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Europäische Sprachen im Munde der Afrikaner als Muttersprache. Chance oder Schande?

Hausarbeit 2002 22 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einblick

2. Befürworter

3. Skeptiker

4. Abschlussbemerkungen

1. Einblick

Ich wollte typisch Neger sein, das war nicht mehr möglich. Ich wollte weiß sein - das war eher zum Lachen[1]

Die Sprache stellt eines der fundamentalsten identitätsstiftenden Merkmale des Menschen dar. An ihr läßt sich die kulturelle Eigenständigkeit eines Volkes ablesen:

In jeder Sprache gibt es eine Anzahl Wörter, für welche andere Sprachen überhaupt nichts Entsprechendes haben [...] Daher kann man auch nicht aus einer Sprache in die andere übersetzen, ohne dass ein unübersetzbarer Rest bleibt [...]

Zwei verschiedene Sprachen sind zwei verschiedene Weltansichten[2]

Große Dichter und Philosophen wie Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1716), Johann Gottfried von Herder (1744-1803), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Jean Paul (1763-1825), Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und Arthur Schopenhauer (1788-1860) stellten in aller Deutlichkeit die These auf, dass Sprache und kulturelle Identität eng aufeinander bezogen sind.

Dem Gebrauch europäischer Sprachen als Verkehrs-, Amts- und Unterrichtssprachen in Afrika liegt zweifelsohne die wohl bekannte, viel diskutierte und immer wiederkehrende Thematik der Kolonisierung dieses Kontinents durch europäische Mächte wie Frankreich, England, Deutschland, Portugal etc. im 19. Jahrhundert[3] zugrunde.

Die gezielte wirtschaftliche Ausbeutung der besetzten Territorien, die durch eine unerbittliche Waffengewalt von Kolonialtruppen gegen einheimische Widerstandskämpfer realisiert werden konnte, ging mit einer ausgeprägten niederwerfenden Kulturpolitik einher, in der das Erlernen der Sprache des Kolonialherren durch den Kolonisierten den Mittelpunkt einnahm, denn:

Unter „zivilisierten“ Nationen, zwischen denen kein größeres Machtgefälle besteht, mag es für ein Zeichen der Höfflichkeit und gegenseitigen Respekts gelten, die Sprache des anderen zu lernen [...], zwischen der Übermacht des Kolonisators und der Ohmacht des Kolonisierten ist kein Platz für solche Höflichkeiten. Der Unterlegene muß sich mit dem Sieger arrangieren. Will er sich Gehör verschaffen, muß er seine Sprache lernen, Zeit und Mühe investieren, um Zutritt in die Sphäre der Macht zu bekommen. Der Kolonisator, der oft nur für eine begrenzte Dauer im Lande bleibt, hat nicht die Zeit, um die (von ihm meist verachteten) Sprachen der „Eingeborenen“ zu lernen. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel[4]

Mit diesem Ausspruch wird das ganze Drama der Akkulturationsgeschichte Afrikas greifbar. Die Sprache wird als ideales Instrument zur Assimilierung der Kolonisierten eingesetzt und durchgesetzt. Laut assimilatorischen und kulturtheoretischen Thesen reflektieren Vokabular, Syntax und Grammatik einer Sprache die der sie sprechenden Gesellschaft zugrundeliegende Philosophie und Logik. Daraus ergibt sich die zentrale Bedeutung, die die Kolonisatoren dem Erlernen der europäischen Sprachen durch die Einheimischen zur die Durchführung und Durchsetzung ihrer Assimilationspolitik beimassen. Die Institutionalisierung des Kulturimperialismus der kolonialen Ausdehnung schlug ihre Wurzeln in der schulischen Erziehung der einheimischen Kinder nieder:

Die fremde Schule und die in ihr gelehrte fremde Sprache sind nicht an und für sich schon Instrumente der Fremdherrschaft. Sie werden dazu aber im kolonialen Kontext, weil sie de facto mit dem Anspruch auftreten, die einheimischen Sprachen aus der Kommunikation mit den Instanzen der Herrschaft zu verdrängen und sie als minderwertig anzusehen. Mit der Schule und in der fremden Sprache wird die Unterwerfung unter die neue Herrschaft eingeübt, es werden Qualifikationen erworben, die eine Teilhabe an der Macht erlauben.[5]

Der Sprachpolitik in den Kolonien liegen aber auch praktische bzw. realpolitische Faktoren zugrunde. Sie sollte der Durchführung mancher subalterner administrativer Tätigkeiten (z. B. Dolmetschen) gerecht werden.

Wie aus einer Untersuchung zu dem Hilfsprogramm der UNESCO[6] für den Aufbau staatlicher Schulsysteme in Tropisch-Afrika von 1960 bis 1968[7] hervorgeht, hatte die UNESCO den Versuch unternommen, die afrikanischen Sprachen als Unterrichtssprachen einzusetzen. Jedoch stieß sie auf eine vehement unkooperative Haltung von seiten Frankreichs. Sie hatte kaum Möglichkeit, in den französischen Kolonien Studien über die Bevölkerung und deren tatsächliche bildungspolitische Bedürfnisse und Voraussetzungen zu erstellen oder Projekte der Grunderziehung durchzuführen. Selbst Informationsmaterial musste an das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten geschickt werden, bevor es nach Prüfung an das Ministerium „de la France d’Outre-Mer“ und in die nichtautonomen Gebiete weitergeleitet wurde. Die UNESCO sah sich auf eine harte Probe gestellt:

Der kulturelle Bereich besitzt in der Außenpolitik Frankreichs eine sehr große relevante Bedeutung, da er als wesentlicher Bestandteil des internationalen Prestiges des Landes angesehen wird. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg und der Relativierung der französischen Großmachtstellung sah Frankreich in der auswärtigen Kulturpolitik eines der geeignetsten Mittel, seinen internationalen Einfluß aufrechtzuerhalten. Das Bemühen Frankreichs bei der Gründung der UNESCO, seine Vorstellungen von der einer Fortsetzung der Arbeit des IICI und des Aufgabenbereichs der neuen Organisation durchzusetzen und den Sitz der neuen Organisation nach Frankreich zu verlegen, ist Ausdruck dieser Politik.[8]

Auch in den britischen Territorien konnte die UNESCO nur wenige Projekte durchführen, obgleich Großbritannien die erste europäische Kolonialmacht war, die sich für eine Zusammenarbeit mit der UNESCO aussprach. Das Ziel der britischen Bildungspolitik in den afrikanischen Kolonien war im Unterschied zu der Frankreichs nicht zu sehr assimilatorisch orientiert. Bezeichnenderweise ist dabei z. B., dass Großbritannien auf der Generalkonferenz der UNESCO in Florenz (Mai - Juni 1950) den Vorschlag einbrachte, die nicht-autonomen Gebiete enger an die UNESCO anzubinden[9]

Nach der Kolonialzeit sind die unabhängigen afrikanischen Staaten mehreren Herausforderungen und Dilemmata ausgesetzt, wobei der Umgang mit den ihnen aufgezwungen europäischen Sprachen eines der akuten Probleme darstellt. Ein Teil der afrikanischen Eliten, die gerade in die europäische Schule gegangen sind, stellen vorbehaltlos anti-kolonialistische Forderungen in einer engagierten in den jeweiligen Kolonialsprachen verfassten Literatur. Vereinfachend gesagt, schreibt diese Creme der afrikanischen Gesellschaften in europäischen Sprachen, die sie gerade als unterdrückende Kommunikationsmedien abqualifizieren. Paradox oder verfeinerter Lösungsansatz zu einer Befreiung? Hieraus schält sich jedenfalls ein Dilemma heraus, das über die Problematik der Sprache hinaus den ganzen „Zwiespalt“ der postkolonialen Gesellschaften Afrika aufzeigt. Diesem Dilemma, – symbolisiert durch ein Fragezeichen im Titel dieser Untersuchung -, liegen die antithetischen Stellungnahmen der afrikanischen Eliten zur Frage des weiteren Gebrauchs oder Nicht- Gebrauchs europäischer Sprachen als Verkehrs-, Literatur-, Unterrichts- und Amtssprachen im postkolonialen Afrika zugrunde. Die einen empfinden die Verwendung dieser Sprachen als Zeichen eines lädierten Nationalbewusstseins der Afrikaner. Die anderen sehen in diesen Kommunikationsmedien moderne Weltsprachen, die in einer immer globaler vernetzten Welt eine erhebliche Chance für die effektive Integrierung eines bisher ausgegrenzten Kontinents in die Weltgemeinschaft darstellen[10]. Welche kritische Stellung ist dazu zu nehmen? Wird die Verwendung der europäischen Sprachen im postkolonialen Afrika durch wirtschaftliche, sozio-politische, kulturelle, praktische oder pragmatische Faktoren bedingt? Angesichts einer europäisch geprägten Schulausbildung stellt sich dabei die Frage der Identitätsbildung der Afrikaner im postkolonialen Zeitalter konkret dar? Welche Chancen bereitet den Afrikanern ihre doppelte „afrikanisch-europäisch“ geprägte kulturelle Identität in einer immer multiethnisch werdenden Welt?

[...]


[1] Frantz Fanon, Schwarze Haut, weiße Masken., Frankfurt am Main 1980, S. 86.

[2] Ludwig Reiners, Stilkunst. Ein Lehrbuch der Prosa., München 1991, S. 21.

[3] Die Aufteilung Afrikas in Kolonien durch die dort herrschenden Kolonialherren wurde anlässlich der so genannten Berliner-Kongo-Konferenz (November 1884-Februar 1885) unter der Schirmherrschaft des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck beschlossen.

[4] János Riesz, Europäisch-afrikanische Literaturbeziehungen, 2. Französisch in Afrika- Herrschaft durch Sprache, Frankfurt am Main 1998 (Studien zu den frankophonen Literaturen außerhalb Europas), S. 4f.

[5] Ebd., S. 7. Vgl. dazu: Edith Broszinsky-Schwabe: (1979: 50): „Da während der Kolonialzeit die Entwicklung der Sprachen der verschiedenen Stämme bzw. Nationalitäten nicht gefördert, sondern oftmals unterdrückt, ja sogar deren Gebrauch verboten wurde, konnte in der Regel keine dieser Sprachen zur Nationalsprache werden“)

[6] United Nations Educational, Scientific, and Cultural Organization

[7] Iris von Kirschbaum, Das Hilfsprogramm der UNESCO für den Aufbau staatlicher Schulsysteme in Tropisch-Afrika von 1960 bis 1968, Köln 1995.

[8] Ebd., S. 70f.

[9] Vgl. ebd., S. 71.

[10] Französisch wird heute nicht nur in Frankreich, Belgien, der französischen Schweiz und Luxemburg gesprochen, sondern wird weltweit in über 45 Staaten als Umgangs-, Verkehrs- und Amtssprache von etwa 200 Millionen Menschen gesprochen. Die gewichtige Bedeutung Schwarz-Afrika in der „Frankophonie“ ist unbestritten. Ähnliches gilt für die englische und portugiesische Sprachen.

Details

Seiten
22
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638145923
Dateigröße
664 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7281
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Arbeitsbereich Interkulturelle Erziehungswissenschaft
Schlagworte
europäische Sprachen Afrika afrikanische Sprachen Europa Dilemma Identität postkoloniales Afrika

Autor

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Titel: Europäische Sprachen im Munde der Afrikaner als Muttersprache. Chance oder Schande?