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Bockiger Schwellgesang oder Beitrag zu einer deutschen Debatte? Bemerkungen zur Argumentation in Botho Strauß' Essay "Anschwellender Bocksgesang"

Seminararbeit 2001 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inahlt

1. Der Dichter vor der „Totalherrschaft der Gegenwart“

2. Das „Rechte“ und das „Linke“

3. Im Zentrum der deutschen Polis: Auschwitz
3.1 Mit der Geschichte gegen die Geschichte
3.2 Das Konzept des Tragischen
3.3. Die „Verbrecher-Dialektik des linken Terrors“

4. Das Gleichgewicht
4.1 Mediale und außer-mediale Wirklichkeit.
4.2. Das Gleichgewicht und die Ökonomie der Gewalt

5. Das Große Ganze

6. Bibliographie

1. Der Dichter vor der „Totalherrschaft der Gegenwart“

Botho Strauß, Jahrgang 1944, zählt zu den meistbeachteten Schriftstellern der Gegenwart – und zu ihren meistgespielten Theaterautoren. Den Menschen Botho Strauß aber umgibt die Aura des Unberührbaren, die des einsamen Gelehrten in seinem Elfenbeinturm, der – mal milde lächelnd, mal wütend Blitze schleudernd – auf die Erde hinuntersieht. Den Begehrlichkeiten des Kulturbetriebs nämlich bleibt der Autor verschlossen: Keinen einzigen Fernsehauftritt gab er in nun beinahe 30-jährigem Schriftstellerdasein, bis heute meidet er Symposien und Preisverleihungen, selbst Interviews sind spärlich gesät. Diese mediale Ruhe um den Autor, Essayisten und Dramaturgen Botho Strauß fand im Frühling 1993 mit der Publikation des Essays vom „Anschwellenden Bocksgesang“ im Wochenblatt „Der Spiegel“[1] ein jähes Ende. Am 07. Februar des Jahres holte der Denker aus zum Rundumschlag gegen die „Totalherrschaft der Gegenwart“, und das Land erbebte im Donner. Vom „Rechten“ schrieb Strauß, der als Vertreter der Gegenaufklärung Widerpart sei der eiligen Zeit, Hüter des Tabus und der Scheu, der Anschluss suche an das Hergebrachte und Unbewegte im Bewusstsein, dass „der Mensch nicht einfach nur von heute ist“ und die alten Dinge nicht fort und überlebt wären.

Es erscheint beinahe müßig, heute noch etwas zum „Anschwellenden Bocksgesang“ sagen zu wollen – die ihn behandelnden Publikationen zählen kaum mehr nach Dutzenden.[2] Der Essay – so dröhnten die Exegeten – liefere die intellektuelle Legitimation für „rechte“ Tendenzen in der deutschen Gesellschaft, mache gar den rechten Terror hoffähig und leiste so letztlich einem neuen Faschismus Vorschub. Brigitta Huhnke glaubte, im gesamten Werk des Autors „faschistoide Phantasmen“[3] ausmachen zu können und noch im Theater-Fachblatt „theater heute“ nahm Peter von Becker die in seinen Augen nicht ausreichend deutliche Distanzierung Botho Strauß´ von den „ordinären und manchmal obszönen“, in jedem Falle aber „schändlichen [...] Auslassungen seiner Bewunderer und Benutzer“[4] zum Anlass, dem Essay mittels handwerklich fragwürdiger Zitatmontage den Aufruf zu „Lynchmord“ und „Blutopfer“[5] zu unterstellen. In deutlich melodramatischem Ton schloss „theater heute“ den langjährigen Redakteur Botho Strauß aus der Gemeinschaft denkender Menschen aus: Dieser, so Becker weiter, befinde sich mit einem Fuß bereits im braunen Sumpf und man müsse folglich „Abschied nehmen von einem Menschen, mit dem viele, die zu erfahren suchten, was Leben, Literatur und Theater in der Bundesrepublik seit 1970 war, voller Neugier, voller Sympathie gegangen sind“[6].

Solcherlei Deutungen antwortet der Essay selbst: „Auch das Mißverständnis, sogar das Mißverständnis“ so Strauß, „wird einem menschlich teuer – es ist nahezu aufgelöst im Verkehr der öffentlichen Meinung. Jeder Meinende versteht den anders Meinenden. Da gibt es nichts zu deuten.“ Und weiter: „Das Mißverständliche wird um so mehr zum Privileg des Kunstwerks, das Deutung fordert und nichts meint.“[7]

Allzu häufig reduzierte sich die Besprechung des Essays auf die Diskussion einiger weniger und darüber hinaus aus dem Zusammenhang gerissener Sätze des Textes. Dabei scheint über beinahe[8] alle politischen Grenzen hinweg Einigkeit darüber zu bestehen, dass der „Anschwellende Bocksgesang“ eher raunende Beschwörung als wirkliche Argumentation enthalte[9]. Dagegen wird hier behauptet, dass sich solcherlei Auffassungen bei genauer Lektüre des Essays als unhaltbar erweisen.

Botho Strauß selbst legt seinen Exegeten eine bestimmte Haltung zum Gegenstand ihrer Betrachtung nahe: Er erzählte einmal die Geschichte eines abessinischen Eingeborenen, der zu bestimmten Anlässen Butter auf dem Kopf trug und den Grund dafür nicht erklären konnte – der Mythos, der ihm hätte Auskunft geben können, war in Vergessenheit geraten.[10] Und weiter heißt es in Strauß´ frühem Prosaband „Die Widmung“: „Wir kennen den Sinn unzähliger Überbleibsel, in denen wir uns ausdrücken, noch viel weniger. Das allermeiste ist uns Butter auf dem Kopf. Und kein Mythos, kein Romanwerk wird es uns je wieder erklären. Dennoch liegt, nach wie vor, die Technologie der Wiederaufbereitung verbrauchten symbolischen Wissens, das Recycling des Bedeutungsabfalls in den Händen einiger ungeschickter Leute, Dichter! Wenige Leute, sie werden es allein nicht schaffen.“[11]

Wird nun diese von Botho Strauß selbst geforderte aktiv-subversive Lektürehaltung auch im Falle des „Anschwellenden Bocksgesangs“ eingenommen, zeigt sich, dass der Essay – entgegen der oben skizzierten Auffassungen – eine fundierte und durchaus nachvollziehbare Argumentation verfolgt. Dazu seien nun einige einleitende Anmerkungen gemacht.

Den ersten Ansatzpunkt für diese Feststellung liefern bereits die einleitenden Sätze des Essays: Das Wort vom „Großen und Ganzen“[12], dem der Autor „fassungslos vor Respekt“[13] gegenübersteht, verweist auf Adornos „Dialektik der Aufklärung“ und legt damit eine geschichtsphilosophische Lesart des „Anschwellenden Bocksgesangs“ nahe: Adorno bettet den Begriff in eine Kritik der geläufigen, auf einem Übermaß an Vernunft basierenden Geschichtsphilosophie ein: „Daher nimmt das echte Denken, das sich [...] ablöst, die Vernunft in ihrer reinen Gestalt, den Zug des Wahnsinns an, den die Bodenständigen seit je bemerkten. Sollte jene in der Menschheit einen entscheidenden Sieg erfechten, wäre die Vormachtstellung der Gattung gefährdet.“[14] Strauß verknüpft diese allgemein gehaltene Aussage Adornos mit dem deutschen Gemeinwesen der Gegenwart durch den Begriff des „Gleichgewichts“[15]. Dieser verweist zum Beginn des Textes auf Straußens ebenfalls 1993 erschienenes Drama gleichen Titels; im letzten Abschnitt des Essays nimmt der Text den Begriff durch den Hinweis auf Rene Girards Werk „Das Heilige und die Gewalt“ wieder auf. An späterer Stelle wird darauf noch näher einzugehen sein, bereits hier wird aber die rhetorische Kreisform des „Anschwellenden Bocksgesang“ deutlich, die im folgenden nachgezeichnet werden soll.

2. Das „Rechte“ und das „Linke“

Zunächst müssen hier einige Missverständnisse beseitigt werden, die aus einem offenkundigen Dissens zwischen Strauß´schem Sprachgebrauch und dem gegenwärtig geläufigen resultieren: „Rechts zu sein, nicht aus billiger Überzeugung, aus gemeinen Absichten, sondern von ganzem Wesen, das ist, die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift, weniger den Staatsbürger, die ihn vereinsamt und erschüttert inmitten der modernen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt“[16], konstatierte Strauß und löste den oben skizzierten Sturm der Entrüstung aus.

[...]


[1] Strauß, Botho: Anschwellender Bocksgesang. In: Der Spiegel 6/1993. Ebenso in längerer und leicht veränderter Form in: Der Pfahl. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft 7 (1993). S. 9-25. Wiederum leicht verändert in: Schwilk, Heimo / Schacht, Ulrich (Hrsg.): Die selbstbewußte Nation. Anschwellender Bocksgesang und weitere Beiträge zu einer deutschen Debatte. Frankfurt/M. / Berlin 1994. S. 19-40. Schließlich in: Strauß, Botho: Der Aufstand gegen die sekundäre Welt. Bemerkungen zu einer Ästhetik der Anwesenheit. München, 1999. S. 55-78. Zitiert wird weitgehend nach der Fassung aus: „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“. Abweichungen sind kenntlich gemacht.

[2] Die einzelnen Beiträge zur Debatte um den „Anschwellenden Bocksgesang“ werden hier – von einigen exemplarischen abgesehen – nicht näher beachtet. Eine ausführliche Darstellung der Diskussion und eine Bewertung der Beiträge findet sich bei: Harbers, Henk: Botho Strauß´ „Bocksgesang“ oder Wie die Literatur im Essay ihr Gleichgewicht verliert. In: Amsterdamer Beiträge zur Germanistik 38/39 (1995), S. 583-608. Harbers teilt die kritischen Publikationen nach ihrer Argumentation in fünf Gruppen ein: 1. Die Strauß´sche Analyse der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation sei unzutreffend. 2. Die Auffassungen Strauß´ seien irrational und seine Sprache gleiche eher raunender Beschwörung als sachlicher Argumentation. 3. Strauß´ Auffassungen seien antidemokratisch und antiliberal. 4. Die von Strauß vertretenen Auffassungen könnten sehr leicht zu Diktatur und Gewalt führen. 5. Strauß verwechsle Literatur und politische Wirklichkeit.

[3] Huhnke, Brigitta: Faschistoide Phantasmen. In: DISS-Journal 1/1998.

http://www. members.aol.com/ dissdui3/dj9801f.html.

[4] Becker, Peter von: Abschied von Botho Strauß. In: theater heute 12/1994. S. 4. Becker spielt hier auf eine spätere Veröffentlichung des „Anschwellenden Bocksgesangs“ in der Anthologie „Die selbstbewußte Nation“ an.

[5] Becker, Peter von: Abschied von Botho Strauß. In: theater heute 12/1994. S.4.

[6] Ebd.

[7] Strauß, Botho: Anschwellender Bocksgesang. S. 75.

[8] Selbstverständlich sind die Äußerungen des NPD-nahen Blatts „Junge Freiheit“ und die im Sammelband „Die selbstbewußte Nation“ nachzulesenden Beiträge hiervon auszunehmen.

[9] Hierzu wieder Harbers, Henk: Botho Strauß´ „Bocksgesang“ oder Wie die Literatur im Essay ihr Gleichgewicht verliert. In: Amsterdamer Beiträge zur Germanistik 38/39, 1995. S. 591-592.

[10] Vgl.: Wefelmeyer, Fritz: Worauf bei Botho Strauß zu blicken wäre. Hinweise zur Rezeption. In: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur 81: Botho Strauß. München 1984. S. 87.

[11] Strauß, Botho: Die Widmung. Eine Erzählung. S. 65.

[12] Strauß, Botho: Anschwellender Bocksgesang. In: Aufstand gegen die sekundäre Welt. S. 57.

[13] Ebd.

[14] Horkheimer, Max / Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. In: dies.: Gesammelte Schriften, Bd. 3. Frankfurt/M. 1981. S. 254.

[15] Strauß, Botho: Anschwellender Bocksgesang. In: Der Spiegel 6/1993.

http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,72931,00.html. S.1.

[16] Strauß, Botho. Anschwellender Bocksgesang. S. 64

Details

Seiten
23
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638146326
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7342
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Neuere Deutsche Literatur II
Note
1.0
Schlagworte
Botho Strauß / Anschwellender Bocksgesang / Schweigekonsens

Autor

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