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Die Förderung bilateraler Handelsbeziehungen durch Messen - Eine Fallstudie zu Brasilien und Deutschland

Diplomarbeit 2007 77 Seiten

VWL - Fallstudien, Länderstudien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungs- und Symbolverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Aufbau der Arbeit

2 Einordnung der Länder Brasilien und Deutschland in ihren Wirtschaftsraum
2.1 Brasiliens regionale Integration in Lateinamerika
2.2 Entstehung und Entwicklung der EU
2.3 Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem MERCOSUL und der EU
2.3.1 Die Rolle Brasiliens im MERCOSUL
2.3.2 Die Rolle Deutschlands in der EU
2.4 Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zwischen Brasilien und Deutschland

3 Außenwirtschaftsförderung und das Marketinginstrument Messe
3.1 Institutionen und Instrumente der Außenwirtschaftsförderung
3.2 Das Marketinginstrument Messe

4 Fallstudie: Förderung bilateraler Handelsbeziehungen durch Messen am Beispiel Brasilien und Deutschland
4.1 Die Bäumle Gruppe
4.2 Güterhandel ausgewählter Industriebranchen zwischen Brasilien und Deutschland

5 Fazit und Ausblick

Anhang I

Anhang II

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Struktur der Arbeit

Abbildung 2: Brasilianisch-deutsche Handelsbilanz der Jahre 2003 bis 2005

Abbildung 3: Brasilianische Ausfuhrgüter nach Deutschland im Jahr 2005

Abbildung 4: Deutsche Ausfuhrgüter nach Brasilien im Jahr 2005

Abbildung 5: Deutsche Direktinvestitionen in Brasilien der Jahre 2000 bis 2005

Abbildung 6: Registrierte Messen in Deutschland und weltweit der Jahre 1995 und 2005

Abbildung 7: Realisierte Messebeteiligungen der Bäumle Gruppe der Jahre 1991 bis 2006

Abbildung 8: Darstellung brasilianischer Messebeteiligungen auf den Leitmessen der Ernährungsbranche

Abbildung 9: Darstellung brasilianischer Messebeteiligungen auf den Leitmessen der Kommunikations- und Industriebranche

Abbildung 10: Brasilianische Handelsbilanz mit Deutschland der Produktgruppe der Fertiggerichte aus Rind- und Geflügelfleisch sowie Fischen und Krustentieren der Jahre 1998 bis 2006

Abbildung 11: Brasilianische Handelsbilanz mit Deutschland der Produktgruppe der Früchte und Fruchtsäfte, Konserven sowie Kakao und kakaohaltigen Fertigprodukte der Jahre 1998 bis 2006

Abbildung 12: Brasilianische Handelsbilanz mit Deutschland der Produktgruppe der alkoholischen und nichtalkoholischen Getränke (außer Fruchtsäfte) sowie Kaffee und Tee der Jahre 1998 bis 2006

Abbildung 13: Brasilianische Handelsbilanz mit Deutschland der Produktgruppe der Maschinen und Anlagen der Jahre 1998 bis 2006

Abbildung 14: Brasilianische Handelsbilanz mit Deutschland der Produktgruppe der Elektronik und Kommunikationstechnik der Jahre 1998 bis 2006

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Handelsströme zwischen dem MERCOSUL und der EU der Jahre 1988 und 2001

Tabelle 2: Wirtschaftliche Indikatoren und Handelsströme der MERCOSUL-Länder im Jahr 2005

Tabelle 3: Wirtschaftliche Indikatoren und Handelsströme ausgewählter EU-Länder im Jahr 2005

Tabelle 4: Realisierte Messebeteiligungen der Bäumle Gruppe in Brasilien

Abkürzungs- und Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung

Außenhandel, Regionalisierung und Globalisierung sind Schlagwörter, die die moderneöko- nomische Diskussion prägen. Globalisierung und damit verbunden internationale Wirtschafts- beziehungen sind Herausforderungen, mit denen Staaten mehr und mehr konfrontiert werden (Spaderna-Klein 2000). „Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes ist heute - mehr denn je - von seiner Einbindung in die Weltökonomie und damit von außenwirtschaftlichen Faktoren geprägt“ (Spaderna-Klein 2000: 2). Bereits früheökonomen, wie beispielsweise David Ricardo, forderten freien Handel, um so Wohlfahrtsgewinne für die Welt und für die am Handel beteiligten Länder zu erzielen (Siebert 2000). „Under a system of perfectly free commerce, each country naturally devotes its capital and labour to such employments as are most beneficial to each. The pursuit of individual advantage is admirable connected with the universal good of the whole” (Ricardo 1817: 156).

Lag das Handelsaufkommen im Jahr 1950 weltweit noch bei 60 Milliarden (Mrd.) US-Dollar (US$), so wurde im Jahr 1997 ein Handelsvolumen von rund 7.000 Mrd. US$ erzielt. Doch lässt erst eine Betrachtung der Entwicklung der Weltproduktion nähere Rückschlüsse über die Dimension des Welthandels zu. Die jährlichen Zuwachsraten des internationalen Handels lagen bis auf das Jahr 1991 über 4 % und erreichten in den Jahren 1995 und 1997 sogar 9,5 % (Spaderna-Klein 2000). Dieser Vergleich zeigt das gewaltige Ausmaß, das der Welt- handel erreicht hat. Aber nicht nur der Handel, sondern auch die weltweiten Direktinvestitionen haben sich vom Jahr 1995 bis zum Jahr 2005 von 325 Mrd. US$ auf 897 Mrd. US$ fast verdreifacht (United Nations Conference on Trade and Development 2006 und 1996). Betrachtet man die expansive Entwicklung der globalen Wirtschaft, so sind mehr denn je Diskussionen über Möglichkeiten der Außenwirtschaftsförderung begründet.

Unter Außenwirtschaftsförderung versteht man im Allgemeinen die staatliche Förderung der wirtschaftlichen Tätigkeit von nationalen Unternehmen mit dem Ausland. Das primäre Ziel der Außenwirtschaftsförderung besteht darin, der heimischen Wirtschaft den Zugang zu Aus- landsmärkten zu erleichtern und somit zur Steigerung der Wohlfahrt der eigenen Volkswirt- schaft beizutragen. Dabei umfasst Außenwirtschaftsförderung nicht nur die reine Handels- förderung, sondern ebenso die Förderung von Direktinvestitionen (Schultes 2003). In der Fülle der Instrumente zur Förderung von Außenwirtschaftsbeziehungen kommt dem Marketing- instrument Messe eine große Bedeutung zu. In Deutschland finden jährlich etwa 150 inter- nationale Messen und Ausstellungen statt. Eine vorläufige Berechnung des Ausstellungs- und Messe-Ausschusses der deutschen Wirtschaft e.V. (AUMA) ergab, dass die Ausstellerzahlen dieser Messen im Jahr 2005 im Vergleich zu den Vorveranstaltungen um durchschnittlich rund 2,5 % gestiegen sind. Im Ausland sind über 40 % der in Deutschland ausstellenden Unter- nehmen messeaktiv. Wurden im Jahr 2003 noch 125 Messen mit deutscher Beteiligung auf allen Kontinenten durchgeführt, so stieg die Teilnahme innerhalb von drei Jahren um über 50 % auf 192 Messen (AUMA 2005 c). Aber nicht nur hier zu Lande, sondern weltweit ist ein gestiegenes Interesse an Messeveranstaltungen zu beobachten. Insbesondere einige Länder Asiens verzeichnen einen drastischen Aufschwung von Messeaktivitäten. So wird beispiels- weise in den kommenden Jahren für China ein jährliches Messe-Wachstum von 20 % prog- nostiziert. Der Grund für diese weltweit steigende Tendenz ist, dass heute immer mehr Unter- nehmen die Bedeutung von Messen als effektives Marketinginstrument erkannt haben (AUMA 2005 b). Denn in Anbetracht der zunehmenden Globalisierung und damit verbunden der Zu- nahme des Welthandels und der vermehrten grenzüberschreitenden Kapitalströme bieten sich Messen für die Ausdehnung der unternehmerischen Tätigkeiten auf Auslandsmärkte an, da sie Angebot und Nachfrage ganzer Branchen zeitlich und räumlich bündeln. Als Förder- instrument von Wirtschaftsbeziehungen sollte man Messen somit eine entsprechende Relevanz zuweisen.

1.2 Zielsetzung

Mit der vorliegenden Arbeit soll die Bedeutung von Messen zur Förderung bilateraler Handels- beziehungen vor dem Hintergrund des steigenden Handelsvolumens und der fortschreitenden Globalisierung untersucht und bewertet werden. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei auf einer Fallstudie Brasilien und Deutschland. Anhand der Entwicklung der Unternehmensgruppe Bäumle S.C. Ltda (Sociedade Limitada), einem brasilianischen Messedienstleistungsunter- nehmen, soll ein positiver Zusammenhang zwischen Messebeteiligungen und der Steigerung des Güterhandels aufgezeigt werden. Die Auswahl beider Länder basiert auf dem jeweiligen Stellenwert, den diese in ihrem Wirtschaftsraum innehaben, sowie den schon jahrzehnte- langen wirtschaftlichen Beziehungen. Brasilien als zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt und größte Volkswirtschaft des südamerikanischen Regionalabkommens Mercado Comun do Sul (MERCOSUL) verfügt über die modernsten Industrien in ganz Lateinamerika und weist die am stärksten diversifizierten Produktionsstrukturen innerhalb des MERCOSUL auf. Auch der große Binnenmarkt Brasiliens, welcher für ausländische Direktinvestitionen attraktiv ist, ist ein weiterer Vorteil. Von daher ist es nur verständlich, dass die wirtschaftliche Leistungskraft und Dynamik des MERCOSUL maßgeblich von der Entwicklung Brasiliens bestimmt wird. Im Jahr 2001 erzielte Brasilien dabei über 75 % der regionalen Wertschöpfung (Korthoff 2005). Die Führungsrolle im MERCOSUL, die sich Brasilien selbst zuspricht, wurde von den übrigen Mit- gliedsstaaten, selbst von Argentinien, akzeptiert. Nach jahrelanger Rivalität zwischen Brasilien und Argentinien hat auch Argentinien erkannt, dass Stabilität und Expansion der brasilia- nischen Volkswirtschaft eine wichtige Voraussetzung für die eigeneökonomische Weiterent- wicklung sind. Neben den United States of America (USA) ist die Europäische Union (EU) der wichtigste Wirtschaftspartner des MERCOSUL. Die europäischen Direktinvestitionen in den MERCOSUL betrugen im Jahr 2000 23,1 Mrd. US$, wovon ungefähr 80 % in Brasilien inves- tiert wurden. Deutschland, als größte Volkswirtschaft innerhalb der EU, ist einer der wichtigsten wirtschaftlichen Partner Lateinamerikas (Korthoff 2005). Die wirtschaftlichen und kulturellen Bindungen zwischen Deutschland und Lateinamerika haben eine lange historische Tradition (Brand 1993). Dabei hat sich insbesondere die deutsch-brasilianische Beziehung tief verankert. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland das einzige europäische Land, das weder Kolonien noch Naturschätze besaß. Brasilien, reich an natürlichen Ressourcen, hat somit Deutschland mit Rohstoffen und Agrarprodukten versorgt. Im Gegenzug belieferte Deutschland Brasilien mit Industrieprodukten und stattete das Land mit Kapitalinvestitionen aus (Oliveira 2005). Diese Verflechtung, die durch unterschiedliche natürliche und wirtschaft- liche Gegebenheiten bedingt wurde, spiegelt sich heute in einer bilateralen strategischen Partnerschaft wider. Ein Aktionsplan vom Februar 2002 unterstreicht dabei die Entschlossen- heit beider Länder, die Zusammenarbeit auch in Zukunft weiter auszubauen (Auswärtiges Amt 2006).

Unter dem Aspekt der deutsch-brasilianischen Beziehungen und der weltweit steigenden Be- deutung der Messewirtschaft bietet sich eine genauere Untersuchung dieser Thematik im Rahmen der Arbeit an. Es soll darauf aufmerksam gemacht werden, wie wichtig es für den Fortbestand eines Unternehmens ist, seine Präsenz nicht nur auf den heimischen Markt zu beschränken. Dafür kann eine Messebeteiligung in vielerlei Hinsicht ein Instrument für das Wachstum eines Unternehmens, einer Branche und folglich einer gesamten Volkswirtschaft sein.

1.3 Aufbau der Arbeit

Das dieser Arbeit zugrunde liegende Thema der Förderung bilateraler Handelsbeziehungen durch Messen wird in insgesamt fünf Kapiteln schrittweise bearbeitet.

Nach einer im 1. Kapitel erfolgten Einführung in die Thematik und einer Darstellung der Ziel- setzung der Arbeit erfolgt in Kapitel 2 die Einordnung der Länder Brasilien und Deutschland in ihren jeweiligen Wirtschaftsraum. Zu diesem Zweck werden zunächst die regionalen Inte- grationsprozesse in Lateinamerika und in Europa kurz beschrieben sowie die Wirtschafts- beziehungen zwischen dem MERCOSUL und der EU aufgezeigt. Darauf aufbauend wird der Stellenwert beider Länder in ihrem wirtschaftlichen Regionalabkommen dargestellt. Auf dieser Grundlage werden am Ende des 2. Kapitels die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Brasilien und Deutschland herausgearbeitet.

Kapitel 3 wendet sich den Institutionen und Instrumenten der Außenwirtschaftsförderung zu. Zunächst werden mögliche Förderinstitutionen und deren Maßnahmen im Allgemeinen aufge- zeigt, wobei aufgrund der Komplexität der Thematik nur auf eine Auswahl näher eingegangen wird. Im letzten Teil dieses Kapitels wird das Marketinginstrument Messe im Speziellen vorge- stellt.

Das 4. Kapitel umfasst die konkreten Inhalte der Fallstudie. Zunächst werden unternehmens- relevante Daten der Unternehmensgruppe Bäumle S.C. Ltda präsentiert. In diesem Zu- sammenhang erfolgt eine detaillierte Ausführung brasilianischer Beteiligungen auf ausgewähl- ten, in Deutschland ausgetragenen Messen. Im zweiten Teil des Kapitels wird der Warenver- kehr zwischen Brasilien und Deutschland beispielhafter, diesen Messen zugehörender Bran- chen dargestellt, wodurch eine Parallele zwischen dem zuvor Erarbeiteten aufgezeigt werden soll.

In Kapitel 5 werden abschließend die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und bewertet. Ein Ausblick soll eine Anregung für eine weitere Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ländern Brasilien und Deutschland geben.

Die Struktur dieser Arbeit wird in Abbildung 1 visuell verdeutlicht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Struktur der Arbeit

2 Einordnung der Länder Brasilien und Deutschland in ihren Wirtschaftsraum

Wie bereits im vorherigen Kapitel beschrieben, begründet sich die Auswahl der Länder Brasilien und Deutschland aus zwei Aspekten: dem Stellenwert, den beide Länder in ihrem jeweiligen Wirtschaftsraum innehaben und ihre wirtschaftlichen Beziehungen zueinander. Neben einer kurzen Beschreibung regionaler Integration in Lateinamerika und Europa werden die Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem MERCOSUL und der EU sowie zwischen Brasilien und Deutschland dargestellt.

2.1 Brasiliens regionale Integration in Lateinamerika

Die Integrationsbestrebungen in Lateinamerika gehen bis in das vorige Jahrhundert zurück (Haller 2001). Neben einer Vielzahl bilateraler Integrationsansätze, die im Rahmen dieser Arbeit außer Acht gelassen werden, wird im Folgenden auf die wichtigsten lateinamerikanischen Wirtschaftsvereinigungen unter Berücksichtigung einer Beteiligung Brasiliens eingegangen. Die Betrachtung früherer Integrationsversuche und -realisierungen liefert eine wichtige Grundlage für das Verständnis des MERCOSUL.

Im Februar 1960 schlossen die Länder Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko, Paraguay, Peru und Uruguay in Montevideo den ersten modernen Vertrag wirtschaftlicher Integration in Lateinamerika, die Alian ç a Latino-Americana de Livre Com é rcio (ALALC). Bis zum Jahr 1967 traten vier weitere Staaten1 bei. Somit erstreckte sich die ALALC auf den gesamten südameri- kanischen Kontinent zuzüglich Mexiko (Wehner 1999). Ziel war es, innerhalb von zwölf Jahren eine Freihandelszone zwischen den Vertragspartnern durch schrittweise Abschaffung sämtli- cher Handelshindernisse einzurichten. Die anfänglich erzielten Erfolge, insbesondere vorweis- bar von den wirtschaftlich stärkeren Ländern Argentinien, Brasilien und Mexiko, konnten weder ausgebaut noch beibehalten werden. Schon bald verlor das Projekt an Dynamik und scheiterte. Die Schaffung der Associa çã o Latino-Americana de Integra çã o (ALADI) im Jahr 1980 als direkte Nachfolgeorganisation der ALALC zeigte, dass die Mitgliedsstaaten dennoch weiterhin bestrebt waren, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum zu errichten. Nicht mehr Frei- handel, sondern Handelsförderung und eine intensivere Kooperation der Volkswirtschaften waren oberste Ziele (Korthoff 2005). Das bedeutsamste Instrument zur Zielerreichung mit

Blick auf den MERCOSUL war die Möglichkeit der vertraglichen Vereinbarung von Abkom- men, die nicht notwendigerweise alle Vertragsstaaten betreffen mussten. Die dadurch ent- standene Flexibilität und Zulassung verschiedenartiger Behandlung von wirtschaftlich unter- schiedlich starken Volkswirtschaften sollte zur Ausdehnung und Dynamisierung der Märkte beitragen. Aus einem solchen Abkommentypus ist der Vertrag zur Gründung des MERCOSUL entstanden (Wehner 1999). Die von den Ländern Argentinien und Brasilien im Jahr 1985 unterzeichnete Erklärung von Iguazu war der erste Meilenstein für eine gemeinsame Zu- sammenarbeit und kann als direkter Vorläufer des MERCOSUL betrachtet werden. Es folgten weitere bilaterale Abkommen und zahlreiche Protokolle. Eine qualitative Wende vollzog sich jedoch erst am 06. Juli 1990 mit der Unterzeichnung der Akte von Buenos Aires, die dem Bestreben bei der Errichtung eines Gemeinsamen Marktes einen endgültigen Akzent setzte. Die auf zehn Jahre festgelegte Vertragsdauer wurde auf fünf Jahre reduziert, um somit die wirtschaftliche Integration zu beschleunigen. Zur vollständigen Legitimierung wurden die bisherigen Integrationsprozesse Argentiniens und Brasiliens in einem neuen Abkommen zu- sammengefasst und in den ALADI, als übergeordneten Integrationsrahmen, gestellt (Haller 2001 und Wehner 1999). Am 30. November 1991 trat der MERCOSUL-Vertrag, unterzeichnet von den Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay, in Kraft. Ziele sind die Schaffung einer Freihandelszone und einer Zollunion zwischen den Vertragsstaaten sowie eine Harmonisierung der Wirtschaftspolitiken (Haller 2001). Mit seinen inzwischen fünf Mit- gliedsstaaten, den Ländern Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay und Venezuela, ist der MERCOSUL der viertgrößte Wirtschaftsraum der Welt nach dem North American Free Trade Agreement (NAFTA), der EU und der Association of Southeast Asian Nations (ASEAN). Er umfasst mit über 250 Millionen (Mio.) Menschen eine Fläche von mehr als der Hälfte Süd- amerikas. Seine Bildung versteht sich als Antwort auf den weltweiten Globalisierungsprozess (Korthoff 2005). Durch die Schaffung größerer wirtschaftlicher und politischer Stabilität hat die Gründung des MERCOSUL zu verbesserten Standortbedingungen in ganz Südamerika ge- führt und ist heute ein interessanter Markt mit hohem Nachfrage- und Wachstumspotential. Insbesondere die Zunahme ausländischer Direktinvestitionen sowie zunehmende Ex- und Importe zeigen, dass die Attraktivität der MERCOSUL-Region zugenommen hat (Sangmeister 2002).

2.2 Entstehung und Entwicklung der EU

Bereits nach Ende des Zweiten Weltkrieges kam es in Europa zu Einigungsbestrebungen für ein friedliches und vereintes Nebeneinander. Der erste entscheidende Anstoß wurde von Deutschlands erstem Bundeskanzler Konrad Adenauer und Frankreichs damaligem Außen- minister Roland Schuman gegeben. Der von ihnen unterbreitete Vorschlag führte im Jahr 1951 zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft f Ür Kohle und Stahl. Der Vertrag trat am 27. Juli 1952 in Kraft. Dieser wirtschaftliche Zusammenschluss sollte in den Mitgliedsstaaten2 zu höherem Lebensstandard und Wachstum beitragen. Im Jahr 1957 gründeten diese die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die eine allmähliche Angleichung der Wirt- schaftspolitiken der Mitgliedsstaaten vorsah. Allen voran war insbesondere Deutschland dar- auf bedacht eine Verflechtung der Wirtschaften herbeizuführen. Der Grund dafür war, dass Deutschland, nach den beiden verlorenen Weltkriegen, ohne regionale Zusammenschlüsse von den anderen Staaten Europas nie die gewollte Handlungsfähigkeit und damit Souveränität erhalten hätte. Oberste Ziele bei der Errichtung eines Gemeinsamen Marktes waren der Auf- bau einer Zollunion mit freiem Warenverkehr und eine gemeinsame Agrarpolitik. Die grund- legendste Änderung trat mit dem am 01. November 1993 in Kraft getretenen Vertrag Über die Europäische Union (EU-Vertrag3 ) ein. Er bildete die Grundlage für die Vollendung einer Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU4 ), für eine Gemeinsame Au ß en- und Sicherheitspolitik sowie für eine Zusammenarbeit in den Bereichen Justiz und Inneres (Alb- recht 2002). Der am 01. Januar 2002 vollendete 3-Stufen-Prozess zur Einführung einer ge- meinsamen eigenständigen Währung „Euro“ (€) war ein weiterer Schritt in Richtung eines vereinten Europas. Der Euro ist offizielles Zahlungsmittel von 12 der inzwischen 27 EU- Mitgliedsstaaten5 und nach dem US-Dollar die am meisten gehandelte Währung der Welt. Die Schaffung eines Binnenmarkts innerhalb der Europäischen Gemeinschaft als eines der Ziele der EU wurde bisher zwar nur teilweise erreicht, dennoch sind respektable Teilerfolge zu ver- zeichnen (Läufer 2005, Giering 2006 und Amtblatt der Europäischen Gemeinschaften 2001).

Inzwischen ist die EU mit rund 313,2 Mio. Einwohnern ein bedeutender Akteur auf dem Weltmarkt und das weltweit fortgeschrittenste regionale Integrationsabkommen. Mit einem Anteil von 14,8 % am weltweiten Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Jahr 2005 ist die EU führender Wirtschaftsraum hinter den USA (European Central Bank). Beim Export mit Waren und Dienstleistungen lag die EU mit 973 Mrd. € im Jahr 2001 sogar vor den USA, den asiatischen Tigerstaaten6, Japan und China. Aber auch bei den ausländischen Direktinvestitionen stand die EU mit 362 Mrd. € im Jahr 2000 weltweit an erster Stelle. Bestrebt, ihre wirtschaftliche Stellung auf dem Weltmarkt zu stärken, verfolgt die EU insbesondere durch den Ausbau wirtschaft-licher Beziehungen zu den Ländern des ehemaligen Ostblocks, zu China und zu den MERCOSUL-Staaten ehrgeizige Ziele (Schilder 2005).

Die auf den vorangegangenen Seiten beschriebenen Integrationsprozesse führten dazu, dass sowohl der MERCOSUL als auch die EU heute im Weltwirtschaftssystem bedeutende Positionen einnehmen. Bei den Bemühungen wirtschaftlicher Zusammenarbeit über die nationalen Grenzen hinaus und dem Bestreben der Bildung regionaler Wirtschaftsräume steuerten die Länder Brasilien und Deutschland auf ihren Kontinenten einen nicht unbe- deutenden Teil bei.

2.3 Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem MERCOSUL und der EU

Die wirtschaftliche Kooperation zwischen dem MERCOSUL und der EU wird von zwei wesent- lichen Aspekten getragen: von der Wichtigkeit der Partner zueinander und von der Struktur der Handelsströme. Aus Letzterem lässt sich die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland, auf die in Kapitel 2.4 eingegangen wird, ableiten.

Die EU ist im Gegensatz zu den anderen Staaten Lateinamerikas, wo die USA eine dominantere Rolle einnimmt, bedeutendster wirtschaftlicher Partner des MERCOSUL. Folgende Tabelle 1 zeigt die Entwicklung der Handelsströme beider Wirtschaftsblöcke zueinander (Korthoff 2005).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Korthoff 2005

Tabelle 1: Handelsströme zwischen dem MERCOSUL und der EU der Jahre 1988 und 2001

Die Anteile am Handelsverkehr zwischen den einzelnen Ländern des MERCOSUL in die EU weisen eine starke Diskrepanz auf. Alleine aus Brasilien stammen fast drei Viertel der Exporte (Blue 21 Arbeitspapier 2004). Welche Staaten anderseits innerhalb des MERCOSUL für die EU wichtigste Wirtschaftspartner darstellen, zeigt sich nicht nur am Handel, bei dem Brasilien und Argentinien Haupteinfuhrländer europäischer Waren sind. Von allen Direktinvestitionen, die im Jahr 2001 von der EU nach Lateinamerika flossen, wurden 65 % in der MERCOSUL- Region getätigt und davon wiederum 38 % in Brasilien und 26 % in Argentinien. Dabei zählen Spanien, Deutschland, Frankreich und England zu den wichtigsten Investoren (Inter-American Development Bank 2004). Verglichen mit den gesamten Ein- und Ausfuhren und den gesam- ten ausländischen Direktinvestitionen, die in die EU fließen, ist die Bedeutung des MERCOSUL für die europäischen Staaten recht gering. Lediglich 1,85 % der Exporte und 2,96 % der Importe wurden im Jahr 2002 mit der Region realisiert und nur 0,4 % der gesamten ausländischen Direktinvestitionen, die im Jahr 2000 in die EU flossen, kamen aus dieser. Der wichtigste Investor war Brasilien, wobei die Kapitalzuflüsse hauptsächlich nach Deutschland gingen. Die MERCOSUL-Staaten hingegen wickelten im Jahr 2005 47,4 % ihrer Exporte mit der EU ab (Schilder 2005, Korthoff 2005 und Banco Central do Brasil). Diese Zahlen belegen die bereits oben erwähnte unterschiedliche Bedeutung der Wirtschaftspartner füreinander. Dennoch ist auch die EU bestrebt, insbesondere seit Beginn der Verhandlungen seitens der USA einer gesamtamerikanischen Freihandelszone (FTAA), ihre Position auf dem süd- amerikanischen Kontinent weiter auszubauen. Die MERCOSUL-Staaten, vor allem Brasilien, bemühen sich ebenso um eine Vertiefung der Beziehungen. Dabei beruht das Interesse mehr oder weniger auf gleichen Motiven. Beide Wirtschaftsräume erhoffen sich durch Intensivierung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse ihre Position auf dem Weltmarkt und gegen- über den USA zu stärken (Korthoff 2005).

Die Einordnung Brasiliens und Deutschlands in ihren jeweiligen Wirtschaftsraum ist nur möglich, wenn neben der Entwicklung regionaler Integrationen die Beziehung der Wirtschaftsräume zueinander dargestellt wird. Die in diesem Kapitel aufgezeigten Verflechtungen zwischen beiden Regionalabkommen deuten bereits ansatzweise an, dass eine tiefere deutsch-brasilianische Beziehung besteht. Die in den nun folgenden Kapiteln 2.3.1 und 2.3.2 dargelegten Ausführungen sollen den Stellenwert Brasiliens beziehungsweise (bzw.) Deutschlands in ihrem Wirtschaftsraum begründen.

2.3.1 Die Rolle Brasiliens im MERCOSUL

Wie bereits in Kapitel 1.2 erwähnt, genießt Brasilien eine Vormachtstellung im MERCOSUL. Trotz teils schlechterer wirtschaftlicher Indikatoren im Vergleich zu den anderen Mitgliedsstaaten ist die Größe des Binnenmarktes als Absatzmarkt von Massenprodukten und der höhere Industrialisierungs- und Differenzierungsgrad der inländischen Produktion entscheidend für das große Gewicht Brasiliens innerhalb des MERCOSUL. Kein anderes Mitgliedsland schaffte es, eine ähnlich technologieintensive Industrie und somit eine diversifizierte Exportpalette wie Brasilien aufzubauen. Von dem im Jahr 2001 im MERCOSUL erwirtschafteten BIP sind 75 % dem brasilianischen Volk zuzuordnen (Korthoff 2005).

Die folgende Tabelle 2 zeigt einige wirtschaftliche Indikatoren, den gesamten Außenhandel und den Extra- und Intrahandel der Mitgliedsstaaten auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Die Umrechnung von US$ in € erfolgte mit dem Interbank Kassakurs vom 31.12.2005 mit Hilfe des FXConverter.

** Das Wirtschaftswachstum stellt die Veränderung zum Vorjahr dar.

Quelle: In Anlehnung an Bundesagentur für Außenwirtschaft 2006 und ALADI 2006

Tabelle 2: Wirtschaftliche Indikatoren und Handelsströme der MERCOSUL-Länder im Jahr 2005

Die in der Tabelle 2 aufgeführten Statistiken veranschaulichen die Ungleichgewichte der ein- zelnen MERCOSUL-Länder und heben die geographische Größe Brasiliens hervor. Es lässt sich somit die Dominanz des Landes innerhalb des MERCOSUL ableiten und daraus schließen, dass der Erfolg des MERCOSUL weitgehend von der wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens abhängt. Aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch strategisch nimmt Brasilien eine besondere Position im MERCOSUL ein. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zeigte das Land ein größeres Interesse an Europa und Nordamerika als an seinen lateinamerikanischen Nachbarstaaten (Korthoff 2005). Inzwischen haben die Regierungen jedoch erkannt, dass regionale Ausdehnung die eigene Position im internationalen Wettbewerb stärkt (Mols 1996). Brasilien ist folglich bemüht eine Erweiterung des MERCOSUL voranzutreiben. Die zu- nehmend distanzierte Haltung Brasiliens gegenüber den USA einerseits und die Befürch- tungen einer möglichen Bedeutungslosigkeit des MERCOSUL anderseits drücken sich in der Skepsis zur Schaffung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone aus. Unter der Füh- rungsrolle Brasiliens lässt auch der Auf- und Ausbau wirtschaftlicher sowie politischer Bezie- hungen zu der EU erkennen, dass die MERCOSUL-Staaten bemüht sind, durch interregionale Kooperationsabkommen einen starken Partner im Weltwirtschaftssystem zu finden (Korthoff 2005).

Es bleibt festzuhalten, dass einerseits die Größe des Landes ein entscheidender Faktor für das Gewicht Brasiliens im MERCOSUL ist. Der enorme Binnenmarkt ermöglicht den Absatz vieler Produkte. Die heimische Industrie wird somit gefördert und besonders die angrenzenden kleinen Länder Paraguay und Uruguay sind auf diesen Markt als Importland ihrer Waren an- gewiesen. Obgleich auch Brasilien hauptsächlich Exporteur von Agrarerzeugnissen und Roh- stoffen ist, ist seine im Vergleich zu den übrigen lateinamerikanischen Staaten differenzierte Industrie ein weiteres Unterscheidungsmerkmal. Ebendiese quantitative und qualitative wirt- schaftliche Überlegenheit erlaubt es Brasilien andererseits seine eigenen politischen Interessen verstärkt zu verfolgen und durchzusetzen. Dieser Stellenwert, den Brasilien im MERCOSUL innehat, erklärt unter anderen die Auswahl Brasiliens als eines der Beispielslän- der im Rahmen der Thematik dieser Arbeit.

2.3.2 Die Rolle Deutschlands in der EU

Deutschland nimmt mit seiner wirtschaftlichen Leistung, als eine der stärksten Volkswirtschaften, weltweit eine führende Position ein. Laut Berechnungen des Statistischen Bundes amtes gehörte das Land zwar im Jahr 2003 sowohl auf europäischer als auch auf internationaler Ebene zu den Ländern mit dem schwächsten Wirtschaftswachstum (Statistisches Bundesamt Deutschland 2004). Als bevölkerungsreichste europäische Nation und Land mit dem höchsten Bruttonationaleinkommen innerhalb der EU ist Deutschland dennoch wichtigster Markt in Europa (Die Bundesregierung).

Die in nachstehender Tabelle 3 aufgeführten wirtschaftlichen Indikatoren einiger europäischer Mitgliedsstaaten dienen zum Vergleich und zeigen die wirtschaftliche Leistungskraft des jeweiligen Landes auf.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Die Werte des Handels von Großbritannien wurden von Britischem Pfund in € mit dem Interbank Kassakurs vom

31.12.2005 mit Hilfe des FXConverter umgerechnet.

** Das Wirtschaftswachstum stellt die Veränderung zum Vorjahr dar. Quelle: In Anlehnung an Bundesagentur für Außenwirtschaft 2006

Tabelle 3: Wirtschaftliche Indikatoren und Handelsströme ausgewählter EU-Länder im Jahr 2005

Die erwähnte führende Position Deutschlands spiegelt sich in den statistischen Daten der Tabelle 3 wider. Sein Außenhandelsbeitrag liegt weit über dem der anderen Mitgliedsstaaten. Die Organisation f Ür wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) und die Welthandelsorganisation (WTO) gaben an, dass der deutsche Weltmarktanteil am Export von Waren und Dienstleistungen im Jahr 2004 bei etwa 9,4 % lag. Im Bereich von Waren ist Deutschland sogar seit einigen Jahren „Exportweltmeister“ (FAZ.NET 2005). Zu den genann- ten wirtschaftlichen Kriterien kommen auch politische Gesichtspunkte hinzu, die Deutschland als entscheidenden Staat innerhalb der EU rechtfertigen. Durch die zentrale geographische Lage bildet Deutschland die Schnittstelle zu den mittel- und osteuropäischen Märkten Europas. Deutschland spielte somit nicht nur zu Beginn der europäischen

Integrationsprozesse eine entscheidende Rolle (vgl. Kapitel 2.2). Im Rahmen der Verhand- lungen einer Osterweiterung Europas war Deutschland auch ein wichtiges Politikum, nicht zuletzt aus eigenem wirtschaftlichem Interesse: einer Zunahme der Handelsbeziehungen zu diesen Regionen.

Auch hier, ähnlich wie bei Brasilien, spielen die geographische Ausdehnung und Lage sowie das politische Interesse bei der Entwicklung Deutschlands und bei seiner Einordnung in die EU eine wesentliche Rolle. Jedoch erst im Zusammenhang mit dem Aufbau zu einer fortgeschrittenen, entwickelten und wirtschaftlich starken Nation stellen diese Vorteile Deutschland in den Mittelpunkt der EU.

Das in Kapitel 2.3 angesprochene Merkmal im Hinblick auf die wirtschaftliche Kooperation zwischen dem MERCOSUL und der EU und die Relevanz des einen Partners für den anderen kann aus einem Vergleich der Tabellen 2 und 3 abgeleitet werden. Es zeigt sich, dass alle hier genannten europäischen Staaten mehr als die Hälfte ihres Handels mit ihren Mitgliedsstaaten abwickeln, wohingegen der Warenverkehr fast aller MERCOSUL-Länder weitgehend vom Extrahandel dominiert wird. Eine Ausnahme bildet der kleine Staat Paraguay.

2.4 Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zwischen Brasilien und Deutschland

Die Beziehungen zwischen Brasilien und Deutschland haben eine lange Tradition. Bereits Ende des 18. Jahrhunderts während der europäischen Industrialisierung versuchte Deutschland zusätzliche Absatzmärkte und Rohstoffquellen auf dem lateinamerikanischen Kontinent und dort vor allem in Brasilien zu sichern. Zu dieser Zeit befand sich Brasilien im wirtschaftlichen und politischen Umbruch. Erst im Zuge des Regierungswechsels von der Monarchie zu einer demokratischen Republiköffnete sich das Land dem internationalen Handel und förderte so seinen Industrialisierungsprozess. Deutschland wurde Brasiliens wichtigster Handelspartner. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kamen die deutsch- brasilianischen Beziehungen zum Erliegen. Deutschland stand nach dem Krieg vor einer voll- ständig zerstörten Wirtschaft. Es mangelte an Rohstoffen und die Industrie erholte sich nur langsam. Im Laufe der Nachkriegszeit wurde der Handel mit Brasilien wieder aufgenommen. Einfuhrgüter waren Rohstoffe und landwirtschaftliche Produkte. Brasilien erhielt im Gegenzug Maschinenanlagen und Elektroartikel (Bandeira 1995 und Wyneken 1958). Hier zeigt sich die in Kapitel 2.3 angedeutete Handelsgüterstruktur. Während Deutschland im Laufe der Nach- kriegszeit zu einer fortschrittlichen Industrienation heranwuchs, zählt Brasilien, insbesondere aufgrund großer regionaler Unterschiede zwischen dem industrialisierten Süden und dem geringer entwickelten Norden, zu den Schwellenländern7. Neben den handelspolitischen Aktivitäten zwischen Brasilien und Deutschland erfolgte gleichzeitig eine Ansiedlung deutscher Unternehmen und Bankinstitute in Brasilien (Da Guia Santos 1984). So haben sich beispiels- weise bereits vor Jahrzehnten deutsche Großunternehmen aus der Chemie-, Pharma- und Elektroindustrie wie die Bayer AG, die BASF AG oder die Siemens AG in Brasilien niederge- lassen. Aber auch kleine und mittlere Unternehmen, welche der Bundesminister f Ür Wirtschaft und Technologie der Bundesrepublik Deutschland Michael Glos als eine besondere Ziel- gruppe außenwirtschaftlicher Förderinstrumente sieht, gründeten dort ihre Produktionsstätten und prägen so die Industrielandschaft (Lorenz 2006). Diese Migrationsbewegungen führten dazu, dass heute zahlreiche Gebiete Brasiliens deutschen Einfluss haben. In São Paulo, dem größten deutschen Wirtschaftsstandort außerhalb des eigenen Landes, sind laut Erhebungen der Deutsch-Brasilianischen Industrie- und Handelskammer zwei Drittel von den schätzungs- weise 1.200 deutschen Unternehmen in dieser Metropole Brasiliens ansässig (Brasilianische Botschaft b und Auswärtiges Amt 2006).

Heute sind die deutsch-brasilianischen Beziehungen politisch, wirtschaftlich, kulturell und ge- sellschaftlich breit verankert. Die Zusammenarbeit zeichnet sich durch weitgehend überein- stimmende Auffassungen, Wertvorstellungen und Interessen aus. Eingebettet in die biregio- nale strategische Partnerschaft zwischen der EU und dem MERCOSUL setzen sich beide Länder durch enge Kooperation aktiv für die Förderung der Demokratie und Sicherheit, die nachhaltige Entwicklung in beiden Regionen, die Stärkung des Regionalismus und des Multila- teralismus und die kulturelle Vielfalt sowie Modernisierung ein (Brasilianische Botschaft a).

„Wir wollen unsere bilaterale [..] Zusammenarbeit auf allen Ebenen ausbauen und uns [...] handlungsorientiert untereinander abstimmen und beraten.“ So lautet das vom Leiter des Lateinamerikareferats im Auswärtigen Amt zitierte Credo des bereits in Kapitel 1.2 erwähnten Aktionsplans der deutsch-brasilianischen Partnerschaft (Auswärtiges Amt 2003). Die Regie- rungen beider Länder unterstrichen somit den Willen ihre ohnehin guten Beziehungen zu in- tensivieren.

Nachfolgende Abbildung 2 zeigt die brasilianisch-deutsche Handelsbilanz aus Sicht Brasiliens der Jahre 2003 bis 2005.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an Bundesagentur für Außenwirtschaft 2006

Abbildung 2: Brasilianisch-deutsche Handelsbilanz der Jahre 2003 bis 2005

Der bilaterale Handel zwischen Brasilien und Deutschland machte im Jahr 2005 ein Volumen von etwas über 11 Mrd. € aus, was einen Zuwachs gegenüber dem Vorjahr in Höhe von rund 21 % darstellt. Er stieg somit stärker als der deutsche Außenhandel insgesamt (Lorenz 2006). Die Handelsbilanz ist, wie Abbildung 2 zeigt, nahezu ausgeglichen. Die deutschen Exporte nach Brasilien erreichten einen Wert von knapp 5,5 Mrd. €. Brasilien importierte aus Deutschland Waren im Wert von rund 5,7 Mrd. €. Deutschland stand im Jahr 2005 für Brasilien sowohl als Abnehmerland als auch als Lieferland von Waren an dritter Stelle (Außenhandelskammer 2005). Für Deutschland ist Brasilien neben Mexiko wichtigster Handelspartner in ganz Lateinamerika (AUMA 2006 c).

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1 Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Venezuela.

2 Belgien, Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und Niederlande.

3 Mit der Gründung der EU wurde die EWG in die Europäische Gemeinschaft umbenannt.

4 Im März 1979 schlossen die EWG-Mitgliedsstaaten ein Abkommen, das Europäische Währungssystem, mit dem Ziel eine gemeinsame, stabile Währungsunion zu schaffen. Mit Beginn der letzten Stufe des EWWU am 01.01.1999 hörte das Europäische Währungssystem auf in seiner bisherigen Form zu existieren.

5 Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Irland, Italien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande,österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn, Vereintes Königreich (Großbritannien und Nordirland) und Zypern.

6 Als Tigerstaaten bezeichnet man die vormals als Entwicklungsländer eingestuften Staaten Asiens (Hongkong, Malaysia, Singapur, Südkorea, Taiwan, und Thailand), die ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch enormes Wirtschaftswachstum eine rasche Industrialisierung erfuhren.

7 Ein Schwellenland ist ein Land, das nicht mehr zu den armen Entwicklungsländern zählt. Gemessen an wirtschaftlichen Indikatoren ist es auf dem Weg zur Industrialisierung.

Details

Seiten
77
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638740982
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73502
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
2,0
Schlagworte
Förderung Handelsbeziehungen Messen Eine Fallstudie Brasilien Deutschland

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Titel: Die Förderung bilateraler Handelsbeziehungen durch Messen - Eine Fallstudie zu Brasilien und Deutschland