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Warme Texte. Textdiskurs in Erich Kästners "Fabian"

Hausarbeit 2007 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Kaltes Wasser, warme Texte

2. Das Dilemma
2.1 Neusachliche Elemente
2.2 Der Flaneur in traumhafter Realität

3. Text im Text
3.1 Zeitung, Werbung, Benjamin
3.2 Obsolete Briefe
3.3 Lessing auf dem Obduktionstisch

4. Evasion der Binnentexte

Literaturverzeichnis
Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Kaltes Wasser, warme Texte

Bei der Lektüre von Erich Kästners Fabian[1] begegnen dem Leser bemerkenswert häufig Texte im Text. Fabian und Labude als ausgebildete Literaturwissenschaftler sind schon erste Indizien dafür, dass dieses Phänomen eine nicht unerhebliche Funktion in der Diegese einnimmt. Aber der Text legt noch weiter Spuren. Einschneidende Erlebnisse für Fabian, wie seine Kündigung, das Verlassenwerden von Cornelia oder der Tod seines Freundes Labude, werden stets durch Briefe begleitet. Ein anderes Beispiel sind Zettel, wenn etwa im zweiten Kapitel das Bild der Neuen Frau skizziert wird, indem eine Besucherin des Nachtclubs via Zettel Kontakt zu potentiellen Liebhabern aufnimmt (vgl. Fabian, 25). Dadurch stellt sich die Frage, auf was diese Texte und insbesondere die Briefe verweisen. Die Fragestellung, die in dieser Arbeit untersucht werden soll, bezieht sich auf diesen Verweis. Es soll erörtert werden, inwieweit diese Binnentexte die Konzeptionen der Neuen Sachlichkeit unterlaufen und ob sie einen Gegenpol zu der Welt bilden, in welcher Fabian sich bewegt. Während der Bedeutung des Mediums Zeitung und der Werbung im Hinblick auf die Neue Sachlichkeit in der Fabianforschung etwa von Volker Klotz[2], Britta Jürgs[3] oder Egon Schwarz[4] durchaus Beachtung geschenkt wird, werden die Briefe als Binnentexte kaum auf ihre Wirkung und Funktion in diesem Roman untersucht. Diese Tatsache erscheint vor dem Hintergrund, dass für das ausgehende neunzehnte und das zwanzigste Jahrhundert eigentlich der Verfall oder sogar der Untergang der Briefform konstatiert wird[5], umso seltsamer. Da der Text ansonsten die Charakteristika eines Zeitromans zu erfüllen scheint, der von Schiffels als epische und vor allem gegenwartsbeschreibende Fiktion definiert wird[6], scheint der Brief zunächst ein obsoletes Element in Kästners Fabian zu sein. Diese Irritation lässt sich vielleicht auflösen, wenn man Fabians Dilemma mit in den Blick nimmt, das in der „Spannung zwischen der Unmoral der Zeit und Fabians moralischem Handeln“[7] begründet ist. Da Fabians moralische Haltung einer Form des Humanismus zu entspringen scheint, welcher ein Topos der Aufklärung ist, kann man die Dipole seines Konflikts auch mit den Begriffen Aufklärung und Realität beschreiben. Dass der Aufklärungsdiskurs im Roman omnipräsent ist, zeigt der Text eindeutig. So wird schon in Kapitel zwei mit dem Namen Bertuch, der Fabian das aufgesuchte Etablissement empfohlen hat (vgl. Fabian, 12), die Assoziation zu einem der bekanntesten Verleger und Mäzenen des achtzehnten Jahrhunderts Friedrich Justin Bertuch geweckt[8]. Dass gerade Bertuch Fabian an diesen Ort leitet, der durch seinen unsentimentalen Gestus und durch das evozierte Frauenbild paradigmatisch für die Topoi der Neuen Sachlichkeit steht, kann als Hinweis darauf gelesen werden, dass der Aufklärung schon selbst ihr eigener Antipode inhärent ist. Ob dies den Tatsachen entspricht und ob „die Selbstzerstörung der Aufklärung“[9], die Horkheimer und Adorno später entdeckt zu haben glauben, hier antizipiert ist, soll an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden. Wohl aber lässt sich daran erkennen, dass der Aufklärungsdiskurs des frühen zwanzigsten Jahrhunderts sich eindeutig im Text niederschlägt. Deswegen ist zunächst Fabians Dilemma im Hinblick auf die Topoi der Aufklärung zu untersuchen, um daraufhin die Funktion der Binnentexte in den Fokus der Arbeit setzen zu können.

2. Das Dilemma

Die Spannung zwischen moralischer Haltung und Realität findet sich nicht nur in der Figur des Fabian. So macht Schikorsky darauf aufmerksam, dass Labude und Fabian verschiedene Typen zeitgenössischer Intellektueller darstellen und als Komplementärfiguren zu begreifen sind[10]. Labude ist also analog zu Fabian dem gleichen Konflikt ausgesetzt. Allerdings ist er nicht wie Fabian von Geldsorgen geplagt, weil seine soziale Herkunft das Großbürgertum ist. Er kann sich sogar eine Zweitwohnung in Berlin leisten, in der er „seinen wissenschaftlichen und sozialen Neigungen“ (vgl. Fabian, 49) nachgeht. Dieser Unterschied ist entscheidend für den divergierenden Umgang der beiden mit dieser Situation. Während Fabian sich auf die Position des Moralisten, der keinen Ausweg aus der Situation sieht, zurückzieht, glaubt Labude, er könne „die Gesellschaft auf den Grundlagen der Vernunft neu ordnen“[11]. Vielleicht liegt Fabians Passivität an seiner unmittelbaren Erfahrung zu den ökonomischen Problemen der Zeit, mit denen Labude nicht zu kämpfen hat. Im Handlungsverlauf beobachtet er immer wieder als Flaneur Facetten des modernen Lebens. Es soll nun kurz auf die Motive der Neuen Sachlichkeit eingegangen werden, die im Roman zu finden sind und diese Facetten maßgeblich ausmachen, um den einen Pol im Konflikt zwischen Realität und moralischer Haltung zu verdeutlichen.

2.1 Neusachliche Elemente

Wenn Siegfried Kracauer behauptet, dass sich in den zwanziger Jahren „die Welt in eine sinnentleerte Realität und das Subjekt spaltet“[12], ist das nicht zuletzt ein Hinweis darauf, dass das Subjekt in dieser Zeit eine Position bezieht, die nicht mehr unmittelbar in der Gesellschaft liegt. Fabian scheint als Außenseiter und Flaneur beispielhaft für diese Position zu sein. Er befindet sich im gesamten Roman überwiegend an öffentlichen Plätzen. Zwar sind diese Orte Treffpunkte der unterschiedlichsten Individuen wie Bars, Behörden oder die Straße, aber sie sind auch immer als Schwellenorte zu begreifen, die keinerlei Form der Sesshaftigkeit suggerieren und an denen man inmitten der Masse unbeteiligt aufnehmen kann, was passiert[13]. Somit befindet sich Fabian zumeist unverbunden und von der Gesellschaft gelöst an den Orten des Romans. Diese Unverbundenheit und die damit evozierte Entfremdung der Individuen voneinander ist eindeutig ein Element der Neuen Sachlichkeit, welches z. B. Kracauer in Analogie zu einem Kiosk illustriert, bei dem die einzelnen Zeitungen zwar materielle Nähe haben, aber doch keine etwas von der anderen weiß[14]. Aber auch der Verkehrsdiskurs findet sich im Roman wieder, welchen Lethen als den zentralen Topos der neusachlichen Literatur beschreibt[15]. Auf dem Weg in die Schlüterstraße wird Fabian heftig am Absatz angestoßen (vgl. Fabian, 13). Allerdings ist es die Straßenbahn, die ihn streift und nicht etwa ein anderer Mensch. An dieser Stelle des Romans ist die gerade erwähnte Entfremdung in das System des Verkehrs implementiert, der „Moral in Sachlichkeit“[16] verwandelt und „funktionsgerechtes Verhalten erzwingt[17]. Der Schaffner weist Fabian scharf darauf hin, er solle aufpassen, worauf dieser erwidert, er werde sich Mühe geben. Diese kleine Irritation des Verkehrs lässt Fabian als eine Figur erscheinen, die nicht in dieses System passt. Dieser Eindruck wird im weiteren Verlauf der Narration bestätigt. Im Gespräch mit seinem Freund Labude fragt Fabian: „Wo ist das System, in dem ich funktionieren kann? Es ist nicht da, und nichts hat Sinn“ (Fabian, 53). Die gerade erwähnte reine Funktionalität lässt sich auch auf den Verkehr zwischen Männern und Frauen im Roman beziehen. Delabar stellt heraus, dass weite Strecken der Handlung im Roman durch das Zusammenfügen und Trennen von Paaren gekennzeichnet seien[18]. Sicherlich nehmen Cornelia und Fabian eine Sonderstellung ein, weil sie über die Art und Weise des Liebens in ihrer Zeit gleich zu Beginn ihrer Beziehung reflektieren (vgl. Fabian, 91ff). Aber die anderen Konstellationen im Roman sind vor allem durch eine starke Form der Unpersönlichkeit geprägt. Die Bekanntschaft mit Irene Moll läuft z. B. ohne große Umwege auf die körperliche Liebe hinaus, auf die sich Fabian allerdings nicht einlässt. Vor allem aber bei dem kurzen Intermezzo mit der Verkäuferin, die er im Hippodrom kennen lernt, kulminiert diese Unpersönlichkeit. Im Text findet sich an keiner Stelle der Vor- oder Nachname dieser Frau, obschon Fabian mit ihr eine Nacht verbringt und sie sich am Frühstückstisch duzen (vgl. Fabian, 173). An dieser Stelle wirkt der Roman stark entsentimentalisierend, was nach Sabine Becker ein typisches Merkmal für die Ästhetik der Neue Sachlichkeit ist[19].

[...]


[1] Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 2006. Im Folgenden im Fließtext zitiert als Fabian.

[2] Vgl. Volker Klotz: Forcierte Prosa. Stilbeobachtungen an Bildern und Romanen der Neuen Sachlichkeit. In: Rudolf Wolff (Hrsg.): Erich Kästner. Werk und Wirkung. Bonn 1983. S. 83ff. Im Folgenden zitiert als Klotz 1983.

[3] Vgl. Britta Jürgs: Neusachliche Zeitungsmacher, Frauen und alte Sentimentalitäten. In: Sabine Becker u. Christoph Weiß (Hrsg.): Neue Sachlichkeit im Roman. Stuttgart 1995. S. 196ff. u. 199ff. Im Folgenden zitiert als Jürgs 1995.

[4] Vgl. Egon Schwarz: Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. Fabians Schneckengang im Kreise. In: Romane des 20. Jahrhunderts. Bd. 1. Ditzingen 1993. S. 244ff. Im Folgenden zitiert als

Schwarz 1993.

[5] Vgl. Christa Hämmerle u. Edith Saurer: Frauenbriefe – Männerbriefe? Überlegungen zu einer Briefgeschichte jenseits von Geschlechterdichotomien. In: Christa Hämmerle u. Edith Saurer (Hrsg.): Briefkulturen und ihr Geschlecht. Zur Geschichte der privaten Korrespondenz vom 16. Jahrhundert bis heute. Wien, Köln, Weimar 2003. S. 7f. Im Folgenden zitiert als Hämmerle/Saurer 2003.

[6] Vgl. Walter Schiffels: Geschichte(n) erzählen. Über Geschichte, Funktionen und Formen historischen Erzählens. Kronberg/Ts. 1975. S. 194.

[7] Marja Rauch: Erich Kästner. Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München 2001. S. 70. Im Folgenden zitiert als Rauch 2001.

[8] Vgl. hierzu etwa Walter Stein u. Uta Kühn-Stillmark: Friedrich Justin Bertuch. Ein Leben im klassischen Weimar zwischen Kultur und Kommerz. Köln u. a. 2001.

[9] Max Horkheimer u. Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 2006. S. 3. Im Folgenden zitiert als Horkheimer/Adorno 2006.

[10] Vgl. Isa Schikorsky: Erich Kästner. München 1998. S. 84.

[11] Rauch 2001: S. 49.

[12] Hier zitiert nach Michael Makropoulos: Krise und Kontingenz. Zwei Kategorien im Modernitätsdiskurs der Klassischen Moderne. In: Moritz Föllmer u. Rüdiger Graf (Hrsg.): Die ‚Krise’ der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters. Frankfurt am Main 2005. S. 46.

[13] Vgl. Klotz 1983: S. 83.

[14] Vgl. Steve Plumb: Neue Sachlichkeit 1918-33: Unity and Diversity of an Art Movement. Amsterdam u. New York 2006. S. 72.

[15] Vgl. Helmut Lethen: Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen. Frankfurt am Main 1994. S. 44. Im Folgenden zitiert als Lethen 1994.

[16] Lethen 1994: S. 45.

[17] Vgl. Lethen 1994: S. 45.

[18] Vgl. Walter Delabar: Linke Melancholie? Erich Kästners Fabian. In: Jörg Döring (Hrsg.): Verkehrsformen und Schreibverhältnisse. Medialer Wandel als Gegenstand und Bedingung von Literatur im 20. Jahrhundert. Opladen 1996. S. 26.

[19] Vgl. Sabine Becker: Die Ästhetik der neusachlichen Literatur (1920-1933). Bd. 1. Köln, Weimar, Wien 2000. S. 242. Im Folgenden zitiert als Becker 2000.

Details

Seiten
15
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638636001
ISBN (Buch)
9783638769754
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73550
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,0
Schlagworte
Warme Texte Textdiskurs Erich Kästners Fabian Romane Jahre

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