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"Narrenhände" - Graffiti als ein Spiegel der Gesellschaft?

Hausarbeit 2006 10 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Historische Entwicklungen
2.1. Ursprung der Bezeichnung - Begriffsklärung
2.2. Wurzeln moderner Graffiti – Exkurs
2.3. Graffitiforschung

3. Funktion und Charakter von Graffiti im Raum

Toiletten-Graffiti

Ventilisierungs-These

Ich staune, o Mauer, dass du unter dem Gewicht all des Blödsinns, mit dem du voll gekritzelt wirst, noch nicht zusammengebrochen bist.

(In: Beck 2004: 4).

1. Einleitung

Sie prägen das Bild der Städte auf der ganzen Welt. Als Teil des Hip Hop kennt sie jeder. Wie jede Art von Kunst, wie jede Ausdrucksform können sie gelesen, ihnen Bedeutungen beigemessen werden. In der Literatur werden sie auch als eine „Fundgrube für eine Psychologie der Gesellschaft" (Müller 1985: 9) bezeichnet. Und doch sind die Meinungen zu Graffiti äußerst kontrovers. Ständig verstärken die Regierungen die Gegenmaßnahmen, verschärfen die Gesetze. Ist es die bloße Degradierung auf den Tatbestand der Sachbeschädigung oder gibt es weitere Gründe für die Ignoranz gegenüber diesem kulturellen Phänomen. Andererseits liegt im Graffiti eine ganz besondere Art der Kommunikation, die sich den Raum der Anonymität gewählt hat, vermutlich wegen der Art der Aussagen und den damit hervorgerufenen Folgen. Die Antwort ist bei dieser Kommunikationsform nicht zentral, es geht um die Aussage, die „produktive Unzufriedenheit“ (Hilbig/Titze1981: 57), welcher hier Ausdruck verliehen wird. Inwieweit Graffiti kritische Aussagen beinhalten und Vermutungen über die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse zulassen, wird hier zu untersuchen sein. Dabei ist die methodische Problematik dieses Forschungsgegenstandes nicht zu unterschätzen, da das Phänomen Graffiti äußerst spontan und ventilhaft arbeitet, was durchaus leicht auch zu Überinterpretationen führen kann. Darüber hinaus soll außerdem festgestellt werden, welche Funktionen Graffiti außer der Gesellschaftskritik noch erfüllen kann, ob es das überhaupt tut, wer sich vor allem dieses Mittels bedient und ob man in diesem Zusammenhang nur von einer subkulturellen Ausprägung der jüngsten Zeit sprechen kann. (Identität???) Schmiererei Oder Kunst???

2. Historische Entwicklungen

2.1. Ursprung von Graffiti und deren Bezeichnung

Die Herkunft des Wortes graffito, dem Singular des heute im allgemeinen gebrauchten Wortes Graffiti, hat seine Wurzeln im Italienischen, das wiederum aus dem vulgärlatainischen Verb für ´mit dem Griffel kratzen´ entstanden ist. Die griechische Variante graphein bedeutet ´schreiben´ und kommt der heutigen Bezeichnung für moderne Graffiti, dem Writing, schon sehr nahe. Entstanden ist das Phänomen aber bereits in der Antike. Zahlreiche Zeugnisse von Pompei oder den römischen Katakomben z. B. berichten vom Alltagsleben längst vergangener Zeiten. Diese antiken Graffiti sind jegliche Inschriften und Figuren, die an allen Arten von Wänden gefunden werden konnten. Es handelt sich hierbei beispielsweise um Beleidigungen, Liebeserklärungen, Magie oder politische Stellungnahmen. Diese wurden erstmals von dem italienischen Archäologen Raffaele Garucci gesammelt und 1865 mit „Graffiti di Pompei“ veröffentlicht. Damit war das Wort für ein uraltes Phänomen geboren (Beck, 2004: 4). In den 60iger Jahren waren Graffiti eine beliebte Praxis und Ausdruck der Rebellion politischer Aktivisten als eine billige und einfache Art des Statements. Für moderne Graffiti hat dieselbe Definition bis zur Gegenwart Bestand und beinhaltet lediglich den Gebrauch meist von Spraydosen. Aber auch mit Hilfe von Stiften, Markern, sogar nur gekratzte Inschriften gelten – wie in den Zeiten der Antike – auch heute als Graffiti.

2.2. Wurzeln moderner Graffiti

Was heute im Allgemeinen zunächst unter Graffiti verstanden wird, sind die allerorts, in großen wie in kleinen Städten zu findenden gesprühten tags (Schriftzüge) und pieces (Bilder). Diese Art von Graffiti hat ihren Ursprung in den 70iger Jahren in New York im Zuge der Entstehung einer Szene, die MC´ing, DJ´ing, Breakdance und eben auch Graffiti, das Writing, hervorbrachte und später als HipHop bekannt wurde. Graffiti bildet also eines der vier wesentlichen Elemente in der HipHop-Kultur. Es wird erzählt, dass ein griechischstämmiger Botenjunge begann, sein Pseudonym TAKI183 während seiner Botengänge durch die Stadt an Wänden und Mauern zu hinterlassen. Ein Zeitungsartikel in der ´New York Times´ über das Faible dieses Jungen hatte zur Folge, dass nun zahlreiche Nachahmer animiert waren. Das tagging war geboren und breitete sich schnell unter den Jugendlichen der ganzen Stadt aus. Anfangs begnügte man sich mit herkömmlichen Markern oder Stiften, um damit Zeichen oder Pseudonyme überall anzubringen. Aber schon bald entdeckten die Akteure die Sprühdose als weitaus ergiebigeres Medium. Es entwickelten sich in kürzester Zeit verschiedene Techniken und Stile, Graffiti wurde zunehmend auffälliger und begann an sich selbst einen künstlerischen Anspruch zu stellen. Es dauerte nicht lange, bis diese Art des Ausdrucks und der Darstellung auch über die Grenzen New Yorks hinaus bekannt wurde und zahlreiche Anhänger fand. Es bildeten sich innerhalb der Szene verschiedene Gangs, die durch das Anbringen von Graffiti ihr Territorium absteckten mit dem Ziel so viele Tags wie möglich an so vielen Orten wie möglich zu machen, was den kompetativen Charakter der Szene zu einem extremen Ausmaß anwachsen ließ. Artefakte von Ruhm und Ehre der Gangs sind dabei Quantität und Qualität der Graffiti. Außerdem spielt der Risikofaktor beim Writing eine große Rolle, der – je höher er ist – dementsprechende Anerkennung innerhalb der Szene mit sich bringt. Inzwischen haben sich hier unter den Writern zwei gegensätzliche Lager gebildet. Zum einen wird das eben angesprochene ´Gang Graffiti´ praktiziert, bei dem es wie gesagt hauptsächlich um Rivalitäten bezüglich des Territoriums geht, ohne dass die künstlerische Intension eine entscheidende Rolle spielt. Zum anderen geht es den Vertretern der ´Art Graffiti´ primär um die Entwicklung und Verbesserung von künstlerischen Techniken, die ihre Arbeit als einen ständigen Prozess betrachten. Diese Art von Graffiti hat sich seit einiger Zeit auch in der Kunstszene etabliert und wird seit den 80iger Jahren außerdem in verschiedenen Galerien präsentiert. Die erste Galerie dieser Art in Europa wurde 1978 in Rom eröffnet. In dieser Zeit gelangte das Phänomen Graffiti durch Filme zu diesem Thema wie „Wild Style“ und „Beat Street“ nach Europa und erfuhr auch hier eine rasante Verbreitung.

2.3. Graffitiforschung

So alt das Phänomen Graffiti auch ist, hat es doch forschungsgeschichtlich eine relativ junge Tradition. Um von dem hier gegebenen Material auf gesellschaftliche Hintergründe zu schließen oder soziale Verhältnisse zu entschlüsseln scheint eine methodologisch nicht ganz einfache Aufgabe zu sein. Jemand, der sich diesem Thema stellt, bedarf Eigenschaften, welche für die Fähigkeit eines Kunsthistorikers, eines Psychoanalytikers und eines Detektivs gleichermaßen kennzeichnend sind: „Um die stummen Zeugen einer Kultur zu entziffern, bedarf es des Spürsinns eines Sherlock Holmes, der Intuition eines Sigmund Freud und des Augenmaßes eines Giovanni Morelli.“ (Müller 1985: 238.). Es können also Dinge, welchen kulturell eine marginale Bedeutung beigemessen wird, welche wortwörtlich an der Oberfläche existieren und im allgemeinen Verständnis als oberflächlich betrachtet werden, beim genaueren Hinschauen durchaus hinter der Maske der ´Schmierereien´ tiefgründigere Phänomene zur Enthüllung bereithalten. Nicht die Rede ist hier von der Art Graffiti, die sich in Galerien etabliert hat und als Kunst verstanden wird. Denn dieser wird ihre kulturelle Bedeutung ohnehin nie abgestritten. Dennoch sind alle Arten, die als Graffiti identifiziert und bezeichnet werden, gleichermaßen Gegenstand ein und desselben Forschungsfeldes.

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Details

Seiten
10
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638739443
ISBN (Buch)
9783638774222
Dateigröße
379 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72856
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Herder-Institut
Note
1,0
Schlagworte
Narrenhände Graffiti Spiegel Gesellschaft Kulturthema Werteorientierungen

Autor

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Titel: "Narrenhände" - Graffiti als ein Spiegel der Gesellschaft?