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Rationalität und Organisation - Ein Vergleich zwischen Max Weber und Niklas Luhmann

Seminararbeit 2007 12 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Disposition

1. Einleitung

2. Max Weber
2.1 Analyse der Lebensführung in der Moderne
2.2 Bürokratietheorie
2.3 Rationalität bei Weber

3. Niklas Luhmann
3.1 Systemtheorie
3.2 Rationalität bei Luhmann

4. Kritische Betrachtung

5. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich untersuche in meiner Arbeit die Positionen zur Auffassung sozialer Systeme von Max Weber und Niklas Luhmann. Niklas Luhmann nimmt in seiner systemtheoretischen Perspektive auf formale Organisationen eine kritische Haltung gegenüber Max Webers Bürokratietheorie und seiner Analyse der Lebensführung in der Moderne ein. Dabei richte ich besonderes Augenmerk auf den für Weber, als auch für Luhmann zentralen Begriff der Rationalität. Zunächst soll die Position Webers erläutert werden, anschließend werde ich näher auf Niklas Luhmann eingehen. Im vierten Teil meiner Arbeit werde ich die Positionen kritisch vergleichend betrachten um dann am Ende eine persönliche Schlussbemerkung anzubringen.

2. Max Weber

Max Weber gilt als einer der wesentlichen Begründer der Soziologie als Wissenschaft in Deutschland. Er setzte sich unter anderem auch mit den Gründen für die spezifischen Eigenarten des Kapitalismus im Okzident auseinander. Seine Begriffsdefinitionen dienen heute in der Soziologie und Politikwissenschaft oft als Grundlage. Zu seinen bekanntesten und den weltweit wichtigsten Werken der Soziologie zählen „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, sowie „Wirtschaft und Gesellschaft“ (Schmidt 1987, S. 8ff.). Weber betrachtet soziales Handeln zunächst von der Mikroperspektive und überträgt seine dort gewonnenen Erkenntnisse in einen größeren Zusammenhang.

2.1 Analyse der Lebensführung in der Moderne

Der Ausgangspunkt für Webers Analyse der Lebensführung in der Moderne ist die Frage nach der Entstehung des modernen Kapitalismus. Ziel seiner Ausführungen ist die Erfassung der Umstände, die dazu führten, dass sich die Kultur des Okzidents stärker entwickeln konnte als andere Kulturen. Weber beschreibt Kulturerscheinungen von universeller Bedeutung für diese Entwicklung im Okzident. Dazu gehören die Naturwissenschaften mit den Bereichen Mathematik, Physik und Chemie, sowie die Rationalisierung der Kunst mit klaren Strukturen in Architektur, Malerei und Musik. Dieser Fortschritt führte zur Entwicklung des Fachmenschentums und somit zur Beamtenorganisation. Beamten werden im Okzident zu den Trägern der wichtigsten Alltagsfunktionen des sozialen Lebens. Es entsteht eine Staat mit Verfassung, Recht und Verwaltung. Und somit die Grundlage für Webers Begriff des Kapitalismus, den er folgendermaßen definiert: „Ein kapitalistischer Wirtschaftsakt soll uns heißen, zunächst ein solcher, der auf Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tausch–Chancen ruht: auf (formell) friedlichen Erwerbschancen also“ (Weber, 1988, S. 6).

Damit grenzt er den Kapitalismusbegriff gegenüber dem Streben nach möglichst hohem Geldgewinn und schrankenloser Erwerbsgier ab. Er spricht dem Kapitalismus sogar eine rationale Temperierung dieser irrationalen Triebe zu. Gewinn soll Webers Ansicht nach kontinuierlich erzielt werden. Das Handeln im kapitalistischen System ist an Kapitalrechnung orientiert. Mit Kapitalrechung ist der Vergleich des Geldschätzungserfolges mit dem Geldschätzungseinsatz gemeint. Diese kapitalistische Vorgehensweise fand in allen Kulturländern der Erde statt, doch nur im Okzident entwickelte sich in der Neuzeit eine rational kapitalistische Organisation von (formell) freier Arbeit. Als weitere Eigenarten des Okzidents nennt Weber die Trennung von Haushalt und Betrieb, die rationale Buchführung und die rechtliche Sonderung von Betriebsvermögen und persönlichem Vermögen. Erst durch die aus der freien Arbeit entstandenen Klassen, wie Bürger, Bourgeoisie und Proletariat entsteht eine Grundlage für die Entwicklung des Sozialismus oder der Kommerzialisierung. In den Naturwissenschaften entstehen neue Anreize durch kapitalistische Chancen. Weber sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Religion des Protestantismus und der Entwicklung des okzidentalen Kapitalismus. Die rationale Ethik des Protestantismus machte die dafür notwendige Entstehung einer rationalen Lebensführung möglich (Weber, 1988, S. 1-16).

2.2 Bürokratietheorie

Max Webers Bürokratieansatz stützt sich auf die Analyse eines rational verwalteten Großbetriebs. Ziel seiner Theorie ist die Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit von Organisationen. Er bezeichnet moderne Bürokratien als „Typen der Herrschaft“ und beschäftigt sich ins Besondere mit der Durchsetzung von Herrschaft basierend auf formalen Verwaltungsstäben. Deshalb möchte ich zunächst auf seine zentralen Begriffe Macht und Herrschaft eingehen. Die ebenfalls wichtigen Hauptbegriffe Webers: soziales Handeln, soziale Beziehung und legitime Ordnung setze ich voraus und werde sie deshalb in meinen Ausführungen nicht speziell behandeln. Für Weber ist Herrschaft im allgemeinen Sinne Macht, also die Möglichkeit den eigenen Willen dem Verhalten anderer aufzuzwingen (Weber, 1972, S.542-544). Er definiert drei Typen der legitimen Herrschaft unter dem Kriterium aufsteigender Rationalität: die traditionale, charismatische und rationale Herrschaft (Weber 1972, S.124). Die bürokratische Organisation ist für Weber die reinste Form rationaler Herrschaft. Sie repräsentiert ein System von miteinander verknüpften zweckrationalen Handlungen (Weber, 1972, S.545-551). Die Prinzipien der rationalen Herrschaft sind der kontinuierliche, an Regeln gebundene Betrieb der Amtsgeschäfte innerhalb festgelegter Zuständigkeiten, die Amtshierarchie, die Trennung von Berufsrolle und persönlicher Identität und die Aktenmäßigkeit, was eine schriftliche Fixierung aller Prozessschritte bedeutet (Raab, Soziologie der Organisation, 6. Sitzung, Universität St. Gallen, WS 2006). Der leitende Gesichtspunkt Webers Bürokratietheorie ist die Sicherung und Perfektionierung der Herrschaft. Weber ist sich jedoch auch im Klaren, dass solch eine Bürokratie zur Entwicklung einer gewissen Eigendynamik neigt. Eine Alternative zur Bürokratie gibt es Weber zufolge nicht und ein etablierter bürokratischer Herrschaftsapparat kann auch nicht entbehrt oder ersetzt werden. Neben der erwähnten Eigendynamik sieht Weber als weiteren Grund für zunehmende Bürokratisierung den Umstand, dass vielfältige Aufgaben an den modernen Staat delegiert worden sind (Weber 1972, S.561-573).

2.3 Rationalität bei Weber

Rationalisierung nach Weber geschieht auf drei Ebenen. Auf der ersten Ebene der Institutionen bezeichnet sie die zunehmende Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit der Probleme der natürlichen und sozialen Welt durch Wissenschaft, Technik und Organisation. Auf der zweiten Ebene der Weltbilder oder Glaubenssysteme ist Rationalisierung ein Prozess, in dessen Verlauf magische Elemente zugunsten religiöser zurückgedrängt werden, konkrete religiöse Vorstellungen abstrakteren weichen und schließlich die religiöse Ethik ihre Verbindlichkeit einbüßt. Und zu letzt auf der Ebene der praktischen Lebensführung. Hier bezeichnet Rationalismus die zunehmende methodische und konsistente Gestaltung der Lebensführung des Individuums nach eigenen Wertorientierungen (Kieser 1999, S. 42). Menschliche Irrationalitäten und unkontrollierte persönliche Einflussnahme sollen ausgeschaltet werden. Somit kann die Leistung jedes Individuums und der Gesellschaft zum Höchstmaß gesteigert werden. Die besondere Rationalität der bürokratischen Herrschaft begründet sich durch ihre kalkulatorische Transparenz und Vorhersehbarkeit, sowie durch ihre Intensität und Extensität, das heißt ihrer Fähigkeit zur Bewältigung großer Massen (Raab, Soziologie der Organisation, 6. Sitzung, Universität St. Gallen, WS 2006).

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Details

Seiten
12
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638870436
ISBN (Buch)
9783638870542
Dateigröße
394 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72904
Institution / Hochschule
Universität St. Gallen
Note
1,00
Schlagworte
Rationalität Organisation Vergleich Weber Niklas Luhmann Reflexionskompetenz Soziologie

Autor

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