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Die Annahme der 'Einfachen Gegenstände' bei Ludwig Wittgenstein

Die „Philosophischen Untersuchungen“ und das „Tractatus logico-philosophicus“

Magisterarbeit 2006 76 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

A. Einleitende Bemerkungen

Mit der Annahme notwendig existierender einfacher Gegenstände ermöglichte Ludwig Wittgenstein seinen frühen Überzeugungen bezüglich des Verhältnisses von Sprache und Welt unbedingte Bezugspunkte, welche dem Denkgebäude im „Tractatus logico-philosophicus“ eine Substanz gaben, von der nach einer kritischen Betrachtung in den postum veröffentlichten „Philosophischen Untersuchungen“ lediglich gewisse Aspekte aufrecht erhalten werden sollten. Im Rahmen der vorliegenden Erörterung wird eine schrittweise Annäherung an die spezifische Ausrichtung jener logischen Atome im Frühwerk Wittgensteins unternommen werden, um auf dieser Basis die Charakteristika der späteren Sichtweise aufzeigen zu können. Ein Hauptaugenmerk soll hierbei auf die ersten 64 Paragraphen der „Philosophischen Untersuchungen“ gerichtet werden, die zum Teil direkt auf den „Tractatus“ anspielen und damit Kontraste zu früheren Positionen erkennbar werden lassen. An dieser Stelle sollen die Kernprobleme zunächst kurz umrissen werden, um sie dann im Hauptteil eingehender zu diskutieren. Die Vorgehensweise wird dort dergestalt sein, dass im ersten Teil die Ontologie sowie die Bild- und Satztheorie des „Tractatus“ dargestellt, erläutert und im Hinblick auf die näher zu untersuchenden einfachen Gegenstände interpretiert werden sollen. Im zweiten Teil wird in erster Linie von den oben genannten Abschnitten der „Philosophischen Untersuchungen“ die Rede sein; zentrale Thesen zur Sinnentstehung der Sprache und zur Beziehung zwischen Namen und Benanntem sollen nachvollzogen und besprochen, den Abschnitten 46 bis 54 wegen ihres konkreten Bezuges zu den Gegenständen des „Tractatus“ besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Außerdem werden die verschiedenen Facetten der Einfachheit im Rückblick auf das Frühwerk beleuchtet und abschließend auseinandergesetzt werden.[1] Die Schlussbetrachtung wird die Ergebnisse der Erörterung zusammenfassen und ein Fazit enthalten. Hilfreiche Passagen aus Wittgensteins Tagebüchern, Notizen und weiteren Schriften werden ebenso wie Kommentare und Abhandlungen von Wittgenstein-Interpreten sowie -Biographen an all jenen Stellen zu Rate gezogen werden, wo näherer Diskussionsbedarf besteht oder ein Blick von außen erhellend sein könnte. Zunächst aber einige einleitende Bemerkungen:

Wittgensteins spätere distanzierte Haltung zur Gegenstandstheorie seines Frühwerks ist anhand einer Begebenheit aus dem Jahre 1949, während eines Besuchs beim Freund und früheren Schüler Norman Malcolm in den USA belegt. Dieser notiert rückblickend:

„Ich fragte Wittgenstein, ob er, als er den Tractatus schrieb, sich jemals für etwas als Beispiel für einen `einfachen Gegenstand´ entschieden habe. Seine Antwort war, er sei zu dieser Zeit der Meinung gewesen, dass er ein Logiker sei, und dass es nicht seine Aufgabe als Logiker sei, eine Entscheidung zu versuchen, ob der oder jener Gegenstand ein einfacher oder ein komplexer Gegenstand sei, da das eine rein empirische Sache sei! Es war klar, dass er seine frühere Ansicht absurd fand.“[2]

An dieser Äußerung zeigt sich im Hinblick auf die „Philosophischen Untersuchungen“, wie grundverschieden hier die Denkrichtung und Herangehensweise im Vergleich zum „Tractatus“ geworden waren. Denn im späteren Werk widmet sich Wittgenstein recht ausführlich dem Problem von Komplexität und Einfachheit, indem er am Beispiel von gewöhnlichen Dingen die ehemals postulierten logischen Gegenstände einer, zum Teil an Polemik grenzenden, gründlichen Kritik unterzieht, wobei im Zentrum der Betrachtung nicht mehr ein abbildendes Verhältnis zwischen Sprache und Welt steht, sondern ein auf den alltäglichen Gebrauch bezogenes Sprachmodell. Wo absolut Einfaches einst als „Substanz der Welt“[3] (TLP 2.021) deren feste Form bildete, und den wirklichkeitsabbildenden Sätzen oder Bildern unbezweifelbare Bezugsgegenstände setzte, werden diese innerhalb der differenzierteren späten Sichtweise auf bestimmte Sprachspiele angewandt und erscheinen, je nach Verwendungssituation, in ganz unterschiedlichem Licht. Wittgenstein untersucht nun die mannigfaltigen Gebrauchsmöglichkeiten der Sprache und die Entstehung ihres Sinnes anhand von konkreten Beispielen, was als Konsequenz mit sich bringt, dass auch beim Konzept der einfachen Gegenstände nähere Einzelheiten und Umstände der jeweiligen Sprachverwendung berücksichtigt werden müssen. So traf Wittgenstein im „Tractatus“ eine absolute Unterscheidung zwischen „Zusammengesetztem“ und „Einfachem“, wohingegen er in den „Philosophischen Untersuchungen“ exemplifizierend auf diese beiden vormals feststehenden Begriffe zurückgreift und sie als erklärungsbedürftig einstuft, weil sie „von uns in einer Unzahl verschiedener, in verschiedenen Weisen miteinander verwandten, Arten benützt (werden)“.[4] Gebraucht ein Sprecher die Worte „einfach“ oder „zusammengesetzt“ in einer Situation, die mehrere Deutungsweisen zulässt, wird er mit einer Nachfrage seitens des Hörers rechnen müssen, was er denn eigentlich unter den Begriffen zu verstehen habe, da es sehr unterschiedliche Arten der Einfachheit und der Zusammengesetztheit geben kann: „Wenn ich jemandem ohne weitere Erklärung sage `Was ich jetzt vor mir sehe, ist zusammengesetzt´, so wird er mit Recht fragen: `Was meinst du mit `zusammengesetzt´? Das kann ja alles Mögliche heißen!´(PU 47c)“. Daher hat es gar keinen Sinn, die Worte zu verwenden, wenn nicht geklärt ist, um welchen besonderen Gebrauch es sich dabei handeln soll.

Bei der Niederschrift des „Tractatus“ hatte Wittgenstein vermutet, unsere Umgangssprache verschleiere einen in jedem Satz enthaltenen logischen Kern, der durch das Verfahren der logischen Analyse zu Tage gebracht werden könne.[5] Auch diese Idee bezieht sich letzten Endes auf einfache Gegenstände, weil der nicht analysierte umgangssprachliche Satz zwar eine logische Struktur aufweist aber dennoch komplex ist, während der analysierte (Elementar-)Satz aus nicht näher definierbaren Namen besteht, die ja für absolut Einfaches stehen: „Ein Name steht für ein Ding, ein anderer für ein anderes Ding und untereinander sind sie verbunden, so stellt das Ganze – wie ein lebendes Bild – den Sachverhalt vor“ (TLP 4.0311). Über die mathematische Logik kam der junge Wittgenstein bekanntlich zur Philosophie, setzte er sich doch mit den Schriften Russells und Freges auseinander, in denen die Mehrdeutigkeiten unserer Alltagssprache beschrieben und formale Zeichensprachen entwickelt werden, die auf Klarheit und Eindeutigkeit abzielen.[6] Frege bemerkt in seinem 1892 erschienenen Aufsatz „Über Sinn und Bedeutung“, dass „Sprachen den Mangel (haben), dass in ihnen Ausdrücke möglich sind, welche nach ihrer grammatischen Form bestimmt erscheinen, einen Gegenstand zu bezeichnen, diese ihre Bestimmung aber in besonderen Fällen nicht erreichen (...) Dies liegt also an einer Unvollkommenheit der Sprache“.[7] Wittgenstein erachtet die Sprache nicht als mangelhaft und findet in ihr eine logische Struktur, die aber durch Uneindeutigkeiten verhüllt und nicht unmittelbar erkennbar ist.

Auch Bertrand Russells[8] Überlegungen zu Möglichkeiten der Zerlegung von Sätzen in eindeutige Bestandteile spiegeln sich in Wittgensteins Spielart des Logischen Atomismus wider, der von Erwägungen hinsichtlich gewöhnlichen materiellen Gegenständen als Korrespondenzpunkten der Sprache ausgehend auf metaphysische Atome kommt, die durch die Namen im vollständig analysierten (Elementar-)Satz vertreten werden. Mit dem Erreichen dieser nicht näher zu erklärenden Urzeichen soll die logische Analyse zu einem Ende gelangen.[9] Wittgensteins Abwägen des Problems ist in einem Tagebucheintrag aus dem Jahre 1915 dokumentiert:

„Nun scheint es aber doch eine legitime Frage: sind – z.B. – räumliche Gegenstände aus einfachen Teilen zusammengesetzt, kommt man bei ihrer Zerlegung auf Teile, die nicht mehr zerlegbar sind, oder ist dies nicht der Fall? (...) Ist es, A PRIORI , klar, dass wir bei der Zerlegung auf einfache Bestandteile kommen müssten – liegt dies etwa schon im Begriff der Zerlegung -, oder ist eine Zerlegbarkeit ad infinitum möglich? (...) Und immer wieder drängt es sich uns auf, dass es etwas Einfaches, Unzerlegbares gibt, ein Element des Seins, kurz ein Ding.“[10]

Dass die Namen im vollständig analysierten Satze direkt auf absolut einfache Gegenstände rekurrieren, womit sich dessen Sinn zeigt, schlussfolgert Wittgenstein am Ende der Tagebuchnotiz: „Immer, wenn der Sinn des Satzes vollkommen in ihm selbst ausgedrückt ist, ist der Satz in seine einfachen Bestandteile zerlegt – eine weitere Zerlegung ist unmöglich, und eine scheinbare überflüssig – und diese sind die Gegenstände im ursprünglichen Sinne“.[11] Auf das Wesentliche komprimiert gingen diese Gedanken mit klaren Formulierungen wie „Der Name bedeutet den Gegenstand“ und „Der Gegenstand ist seine Bedeutung“ (TLP 3.203) in den „Tractatus“ ein. In den „Philosophischen Untersuchungen“ ficht Wittgenstein seine frühere Vorstellung, dass Worte keine Bedeutung haben wenn ihnen nichts entspricht, an und interpretiert sie als das Resultat einer Verwechslung der Bedeutung des Namens mit seinem Träger (PU 40). Dieser kann nämlich zerstört oder verstorben sein, ohne dass sein Name bedeutungslos würde, so der Argumentationsstrang in den Abschnitten PU 39 bis 44 und PU 55 bis 64. Gewöhnliche Eigennamen wie Siegfrieds Schwert „Nothung“ oder der Name „Herr N.N.“ bleiben auch nach der Zerschlagung beziehungsweise nach dem Tode ihrer Träger bedeutsam, weil sie in unserem Sprachgebrauch verankert sind, aber in letzter Instanz nicht zwingend von logischen Entitäten im Sinne des „Tractatus“ abhängen müssen. Was Wittgenstein im Rahmen der „Nothung“-Argumentation angreift, ist sein älteres Konzept, dass am Ende der logischen Analyse schließlich unbestreitbare, wenn auch nicht wahrnehmbare, Realitätskonstituenten erreicht werden müssten, die der Sprache letztlich ihre Bedeutung verleihen. Dieser Themenkomplex soll im zweiten Teil dieser Arbeit ausführlich behandelt, zur Einführung hier aber kurz angeschnitten werden. Dass zum Beispiel das Wort „Nothung“ nach einer logischen Analyse verschwindet und an seine Stelle eigentliche Namen treten, die einfache Gegenstände benennen, führt Wittgenstein auf einen sprachwidrigen Gebrauch des Wortes „Bedeutung“ zurück, „wenn man damit das Ding bezeichnet, das dem Wort `entspricht´“ (PU 39). Die Rolle des Namensträgers im Sprachgebrauch wird im Kontext des „hinweisenden Definierens“ erläutert und auf diejenigen Sprachspiele eingeschränkt, in denen der Hinweis auf einen Namensträger zum Verstehen eines Begriffes beiträgt. Dies ist nicht in jeder Sprachverwendungssituation gegeben, da auch Worten Bedeutung zukommen kann, die in Abwesenheit (und sogar im Falle der Nicht-Existenz) eines Trägers ausgesprochen werden. Aus diesem und anderen, später zu besprechenden Gründen ist der Verweis auf einen Namensträger keine Garantie für ein eindeutiges Zeigen, womit das „Tractatus“-Modell in bezug auf die abbildende Funktion der Sprache in ihrer Relation zu Wirklichkeitselementen in Frage gestellt ist. Dem Augustinischen Sprachbild aus Abschnitt 1 der „Philosophischen Untersuchungen“, wo es heißt: „Die Wörter der Sprache benennen Gegenstände – Sätze sind Verbindungen von solchen Benennungen“, setzt Abschnitt 43, zumindest für den Großteil der Fälle, folgende Feststellung entgegen: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Augustinus beschreibt in seinen „Confessiones“, wie er als Kind die Sprache erlernte, was Wittgenstein dazu veranlasst, die Grundlagen seines ehemaligen Sprachverständnisses zu revidieren, denn: „In diesem Bild von der Sprache finden wir die Wurzeln der Idee: Jedes Wort hat eine Bedeutung. Diese Bedeutung ist dem Wort zugeordnet. Sie ist der Gegenstand, für welchen das Wort steht“ (PU 1c). Auf diesen Kerngedanken der Bildtheorie und die darauf fußende Ontologie des „Tractatus“ soll nun der Fokus gerichtet werden, um die mannigfachen Eigenheiten jener einfachen Gegenstände möglichst scharf eingrenzen zu können.

B. Hauptteil

I. Leitgedanken des „Tractatus logico-philosophicus“ hinsichtlich der einfachen Gegenstände

Über die im „Tractatus“ enthaltenen Thesen zur Logik, die Wittgenstein noch vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges abgeschlossen hatte, kam er, einer von Zeitgenossen mehrfach erwähnten Anekdote zufolge, im Herbst 1914 dazu, dem „Wesen des sinnvollen Satzes“ nachzugehen. Eine Tagebuchnotiz aus diesem Jahr gibt ein Ereignis wieder, das Wittgenstein in seiner Vermutung bestärkt haben könnte, dass die Sprache ein Abbild der Wirklichkeit sei.[12] Von Wright führt diese folgenreiche Idee, wie auch Malcolm, auf die Schilderung eines Pariser Gerichtsverfahrens zurück, die Wittgenstein während seiner Zeit als Soldat las:

„In einer Zeitschrift las Wittgenstein etwas über einen Pariser Prozess, der einen Autounfall betraf. Im Laufe der Verhandlung wurde vor Gericht ein Miniaturmodell des Unfalls gezeigt. Hier diente das Modell als Satz, d.h. als Beschreibung eines möglichen Sachverhalts. Diese Funktion verdankt es einer Entsprechung zwischen den Teilen des Modells (den Miniaturhäusern, -autos, -menschen) und Dingen in der Realität (Häusern, Autos und Menschen). Nun kam es Wittgenstein in den Sinn, man könne die Analogiebeziehung umkehren und sagen, dass der Satz – vermöge einer ähnlichen Entsprechung zwischen seinen Teilen und der Welt – als Modell oder Bild dient. Die Art und Weise, in der die Teile des Satzes miteinander verbunden sind – die Struktur des Satzes -, ist ein Bild einer möglichen Verbindung von Elementen der Wirklichkeit: ein möglicher Sachverhalt.“[13]

Als er im Bereich der Logik zu dem Ergebnis gelangte, alle logischen Sätze seien Tautologien, welche die Wirklichkeit in keiner Weise abzubilden vermögen, wandte sich Wittgenstein den umgangssprachlichen Sätzen zu. Dabei wurde er darauf aufmerksam, dass diese durch das Verhältnis ihrer Wörter zueinander die Relation der Dinge in der Welt strukturell repräsentieren und gleiches für die Struktur der Elemente eines Bildes gilt. Zwischen dieser Satzstruktur (Bildstruktur) und derjenigen der Dinge besteht darüber hinaus ein abbildendes Verhältnis, das einer bestimmten Projektionsmethode unterliegt. Gleichsam darf die Ontologie des „Tractatus“ als Projektion der Satz- und Bildtheorie bezeichnet werden, insofern zentrale Punkte beider Teile ähnlich gedacht und formuliert wurden. So bilden die Gegenstände in der Art und Weise wie sie im Sachverhalt zusammenhängen dessen Struktur (TLP 2.031 und 2.032), welche ihrerseits im Bild durch das Verhältnis seiner Elemente zueinander – und im Satz durch das Verhältnis seiner Wörter zueinander – wiedergegeben wird.[14] Die Annahme einfacher Gegenstände ist eine notwendige Bedingung für das Sprachmodell des „Tractatus“, da ihre Existenz ein Aufeinandertreffen von Sprache und Welt ermöglicht. Bezüglich der im nächsten Abschnitt zu erörternden Ontologie ist jedoch darauf hinzuweisen, dass die Welt keineswegs durch die Gesamtheit der Gegenstände bestimmt ist, sondern durch die Gesamtheit aller Tatsachen.[15]

I. 1) Die Ontologie im „Tractatus logico-philosophicus“

Die Kennzeichnung der Sätze TLP 1 bis TLP 2.063 als „Ontologie“ ist keine unproblematische, weil jene zwar die Substanz der empirischen und logischen Welt behandeln; jedoch tun sie dies nicht in einer dogmatischen Form, sondern in einer zur Bildtheorie überleitenden. So bauen die ersten Sätze von Wittgensteins Abhandlung[16] ein Grundgerüst für das ab TLP 2.063 explizit beschriebene Sprachmodell, welches ohne eine ontologische Fundierung keine abbildende Funktion haben könnte. Mit Schulte sollen Ontologie und Sprachtheorie des „Tractatus“ im Folgenden nicht separat aufgefasst werden, denn:

„Es ist daher ein Missverständnis, den Tractatus als Darstellung einer systematischen Ontologie oder ausschließlich als Abhandlung über die logische Syntax der Sprache zu deuten. Ontologische Motive klingen zwar an, und syntaktische Einsichten spielen eine erhebliche Rolle, doch die dienende Funktion der entsprechenden Ausführungen darf dabei nicht übersehen werden.“[17]

Für Erläuterungen bezüglich der einfachen Gegenstände ist es also wichtig, die thematische Zusammengehörigkeit von Sprache und Welt, von Logik und Empirie, zu beachten, weil die Beschaffenheit der Gegenstände vor allem im Hinblick auf die Funktionen der sie bezeichnenden Ausdrücke zu begreifen ist und sie damit gewissermaßen als unselbständig zu bezeichnen sind.[18]

I. 1a) „...alles, was der Fall ist“ – Welt, Tatsachen und Sachverhalte

Die Welt ist „durch die Tatsachen und dadurch, dass es alle Tatsachen sind“ (TLP 1.11) bestimmt, bemerkt Wittgenstein im dritten Satz seiner Abhandlung. Um diese Bemerkung vollständiger deuten zu können, muss der Ausdruck „Sachverhalt“, der erstmals in TLP 2 auftritt, miteinbezogen werden. Bestehende Sachverhalte sind als Tatsachen der Welt zu betrachten; allerdings kann diese erst dann vollständig beschrieben werden, wenn auch die Möglichkeit des Nichtbestehens von Sachverhalten berücksichtigt wird. Somit bestimmt die Gesamtheit aller Tatsachen nicht nur, „was der Fall ist“, sondern auch, „was alles nicht der Fall ist“ (TLP 1.12). Gemäß der Argumentation wäre aus dem Inhalt von TLP 2, „Was der Fall ist, die Tatsache, ist das Bestehen von Sachverhalten“, zu folgern, dass das Nichtbestehen von Sachverhalten eben nicht der Fall ist und daher gewissermaßen nicht zur Welt gehört. Trotzdem bezeichnet Wittgenstein in TLP 2.063 die gesamte Wirklichkeit als Welt, nachdem er in TLP 2.06 festgelegt hatte, dass „(d)as Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten die Wirklichkeit (ist)“. Dies mutet in bezug auf TLP 2 und TLP 2.04, wo die These noch einmal expliziert wird, zunächst irritierend an, weil die Welt ja mit der Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte (der Tatsachen) identifiziert wurde.[19] Eine Klärung des Problems bietet sich im Hinblick auf die in TLP 2.01 eingeführten Gegenstände an, deren Verbindung (oder Verkettung) den Sachverhalt ausmacht.[20] Diese Gegenstände sind einfach und enthalten aufgrund ihrer Form, die sich über die Möglichkeit ihres Vorkommens in Sachverhalten definiert (TLP 2.0141), auch „die Möglichkeit aller Sachlagen“[21] (TLP 2.014). Das Nichtbestehen von Sachverhalten ist nach TLP 2.06 eine negative Tatsache und darf daher wohl als nicht-verwirklichte, aber mögliche Kombination von Gegenständen betrachtet werden. Wittgenstein setzt die Welt mit der gesamten Wirklichkeit gleich, trifft aber eine graduelle Unterscheidung, die so geartet ist, dass die – uns bekannte – Welt zwar nur anhand von verwirklichten, also bestehenden Kombinationen von Gegenständen (Sachverhalten) bestimmt ist; die Wirklichkeit dagegen aber potentielle Kombinationen, d.h. nichtbestehende (aber denkbare) Sachverhalte mit einschließt. Der tatsächlichen Welt aus bestehenden Sachverhalten wird sozusagen die Möglichkeit eines Nichtbestehens von Sachverhalten hinzugegeben. Aus diesem Grunde wird die Gesamtheit der einfachen Gegenstände auch als „feste Form“ oder Substanz der Welt aufgefasst, die „auch eine von der wirklichen noch so verschieden gedachte Welt (...) mit der wirklichen gemein haben muss“ (TLP 2.022). Alles, was nicht der Fall ist – das Nichtbestehen von Sachverhalten, die negativen Tatsachen –, wird genauso zur Wirklichkeit gerechnet wie das positive Gegenteil. Mithilfe des Ausdrucks „Wirklichkeit“ entsteht ein vollständigeres Bild der durch positive Tatsachen, d.i. das Bestehen von Sachverhalten, bestimmten Welt, weil die Wirklichkeit das Nichtbestehen von Sachverhalten mit einbezieht: „Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte bestimmt auch, welche Sachverhalte nicht bestehen“ (TLP 2.05).[22] Um der Erörterung dieses Punktes einen weiteren Aspekt hinzuzufügen, muss die bereits erwähnte „Form der Gegenstände“ beziehungsweise die „feste Form der Welt“ ins Blickfeld gerückt werden. Einerseits gibt es eine (logische) Form, d.h. „interne Eigenschaften“ des Gegenstandes, die dergestalt ist, dass er in allen möglichen Sachverhalten vorkommen kann – dies liegt in der „Natur des Gegenstandes“ und ist die Voraussetzung für die Möglichkeit seiner verschiedenen Konfigurationen, für sein potentielles kettengliedartiges Zusammenhängen mit weiteren Gegenständen in Sachverhalten, das durch die Sätze der Sprache bildlich dargestellt wird.[23] Andererseits bilden die Gegenstände in ihrer Gesamtheit die Substanz – oder die „feste Form“ – der Welt (TLP 2.033), die „unabhängig von dem, was der Fall ist, besteht“ (TLP 2.024) und aus der mögliche Sachverhalte gebildet werden können. Dadurch, dass alle Gegenstände gegeben sind (TLP 2.0124), sind nämlich auch all ihre Kombinationsmöglichkeiten und folglich alle möglichen Sachverhalte gegeben.[24] Und das Wort „möglich“ kann im Sinne von „logisch möglich“ verstanden werden, weil es sich auf jede Möglichkeit in der Welt bezieht, von der die Logik ja handeln soll. Ein nicht-möglicher Sachverhalt würde nicht nur nicht bestehen, er wäre sogar weder in dieser, noch in einer „von der wirklichen noch so verschieden gedachten Welt“ (TLP 2.022) denkbar, weil er aus der Gesamtheit der Gegenstände – der festen Form der Welt, die jede mögliche mit der wirklichen gemein haben muss – heraus nicht gebildet werden könnte: „Wie wir uns räumliche Gegenstände überhaupt nicht außerhalb des Raumes, zeitliche nicht außerhalb der Zeit denken können, so können wir uns keinen Gegenstand außerhalb der Möglichkeit seiner Verbindung mit anderen denken“ (TLP 2.0121). Etwas Undenkbares wäre zugleich unsinnig und würde, so Wittgenstein in TLP 3.032, den Gesetzen der Logik zuwiderlaufen. Und „(e)twas `der Logik Widersprechendes´ in der Sprache darstellen, kann man ebenso wenig, wie in der Geometrie eine den Gesetzen des Raumes widersprechende Figur durch ihre Koordinaten darstellen (...)“. Wittgenstein verwendet den Ausdruck „Form“ also unter dem Gesichtspunkt einer „inneren“ Passformartigkeit der Gegenstände, die ihr mögliches Vorkommen in Sachverhalten vorwegnimmt, wie er in TLP 2.0121 notiert, „Wenn die Dinge in Sachverhalten vorkommen können, so muss dies schon in ihnen liegen“, sowie zusätzlich in bezug auf die, als Gesamtheit der Gegenstände erklärte, logische Form der Welt. Die Darstellbarkeit der Welt muss den Gesetzen der Logik genügen, da Darstellung erst durch die logische Übereinstimmung von Bild und Abgebildeten möglich wird. Sätze, oder Bilder, stellen mögliche Sachverhalte dar; sie sind wahr, wenn der Sachverhalt besteht und falsch, wenn der Sachverhalt nicht besteht: „Was einem Satz in der Wirklichkeit entspricht, hängt davon ab, ob er wahr oder falsch ist“[25]. Sie bilden also die Welt (das Bestehen von Sachverhalten), die ja das Nichtbestehen von Sachverhalten als Möglichkeit (Wirklichkeit) inkludiert, ab, sind dabei aber unabhängig voneinander. Diese Unabhängigkeit wird durch das Vorhandensein der Gegenstände garantiert und verleiht den Sätzen letzten Endes ihren Sinn. Wenn es jene nicht gäbe, würde die Wahrheit (oder Falschheit) eines Satzes vom Sinne eines anderen abhängen. Wittgenstein verbindet den Sinn der Sätze mit dem Bipolaritätsprinzip, das später näher zu betrachten sein wird, und das besagt, dass die Sätze sowohl wahr als auch falsch sein können müssen, weil es andernfalls nicht möglich wäre, „ein Bild der Welt (wahr oder falsch) zu entwerfen“ (TLP 2.0212). Ein Name hat Bedeutung, weil er für einen Gegenstand steht, ein Satz Sinn. Der Name ist ebenso wenig weiter erklärbar wie das durch ihn repräsentierte absolut Einfache und kann nur dann verstanden werden, wenn uns sein Bezugsgegenstand bekannt ist, während der Satz unabhängig von unserem Wissen um seine Wahr- oder Falschheit verstanden werden kann.[26] Die Möglichkeit seiner Wahr- oder Falschheit hängt von einer mit ihm in der Welt korrespondierenden Tatsache ab. Besteht das im Satz Behauptete in der Wirklichkeit als Sachverhalt, so ist er wahr; verhält es sich in der Wirklichkeit nicht so wie behauptet, ist der Satz falsch: „Was wir wissen, wenn wir einen Satz verstehen, ist dies: Wir wissen, was der Fall ist, wenn der Satz wahr ist, und was der Fall ist, wenn er falsch ist. Aber wir wissen nicht (notwendig), ob er wahr oder falsch ist“[27]. Unsere Aussagen über die Welt changieren und sind unbestimmt; dennoch sind wir fähig, sie zu verstehen, auch wenn sie auf keinen bestehenden Sachverhalt zutreffen und daher nicht der Fall sind. Den Gegenständen kommt hingegen Festigkeit und Beständigkeit zu, „wechselnd“ und „unbeständig“ sind nur ihre in unseren Sätzen dargestellten Konfigurationen. Gegenstände (und ihre diversen Kombinationsmöglichkeiten) fungieren in bezug auf unsere Sätze (und Bilder) einerseits als Mittel der Darstellung; zum anderen sind sie das Darstellbare. Wirklichkeitsvergleiche können getätigt werden, da die Gesamtheit der Gegenstände, also die Substanz der Welt, zugleich Form und Inhalt ist. Form ist die Substanz der Welt deshalb, weil die sie manifestierenden Gegenstände selbst Formen (interne Eigenschaften) besitzen, wodurch festlegt ist, welche Sachverhalte, d.i. Verkettungen von Gegenständen, möglich sind. Dass die Substanz der Welt auch ihr Inhalt ist, ist auf die Existenz der Gegenstände und ihr Vorkommen in Tatsachen als deren Elemente zurückzuführen. Ihre Gesamtheit bestimmt alle Möglichkeiten der Konfiguration und damit einen logischen Raum, eine präjudizierte Ordnung von möglichen Sachverhalten. Die Autoren Hintikka und Hintikka verdeutlichen diesen Zusammenhang im Hinblick auf die notwendige Existenz der Gegenstände:

„Die einfachen Gegenstände bilden den Inhalt aller denkbaren Sachverhalte, denn sie müssen notwendig existierend und als notwendig die Gesamtheit alles Existierenden ausmachend gedeutet werden. Der Grund dafür liegt in ihrer Unausdrückbarkeit. Genau dieselben Gegenstände müssen durch wechselseitige Verbindung die Form jeder denkbaren Tatsache bilden, weil logische Formen nicht als eigenständige Entitäten existieren, sondern aus den logischen Formen einfacher Gegenstände aufgebaut werden müssen. Wittgensteins einfache Gegenstände sind in einem frappanten Sinn zugleich die Form der Welt wie auch ihre Substanz (ihr Inhalt).“[28]

I. 1b) Von den Tatsachen zu den Gegenständen

Demnach spielen die Gegenstände eine doppelte Rolle, da sich in ihnen vermittels der Sprache sowohl Wirklichkeit als auch Welt begegnen: „Einerseits sind Gegenstände Garanten der Bestimmtheit des Sinns und damit der logischen Unabhängigkeit der (Elementar-)Sätze voneinander, andererseits soll ihre Konfiguration die `materiellen Eigenschaften bestimmen´, die `durch die Sätze dargestellt werden´. Insofern berühren sich in den Gegenständen nicht nur Sprache und Wirklichkeit (das Bestehen und Nichtbestehen von Sachverhalten, der Sinn der Sätze – TLP 2.06), sondern Sprache und Welt (die Tatsachen, das Bestehen der Sachverhalte – TLP 2)“.[29] So ist es also zu verstehen, wenn Wittgenstein die Gesamtheit der Gegenstände, die Substanz, gleichzeitig als Form und Inhalt der Welt bezeichnet. Als absolut einfaches Element ist der Gegenstand einer (immateriellen) Rohmasse vergleichbar, die im Zusammenhang von Sachverhalten mannigfach kombiniert werden kann. Dabei ist der Gegenstand insofern selbständig, als er die Möglichkeiten seiner Konfigurationen passformartig in sich trägt; unselbständig ist er zugleich aber in bezug auf den Sachverhalt, da er nur in seinem Zusammenhang auftreten kann: „Wenn ich mir den Gegenstand im Verbande des Sachverhalts denken kann, so kann ich ihn nicht außerhalb der Möglichkeit dieses Verbandes denken (TLP 2.0121)“. Wittgenstein spricht hinsichtlich der Gesamtheit aller Gegenstände nicht nur von Substanz oder fester Form der Welt, sondern im oben bereits zitierten Tagebucheintrag vom 17. Juni 1915 auch von der „Struktur“:

„(...), aber wir fühlen,, dass die WELT aus Elementen bestehen muss. Und es scheint, als sei das identisch mit dem Satz, die Welt müsse eben sein, was sie ist, sie müsse bestimmt sein. Oder mit anderen Worten, was schwankt, sind unsere Bestimmungen, nicht die Welt. Es scheint, als hieße die Dinge leugnen soviel als zu sagen: Die Welt könne sozusagen unbestimmt sein in dem Sinne etwa, in welchem unser Wissen unsicher und unbestimmt ist. Die Welt hat eine feste Struktur.“[30]

Und diese feste Struktur sorgt dafür, dass in den, die Wirklichkeit abbildenden, Sätzen verschiedene Möglichkeiten offengelassen werden. Das heißt: die Sätze sind nicht von vornherein bestimmt, sondern erst im Vergleich mit der Wirklichkeit. Ihren Sinn erhalten sie eben durch die Möglichkeit, wahr oder falsch sein zu können, die, wie bereits festgestellt, durch die Existenz der Gegenstände gesichert wird: „Nur wenn es Gegenstände gibt, kann es eine feste Form der Welt geben“ (TLP 2.026). Als Beispiele für diese Struktur führt Wittgenstein im vorhergehenden Satz „Raum, Zeit und Farbe (Färbigkeit)“ an. Ist der Gegenstand ein räumlicher, so ist er nur im Zusammenhang mit dem Raum denkbar; handelt es sich um einen zeitlichen, so ist er nur im Zusammenhang mit der Zeit denkbar und „ebenso ist die Farbe (oder Färbigkeit) eine Form der visuellen Gegenstände“.[31] Diese formgebundene Unselbständigkeit der Gegenstände hat Wittgenstein auch in TLP 2.012 im Auge, wenn er konstatiert, dass die „Möglichkeit des Sachverhaltes im Ding bereits präjudiziert sein (muss)“. Aufgrund ihrer Form, ihrer internen Eigenschaften, enthalten die Gegenstände die Möglichkeit ihres Vorkommens in Sachverhalten von vornherein. Sie gewährleisten damit die Möglichkeit, dass ein Sachverhalt bestehen kann, aber nicht bestehen muss:

„Genauso, wie die Existenz eines Punktes im geometrischen Raum garantiert ist unabhängig davon, ob er besetzt ist oder leer, nämlich durch seine Koordinaten, ist ein Ort im logischen Raum, die Möglichkeit eines Sachverhalts, garantiert durch die Gegenstände, die ihn bilden, unabhängig davon, ob der Sachverhalt besteht oder nicht“.[32]

Der einfache Gegenstand ist „farblos“, d.h. „materielle Eigenschaften“ treten erst innerhalb seiner Verkettungen mit weiteren Gegenständen auf, bilden so Sachverhalte und bestimmen auf diese Weise Tatsachen im logischen Raum. Dieser kann Wittgensteins Beispiel zufolge als räumliche, zeitliche oder farbliche Umgebung der Gegenstände umschrieben werden. Ohne die Konzeption eines logischen Raumes könnte einem wahrgenommenen Fleck im Gesichtsfeld keine Farbe, einem Ton keine Höhe oder einem tastbaren Ding keine Härte gegeben werden (TLP 2.0131). Im logischen Raum legt eine bestimmte Konfiguration von Gegenständen einen Punkt fest, eine Tatsache: „Die Art und Weise, wie die Gegenstände im Sachverhalt zusammenhängen, ist die Struktur des Sachverhalts. (...) Die Form ist die Möglichkeit der Struktur. (...) Die Struktur der Tatsache besteht aus den Strukturen der Sachverhalte“ (TLP 2.032 – 2.034). Infolge dieser Bemerkungen scheint Wittgenstein der Ansicht zu sein, dass Tatsachen komplex sind, weil sie aus Sachverhalten bestehen, die ihrerseits aus miteinander verketteten Gegenständen zusammengesetzt sind. Im sogenannten „Blauen Buch“, welches Gedanken Wittgensteins enthält, die er 1933 und 1934 in Cambridge seinen Studenten diktierte, greift er das oben erläuterte Problem auf und kritisiert es:

„Die Bezeichnung der Tatsache als eines `Komplexes von Gegenständen´ stammt aus dieser Verwirrung. Angenommen, wir fragen: ` Wie kann man sich vorstellen, was nicht existiert? ´ Die Antwort scheint zu sein: `Wenn wir das können, stellen wir uns nicht-existierende Kombinationen von existierenden Elementen vor.´ Ein Zentaur existiert nicht, aber Kopf, Torso und Arme eines Menschen sowie Beine eines Pferdes existieren. ` Aber können wir uns einen Gegenstand vorstellen, der völlig verschieden von jedem existierenden Gegenstand ist? ´ - Wir würden geneigt sein zu antworten: ` Nein, die elementaren Bestandteile müssen existieren. Wenn Röte, Rundheit und Süße nicht existieren, dann könnten wir sie uns nicht vorstellen.´ Aber was meinst du mit dem Satz ` Röte existiert ´? Meine Uhr existiert, wenn sie nicht in Stücke zerbrochen ist, wenn sie nicht zerstört worden ist. Was würden wir mit `die Röte zerstören´ bezeichnen? Wir könnten natürlich das Zerstören aller roten Gegenstände meinen; aber würde es dadurch unmöglich, dass wir uns einen roten Gegenstand vorstellen können? Angenommen, man antwortet darauf: `Aber sicher müssen rote Gegenstände existiert haben und du musst sie gesehen haben, um sie dir vorstellen zu können´? – Aber woher weißt du, dass dem so ist? Angenommen, ich sage: `Durch Druck auf den Augenball entsteht ein rotes Vorstellungsbild.´ Könnte es nicht sein, dass du Rot auf diese Weise kennen gelernt hast? Und warum soll es nicht bloß die Vorstellung eines roten Fleckes gewesen sein?´“[33]

Auf den kritischen Gehalt des Zitats wird später zurückzukommen sein – an dieser Stelle soll das Interesse den Passagen gelten, die Lösungen zum Problem von Form und Inhalt der Substanz der Welt bieten. Es wird im Rückblick auf die einfachen Gegenstände des „Tractatus“ erklärt, dass sie dem Zwecke dienlich waren, durch ihre Kombinationsmöglichkeiten Bilder der Welt entstehen zu lassen, die sich in bezug auf das von ihnen Dargestellte entweder als wahr oder falsch erweisen konnten. In dialogischer Form reflektiert Wittgenstein seine früheren Ansichten und beantwortet die Frage, wie etwas vorstellbar sei, das nicht existiert mit dem Hinweis auf „elementare Bestandteile“, die wir uns auch in einer solchen Art und Weise kombiniert denken können, dass ihnen in der Wirklichkeit nichts entspricht. Derartige „nicht-existierende Kombinationen“ sind aber nur dann möglich, wenn einfache Gegenstände wirklich vorhanden sind: Sie stellen als Form, zum Beispiel als „Röte“, „Rundheit“ oder „Süße“, die Umgebung eines Dings im logischen Raum bereit, die dann anhand tatsächlich bestehender Verbindungen exakter festgelegt wird. In bezug auf die Wahrnehmung wären also die spezifische Sättigung des roten Fleckes im Gesichtsfeld, die genaue Festlegung seines Tons (z.B. Scharlachrot); die genaue mathematische Bestimmung eines runden Dinges (Radius, Durchmesser etc.) oder der – etwa über den Zuckergehalt zu definierende – Süßegeschmack eines Nahrungsmittels, Tatsachen, die vor dem Hintergrund der Möglichkeiten „Röte“, „Rundheit“ und „Süße“ näher bestimmt und wirklich vorhanden wären. Einfache Gegenstände fungieren im „Tractatus“ somit als Form und Inhalt: Einen solchen Doppelstatus haben sie als Mittel der Darstellung und gleichsam Dargestelltes inne. Sie besitzen die Kapazität, einmal durch ihre internen Eigenschaften (ihre logische Form, ihre „Farblosigkeit“) Umgebungen für die Tatsachen im logischen Raum bieten zu können und auf der anderen Seite durch ihre externen Eigenschaften (ihre tatsächlich bestehenden Verbindungen) komplexe und also materielle Eigenschaften bilden zu können.[34] Genauer gesagt bilden die Gegenstände solche Zusammensetzungen nicht selbst, vielmehr werden sie erst durch die Sätze unserer Sprache gebildet oder dargestellt. Dennoch besitzt etwa ein Fleck im Gesichtsfeld die Charakteristika des Komplexen; er ist zusammengesetzt und nicht einfach, weil er eine bestimmte Farbe haben muss, und damit eine bestimmte Eigenschaft – wie der Ton eine bestimmte Höhe, das runde Ding bestimmte geometrische Eigenheiten und der Süßegeschmack eine bestimmte Intensität.

I. 1c) Absolut Einfaches und Zusammengesetztes

Bis zu diesem Punkte der Erörterung wurden die Ausdrücke „Gegenstände“ und „Dinge“ bedeutungsgleich verwendet – es ist jedoch zu vermuten, dass Wittgenstein sie unterscheidet und nicht nur Alternativformulierungen sucht.[35] Lange bemerkt dazu, dass Wittgenstein in den auf TLP 2.01 folgenden Sätzen Dinge und Gegenstände als Synonyme gebraucht, „aber ab 2.02 unterscheidet er sie (und handelt überhaupt nur noch von Gegenständen)“.[36] Die Merkmale der Gegenstände werden in TLP 2.02 eindeutig festgelegt: Sie sind einfach. Die Bestimmung des Ausdrucks „Dinge“ ist weniger konkret und lässt sich vielleicht nur im Hinblick auf Wittgensteins Tagebuch von 1915 erklären, wo er niederschreibt: „Ein Komplex ist eben ein Ding!“, womit dieses dem einfachen Gegenstand diametral gegenübersteht.[37] Weiterhin resultiert aus der Zusammengesetztheit des Dinges, dass wir es aus der Anschauung kennen und daraus sogleich seine Komplexität folgern können, „wenn wir auch die einfachen Gegenstände nicht aus der Anschauung kennen“. Paradoxerweise scheint der einfache Gegenstand dem zusammengesetzten Ding zugleich entgegengesetzt und doch verwandt zu sein, insofern er ein Konstituens desselben ist. Durch bloße Wahrnehmung kann das absolut Einfache allerdings nicht erkannt werden, dazu bedarf es einer Beschreibung durch die Sprache, einer Analyse des Komplexen in seine einfachen Bestandteile. Die Differenz zwischen Ding und Gegenstand wird auch angesichts der Namen spürbar, die ja für den Gegenstand stehen. Namen bezeichnen neben dem einfachen Gegenstand aber auch das komplexe Ding. Aus diesem Grund muss ein logischer Name, der wirklich nur einen absolut einfachen Gegenstand bezeichnet, von einem gewöhnlichen Namen unterschieden werden, der „seine ganze komplexe Bedeutung in Eins zusammen(fasst)“.[38] Wittgenstein führt den Ausdruck „Ding“ demnach ein, um den einfachen Gegenstand, der als Endresultat der Analyse auftritt, explizit vom Zusammengesetzten abzuheben. Dies illustriert das Tagebuch wie folgt:

[...]


[1] Im Folgenden sollen „einfacher Gegenstand“, „Gegenstand“ und „Einfaches“ als gleichbedeutende Formulierungsalternativen verwendet werden. Besteht die Notwendigkeit weiterer Differenzierungen, wird dies im Text angemerkt werden.

[2] Malcolm, Norman – Ludwig Wittgenstein. Ein Erinnerungsbuch, München / Wien ohne Jahresangabe, S. 109.

[3] Wittgenstein, Ludwig – Tractatus logico-philosophicus (Werkausgabe Band 1), Frankfurt am Main 1984. Sätze aus dem „Tractatus“ werden im Folgenden mit „TLP“ und der jeweiligen Nummerierung zitiert. Zudem wird der betreffende Absatz gegebenenfalls nach dem Alphabet gekennzeichnet.

[4] Wittgenstein, Ludwig – Philosophische Untersuchungen (Werkausgabe Band 1), Frankfurt am Main 1984, PU 47 e. Zitate aus den „Philosophischen Untersuchungen“ werden im Folgenden durch „PU“, die Ziffer des betreffenden Paragraphen und die Angabe des zitierten Abschnitts (alphabetisch geordnet) abgekürzt wiedergegeben.

[5] Vgl. TLP 4.002 b-c „Die Umgangssprache ist ein Teil des menschlichen Organismus und nicht weniger kompliziert als dieser. Es ist menschenunmöglich, die Sprachlogik aus ihr unmittelbar zu entnehmen.“

[6] Wright, Georg Henrik von – Wittgenstein, Frankfurt am Main 1986, S. 28f.: „Seine ersten philosophischen Untersuchungen führte Wittgenstein im Bereich der gleichen Probleme durch, mit denen sich auch Frege und Russell beschäftigt hatten. (...) Die ältesten Teile des Tractatus sind diejenigen, die die Logik behandeln. Wittgensteins Grundgedanken zu diesem Thema hatten sich schon vor dem Kriegsausbruch 1914 herausgebildet, also vor seinem 26. Lebensjahr.“ Siehe auch das Vorwort des „Tractatus“ von 1918: „Nur das will ich erwähnen, dass ich den großartigen Werken Freges und den Arbeiten meines Freundes Herrn Bertrand Russell einen großen Teil der Anregungen zu meinen Gedanken schulde.“

[7] Frege, Gottlob – Über Sinn und Bedeutung, in: Patzig, Günther (Hg.) Gottlob Frege - Funktion, Begriff, Bedeutung. Fünf logische Studien, Göttingen 1994, S. 55.

[8] vgl. Russell, Bertrand – Philosophie des Logischen Atomismus, in: Bertrand Russell – Die Philosophie des Logischen Atomismus. Aufsätze zur Logik und Erkenntnistheorie 1908-1918, München 1979, S. 197: „Natürliche Sprachen sind in diesem Sinn nicht logisch perfekt und können es unmöglich sein, wenn sie den Zwecken des Alltags dienen sollen.“

[9] Vgl. TLP 3.221 „Die Gegenstände kann ich nur nennen. Zeichen vertreten sie. Ich kann nur von ihnen sprechen, sie aussprechen kann ich nicht (...)“ und TLP 3.24 „Dass ein Satzelement einen Komplex bezeichnet, kann man aus einer Unbestimmtheit in den Sätzen sehen, worin es vorkommt. Wir wissen, durch diesen Satz ist noch nicht alles bestimmt. (Die Allgemeinheitsbezeichnung enthält ja ein Urbild.)“

[10] Wittgenstein, Ludwig – Tagebücher 1914 – 1916 (Werkausgabe Band 1), Frankfurt am Main 1984, S. 155 (Eintrag vom 17. Juni 1915). Die Kursivsetzungen wurden aus der Werkausgabe übernommen.

[11] Tb, S. 157 (Eintrag vom 18. Juni 1915).

[12] Tb, S. 94f. (Eintrag vom 29. September 1914): „Im Satz wird eine Welt probeweise zusammengestellt. (Wie wenn im Pariser Gerichtssaal ein Automobilunglück mit Puppen etc. dargestellt wird.)“

[13] Wright, Georg Henrik von – Wittgenstein, Frankfurt am Main 1986, S. 29f.. Siehe auch: Malcolm, S. 88: „Die eine (Anekdote) hat mit dem Ursprung des zentralen Gedankens des Tractatus zu tun – dass ein logischer Satz ein Bild ist. Die Idee kam Wittgenstein, als er im Ersten Weltkrieg in der österreichischen Armee diente. Er sah eine Zeitung, die das Geschehnis und die äußeren Umstände eines Autounfalls mit Hilfe eines Diagramms oder einer Karte darstellte. Da fiel Wittgenstein ein, dass diese Zeichnung ein Satz sei und dass sich darin die wesentliche Natur der Sätze enthüllt – nämlich, die Wirklichkeit abzubilden.“

[14] Vgl. TLP 3.14 An dieser Stelle ist zu bemerken, dass Wittgenstein den Satz vom Satzzeichen unterscheidet. Letzteres ist ein wahrnehmbares Zeichen, das hingeschrieben oder ausgesprochen wird; ersterer inkludiert die projektive Beziehung des Satzzeichens zur Welt. Die erwähnten Parallelen zwischen Ontologie und Bildtheorie (Struktur des Sachverhalts, Bildstruktur und Satzstruktur) beziehen sich in TLP 3.14 auf das Satzzeichen: „Das Satzzeichen besteht darin, dass sich seine Elemente, die Wörter, in ihm auf bestimmte Art und Weise zueinander verhalten.“ Jedoch wird es vorerst legitim sein, Satz und Satzzeichen als Synonyme zu behandeln.

[15] Vgl. TLP 1.1 – 1.2. Russells Bemerkungen in seinen Vorlesungen zum Logischen Atomismus erhellen die Angelegenheit: „Als erstes möchte ich dazu hervorheben, dass die Außenwelt – die Welt, nach deren Erkenntnis wir streben – nicht durch eine Menge von Individuen vollständig beschrieben werden kann, sondern dass man auch Dinge in Betracht ziehen muss, die ich Tatsachen nenne, d.h. die Dinge, die durch einen Satz ausgedrückt werden, und dass diese genau wie einzelne Stühle oder Tische Bestandteile der wirklichen Welt sind“. Siehe: Russell PLA, S. 183.

[16] Wittgenstein nannte den „Tractatus“ „Logisch-Philosophische Abhandlung“. Erst auf Anregung von Moore entstand der lateinische Titel „Tractatus Logico-Philosophicus“.

[17] Schulte, Joachim – Wittgenstein. Eine Einführung, Stuttgart 1989, S. 63f. Die Kursivsetzung wurde hier nachträglich vorgenommen.

[18] Vgl. Schulte, S. 73f.

[19] TLP 2.04 „Die Gesamtheit der bestehenden Sachverhalte ist die Welt“.

[20] Eine Diskussion über die Unterscheidung des Ausdrucks „Gegenstände“ von den en parenthèse genannten „Sachen“ und „Dingen“, die von Lange vorgeschlagen wird, soll an späterer Stelle erfolgen. Im Falle einer Bedeutungsgleichheit der drei Ausdrücke, würden sie bereits in TLP 1.1 durch den Begriff „Dinge“ eingeführt, nicht in erst in TLP 2. Siehe: Lange, Ernst Michael – Ludwig Wittgenstein: Logisch-Philosophische Abhandlung. Ein einführender Kommentar in den `Tractatus´, Paderborn 1996, S. 63 f.

[21] Auch die Frage, ob Sachlagen und Sachverhalte differenziert werden sollten, wird später aufgegriffen werden (Vgl. Fußnote 75). Hierzu gibt es in der Literatur verschiedene Vorschläge. Beispielhaft sei Stenius genannt, der dafür plädiert, Sachlagen und Sachverhalte zu unterscheiden. Siehe: Stenius, Erik – Wittgensteins Traktat. Eine kritische Darlegung seiner Hauptgedanken, Frankfurt am Main 1969, S. 50: „In manchen Sätzen mag es scheinen, als seien die Wörter `Sachverhalt´ und `Sachlage´ als Synonyme gebraucht, aber tatsächlich sind sie es nicht.“

[22] Vgl. Lange 1996, S. 69: „(...) völlig bestimmt ist die Welt nur als Wirklichkeit, im Lichte auch aller in ihr nicht verwirklichten Möglichkeiten.“

[23] TLP 2.0123 und TLP 2.0231. Die tatsächlich bestehende Verbindung der Gegenstände in einem Sachverhalt wird als „externe Eigenschaft (oder Relation)“ bezeichnet.

[24] Vgl. Glock, Hans-Johann – Wittgenstein-Lexikon, Darmstadt 1996, S. 222: „Die Form eines Gegenstandes A bestimmt auch für jeden anderen Gegenstand, ob A sich mit ihm verbinden kann oder nicht. Das ist der Grund, warum, wenn nur ein einzelner Gegenstand A gegeben ist, alle Gegenstände gegeben sind – sie sind alle Teil von As Form. Das ist auch der Grund, warum Gegenstände die `Substanz der Welt´ bilden, das was `besteht´ unabhängig von dem, was der Fall ist.“

[25] Wittgenstein, Ludwig – Aufzeichnungen über Logik [1913] (Werkausgabe Band 1), Frankfurt am Main 1984, S. 195.

[26] Vgl. TLP 3.144 „Sachlagen kann man beschreiben, nicht benennen. (Namen gleichen Punkten, Sätze Pfeilen, sie haben Sinn.)“ Und der Bezugsgegenstand ist uns dann bekannt, wenn wir seine „internen Relationen“ kennen, d.h. die Möglichkeiten seines Vorkommens in Sachverhalten. Vorwegnehmend sei auch auf Russells Ansichten über die Natur unserer Bekanntschaft mit Gegenständen – er nennt sie „Individuen“ – verwiesen. Wie Wittgenstein im „Tractatus“, vertritt Russell die These, dass wir mit Gegenständen („individuals“) bekannt sein können. So z.B. mit Sinnesdaten, wie Farbflecken in unserem Gesichtsfeld, die allerdings im Gegensatz zu absolut einfachen Gegenständen komplex sind, da über letztere nichts ausgesagt werden kann – über die Farbe des Fleckens aber schon. Vgl. Russell, Bertrand – Sinnesdaten und Physik, S. 104: „Wenn ich von einem Sinnesdatum rede, dann meine ich nicht alles, was zu einer Zeit durch die Sinne gegeben ist. Ich meine vielmehr solche Teile davon, die durch Aufmerksamkeit herausgelöst werden können: bestimmte Farbflecken, bestimmte Geräusche etc. (...) Die Sinne vermitteln Bekanntschaft mit Individuen und sind daher zweistellige Relationen, in denen das Objekt benannt, aber nicht behauptet werden kann. Sie sind ihrer Natur nach weder wahr noch falsch (...)“.

[27] AüL, S. 195.

[28] Hintikka, Merrill B. und Jaakko Hintikka – Untersuchungen zu Wittgenstein, Frankfurt am Main 1990, S. 81.

[29] Lange 1996, S. 69.

[30] Tb (Eintrag vom 17. Juni 1915), S. 156.

[31] Wittgenstein, Ludwig – Logisch-philosophische Abhandlung. Tractatus logico-philosophicus

(Kritische Edition hrsg. von Brian McGuiness und Joachim Schulte), Frankfurt am Main 1989. Diese Formulierung verwendet Wittgenstein innerhalb der vorläufigen Version des „Tractatus“, dem sogenannten „Prototractatus“. Siehe dort: PTLP 2.0252.

[32] Glock, Hans-Johann – Wittgenstein-Lexikon, Darmstadt 1996, S. 228.

[33] Wittgenstein, Ludwig – Das Blaue Buch (Werkausgabe Band 5), Frankfurt am Main 1989, S. 57. Die Kursivsetzungen wurden hier nachträglich vorgenommen.

[34] Schulte schlägt drei Modelle für das Verständnis des Ausdrucks „Gegenstände“ im „Tractatus“ vor: „(1) die Gegenstände sind realistisch aufzufassen als seien es physische oder in sonst einem Sinne `wirkliche´ Atome, die ihrerseits unveränderlich sind, während ihre Zusammensetzung wechseln kann; (2) die Gegenstände sind Sinnesdaten oder Elemente im Wahrnehmungsfeld des einzelnen; (3) die Beschaffenheit der Gegenstände ist nur in Abhängigkeit von der Funktion der sie bezeichnenden Ausdrücke zu begreifen; ein selbständiges Wesen kommt ihnen nicht zu.“ (Schulte, S. 73). Vgl. auch Hintikka und Hintikka, S. 69f.: „Andererseits gibt es offenbar Hinweise darauf, dass nach Wittgensteins Auffassung auch phänomenologische Objekte (also Gegenstände der unmittelbaren Erfahrung) zu den Gegenständen des Tractatus gehören.(...)“.

[35] Eine ausführliche Diskussion über die Bedeutung des Ausdrucks „Sachen“ soll nicht geführt werden, da es im „Tractatus“ in dieser Hinsicht zu wenig Hinweise gibt. Lange versucht eine Deutung, der zufolge „Sachen (...) in ihrem Verhältnis zueinander (...) durch Elemente des Bildes in ihrem Verhältnis zueinander `vorgestellt´ (werden). Danach sind Sachen also die Weisen, in denen uns Dinge in der Wahrnehmung gegeben sind, erscheinen, die wir dann in Bildern vorstellen. Sachen wären demnach Gegebenheitsweisen von Dingen“. Vgl. Lange, S. 65.

[36] Lange 1996, S. 64. Hierzu sei angemerkt, dass Wittgenstein auch nach TLP 2.02 von „Dingen“ handelt, so z.B. in TLP 2.02331: „Entweder ein Ding hat Eigenschaften, die kein anderes hat, dann kann man es ohne weiteres durch eine Beschreibung aus den anderen herausheben, und darauf hinweisen; oder aber, es gibt mehrere Dinge, die ihre sämtlichen Eigenschaften gemeinsam haben, dann ist es überhaupt unmöglich auf eines von ihnen zu zeigen.“ Dies ist ein starkes Indiz dafür, dass an dieser Stelle nicht, wie Lange vorschlägt, ausschließlich von einfachen Gegenständen die Rede ist, sondern eben von (komplexen) Dingen. Im oben zitierten Satz TLP 3.144 sagt Wittgenstein deutlich: „Sachlagen kann man beschreiben, nicht benennen.“ Weil Gegenstände ebenso wenig beschreibbar, dagegen aber sehr wohl benennbar sind, wird in TLP 2.02331 zwischen Ding und Gegenstand unterschieden. Zudem ist es hiernach möglich, auf ein Ding hinzuweisen, was in bezug auf einen einfachen Gegenstand nicht möglich ist, da er nicht wahrnehmbar ist. In diesem Sinne wird die hier begonnene Interpretation in der Richtung fortgeführt werden, dass Dinge als komplex und wahrnehmbar, einfache Gegenstände jedoch als einfach und nicht wahrnehmbar aufgefasst werden sollen.

[37] Tb (Eintrag vom 20. Mai 1915), S. 141.

[38] Tb (Eintrag vom 22. Juni 1915), S. 164. Siehe auch: Eintrag vom 21. Juni 1915, S. 163: „Es scheint immer so, als ob es komplexe Gegenstände gäbe, die als einfache fungieren und dann auch wirklich einfache, wie die materiellen Punkte der Physik, etc.“

Details

Seiten
76
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638636155
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73591
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Schlagworte
Einfache Gegenstände Ludwig Wittgensteins Untersuchungen“ Berücksichtigung Verwendungsweise

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Titel: Die Annahme der 'Einfachen Gegenstände' bei Ludwig Wittgenstein