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Hat sich ein Strukturwandel in Bezug auf den Risikobegriff in der Gesellschaft vollzogen?

von Anke Zimmermann (Autor) Judith Walther (Autor)

Hausarbeit 2004 38 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärungen
2.1. Uncertainties
2.1.1. Der Begriff und seine Dimensionen
2.1.2. Die gesellschaftliche Bedeutung
2.2. Risiko
2.3. Strukturwandel

3. Traditionelle Unsicherheitskonzepte
3.1. Lele-Stamm
3.2. Traditionelle Naturfurcht
3.3. Fortuna

4. Unsicherheitskonzepte der frühen Neuzeit
4.1. Aventiure
4.2. Seehandel

5. Unsicherheitskonzepte der Moderne
5.1. Abgrenzung von Gefahr und Risiko anhand moderner Beispiele
5.2. Glücksspiel

6. Sicherungsstrategien
6.1. Zusammenhang von Lele-Stamm und Allergiker?
6.2. Versicherung

7. Umgang mit Unsicherheitskonzepten in der modernisierten Moderne

8. Fazit

9. Abkürzungsverzeichnis

10. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Eintreten einer tragischen Krankheit, wie beispielsweise Leukämie, der Verlust des Arbeitsplatzes oder der mögliche Wertverfall der Besitzgegenstände – all das wird als Risiko bezeichnet. Diese Risiken würde man allzu gerne verringern, zeitlich hinausschieben, wenn nicht sogar vermeiden. Um eine sichere Existenz für das Leben zu erlangen, greifen wir auf Instrumente unterschiedlichster Art zurück, können aber trotzdem nicht das Risiko als unerwünschten Bestandteil unseres Lebens ausschließen. Dennoch gibt es in der Gesellschaft viele Menschen, die sich, neben dem Streben nach erhöhter Sicherheit, nach dem Leitsatz „no risk – no fun“ richten (vgl. www.nuff.ox.ac.uk/users/ederer/documents/grawe175.pdf, besucht am 23.03.2004). Jetzt könnte man die Frage stellen: Existierten solche Risiken, wie oben erwähnt, schon immer oder kann man im Laufe der Zeit eine Entwicklung des Risikos erkennen? Um dies zu beantworten, möchten wir uns in dieser Arbeit mit der Fragestellung auseinandersetzen, ob sich ein Strukturwandel in der Gesellschaft in Bezug auf den Risikobegriff vollzogen hat.

Um diese Aufgabe zu analysieren, beginnen wir zunächst mit Begriffserklärungen. Dabei möchten wir als erstes auf uncertainties eingehen. Hierbei soll nicht nur der Begriff geklärt werden, sondern auch seine gesellschaftliche Bedeutung. Der Risikobegriff und seine Entstehung sowie der Strukturwandel sollen als nächstes erläutert werden. Anschließend tauchen wir in drei unterschiedliche Epochen der Weltgeschichte ein, um anhand von Beispielen den Wandel der Unsicherheitskonzepte zu verdeutlichen. Dabei kommen wir zuerst auf die traditionellen Unsicherheitskonzepte zu sprechen. Die hier angeführten Beispiele sind der Lele-Stamm aus Zaire, die traditionelle Naturfurcht und die Fortuna. Weiter führen wir die frühe Neuzeit an, die sich in den Beispielen der Aventiure und des Seehandels wiederspiegelt. Als dritte Epoche befassen wir uns mit den Unsicherheitskonzepten der Moderne, in der wir die Begriffe Gefahr und Risiko anhand moderner Beispiele, wie dem Geisterfahrer und den Investitionsentscheidungen voneinander abgrenzen. Zudem soll das Beispiel des Glücksspiels aufgeschlüsselt werden. Im Anschluss daran legen wir unser Augenmerk auf die Sicherungsstrategien, in denen einerseits untersucht werden soll, ob die Beispiele des Lele-Stamms und des modernen Allergikers in einem Zusammenhang stehen. Andererseits soll die Entwicklung der Versicherung aufgezeigt werden. Im Weiteren beschäftigen wir uns mit dem Umgang von Unsicherheitskonzepten in der modernisierten Moderne. In dem letzten Punkt ziehen wir unser Fazit und gehen dabei auf die eingangs gestellten Fragen ein. Insbesondere versuchen wir unsere zentrale Frage (Hat sich ein Strukturwandel in Bezug auf den Risikobegriff in der Gesellschaft vollzogen?) zu beantworten.

2. Begriffserklärungen

2.1. Uncertainties

2.1.1. Der Begriff und seine Dimensionen

Da sich der Sinn des Risikos erst durch die Einbettung in einen Referenzrahmen erschließt, wird das Hauptaugenmerk zunächst auf den Begriff der „uncertainties“ gelegt (vgl. Bonß 1995, S. 35). Den Ausdruck „uncertainties“ kann man im Deutschen doppelt übersetzen: einmal mit Terminus „Ungewissheit“, welcher eher kognitiv akzentuiert ist und zum anderen mit dem vielmehr sozial betonten Terminus „Unsicherheit“ (vgl. Bonß 1996, S. 168).

Aber wie entstehen nun Unsicherheiten? Unsicherheit wird durch soziale, kulturelle und politische Wandel erzeugt. Die Gefahr der Selbstvernichtung der Menschheit durch einen Atomkrieg ist vorüber. Diese Blickweise konnte man entweder als real oder aber als höchst unwahrscheinlich betrachten. Was gegenwärtig bleibt sind Gefährdungen, welche sich der individuell-subjektiven Wahrnehmung zwar weitgehend entziehen, aber jedoch als bedrohlich empfunden werden. Hier wären zum Beispiel das Ozonloch über der Antarktis oder die Erwärmung der Weltmeere zu nennen. Diese Beispiele produzieren in erheblichem Maße Sicherheitsprobleme. Aber in einer Welt, die durch einen rasanten wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und technischen Wandel gekennzeichnet ist, treten auch unterhalb der Schwelle globaler Gefährdungen Zweifel an jetzigen Gewissheiten und als sicher erachtete Bedingungen des gesellschaftlichen, politischen und individuellen Lebens auf. Ungewissheit und Unsicherheit nehmen den Platz von scheinbarer Sicherheit ein. Nach Franz Xaver Kaufmann (1970) ist es „möglicherweise gar nicht so sehr die Größe und konkrete Wahrscheinlichkeit einer Bedrohung, [!] oder einer als Gefahr wahrgenommenen Unsicherheit, als vielmehr ‚die Unbestimmtheit des Risikos’, welche diese Unsicherheit als so bedrohlich erscheinen lässt“ (Kaufmann 1970 zit. n. www2.rz.hu-berlin.de/innenpol/berlj.pdf, besucht am 23.03.2004).

Selbst an den Punkten, wo Sicherheit ist, bedeutet sie nur noch in Ausnahmefällen die Abwesenheit von Unsicherheit und Ungewissheit. Uncertainties sind somit zu einer Angelegenheit der Moderne geworden. Wie lässt sich aber der Umfang der Unsicherheit bestimmen? Dazu benötigt man das Verhältnis der Geschwindigkeit von Veränderungen, welche in der Gesellschaft oder in der politischen Ordnung vonstatten gehen und die Beharrungskraft und Beständigkeit überkommener Strukturen und Methoden. Die Sicherheit kann nur dort herrschen, wo es keine Veränderungen gibt.

Im gesellschaftlichen und politischen Bereich haben uncertainties verschiedene Dimensionen: ökonomische, soziale und politische Unsicherheit. Die ökonomischen Unsicherheiten besagen, dass zumindestens als halbwegs sicher erachtete „Mechanismen und Verfahren der Regulierung und Steuerung der Ökonomie wirkungslos“ (www2.rz.hu-berlin.de/innenpol/ berlj.pdf, besucht am 23.03.2004) und veraltet sind. Diese erzeugen Unsicherheiten und Angst vor der Zukunft. Wodurch zeichnen sich soziale Unsicherheiten aus? Die Bedeutung traditioneller Vergesellschaftungsmechanismen schwindet immer mehr und bestimmt die Strukturierung des sozialen Raums. Ordnungsstiftende und normative Werthaltungen und Verhaltensweisen, die überliefert worden sind, verlieren an Wert und solide Sozialstrukturen und soziale Gemeinschaften werden weggespült. Weiterhin lösen sich gefühlsbetonte und wertbegründete Bindungen, die Orientierung und Verhaltenssicherheit ermöglichen, auf. Zudem kommt es durch eine soziale Differenzierung und Individualisierungstendenzen zu einer Verstärkung von Orientierungsschwierigkeiten und einer „‚sichere(n)’ Verortung der eigenen Person im gesellschaftlichen Gefüge“ (ebd., A.Z.). In der Politik ist es die Aufgabe staatlicher Instanzen, Sicherheit innerhalb und außerhalb eines Gemeinwesens zu garantieren und demzufolge Unsicherheit zu vermeiden. Das politische Institutionsgefüge ist allerdings nur noch bedingt in der Lage, adäquate und wirkungsvolle Gegenstrategien angesichts neuer Bedrohungen – sei es der internationale Terrorismus oder die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität – zu entwickeln und umzusetzen. Die beschleunigte Produktion von neuen Problemlagen korreliert nicht mit der Beständigkeit von Institutionen und ihr Bestehen auf Problemlösungskompetenz. Das Regelungs- und Gewaltmonopol wird durch die Tendenzen der Privatisierung und Internationalisierung gefährdet. Hierbei erkennt man jedoch nicht in jedem Fall, was an diese Stelle tritt. Alles in allem führen diese Erscheinungen zu einer niedrigen Erwartungssicherheit oder anders ausgedrückt: zu uncertainties (vgl. ebd.).

2.1.2. Die gesellschaftliche Bedeutung

Nun stellt sich die Frage, welche gesellschaftliche Bedeutung uncertainties haben und wie sie in den Sozialwissenschaften begriffen werden. Für Parsons und für Redlich ist die Ungewissheit eine anthropologisch tiefsitzende Erfahrung, welche als typisch menschlich anzusehen ist. Die Ungewissheit erfordert das Wissen darüber, dass die Zukunft auch anders ablaufen kann. Zudem kann man sich die Zukunft nicht ohne ein Bewusstsein des eigenen Selbst vorstellen.

Die basale[1]Bedeutung von Ungewissheit kann sowohl positiv als auch negativ gesehen werden. Eine positive Auffassung vertritt der Verhaltensbiologe Felix von Cube. Nach von Cube suchen die Menschen Unsicherheiten um Sicherheiten zu gewinnen. Da das Verwandeln von Unsicherheit in Sicherheit mit Lust belohnt wird, ist die Ungewissheit für von Cube ein prinzipiell positives Element. Der Unsicherheitstheoretiker Ronald Heiner geht davon aus, dass Unsicherheit Flexibilität erzeugt. Für Heiner sind Innovationen als auch die gesellschaftliche Entwicklung nur möglich, wenn die Unsicherheit ein möglichkeitseröffnendes Moment darstellt. Talcott Parsons hingegen vertritt den negativen Aspekt von uncertainties. Für ihn bringt eine Ungewissheitssituation Frust mit sich. Das Nicht-Wissen um die Folgen des Tuns ist mit Unsicherheit verbunden. Dies „schafft Uneindeutigkeiten, setzt Grenzen und schränkt die Beherrschbarkeit der Welt ein“ (Bonß 1995, S. 38). Die Negativeinschätzung verschmerzt Parsons aber, denn er ist der Meinung, dass die Fähigkeiten, mit der Ungewissheit umzugehen, im Laufe der sozialen Evolution systematisch steigen. Würde dieser Satz implizit eine Abnahme von Unsicherheit unterstellen, würde Heiner entgegenhalten, dass nur durch die Bewahrung eines gewissen Unsicherheitsniveaus die Gesellschaft entwicklungsfähig ist. Heiner und Parsons stimmen darüber ein, dass der evolutionäre Fortgang auf mehr Sicherheit hinausläuft. Jedoch, nach Heiner, nicht durch die Abschaffung von Unsicherheit, sondern durch das bewusste kultivieren und bewahren angemessener Unsicherheitsniveaus. Von Cube vertritt demgegenüber eine andere Meinung. Er ist zwar der Auffassung, dass das Umwandeln von Unsicherheit zu Sicherheit zu einer Institutionalisierung wachsender Sicherheitsniveaus führt, aber auf der anderen Seite ermöglichen wachsende Sicherheitserfolge das Eingehen neuer, zuvor unbekannter Risiken.

Die Argumentationen von Parsons, Heiner und von Cube berühren sich an verschiedenen Punkten. Dies verdeutlicht zugleich die Bandbreite und die wichtigsten Auffassungen der heutigen Debatte über den gesellschaftlichen Stellenwert von Unsicherheit und Ungewissheit. Dominierend ist in empirischer Hinsicht Parsons. Er vertritt gleichsam die Standardposition der Moderne. Typisch ist hier eine Verdrängung von Unsicherheit als soziales und technisches Problem. Nach Parsons sind uncertainties ein unabwendbares Ärgernis. Sie können nur dann bewältigt werden, wenn man sie zum Verschwinden bringt, d.h. Unsicherheiten in Sicherheiten, Uneindeutigkeiten in Eindeutigkeiten sowie Chaos in Planung umwandelt (vgl. ebd., S. 37-42).

2.2. Risiko

Frank Knight grenzte 1921 die Begriffe „risks“ und „uncertainties“ von einander ab. Er bezeichnete „risks“ als alle messbaren und „uncertainties“ als alle nicht messbaren Unsicherheiten. Worin besteht aber der Zusammenhang von uncertainties und „risks“ (Risiken)? Im Vergleich zum Risiko sind Ungewissheit und Unsicherheit umfassendere Konzepte. So ist nicht jede Ungewissheit ein messbares Risiko. Vielmehr stellt eine kennzeichnende, evolutionär späte Form der Konstitution und Aneignung von Unsicherheit Risiken dar (vgl. Bonß 1996, S. 168f).

Der Ursprung des Begriffs „Risiko“ taucht in der Literatur unterschiedlich auf. Nach Wolfgang Bonß (1995, S. 49) erschien der Begriff „Risiko“ zunächst in den italienischen Städten oder Stadtstaat des 12. und 13. Jahrhunderts. Hier vor allem im Kontext des Fern- und Seehandels (näheres im Kapitel 4.2.). Hildegard E. Keller verfasste einen Artikel in der Zeitschrift „riskvoice“ (www.ds.unizh.ch/hikeller/publikationen/ risiko.pdf, besucht am 23.03.2004). Hier entwickelte sich der Ausdruck „Risiko“ auch in den norditalienischen Stadtstaaten, allerdings erst im 14. Jahrhundert und im Bereich des Seeversicherungswesens, wie auch in dem Artikel „Risiko“ von Niels Gottschalk-Mazouz (www.uni-stuttgart.de/wt/ng/risiko.pdf, besucht am 23.03.2004). Laut Gerhard Banse (1996, S. 24) tauchte der Ausdruck im 14. und 15. Jahrhundert auf. Wiederum im Zusammenhang mit Schiffsreisen von Kaufleuten. In der Brockhaus Enzyklopädie (1992, Bd. 18, S. 440ff) hat Risiko sogar erst im 17. Jahrhundert in der Handelsschifffahrt seinen Ursprung. Wie erkenntlich ist, haben alle eine Gemeinsamkeit: Der Begriff taucht immer im Kontext der Seefahrt auf.

Auch in der Wortgeschichte zeigen sich keine Unterschiede. Obwohl diese nicht gänzlich geklärt ist, reicht sie bis in das (Alt-)Persische zurück. Dort drückt sich „rozi(k)“ in den Begriffen „Tagesgold, täglich Brot, Schicksal“ aus. Aus diesem Ausdruck leitete sich zudem das Wort „rizq“ her. Dies bedeutet „Lebensunterhalt, der von Gott und Schicksal abhängt“. Hieraus entwickelte sich das Spanische „ar-risco“ (Wagnis, Gefahr) und „(ar-)riscar“ (in Gefahr kommen) und das Italienische „risco“, „rischio“ und „risico“ (Gefahr, Wagnis) sowie „risicare“ bzw. „rischiare“ (wagen, Gefahr laufen). Ersteres bedeutet das Gleiche wie „risque“ und letzteres dasselbe wie „risquer“. Beide Wörter kommen aus dem Französischen. Zudem hängt das Wort „risko“ mit dem griechischen „rhiza“ (Wurzel, Klippe) und dem lateinischen „risicare“ (Klippen umschiffen) zusammen. Zu dieser Zeit bezeichnete es auch Gefahren, die Händler und Schiffe bedrohten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erschienen in kaufmännischen Quellen „Rysigo“ und „Risigo“ (als Entlehnung aus dem Italienischen). Hier bildete sich unser heutiges „Risiko“ heraus (vgl. Banse 1996, S. 23f).

Alltagssprachlich wird das Risiko als die Möglichkeit, dass ein Schaden auftreten wird, bezeichnet. Zudem gibt es vier weitere speziellere Zusammenhänge:

1. Die Wahrscheinlichkeit eines unerwünschten Ausgangsbedeutet „Risiko“ in der Bayesschen Entscheidungstheorie. Hier unterscheidet man Risiko in Gewissheit und Unsicherheit.
2. In der quantitativen Risikoabschätzung wird das Risiko alsWahrscheinlichkeit des Auftretens eines Resultatsbezeichnet.
3. Das Risiko stellt in der Risiko-Nutzen-Analyse einen monetären[2]Wert dar, der einem wahrscheinlich negativen Ausgang zugeordnet ist.
4. Auch in der finanziellen Verlustwahrscheinlichkeit findet das Risiko einen Platz. Genauer per Versicherungsformel:Risiko ist das Produkt aus der Eintrittswahrscheinlichkeit eines Schadens und monetärer Schadenshöhe. Diese Begriffsverwendung ist in der Risikodiskussion weitläufig verbreitet.

Weiterhin unterscheidet man zwischen reinem und spekulativem Risiko. Werden die mit einer Tätigkeit verbundenen Chancen berücksichtigt, spricht man vom reinen Risiko. Das spekulative Risiko entspringt der Handelsschifffahrt bzw. der Versicherungswirtschaft, zudem den Kapitalanlagen und Glückspielen. Halten sich die erwarteten Gewinne und die wahrscheinlichen Verluste die Waage, gilt dies als rational.

Im 20. Jahrhundert setzte man den Begriff vor allem in den Sozialwissenschaften ein. In der Soziologie wird das Risiko häufig auf eine durch technische Artefakte ermöglichte, selbstständige Entscheidung bezogen. Da die moderne Industriegesellschaft allgegenwärtige Risiken erzeugte, wurde sie auch als Risikogesellschaft bezeichnet. Laut Ulrich Beck verschwimmt die Grenze der Risikogesellschaft zwischen Entscheidern und Betroffenen. „Unter Verweis auf die zugrundeliegende zunehmende Gestaltbarkeit der Gesellschaft wurde aber auch eine gleichzeitige Zunahme von R(isiko) und Sicherheit diagnostiziert“ (Evers/Nowotny 1987 nach www.uni-stuttgart.de/wt/ng/risiko.pdf, besucht am 23.03.2004, A.Z.). Dabei versteht man Risiko als eine handhabbare, in ihren Folgen absehbare und kontrollierbare Gefährdung (vgl. www.uni-stuttgart.de/wt/ng/risiko.pdf, besucht am 23.03.2004).

2.3. Strukturwandel

Als Struktur bezeichnet man das Verhältnis heterogener Elemente eines Ganzen. Die Änderungen der Relationen zwischen diesen Elementen hingegen als Strukturwandel. Strukturwandel lassen sich kennzeichnen als dauerhafte Veränderungen, die entweder plötzlich oder beharrlich vor sich gehen, deren Trend stabil ist und sich nicht mehr umkehren lassen.

Strukturwandel können diskontinuierlich oder kontinuierlich verlaufen. Wobei der diskontinuierliche Strukturwandel z.B. durch einen Krieg oder Naturkatastrophen ausgelöst werden kann. Der kontinuierliche Wandel zeichnet sich durch Wachstums- bzw. Rückbildungsstetigkeit aus. Die Betonung liegt hierbei auf einer langfristigen, relativ sanften Entwicklung. Was sind aber die Ursachen eines Strukturwandels? Sie können endogener oder exogener Natur sein. Die endogenen Ursachen kann man noch einmal unterteilen in den nachfrage-, angebots- und technologiebedingten Strukturwandel. Abweichende Entwicklungen unterschiedlicher Wirtschaftszweige, die durch verschiedene Einkommenselastizitäten der Nachfrage bedingt sind, werden durch den nachfragebedingten Strukturwandel charakterisiert. Der angebotsbedingte strukturelle Wandel bezeichnet marginale Änderungen ansonsten heterogener Güter. Diese werden allerdings vom Nachfrager als bedeutend eingestuft. Grundlegend neue Güter werden nicht geschaffen. Im Gegensatz hierzu zeichnet sich der technologiebedingte Strukturwandel durch vollständig neue Produktionsverfahren bzw. Substitutionsmöglichkeiten aus. Die exogenen Ursachen können auch noch einmal untergliedert werden: ordnungspolitisch bedingter, regulierungsbedingter, strukturprozesspolitisch bedingter, naturbedingter und ideenbedingter Strukturwandel. Als ordnungspolitisch bedingten Strukturwandel bezeichnet man ordnungspolitische Maßnahmen, die die Marktformenstruktur der Wirtschaft beeinflusst, die wiederum strukturelle Wandlungen impliziert. Der regulierungsbedingte strukturelle Wandel hat negative Auswirkungen. Er ist gekennzeichnet durch wettbewerbsreduzierende Sonderordnungen für bestimmte Sektoren und diese Veränderungen können Innovations- und Wachstumsschwächen zum Resultat haben. „Wird durch exogene Ursachen wie strukturpolitische Maßnahmen, die der Erhöhung der Faktormobilität dienen, [!] oder das Schaffen spezifischer Anreize, die Forschungs- und Innovationstätigkeit sektoral erhöht, so wird dies als strukturprozesspolitisch bedingter Strukturwandel bezeichnet“ (www.uni-lueneburg.de/fb2/bwl/bsl/Download/Publikationen/begriff_strukturwandel_c2.pdf, besucht am 23.04.2004). Naturbedingte Strukturwandlungen können durch Naturkatastrophen oder das Versiegen von Rohstoffquellen ausgelöst werden. Diese Änderung ist selten, aber die herbeigeführte Wandlung ist meist nicht ohne weiteres erkennbar. Denn in den meisten Sachverhalten sind die Folgen und die gegenseitigen Abhängigkeiten nicht feststellbar. Führen Gesellschaftsveränderungen und/oder Wandlungen der Wirtschaftsstruktur durch gesellschaftliche Ideen zu strukturverändernden Umbrüchen, bezeichnet man dies als ideenbedingter Strukturwandel. Als eine solche Idee kann beispielsweise der Marxismus gelten, denn dieser hat eine komplette Gesellschaftsschicht beeinflusst (vgl. www.uni-lueneburg.de/fb2/bwl/bsl/Download/Publikationen/begriff_strukturwandel_c2.pdf, besucht am 23.04.2004).

3. Traditionelle Unsicherheitskonzepte

3.1. Lele-Stamm

Um einen ersten Einblick in vormoderne Unsicherheitskonzepte zu geben, soll nun die Konstitution von uncertainties am Beispiel der Lele in Zaire aufgezeigt werden. Douglas und Wildavsky illustrierten diesen Sachverhalt in ihrem Buch „Risk and Culture“ von 1982. Die Mitglieder des Lele-Stamms in Zaire zeichneten sich durch eine relativ geringe Lebenserwartung aus, denn sie sind von vielen unkalkulierbaren Gefahren bedroht. Hier wären vor allem Krankheiten zu nennen. Aber als Unsicherheiten, die sozial ableitbar und handhabbar sind, realisiert der Lele-Stamm nur drei Bedrohungen:

1. Die Möglichkeit, vom Blitz erschlagen zu werden,
2. Unfruchtbarkeit und
3. Bronchitis.

Um der Bronchitis vorzubeugen, versuchen die Mitglieder des Lele-Stamms nicht, sich anders auf die Umwelt einzustellen oder Umweltbedingungen zu verändern. Sie setzen vielmehr magische Praktiken ein, wie Amulette. Auch haben Bronchitis und Unfruchtbarkeit keine somatischen Ursachen, sondern werden durch moralische Verfehlungen erklärt. Wie im Ödipus-Mythos[3]sind diese den Handelnden kaum direkt zurechenbar. Die moralischen Verfehlungen werden allenfalls erst ex-post bewusst und erkennbar (vgl. Bonß 1995, S. 44f).

Bei der ex-post-Betrachtung sind die Risikoentscheidungen schon vollzogen. Es werden nur noch die Folgen beschrieben. Weiterhin wird diese Betrachtungsweise als rein negativ gesehen, denn wenn die Entscheidungen erst einmal vollzogen sind, „verweist die mit dem Risiko verbundene Unsicherheit nur noch auf die drohende Verlustgefahr“ (Bonß 1995, S. 32). Als Beispiel ist hier das Einnehmen von Medikamenten und ihren „Risiken und Nebenwirkungen“ zu nennen. Wenn man sich die Arznei erst gekauft hat und damit auch fast eingenommen, sind nicht die Heilwirkungen so wichtig, sondern vielmehr die negativen Folgeerscheinungen. Diese wurden mit der Entscheidung für das Medikament gleichsam als ex-ante akzeptiert. Somit zu der ex-ante-Betrachtung: Die Risiken reduzieren sich auf Risikoentscheidungen, bei denen die Entstehungen und Bewältigungen beschrieben werden müssen. Unter ex-ante-Gesichtspunkten sind Risiken generell doppeldeutig, dass heißt, sie können sowohl negativ als auch positiv gesehen werden. Das Ergebnis ist vorab unklar. Auf systematisch verschiedene Aspekte und Erscheinungsformen des Risikos verweist die Differenz zwischen ex-ante- und ex-post-Betrachtungen. Aber deren Verhältnis ist soziologisch bislang kaum geklärt (vgl. Bonß 1995, S. 31-34).

Nun zurück zu den moralischen Verfehlungen. Auch wenn sie dem Handelnden kaum direkt zurechenbar sind, werden sie dennoch von unheilvollen Kräften geahndet. Krankheiten und Strafen folgen. Von denen ahnt man jedoch nicht, ob sie überhaupt kommen und warum. Somit kann man den Krankheiten und Strafen auch nur reaktiv begegnen.

[...]


[1]basal = die Basis bildend

[2]monetär = Wirtschaft: die Finanzen betreffend, geldlich

[3]Ödipus, eine Gestalt aus der griechischen Mythologie, war der Sohn von Laios und Iokaste. Laios war der König von Theben. Von einem Orakel wurde ihm prophezeit, dass er von seinem Sohn Ödipus getötet werden würde. Somit band Laios die Füße seines Sohns zusammen und setzte ihn auf einem Berg aus. Ödipus wurde jedoch von einem Hirten gefunden und wuchs dann bei König Polybus und dessen Frau Merobe auf. Ödipus dachte, dass Polybus und Merobe seine richtigen Eltern waren und nachdem ihm von einem Orakel verkündet wurde, dass er seinen Vater töten würde, ging er nach Theben. Unterwegs traf er den ebenfalls reisenden Laios, stritt sich mit ihm und erschlug ihn daraufhin. Die Prophezeiung hatte sich nun erfüllt.
Ödipus begegnete auf seinem weiteren Weg nach Theben der Sphinx. Diese verschlang alle Reisenden, welche ihr Rätsel nicht lösen konnten. Da Ödipus dies aber gelang, wurde er zur Belohnung zum König (als Nachfolger von Laios) erhoben und bekam Iokaste zur Gemahlin. Beide wussten allerdings nichts von ihrer Verwandtschaft.
Nach ein paar glücklichen Jahren brach die Pest aus. Zu diesem Zeitpunkt verkündete das Orakel von Delphi, dass der Mörder von Laios gefunden werden müsse. Das Ergebnis einer Untersuchung ergab, dass Ödipus der Mörder war. Darauf erhängte sich Iokaste und Ödipus stach sich die Augen aus. Ödipus wurde verbannt und wanderte einigen Jahre mit seiner Tochter Antigone umher. Ödipus starb in Kolonos bei Athen in einem heiligen Hain für Bittsteller (vgl. www.net-lexikon.de/OEdipus.html, besucht am 24.04.2004).
Im Zentrum der Tragödie um Ödipus stehen drei Konflikte:

1. das Problem menschlicher Erkenntnisfähigkeit (Wie sieht und versteht der Mensch die Welt?),
2. das Verhältnis von Menschen und Göttern (der Mensch ist nach Sophokles (griechischer Tragödiendichter) hilflos einem unerbittlichen und grausamen Schicksal ausgeliefert) und
3. die Ambiguität (Mehr-, Doppeldeutigkeit) von subjektiver und objektiver Schuld.
Durch den Vatermord und die Blutschande wird Ödipus zu einem Verbrecher. Aber er ist subjektiv gesehen unschuldig, denn er begang seine Taten unwissentlich – wissend hätte er diese nicht begangen (vgl. www.net-lexikon.de/Oedipus-tyrannos.html, besucht am 24.04.2004).

Details

Seiten
38
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638739252
ISBN (Buch)
9783638903509
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73394
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Insitut für Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Strukturwandel Bezug Risikobegriff Gesellschaft Risiko

Autoren

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Titel: Hat sich ein Strukturwandel in Bezug auf den Risikobegriff in der Gesellschaft vollzogen?