von Josef Schatz (Sprache und Wortschatz der Gedichte Oswalds von Wolkenstein. Wien/Leipzig 1930

[Akademie der Wissenschaften in Wien, Philosophisch-historische Klasse. 69. Bd., 2. Abhandlung]. S. 96.).

Nach Vers 4 nehme ich ein Komma statt eines Punktes an und folge somit Werner Marolds Angabe (Kommentar zu den Liedern Oswalds von Wolkenstein [Diss. Göttingen 1926]. Bearbeitet und herausgegeben von Alan Robertshaw. Innsbruck 1995 [Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe 52]. S. 127.).

Die Bedeutung von zu vleiss (mittelhochdeutsch ze vlîze) in Vers 5 wird bei Lexer (Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. Leipzig 195829. S. 292, Sp. 1) mit „sorgfältig“ angegeben, „eifrig“ (vgl. Schatz, S. 67) erscheint mir hier aber die bessere Übersetzung zu sein.

Lexer (Taschenwörterbuch, S. 299, Sp. 3.) gibt für vriuntlich die Bedeutungen „lieblich, angenehm“ an, Schatz (S. 68) schreibt „freundlich“, für freuntlich in Vers 6, beziehungsweise freuntlichen in Vers 36 erscheint mir aber „liebevoll“ als Übersetzung am sinnvollsten (vgl. Pretzel, Ulrich: Mittelhochdeutsche Bedeutungskunde. Heidelberg 1982, S. 133.).

Bei der Übersetzung von die ist so lang in Vers 7 folge ich Schatz (S. 84.), der „die ist so lange weg“ angibt, was eine Mischung aus den Angaben „seit langem, lange Zeit“ bei Lexer (Taschenwörterbuch, S. 121, Sp. 2.) und „fern, weit fort“ bei Marold (S. 127.) darstellt.

Meines vatters teuchte in Vers 12 ist ein durchaus interessanter Ausdruck, der auf den ersten

Blick sinnlos erscheint. Vatter bedeutet laut Lexer (Taschenwörterbuch, S. 264, 3. Sp.) wörtlich

„Vater“, teuchte leitet sich ab von mittelhochdeutsch tiuhte, das nach Lexer (Taschenwörterbuch, S. 226, Sp. 3.) „Bedrückung, Beschwerde, Kummer“ bedeutet (vgl. auch diuhen, nach Lexer [Taschenwörterbuch, S. 31, Sp. 3.] „drücken, schieben“.). „Meines Vaters Bedrückung“ wäre also die wörtliche Entsprechung von meines vatters teuchte, aber bei der Übersetzung ist zu berücksichtigen, daß vatter laut Deutschem Wörterbuch (Grimm, Jacob und Wilhelm: Deutsches Wörterbuch. München 1984 [Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1893]. Bd. 25, Sp. 22.) „männlicher Unterleib vom Nabel bis zur Scham“ (vgl. Schatz, S. 101.) bedeutet, die wörtliche Übersetzung wäre also „Beschwerde des Unterleibs“ (vgl. Petzsch, Christoph: Text- und Melodietypenveränderung bei Oswald von Wolkenstein. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 38 [1964], S. 494.), was aber so hölzern klingt, daß ich mich für die freiere Version „Verlangen in meinem Unterleib“ entschieden habe, die aber immer noch näher am Original ist, als die meiner Ansicht nach zu freien Versionen von Wernfried Hofmeister mit „mein urwüchsig-natürliches Verlangen“ (Oswald von Wolkenstein. Sämtliche Lieder und Gedichte. Göppingen 1989 [Göppinger Arbeiten zur Germanistik 511]. S. 124),

Dagmar Hirschberg mit „den ewigen männlichen Druck“ (Zur Funktion der biographischen Konkretisierung in Oswalds von Wolkenstein Tagelied-Experiment Ain tunckle farb von occident Kl. 33. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 107 [1985], S. 379.), Martina Backes mit „die alte männliche Lust“ (Tagelieder des deutschen Mittelalters. Stuttgart 1992 [RUB 8831].), Klaus Schönmetzler mit „Ziehen im Gemächte“ (Oswald von Wolkenstein. Die Lieder, mittelhochdeutsch-deutsch. München 1979. S. 99) und Dieter Kühn mit „den alten Adam hier“ (Ich Wolkenstein. Frankfurt/Main 1977. S. 195.).

Durch wincken wanck ich mich verker in Vers 13 ist eine Tautologie. Winken hat die Bedeutung „sich seitwärts bewegen“ (Lexer, Taschenwörterbuch, S. 323, Sp. 1.), wanc ist die „Bewegung nach vorne, zur Seite oder rückwärts“ (Lexer, Taschenwörterbuch, S. 307, Sp. 2.)

und verkêren bedeutet „umkehren, umwenden, verdrehen“ (Lexer, Taschenwörterbuch, S. 272, Sp. 1.).

Unhilflichem in Vers 16 entspricht dem mittelhochdeutschen Adjektiv unhelfelich, das „unnütz“ (Lexer, Handwörterbuch, Bd. 2, Sp. 1897) bedeutet, Schatz (S. 105) übersetzt „unbrauchbar“.

Feur in dem tach in Vers 19 ist sicher nicht so zu verstehen, daß das Hausdach brennt, sondern im übertragenen Sinne. Heute benützt man diese Wendung entweder für jemanden, der leicht in Zorn gerät (vgl. Wander, Karl Friedrich Wilhelm (Hrsg.): Feuer. In: Deutsches

Sprichwörterlexikon. Darmstadt 1977 [Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1867], Sp. 1005.) oder

generell für eine Notsituation, was ich hier annehmen würde (vgl. Hirschberg, S. 381.).

Reiffe in Vers 20 von mittelhochdeutsch rîf mit der Bedeutung „Reif“ (Lexer, Taschenwörterbuch, S. 168, Sp. 2. Vergleiche auch Kl. 18,76.).

Die wörtliche Bedeutung von gail (mittelhochdeutsch geil) in Vers 23 ist „Fröhlichkeit, Übermut“ (Lexer, Taschenwörterbuch, S. 58, Sp. 1.), hier ist aber wohl eine sexuell konnotierte Bedeutung anzunehmen (vgl. Schatz, S. 70.).

Das herz in Vers 27 wird nicht nur als inneres Organ, sondern auch als „Sitz der Seele“ (Lexer, Taschenwörterbuch, S. 87, Sp. 3.) oder „Sitz des Gefühles“ (Schatz, S. 77.) verstanden (vgl. auch Kl. 33,34).

Ratz in Vers 29 ist zunächst einmal ein auch heute noch zumindest in Bayern gebräuchlicher Dialektbegriff für „Ratte“ (Schmeller, Johann Andreas: Bayerisches Wörterbuch. München 1985 [Sonderausgabe der von G. Karl Frommann bearbeiteten 2. Ausgabe München 1872-1877.], Bd. 2/1, Sp. 193.). Tratz bedeutet „Widersetzlichkeit, Feindseligkeit, Trotz“ (Lexer, Taschenwörterbuch,

[...]

Details

Seiten
17
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638734097
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73711
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Schlagworte
Oswalds Wolkenstein Tagelied

Autor

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