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Über Vicki Baums „Stud. chem. Helene Willfüer“ – Die perfekte ‚Neue Frau’?

Seminararbeit 2001 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ‚Neue Frau’ der 20er Jahre – Eine Kurzdarstellung

3. ‚Neue Frau’ Helene Willfüer?
3.1 Äußeres Erscheinungsbild
3.1.1 Die ‚Neue Frau’
3.1.2 Äußerliches Erscheinungsbild von Helene Willfüer
3.2 Freizeit und Sport
3.2.1 Die ‚Neue Frau’
3.2.2 ‚Neue Frau’ Helene Willfüer?
3.3 Ehe und Sexualität
3.3.1 Die ‚Neue Frau’
3.3.2 ‚Neue Frau’ Helene Willfüer?
3.4 Arbeit und Beruf
3.4.1 Die ‚Neue Frau’
3.4.1.1 Exkurs Studium – ‚Die neue Studentin’
3.4.2 ‚Neue Frau’ Helene Willfüer?

4. Schluss und Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1925 erschien Vicki Baums Roman Stud. Chem. Helene Willfüer im Berliner Ullstein Verlag und wurde ein großer Erfolg. Die Autorin selbst galt für den Ullstein Verlag als Aushängeschild dessen, was der Verlag in vielen Zeitungen als ‚Neue Frau’ verkaufte: Es gelang ihr, beruflichen Erfolg, Mutterschaft und ein glückliches Eheleben in Einklang zu bringen. Darüber hinaus war sie die erste Schriftstellerin, die in den Boxring stieg und diszipliniert trainierte. Auf Fotografien wurde sie für den Verlag erst 1929 vorzeigbar: mit ihrem neuen, modischen Bubikopf.[1]

In der vorliegenden Arbeit soll nun untersucht werden, ob es sich bei der Romanfigur ‚Helene Willfüer’ um die Verkörperung der ‚Neuen Frau’ handelt und ob sie vielleicht sogar dem vom Ullstein Verlag propagierten Bild der ‚Neuen Frau’ entspricht.

Die vorliegende Arbeit beginnt mit einer kurzen und allgemeinen Darstellung der ‚Neuen Frau’. Im Anschluss daran wird die ‚Neue Frau’ unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet und um Wiederholungen auszuschließen Zug um Zug mit der Romanfigur ‚Helene Willfüer’ verglichen. Ein Exkurs zum Thema „Studium – die ‚Neue Studentin’“ erscheint angebracht, da es sich bei der Romanfigur Helene Willfüer um eine dieser Studentinnen handelt.

2. Die ‚Neue Frau’ der 20er Jahre – Eine Kurzdarstellung

Schöne Berlinerin, du bist tags berufstätig und abends tanzbereit. Du hast einen sportgestählten Körper, und deine herrliche Haut kann die Schminke nur erleuchten. Mit der Geschwindigkeit, in der deine Stadt aus klobiger Kleinstadt sich ins Weltstädtische mausert, hast du Fleißige schöne Beine und die nötige Mischung von Zuverlässigkeit und Leichtsinn, von Verschwommenheit und Umriss, von Güte und Kühle erworben.[2]

Mit diesen Worten beschrieb der berühmte Flaneur und Schriftsteller Franz Hessel in seinem offenen Brief „An die Berlinerin“, erschienen in den 20er Jahren in der Zeitschrift Vogue[3] , ziemlich treffend die ‘Neue Frau’ und entwarf damit ein plastisches Bild der modernen Frau der 20er Jahre. Generell wird die ‚Neue Frau’ oft mit Berlin in Verbindung gebracht, ist sie doch Sinnbild des technisch-gesellschaftlichen Fortschritts.[4] Das ist nachvollziehbar, wenn man sich vor Augen hält, dass sie nun auch selbst motorisiert ist, die männlichen Sekretäre mit dem Aufkommen der Schreibmaschine abgelöst hat und die Zahlen von weiblichen Beschäftigten steigen.[5]

3. ‚Neue Frau’ Helene Willfüer?

3.1 Äußeres Erscheinungsbild

3.1.1 Die ‚Neue Frau’

Die ‘Neue Frau’ der zwanziger Jahre trägt kurz. Sowohl die Röcke und Kleider als auch die Haare.[6] Zum einen ist es praktisch, zum anderen stellt es einen Bezug zu den Eigenschaften der Frau her, die sie trägt. Der Bubi­kopf und sogar der Herrenschnitt werden für Frauen modern. Auch vor der Zigarette[7] und dem männlichen Smoking machte „frau“ nicht mehr Halt, nachdem es die Tänzerin Anita Berber vorgemacht hatte.[8] Ein neuer Ideal Frauentypus entsteht, das insgesamt männlicher bzw. knabenhafter ist. Als ideale Körperform gilt es, schlank zu sein, mit schmalen Hüften und kleinen Brüsten. Kleider, die weibliche Rundungen überspielen werden modern, ebenso wie sportliche Jumper, Jacketts, und Topfhüte.[9] Frauen, die es sich finanziell nicht leisten können, moderne Kleidung zu kaufen, sind erfinderisch. Sie nähen ihre guten aber alten Kleider um und peppen sie auf, bis sie der Mode entsprechen.[10] Und schließlich ist auch die Schminke, die zuvor als anrüchig galt, salonfähig und gilt als „eines der äußeren Kenn­zeichen des neuen Frauentyps“.[11] Insgesamt ist das Erscheinungsbild der ‚Neuen Frau’ gepflegt. Es ist nicht nur Bestandteil ihres neuen Selbstbe­wusstseins, sondern auch Bestandteil ihrer beruflichen Qualifikation.[12]

3.1.2 Äußerliches Erscheinungsbild von Helene Willfüer

Während ihres ganzen Studiums entspricht Helene Willfüers Äußerliches Erschei­nungsbild nicht direkt dem Bild der ‚Neuen Frau’. Sie ist eher ärmlich gekleidet.

Helene Willfüer trug kräftige, warme Strümpfe und unauffällige, etwas abgetragene Schuhe. Sie trug einen dunkelbraunen, dicken Mantel mit einem Trauerflor um den Arm du einen billigen kleinen Filzhut,...[13]

Modische Kleidung kann sie sich nicht leisten. Weder geben es ihre knappen Finan­zen her noch fördert die Arbeit im Labor ein gepflegtes Äußeres. Bedingt durch das ständige Hantieren mit Säuren und anderen Chemikalien kann sie im Labor nur einen Kittel tragen, dem man die Arbeit im Labor mittlerweile ansieht. So äußert Professor Ambrosius während eines Musikabends in seinem Hause auch: „Ich habe mir Sie nie anders als im dreckigen Kittel vorstellen können.“[14] Auch Helenes Hände sehen, unter anderem durch ihr Chemiestudium, nicht gerade damenhaft aus:

Es waren große, kräftige und verarbeitete Hände. Sie hatten gelbe Verfärbungen von Salpetersäure, schwarze Flecken von Silbernitrat. In der Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger lag eine rote, raue und entzündete Haut, das kam vom Experimentieren. Die Nägel waren kurz geschnitten, beinahe ungepflegt.[15]

Helene ist sich dessen bewusst. Als ihre Freundin Friedel bemerkt, Helene habe „Blumenhände“, bemerkt sie nur nüchtern: „Blumenhände – na! [...] und schaut auf ihre Finger, welche sich wieder einmal in einer gelbfleckigen Salpetersäurenperiode befanden.“[16]

Allerdings nimmt sie wie oben beschrieben für den Musikabend in der Villa von Professor Ambrosius und seiner Frau, zu dem sie eingeladen ist, große Anstrengungen in Kauf, um gut auszusehen. Sie stürzt sich in finanzielle Ausgaben, die sie sich eigentlich nicht leisten kann, um ein paar Schu­he, Florstrümpfe und einen Schal aus Tüll zu kaufen und näht nächtelang an ihrem guten, aber abgenutz­ten Kleid, um es in ein neues zu verwandeln.

Sie sitzt nachts lange Stunden wach und zertrennt ihr gutes Kleid, das allerdings nicht mehr ganz gut ist, sie kauft ein Band, eine Spitze, näht unter Assistenz von Friedel Mannsfeldt alles neu und plättet es zuletzt in der Hinterstube der erregten Grasmücke.[17]

Darüber hinaus bringt sie mühsam so gut es geht ihre geschundenen Hände wieder auf Vordermann und schreckt dabei auch vor Zyankali nicht zurück, das sie als Reinigungsmittel für ihre Hände benutzt.[18] Und schließlich geht sie zum Friseur und „lässt ihrem glatten braunen Haar einige Wellen einondulieren“.[19]

Im Alltag nimmt Helene jeden Morgen, direkt nach dem ersten Weckerklingeln, eine kalte Dusche[20] und nebenbei ist des öfteren von ihrem glatten braunen Haar die Rede[21], so dass dem Leser trotz ihrer vom Chemiestudium geschundenen Hände ein gepflegtes Erscheinungsbild sugge­riert wird. Nie ist die Rede davon, dass sie sich schminkt oder Zigaretten raucht. Erst gegen Ende des Romans, als Helene promoviert hat und ihre erste Stellung in ihrem Beruf hat, beginnt sie Zigaretten zu rauchen.

Eine deutliche Wandlung tritt ein, als Helene ihre beruflichen Ziele erreicht hat und zu geschäftlichen Verhandlungen bei den Süddeutschen Chemie­werken erscheint. Schlicht aber elegant scheint sie nun dem Bild der ‚Neuen Frau’ zu entsprechen.

Sie trug einen dunklen Mantel und einen kleinen, einfachen Filzhut, aber sie hatte neue, tadellose Wildlederhandschuhe an ihren Händen und sah sehr damenhaft aus.[22]

Mit dem Erfolg bleibt das äußerliche Erscheinungsbild Helenes bestehen, scheint fester Bestandteil ihrer Person zu werden und erfährt sogar noch eine Steigerung. Als sie am Ende des Romans während eines Urlaubs unerwartet mit Ambrosius zusammentrifft, trägt sie ein Kleid aus schwerem dunkelblauem Leinenstoff und bei einem späteren gemeinsamen Abend „ein Gewand aus dünner Seide“.

Insgesamt fällt auf, dass die Beschreibung Helenes immer etwas vage und der Interpretation des Lesers vorbehalten bleibt. Auch bei der Beschreibung ihres Aussehens an dem Musikabend in der Villa als in späteren Situationen kann der Leser nur vermuten, dass Helene aussieht wie die typische ‚Neue Frau’. Eine detaillierte Beschreibung, ob das Kleid weit geschnitten und die Haare von Helene kurz sind, ob sie geschminkt ist oder nicht, gibt es in dem gesamten Roman nicht.

[...]


[1] Haustedt, Birgit. Die Wilden Jahre in Berlin. S. 120ff.

[2] Haustedt, Birgit. Die Wilden Jahre in Berlin. S. 7.

[3] Haustedt, Birgit. Die Wilden Jahre in Berlin. S. 7 und Lühe, Irmela von der. Erika Mann. S. 61.

Die genaue Jahreszahl ist unklar. Während in dem Buch von Birgit Haustedt „Die Wilden Jahre in Berlin“ von 1922 die Rede ist, benennt Irmela von der Lühe in ihrer Biographie über Erika Mann unter dem gleichnamigen Titel denselben offenen Briefs Franz Hessels in der Vogue mit der Jahreszahl 1929. Einig sind sich beide Autorinnen über den Monat März.

[4] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 167.

[5] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 165 ff.

[6] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 168.

[7] Soden, Kristine von / Schmidt, Maruta. Neue Frauen. S. 25.

[8] Haustedt, Birgit. Die wilden Jahre in Berlin. S. 21.

[9] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 168.

[10] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 168.

[11] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 166.

[12] Glaser, Hermann. Die Metropole. S. 165.
Und: Soden, Kristine von / Schmidt, Maruta. Neue Frauen. S. 28.

[13] Baum, Vicki. Stud. chem. Helene Willfüer. S. 10.

[14] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 44.

[15] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 16.

[16] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 56.

[17] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 41.

[18] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 41.

[19] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 41.

[20] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 18.

[21] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 31.

[22] Baum, Vicki. Stud. Chem. Helene Willfüer. S. 226.

Details

Seiten
20
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638690119
ISBN (Buch)
9783638794374
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73582
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Philosophie und Geisteswissenschaften
Note
2,3
Schlagworte
Vicki Baums Helene Willfüer“ Frau’ Autorinnen Weimarer Republik

Autor

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Titel: Über Vicki Baums „Stud. chem. Helene Willfüer“ – Die perfekte ‚Neue Frau’?