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Raumkonzeption bei Tarkovskij und Soderbergh am Beispiel von "Solaris"

Hausarbeit 2007 14 Seiten

Kunst - Fotografie und Film

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung/Motivation
1.1 Plot

2. Architektur in Tarkovskijs Solaris
2.1 Der gestaltete Raum als Einblick in die Seele der handelnden Person
2.2 Die “Privat”-Räume
2.3 Gemeinschafts-Räume
2.4 Der gestaltete Raum als Assoziativfeld verschiedener Erzählebenen

3. Raumkonzeption in Soderbergs Solaris
3.1 Der Mensch in der Grossstadt
3.2 Die Homogenität des Set-Designs

4. Vergleich der Raumkonzeptionen

5. Schluss/Resumeé

6. Quellennachweis

1. Einleitung/Motivation

Im Rahmen unserer Vorlesungsreihe “Film und Architektur” betrachteten wir verschiedene Ansätze, die die offensichtliche wie komplexe Verquickung der beiden Künste Film und Architektur aufzeigten und erarbeiteten Modelle, diese Verknüpfung zu verstehen. Anhand zweier Filme, die auf einer Novelle von Stanislav Lem basieren, wird in dieser Arbeit die unterschiedliche Verwendung von Architektur als Ausdrucksmittel im Film analysiert. So prägte der Kunsthistoriker Elie Faure als erster die Bezeichnung cinéplastique, die die beiden Dimensionen Film und Architektur in sich vereinte :”Der Film ist in erster Linie Plastik. Er verkörpert gewissermassen eine Architektur in Bewegung, die in ständigem Einklang, in einem dynamischen erarbeiteten Gleichgewicht mit dem Schauplatz und den Landschaften sein sollte, in denen sie ersteht und wieder untergeht.”[1]

So betrachten wir wie in der obengenanten Definition den Film als Plastik, gehen aber auch verstärkt auf die Architektur der Schauplätze, das Set-Design ein. Bei den Filmen handelt es sich um “Solaris” von Andreij Tarkovski (1972) sowie das gleichnamige Remake von Steven Soderbergh (2002). Zwei Verfilmungen, die zu unterschiedlichen Zeiten unter denkbar unterschiedlichen “Produktionsverhältnissen” entstanden und so in einer zu analysierenden Spannung zueinander stehen.. Zunächst gebe ich eine grobe Vorstellung des Plots und der handelnden Personen, um später einfacher zwischen den Filmen vergleichen zu können.

1.1 Plot

Auf der Suche nach auserirdischem Leben stiess die Menscheit lediglich auf einen sonderbaren Planeten, der fast völlig von einem Ozean bedeckt wird. Die Forschung (Solaristik) betrachtet den Ozean als lebendig und vielleicht sogar als intelligent, da er Merkwürdiges hervorbringt. Alle Bemühungen schlagen fehl, mit dem Ozean Kontakt aufzunehmen. In Solaris´ Orbit befindet sich die Raumstation Prometheus der Wissenschaftler, auf der merkwürdige Dinge passieren. Der zur Klärung des Chaos auf die Raumstation geschickte Kris Kelvin findet eine desolate Mannschaft vor: Sein Freund Gibarian hat sich umgebracht, die Wissenschaftler Snaut und Satorius verhalten sich sonderbar. Der Ozean hat offensichtlich begonnen, aus schuldbeladenen Erinnerungen der Menschen Lebewesen, “Gäste”, zu erschaffen, die sich auch auf der Raumstation aufhalten. So wird Kris Kelvin mit seiner Frau Harey als “Gast” konfrontiert, die sich vor Jahren wegen Ihm das Leben nahm. Die Gäste sind keine perfekten Replikationen, sondern spiegeln mit einigen Fehlern die Originale so wieder, wie sie in der Erinnerung der Menschen erhalten sind. Diese “Gäste” wissen nicht , wo sie herkommen, haben keine oder nur eine vage Vorstellung über sich selbst. Allerdings sind sie lernfähig und vermenschlichen so bei längerem Kontakt. Zuletzt wiederholt sich Kelvins persönliche Tragödie im Weltraum, Harey “bringt sich um”. Kris Kelvin kehrt scheinbar zurück zur Erde, als gebrochener Mann.

2. Architektur in Tarkovskijs Solaris

Die filmische Architektur in Tarkovskijs Solaris ist sehr vielfältig, so werde ich hier nur an einigen Beispielen seine Arbeitsweise veranschaulichen, indem ich signifikante Räume und Bauwerke benenne und sie zu Anderen in Relation setze.

Die Anfangssequenz beginnt auf der Erde mit dem Haus von Kelvins Vater, einer Dacha im traditionellen Baustil[2], umgeben von einer idyllischen Natur. Es folgt mit der Ankunft des Wissenschaftlers Bertons ein zweites Bauwerk, eine Stahlbetonbrücke modernen Baustils. Das dritte signifikante Bauwerk auf der Erde ist eine Art Baumhaus, das zunächst keine Architektur im direkten Sinne ist:

“Ein Fahrradschuppen ist ein Gebäude, die Kathedrale von Lincoln ist ein Stück Architektur. Der Begriff Architektur kommt nur Bauwerken zu, die als ästhetische Erscheinung konzipiert sind.”[3] Das Baumhaus wird erst durch den Film zur Architektur, durch die “mis-en-scene” erhält es seine ästhetische Konnotation, die es sonst nicht hat.

Blau gestrichen erinnert es an die Raumstation, verbindet durch seine aufsteigende Leiter die Beiden Ebenen Erde-All.[4]

Die anschliessende Fünf-minütige Autofahrt durch eine moderne Grossstadt zeigt zahllose Bauwerke der 70er Jahre, die einem Zuschauer aus der Sowjetunion zum Erscheinen des Films als hypermodern erscheinen mussten. Die Zukunft auf der Erde, symbolisiert durch den Originalschauplatz[5], durch grenzenlose Mobilität und Effizienz ihrer Umsetzung.

Die Raumstation im Orbit des Planeten Solaris bildet als Schauplatz ebenfalls keine stilistische Einheit: die Räume heben sich in ihrer Gestaltung stark voneinander ab, sind überhäuft mit Anspielungen und Symbolen, mit Querverweisen auf andere Schauplätze, auf deren Merkmale ich später eingehen werde.

Auffällig ist, dass ein Drittel der Handlung auf der Erde stattfindet, ungewöhnlich für einen Science-Fiction Film[6] und im Gegensatz zu Lems Novelle:

“Die Handlung in Lems Solaris findet von Anfang bis Ende im Orbit des Planeten Solaris statt. Ich fügte einige Episoden auf der Erde hinzu, weil ich diesen Kontrast stärker herausheben musste. Ich wollte, dass der Zuschauer die Schönheit der Erde schätzen lernt und bei der Ankunft auf Solaris an sie Denkt; ich wollte dass man den Schmerz der Seele fühlen kann, den man Nostalgie nennt.[7]

Auch wenn Tarkovskij behauptet, dass die Farbe im Film die getreue Wiedergabe echter Empfindungen erschwere, und nur eine komerzielle Forderung und keine ästhetische Kategorie sei[8], arbeitet er doch auffällig und plakativ mit der Farbgebung verschiedener Räume sowie der Verwendung unterschiedlichen Filmmaterials[9], was zum Teil reine Notwendigkeit der russischen Filmproduktion war und von Tarkovskij gleichfalls beliebig wie gestalterisch eingesetzt wird. (In späteren Werken wie Der Spiegel versucht er tatsächlich, die Farbe zu “eliminieren”, ihre Aussagekraft zu tilgen).

[...]


[1] Anthony Vidler-Die Explosion des Raumes, S.14

[2] Kris Kelvins Vater in Solaris: ”Mir gefiel die Dacha meines Grossvaters, deshalb baute ich mir eine, die genauso aussieht.”

[3] Nikolaus Pevsner, zitiert aus Helmut Färber: Baukunst und Film, S.9

[4] Kelvin steigt während der Konversation mit Berton die Leiter auf und ab, und steht oben, als er durch eine provokante Bemerkung über Bertons Geisteszustand deren vorzeitige Abreise verursacht. In diesem Moment verkörpert Kelvin noch die rigorose “inhumane” Wissenschaft, die suche nach Wahrheit um jeden Preis, und Berton das, was man mit gesundem Menschenverstand bezeichnet. Als Helikopterpilot ohne akademische Bildung vertraut er seiner intuitiven Erkenntnis sowie seinen Sinneseindrücken zu 100%.

[5] Strasse von Akasaka, Tokyo

[6] Auch wenn der Film im Science-Fiction Genre anzusiedeln ist, erinnert Solaris auch in seinem Kulturpessimismus und Moralismus an die “Vor-Science-Fiction” Jule Vernes, bzw deren filmischen Umsetzung, dem Abenteuerfilm (z.B. Richard Fleischer: 20.000 Leagues under the Sea, 1954 Walt Disney)

[7] Vida y obra andrej tarkowski s.316(Originalzitat ausAndréi Tarkovski, Art Voltaic 16. Tardor.1989, S.28)) “ La acción de la novela de Stanislav Lem sucede de principio a fin en la órbita del planeta solares. Yo añadí algunos episodios que ocurrían en la tierra, porque necesitaba subrayar este contraste. Quería que el espectador apreciara la belleza de la tierra y que pensara en ella a llegar a Solares; quería que sintiera ese dolor del alma que se llama la nostalgia.”

[8] A.Tarkovskij:Die versiegelte Zeit, S. 160

[9] vier Filmtypen: dem (teuren) Kodak, einem sovjetischen s/w Film sowie 2 sovjet. Farbfilmen unterschiedlicher Empfindlichkeit

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638735933
ISBN (Buch)
9783638774239
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v73066
Institution / Hochschule
Universität der Künste Berlin – experimentelle Mediengestaltung
Schlagworte
Raumkonzeption Tarkovskij Soderbergh Beispiel Solaris Film Architektur snaut stanislaw lem russian cinema Kino Baukunst

Autor

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