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Soziotechnische Systeme - Hintergründe und Internet als Transferbeispiel

Seminararbeit 2007 25 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Die Standardansichten bezüglich Technik
1.1 “Necessitiy Is The Mother Of Invention”
1.2 “There Is No Ritual Dimension Of Technical Activity”
1.3 “The Meaning Of An Artifact Is A Surface Matter Of Style”
1.4 “A Unilinear Progression… From Simple Tools To Complex Machines“

2. Das Konzept „Soziotechnische Systeme“

3. Internet als Soziotechnisches System
3.1 Dimensionen des Systems Internet
3.1.1 Soziale Dimension
3.1.2 Wirtschaftliche Dimension
3.1.3 Rechtliche Dimension
3.1.4 Technische Dimension
3.1.5 Wissenschaftliche Dimension
3.1.6 Politische Dimension

FAZIT

Einleitung

In den letzten Jahrzehnten lässt sich besonders in den westlichen Nationen ein Fortschrittsglaube feststellen, der immer bedingungsloser wird. Ein Großteil der Weltbevölkerung scheint seinen Lebenssinn im Streben nach Fortschritt gefunden zu haben. Immer mehr, weiter, schneller, kompakter, imposanter, größer, besser. Die Superlative der Technik nehmen kein Ende. Bei der Einführung des ersten integrierten Mobiltelefons inklusive „iPod“ und zahlreicher weiterer Funktionen, um nur ein Beispiel zu nennen, sprach Apple-Chef Steve Jobs davon „Geschichte zu schreiben“ (FAZ.Net). Das Event, das die Produkteinführung begleitete, wurde ähnlich imposant aufgezogen, wie eine heilige Zeremonie. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die Bedeutung von technischem Fortschritt, in welcher Art auch immer, heute enorme Ausmaße angenommen hat.

Heutige Generationen definieren sich und ihre Umwelt zunehmend über Technik. Dabei werden generalisierende Annahmen über den Einsatz und die Bedeutung von Technik laut. Es entwickelte sich diesbezüglich seit Beginn der Neuzeit eine immer weiter verankerte Standardsicht. Die Komponenten dieser weit verbreiteten Ansichten wurden von einzelnen Ethnologen in Frage gestellt. Bryan Pfaffenberger sticht hier mit seinem Appell heraus, Technik als Systeme zu betrachten, die in einen kulturellen Kontext eingebettet sind und erst darüber definiert werden können: Soziotechnische Systeme.

Diese Arbeit leitet die Überlegungen her, die diesem Konzept zugrunde liegen. Dazu werden zu Beginn die Annahmen der dominierenden Standardsicht erläutert, diese aufgrund der Gegenargumentation Pfaffenbergers kritisch analysiert und letztlich in Frage gestellt. Dabei dient sein Aufsatz „Social Anthropology Of Technology“ als Ausgangsbasis. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt jedoch nicht auf einer erneuten Reproduktion der Erkenntnisse durch Pfaffenberger, sondern auf einer Übertragung seines Konzepts. Dazu wird dieses Konzept der Soziotechnischen Systeme genauer vorgestellt.

Nach dieser theoretischen Einführung in das Thema findet ein Transfer des Konzeptes auf das Internet statt. Dabei werden die einzelnen Dimensionen des Systems und ihre Ausprägungen dargestellt. Ziel ist es nicht ein möglichst umfassendes Abbild der Dimensionen zu schaffen. Anhand einzelner Aspekte der Dimensionen und deren ausführlicher Betrachtung, soll vielmehr die Reichweite ihrer Bedeutung geklärt werden.

Im Fazit wird darüber reflektiert, ob das Internet überhaupt als Soziotechnisches System betrachtet werden kann oder, ob es das eventuell sogar muss. Abschließend wird auch die Bedeutung des Ansatzes Soziotechnischer Systeme bewertet und die Frage beantwortet, inwieweit die Berücksichtigung kultureller Faktoren bei der Betrachtung von Kultur und Technik ausschlaggebend ist.

1. Die Standardansichten bezüglich Technik

Wie bereits in der Einleitung erwähnt gibt es gewisse Ansichten über Technik, die sich seit Beginn der Neuzeit in den Köpfen, zumindest der westlichen Welt, verankert haben. Bryan Pfaffenberger hat diese Standardansichten in einzelne Aussagen aufgegliedert. Im Folgenden werden diese Aussagen kurz erklärt und Pfaffenbergers Gegenargumentation dargestellt.

Pfaffenberger ist ein amerikanischer Anthropologe, der sich auf die interdisziplinäre Schnittstelle von Kultur und Technik beziehungsweise Wissenschaft spezialisiert hat. Seit 1990 ist er am “Department of Science, Technology and Culture”[1] der University of Virginia im Fachbereich “science and technology studies”[2] tätig.

1.1 “Necessitiy Is The Mother Of Invention”

Die Standardsicht geht davon aus, dass Notwendigkeit die Mutter aller Erfindungen sei. Das Bedeutet, dass Menschen nur dann neue Erfindungen machen, wenn sie aus äußeren Umständen der Natur, wie beispielsweise Einschränkungen ihrer geographischen Umwelt, dazu gezwungen werden. Am Anfang besteht ein Problem. Der Mensch versucht sich die Natur zu Nutze zu machen und entwickelt dann ein Werkzeug, um das Problem zu lösen. Es ist eine sehr zweckgebundene Sicht auf die Welt. Funktionalität ist wichtiger als Design und vertreibt die kulturelle Authentizität von Artefakten.[3]

Pfaffenberger ist jedoch der Auffassung, dass Artefakte immer aus zwei Dimensionen bestehen. Neben ihrer Funktionen, oder auch ihrer einen Hauptfunktion, gibt es immer auch eine symbolische, soziale Bedeutung eines Artefakts. Die Funktion kann dabei kulturell unterschiedlich sein. Für den einen ist ein Rad ein Transportmittel, für den anderen ein zeremonielles Heiligtum.[4] Genauso verhält es sich, wenn man das Ganze von der anderen Seite betrachtet und nicht von dem Artefakt ausgeht, sondern von einer Funktion, die es zu erfüllen gilt. Grundsätzlich gibt es immer eine Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten für ein Problem und keine einzig mögliche Variante. Wenn ein System in einer Kultur funktioniert, heißt das nicht, dass dieses System die ultimative Ausführung ist und genau in dieser Form übertragbar auf andere Kulturen ist.[5] Pfaffenberger räumt ein, dass es auch Grundbedürfnisse geben mag, die einen jeden Menschen betreffen, doch die Art und Weise wie dieses Problem gelöst wird, ist nicht von der Natur, sondern von der Kultur abhängig.[6]

Welche Bereiche der Kultur dafür ausschlaggebend sind, wird später anhand eines Beispiels verdeutlicht.

1.2 “There Is No Ritual Dimension Of Technical Activity”

Pfaffenberger betrachtet diese Aussage, zwar nicht gesondert zu den Restlichen, geht jedoch detailliert auf den Ritualaspekt ein. Deshalb soll auf diese weit verbreitete Meinung an dieser Stelle ebenfalls eingegangen werden.

Die Standardsicht schließt die rituelle, magische oder religiöse Dimension des Einsatzes von Technik aus. Das knüpft an die funktionsfixierte Einstellung bezüglich Technik an.[7]

Pfaffenberger betont jedoch die herausragende Bedeutung von Ritualen. Nur sind Rituale für Außenstehende oft nicht verständlich oder auch nur erkennbar. Rituale benötigen nicht viel Kommunikation, um unter den Mitgliedern einer kulturell homogenen Gemeinschaft verstanden zu werden. Für Anthropologen sind sie demnach oft gar nicht sichtbar.[8]

Besonders in staatenlosen oder lokal autonomen Gebieten sind Rituale wichtig, um die Arbeit zu koordinieren. Hier kommt ihnen eine Funktion zu, wie sie bei einer Art Maschine zum Einsatz kommt. Sie regeln den Arbeitsablauf und geben Handlungsmuster vor, durch die das System am Laufen bleibt.[9] Ein Beispiel dafür sind die Riten, die die Wasservergabe der balinesischen Wassertempel an die einzelnen Gruppen regeln. Sie sind nicht nur wichtig, um die Wasserverteilung zu organisieren, sondern auch um Überschwemmungen und Epidemien vorzubeugen. Solche Systeme können also unabhängig von ökonomischen oder politischen Einflüssen, wie sie in der westlichen Welt bekannt sind, zu neuen Formen von Solidarität führen. Darin liegt ein weiterer Grund, warum die Systeme für Anthropologen oft unentdeckt bleiben. Die Forscher haben häufig nur ihre Sozialtheorien im Kopf und sind dadurch blind gegenüber Neuem.[10] Deshalb appelliert Pfaffenberger an die Unvoreingenommenheit der Sozialanthropologen.[11] Festzuhalten bleibt, dass Rituale nicht nur Reflexion der Sozialstruktur sind, sondern diese wiederum aktiv produzieren.

1.3 “The Meaning Of An Artifact Is A Surface Matter Of Style”

Eine weitere Aussage der Standardsicht über Technik lautet, dass die Funktion eines Artefakts das Hauptmerkmal des selbigen ist und die Form, das Design oder, um beim englischen Original zu bleiben, der “style” eine nebensächliche Rolle spielt.

Pfaffenberger hält dem entgegen, dass gerade die Funktion am meisten von kultureller Definition abhängt. Es wäre unsinnig einem Artefakt nur eine einzige Funktion zuschreiben zu wollen. Vielleicht hat es eine Hauptfunktion, aber daneben gibt es viele weitere Funktionsmöglichkeiten.[12] Außerdem ist es schwierig zwischen Funktion und Style zu trennen und herauszufinden, wo genau die Funktion aufhört und der Style anfängt.[13] Die strikte Unterscheidung in die beiden Pole Funktion und Style lässt überdies eine wichtige Schlüsselkomponente außer Acht, deren Bedeutung bereits betont wurde: Rituale.[14]

[...]


[1] Pfaffenberger Online a: Main Page – Bryan Pfaffenberger.

[2] ebenda

[3] Pfaffenberger, Bryan. Social Anthropology Of Technology. S.494 In: Annual Review of Anthropology. Band 21. 1992. S.491-516

[4] ebenda S.496

[5] Pfaffenberger. Social Anthropology of Technology. 1992. S.499

[6] ebenda S.496

[7] vgl. Kapitel 1.1 “Necessitiy Is The Mother Of Invention”

[8] Pfaffenberger. Social Anthropology of Technology. 1992. S.501

[9] ebenda S.501

[10] Pfaffenberger. Social Anthropology of Technology. 1992. S.500

[11] ebenda S.501

[12] ebenda S.503

[13] Shanks, Michael; Tilley, Christopher. Social Theory and Archaeology. Albuquerque. 1987. University of New Mexico Press. S.92

[14] vgl. Kapitel 1.2 “There Is No Ritual Dimension Of Technical Activit”

Details

Seiten
25
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638880848
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72908
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Soziotechnische Systeme Hintergründe Internet Transferbeispiel

Autor

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