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Die Entwicklung des studentischen Lebens in Rostock - Ursprung, Traditionen, Rechte und Konflikte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Forschungsstand und Quellenlage

3. Ursprünge des studentischen Lebens

4. Formen des studentischen Zusammenlebens
4.1. Die Nationen
4.2. Die Bursen
4.3. Die Landsmannschaften und die Burschenschaften

5. Studentische Bräuche und Gewohnheiten
5.1. Studentische Lebensweise im stadtbürgerlichen Umfeld
5.2. Die Deposition und der Pennalismus

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturangabe

1. Einleitung

„Ja, lustig ist das Studentenleben“ heißt es in einem bekannten Volkslied. Die Jahre des Studiums gelten bis in das frühe 19. Jahrhundert gemeinhin als die ’wilden’ Jahre der zukünftigen Akademiker. In zahlreichen Biographien über einflussreiche Persönlichkeiten wie Goethe, Heine oder Bismarck wird versucht, diesen Zeitabschnitt mit jenen Klischees zu behaften.

Das Leben der Studenten wurde und wird von Teilen der Gesellschaft als Zeitraum betrachtet, der maßgeblichen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen, seine persönliche Akzeptanz und Integration in die Gesellschaft besaß.

Die Gesellschaft erhoffte sich von den Studenten die Ausbildung und Reifung zu späteren Führungskräften für Wirtschaft und Forschung. Man gestand den Studenten in diesem Zusammenhang eine ausschweifendere Phase ihres Lebens zu. Es galt, gesellschaftliche Erfahrungen zu sammeln und sich auf die zukünftigen Aufgaben und deren Bewältigung vorzubereiten. Im Zuge von Studium und indirektem Erlernen gesellschaftlichen Verhaltens fand in der Regel die Suche nach einer künftigen Lebensgefährtin statt.[1]

Dennoch stellt sich die allgemeine Frage, woher stammt das zeitgenössische Bild der wilden Jahre des Studiums? Welche Konflikte existierten zwischen den Studenten und der Gesellschaft? Wie sah die Reaktion der Behörden aus? Gab es Versuche, die entsprechenden Verhaltensweisen zu unterbinden oder steuernd auf die Studenten einzuwirken? Die genannten Fragen bildeten den Leitfaden für die Analyse der Entwicklung des studentischen Lebens in Rostock. Einen weiteren Schwerpunkt stellte die Untersuchung der Entstehung und Entwicklung der studentischen Verbindungen dar.

2. Forschungsstand und Quellenlage

Die Quellenlage und der Forschungsstand für die vorliegende Arbeit müssen als dürftig bezeichnet werden. Über die direkte Entwicklung des studentischen Lebens in Rostock ist kaum nennenswerte Literatur vorhanden oder sie wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts verfasst. Untersuchungen, die auf das Zusammenleben der Studenten in Rostock fokussiert waren, fanden größtenteils nur im Zusammenhang mit Jubiläen der Universität Rostock, z. B. 500-Jahr und 550-Jahr-Feier, ein wissenschaftliches Interesse.

Unter Berücksichtigung dieses Aspektes müssen die Recherchen von Adolph Hofmeister und Gustav Kohfeldt genannt werden. Die von ihnen verfassten Bücher und Aufsätze bilden eine solide Grundlage für tiefgreifende Untersuchungen. Sie ermöglichen es dem Betrachter, Vorstellungen über den Verlauf des Entwicklungsprozesses der studentischen Verbindungen in Rostock zu bilden. Adolph Hofmeister und Gustav Kohfeldt zeigen die Vielfältigkeit des Prozesses und die damit verbundenen Schattierungen, Abspaltungen sowie die Kontakte und Konflikte mit der Rostocker Bevölkerung auf.

Als Quellen für Untersuchungen der studentischen Bräuche und die damit verbundenen Probleme sind die zahlreiche Gerichtsakten und Briefe im Stadt- und Universitätsarchiv zu nennen.[2] Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass eine zu intensive Betrachtung dieser Primärquellen ein einseitiges Bild erzeugt. Um dieser Gefahr entgegenzuwirken, wurde nur schwerpunktmäßig auf diese Quellen zurückgegriffen.

Besonders die heutigen Landsmann- und Burschenschaften präsentieren ihre historische Entwicklung im Internet.[3] Es sollte jedoch vor den zum Teil einseitigen Darstellungen gewarnt werden. Man muss in einigen Fällen von einer buchstäblichen Glorifizierung und Verschleierung historischer Fakten sprechen. Als weitere wichtige Informationsquelle sind die wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse der Universitäten Leipzig und Tübingen zu nennen. Sie haben die Ergebnisse ihrer Forschung im Internet zugänglich gemacht.[4]

3. Ursprünge des studentischen Lebens

Die ersten Wurzeln der heutigen Universitäten findet man bereits im antiken Griechenland. In alten Überlieferungen lassen sich Beschreibungen von schulähnlichen Bildungseinrichtungen, so genannten Academia, finden. Als Beispiele können die Schulen von Platon und Aristoteles angeführt werden. Sie leiteten und lehrten in eigenen Academia. Der Unterricht erfolgte in kleinen Gruppen. Der Lehrer erteilte gewissermaßen Privatunterricht. Die Idee wurde im Römischen Reich fortgesetzt. Ähnliche Entwicklungen findet man auch in Persien.[5]

Der Ursprung der heutigen Universitäten und der damit verbundenen Entstehung des studentischen Lebens liegt in den mittelalterlichen Klöstern. Die Kirche besaß im Mittelalter das Bildungsmonopol. Die Fähigkeit des Lesens und Schreibens kann deshalb als Privileg bezeichnet werden. Die Alphabetisierung hatte für die ’normale’ Bevölkerung keine wesentliche Bedeutung.[6] Die Kirche besaß auf Grund dieses Faktors ein entscheidendes Machtpotential und eine direkte Informationsquelle. Sie bildete die künftigen Schreiber an den Königshöfen aus. Diese Aufgabe wurde in der Regel von Mönchen ausgeübt. Daher war die Kirche fast vollständig über die aktuellen politischen Ereignisse und Entscheidungen informiert.[7]

Die Ausbildung der Schreiber fand in Kloster- und Domschulen statt. Die Schulen waren an wissenschaftlichen Untersuchungen und einem Gedankenaustausch zwischen den einzelnen Schulen nicht interessiert. Diese Tatsache wird daran erkennbar, dass die Kloster- und Domschulen nur ungern auswärtige Kleriker aufnahmen.[8] In diesem Zusammenhang muss darauf verwiesen werden, dass die Forschung im Mittelalter auf Grund der Jenseitsorientierung der Bevölkerung nur eine geringe Bedeutung besaß.

Die Schüler unterstanden während ihrer Ausbildung der Aufsicht des Abtes oder des Bischofs. Die Kirche betrieb die Schulen fast ausschließlich, um ihre Regentschaft und den Verwaltungsapparat aufrechtzuerhalten.[9] Die Mönche, die lesen und schreiben konnten, waren vor allem mit dem Erhalt der gesammelten Bücher, d. h. der Anfertigung von Kopien, beschäftigt.

Im Spätmittelalter erfolgte ein langsamer Wandel. Eine der maßgeblichen Ursachen dieser Entwicklung war das Schisma der katholischen Kirche und die damit verbundene Stärkung der weltlichen Fürsten.[10]

Die ersten Ansätze, den Monopolansprüchen der Kirche entgegenzuwirken, findet man in Frankreich (Paris) und Italien (Bologna).[11] Die Rückständigkeit des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation in Bezug auf den Aufbau eines eigenen Bildungssystems wird bei der Betrachtung folgender Zahlen offenkundig. Bei der Gründung der Prager Universität (1348), der ersten Hochschule auf dem Territorium des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation, verfügten Italien bereits über 15, Frankreich 8, Spanien 6 und England 2 Universitäten.[12] Das Reich setzte seine Bestrebungen durch die Gründung weiterer Universitäten (Wien 1365; Heidelberg 1386; Erfurt 1392; Leipzig 1409) fort. Am 13. Februar 1419 erteilte der Papst Martin V. die Erlaubnis zur Gründung der Universität Rostock.

4. Formen des studentischen Zusammenlebens

4.1. Die Nationen

In der Entstehungsphase des studentischen Zusammenlebens bildeten sich zwei Formen, die Nationen und die Bursen, aus. Die historische Einordnung bzw. die Festlegung der zeitlichen Reihenfolge der Gründung von Nationen und Bursen lässt sich schwer datieren.

Die ersten Formen des studentischen Zusammenlebens weisen bereits wichtige Merkmale der späteren studentischen Verbindungen auf. Zeitgenössischen Berichten zufolge kam es bereits an den ersten Universitäten zur Bildung von Vorläufern der späteren studentischen Korporationen und Verbindungen.[13] Auf Grund ihrer Aufnahmeregeln wurden sie Nationen genannt. Die Mitgliedschaft gewährte man allen Studenten, die aus dem gleichen Land stammten. Anderen Bewerbern wurde in der Regel die Mitgliedschaft verweigert . Diese Regelung war in der Entstehungsphase der ersten Universitäten sehr dehnbar. In Bologna gab es zu Beginn dieser Tradition zwei Nationen. Die eine Nation waren die Transalpiener, die Jenseitigen. Ihre Heimat war nördlich der Alpen. Die zweite Nation bildeten die Eisalpiner, deren Ursprungsländer oder Geburtsorte sich südlich der Alpen befanden.[14]

Die Nationen schufen durch die Aufnahmeregeln die Anfänge für den studentischen Patriotismus. Diese Idee wurde von den späteren Landsmannschaften übernommen und intensiviert. Anhand der Nationen lässt sich der menschliche Drang nach Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung deutlich aufzeigen. Mit der kontinuierlich steigenden Anzahl der Universitäten gingen die Gründung und die Differenzierung der Nationen einher. Besonders nach dem Niedergang der Bursen und dem Wiedererstarken der Nationen lassen sich diese Tendenzen aufzeigen. Diese Entwicklung wiederholte sich im Zusammenhang mit der Gründung der Landsmannschaften bis zu den Befreiungskriegen (1813-1815). Die Nationen werden daher auch als ’alte’ Landsmannschaften bezeichnet.

Sie legten die ersten Schwerpunkte und Aufgaben der studentischen Korporationen. Sie waren bemüht, die soziale Absicherung der Studenten sicherzustellen. Die Nationen verloren mit der Entstehung der Bursen einen Großteil der Studenten. Erst mit der Reformation und dem damit verbundenen Niedergang der Bursen bzw. dem verstärkten Streben der Studenten nach Autonomie erlangten sie neuen Einfluss.

Der Aufbau und die Rechte der Nationen bzw. ihre Bedeutung in der Politik der Universität differenzierte zwischen den einzelnen Staaten und Universitäten.[15] In Frankreich besaßen sie den größten Einfluss. Dort waren sie direkt an den Entscheidungen in Bezug auf die Entwicklung und die Verwaltung der Universität beteiligt. In England waren ihre Rechte am schwächsten gebildet. Die Universitäten im Heiligen römischen Reich deutscher Nation und den späteren Fürstentümern standen in der Mitte dieser Traditionen. Die Gesetzgebung bzw. die Gerichtsbarkeit und der damit verbundene Einfluss der Studenten ermöglichten die Einteilung der Universitäten in drei Gruppen: 1. Die Studierenden richteten über die Dozenten (Frankreich). 2. Die Dozenten richteten über die Studenten (England). 3. „Der Lehrer auch [die] Lernenden [urteilten] zusammen mit geteilter Gerichtsbarkeit“ (Heiliges römisches Reich deutscher Nation).[16]

4.2. Die Bursen

Je weiter man bei den Untersuchungen in die Vergangenheit schaut, desto deutlicher werden die finanziellen Anstrengungen eines Studiums erkennbar. Diese Tatsache hat bis in die Gegenwart nicht an Gültigkeit verloren. Die Fürsten und der Papst waren über die finanziellen Belastungen der Studenten, ihrer Eltern oder Förderer informiert. Der Papst verpflichtete deshalb den mecklenburgischen Herzog und die Stadt Rostock zu finanziellen Zugeständnissen bei der Gründung der Universität Rostock 1419, um die wirtschaftliche Situation der Dozenten und Studenten zu vereinfachen. Die Universität wurde im Gegenzug zur Übernahme spezieller Aufgaben verpflichtet. Sie wird mit der Verbreitung und der Verteidigung des christlichen Glaubens beauftragt. Weiterhin bittet der Papst die Universität, bei etwaigen Problemen der Kirche als geistliche und weltliche Stütze zu fungieren. Dies beinhaltete, der Kirche bei moralischen sowie politischen Fragen und Problemen zur Seite zu stehen.[17]

[...]


[1] Giese, Klaus: Burschen zogen mit Schmissen durch die Stadt. In: Nordkurier : unabhängige Tageszeitung für Mecklenburg-Vorpommern. 10.4.1999, Neubrandenburg, S. 14.

[2] R V C 32 (Händel zwischen Studenten und Militärpersonen 1748-1760).

[3] www.tradition-mit-zukunft.de (28.6.2006) und http://www.cousin.de/cousin/allgemein/geschichte/svhandges.html (28.6.2006)

[4] http://homepages.uni-tuebingen.de/student/peter.seiler/organisationinhalt.htm (28.6.2006), und http://www.uni-leipzig.de/~agintern/uni600/ug118.htm (20.7.2006).

[5] Krämer, Hans Joachim: Platonismus und Hellenistische Philosophie. Berlin/New York 1971, S. 5 f., und Görler, Woldemar: Älterer Pyrhonismus. Jüngere Akademie, Antiochos aus Askalon, In: Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, 2. Aufl., Flashar, Hellmut (Hrsg.) Bd. 4/2, Basel 1994, S. 717 ff .

[6] http://hls-dhs-dss.ch/textes/d/D10394-1-1.php?PHPSESSID=4b0beff64850e83a2a0deb7e4dd2e318 (28.6.2006), und Ellwein, Thomas: Die deutsche Universität. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2. verbesserte Aufl., Wiesbaden 1997, S. 23 ff.

[7] Ellwein, Thomas, S. 27 f.

[8] Ebenda.

[9] http://www.cousin.de/cousin/allgemein/geschichte/svhandges.html (28. 6. 2006), und Ellwein, Thomas, S. 23 f.

[10] Olechnowitz, Karl-Friedrich: 1419 – 1789. In: Heidorn, Günter, u. a. (Hrsg.),: Geschichte der Universität Rostock 1419 – 1919. Festschrift zur Fünfhundertfünfzig-Jahr-Feier der Universität, Bd. 1, Berlin (Ost) 1969, S. 3.

[11] Ebenda, S. 7.

[12] Ebenda, S. 6.

[13] Haupt, Joachim Leopold: Landsmannschaften und Burschenschaften. Ein freies Wort über die geselligen Ver- hältnisse der Studierenden auf den teutschen Hochschulen, Altenburg/Leipzig 1820, S. 2.

[14] Ebenda.

[15] Haupt, Joachim Leopold, S. 1 f.

[16] Ebenda, S. 2.

[17] (Kopie der) Gründungsurkunde der Universität zu Rostock von Papst Martin V. Ferrara, 13. Februar 1419, (Übersetzung von Tilmann Schmidt).

Details

Seiten
25
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638739368
ISBN (Buch)
9783638794329
Dateigröße
609 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73476
Institution / Hochschule
Universität Rostock – Historisches Institut
Note
1,4
Schlagworte
Entwicklung Lebens Rostock Ursprung Traditionen Rechte Konflikte Semester

Autor

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Titel: Die Entwicklung des studentischen Lebens in Rostock - Ursprung, Traditionen, Rechte und Konflikte