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Atheismus und Religionskritik bei Georg Büchner

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 30 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

A. Einleitung

B. Religionskritik und Atheismus bei Büchner
1. Religiöse Sprache als Instrument der politischen Agitation
2. Das Philosophengespräch als Forum für Büchners atheistische Thesen
3. Vorwegnehmen von Feuerbach und Marx
3.1 Feuerbach
3.2 Marx

C. Schluss

A. Einleitung

Religiöse Anspielungen, Topoi und explizite Fragestellungen in Bezug auf das Christentum durchziehen das gesamte literarische Werk Georg Büchners. Bibelzitate, biblische Gleichnisse und christliche Motive treten in allen seinen Dramen, seiner Novelle Lenz und seiner politischen Kampfschrift, dem Hessischen Landboten, auf. Auch in seinen persönlichen Schriftstücken, seien es philosophische Exzerpte oder Briefe an Freunde und Eltern, werden immer wieder religiöse Themen aufgegriffen.

Daraus wird ersichtlich, dass das Thema Religion in Büchners Leben eine große Rolle spielte und sein schriftstellerisches Schaffen stark geprägt hat. Die Forschung hat sich deshalb bereits intensiv mit der Bedeutung des Glaubens für Büchners Werk beschäftigt. Insbesondere die eigene Religiosität des Schriftstellers wurde gründlich diskutiert. Die Frage, ob Büchner selbst an Gott glaubte oder nicht, ist nach wie vor ungeklärt. Da sich die zur Verfügung stehenden Quellen, in denen der Autor selbst oder enge Vertraute über sein Verhältnis zum Christentum widersprechen, ergeben sich zwei sehr gegensätzliche Forschungspositionen, die Glebke mit den Worten zusammenfasst: „Man sah in ihm einen überzeugten Atheisten oder gar einen christlichen Revolutionär, der religiöse Werte verwirklichen wollte.“[1]

Letzteren Standpunkt vertritt Wendy Wagner, die den neuesten Beitrag zu dieser Debatte lieferte. Durch die Auswertung der Lehrbücher und methodischen Ansätze der Grundschule und des Gymnasiums, die Büchner besuchte, kommt Wagner zu dem Ergebnis, dass Büchners protestantischer Religionsunterricht die Grundlage „für das größte Unwohlsein gegenüber der gesellschaftlichen Aufspaltung in Arme und Reiche“[2] geschaffen habe. Christlichen Lehren entsprechend sei er schon in jungen Jahren aufgefordert worden, nach dem Vorbild Jesu Christi materielle Güter nicht über zu bewerten und sich sowohl „um die Armen und Notleidenden zu kümmern“[3] als auch „gegen die Reichen, die ihren Reichtum nicht mit den Armen teilten, aufzulehnen“.[4]

Daraus zieht Wagner den Schluss, dass Büchner gläubiger Protestant war. Zwar attestiert auch sie ihm eine „antikirchliche Tendenz“[5] und eine „distanziert-kritische Haltung gegenüber der Vereinigung von Machtpolitik und Kirche“.[6] Allerdings vertritt sie die Meinung, dass Büchner lediglich die weltliche Instanz der Kirche, nicht aber den christlichen Glauben an sich ablehnte. Dementsprechend erklärt sie die biblische Sprache im Hessischen Landboten dadurch, dass Büchner hier Ideen aus dem Religionsunterricht und den Predigten seines Lehrers wiedergibt, da sie seiner Weltanschauung entsprachen.[7] Weiterhin behauptet Wagner, dass Büchner sich mit seinem atheistischen Charakter Payne in Dantons Tod nicht identifiziert habe.[8]

Diese Thesen bezweifle ich sehr. Meiner Meinung nach spricht viel mehr dafür, dass Büchner ein überzeugter Atheist war. Zum Zeitpunkt des Verfassens des Hessischen Landboten heiligte für ihn der Zweck die Mittel. Da ihm die Wirkung der Flugschrift auf das Volk wichtiger erschien als sein eigener Unglauben, war er bereit, die Sprache der Bibel für den politischen Kampf zu instrumentalisieren. Als dieses Vorhaben scheiterte, verlor Büchner den Glauben daran, dass sich das Christentum zu einer Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse mobilisieren lasse. Zutiefst frustriert zog er sich aus der aktiven Politik in sein literarisches Schaffen zurück, wo er seinem radikalen Atheismus jedoch freien Lauf ließ.

Diese Behauptungen möchte ich in der vorliegenden Arbeit versuchen, nachzuweisen. Zunächst betrachte ich deshalb den Hessischen Landboten aus dem Gesichtspunkt, dass hier ein radikaler Atheist die Religiosität des Volkes in den Dienst seiner politischen Ziele stellen will.

Anschließend werde ich mich dem so genannten Philosophengespräch in Dantons Tod zuwenden, um zu belegen, dass Büchner diese Szene nutzte, um seine eigenen atheistischen Behauptungen durch die Äußerungen der Dramenfigur Payne zu publizieren. Dabei möchte ich auch mit einbeziehen, inwiefern Büchner in diesem Teil des Stücks philosophische Thesen aufstellte, welche die Theorien zweier bedeutender Atheisten, Feuerbach und Marx, vorwegnahmen.

1. Religiöse Sprache als Instrument der politischen Agitation

Zu Büchners Lebenszeit, der Zeit der Heiligen Allianz, beriefen sich die Fürsten auf das Gottesgnadentum, um ihre Macht zu rechtfertigen. Laut Kahl hatte Georg Büchner den „Funktionsmechanismus der Ehe von Thron und Altar, von Polizei und Pfarrei, illusionslos“[9] durchschaut. Dies zeigt folgendes Zitat aus einem Brief Büchners an seine Eltern:

„Der Großherzog von (Baden) (…) macht sich zum Ritter vom heiligen Geist und läßt Gutzkow arretieren, und der liebe deutsche Michel glaubt, es geschähe Alles aus Religion und Christentum und klatscht in die Hände.“[10]

Um die unteren Schichten zum Aufstand zu bewegen, musste man ihren Glauben daran untergraben, dass die Herrschenden höher geweiht seien.[11] Wollte man den Feudalabsolutismus überwinden, musste man notwendigerweise die „Religion als Mittel der Volksverdummung“[12] bekämpfen. Die Aufdeckung und Aufhebung der „religiöse(n) Manipulation des Volkes“[13] hatte Büchner als „politische Schlüsselaufgabe“[14] verstanden.

Oberstes Ziel des Hessischen Landboten ist es, das Gottesgnadentum der Fürsten anzugreifen und den Bauern die Augen darüber zu öffnen, dass ihr Glaube missbraucht wird, um sie zu knechten. Das ist daran deutlich zu erkennen, dass folgender Angriff auf das „von Gott gezeichnete Scheusal, den König Ludwig von Baiern, den Gotteslästerer, der redliche Männer vor seinem Bilde niederzuknien zwingt“[15], sich optisch vom übrigen Text der Flugschrift abhebt:

„Ha! Du wärst Obrigkeit von Gott?

Gott spendet Segen aus;

Du raubst du schindest, kerkerst ein,

Du nicht von Gott, Tyrann!“[16]

Es gilt, den Bauern klar vor Augen zu führen, dass sie ihre Ausbeutung nur deshalb über sich ergehen lassen, da ihnen „Schurken sagen: diese Regierung sei von Gott.“[17] Um die unteren Schichten zum Aufruhr zu bewegen, muss man sie davon überzeugen, dass „Wesen und Tun (der Herrschenden) von Gott verflucht“[18] ist und die Bevölkerung sich der Blasphemie strafbar macht, indem sie „einen dieser Fürsten einen Gesalbten des Herrn nennt“.[19] Er wirft den Bauern vor, „Götzendiener“[20] zu sein, die „wie die Heiden [handeln], die das Krokodil anbeten, von dem sie zerrissen werden.“[21]

Die Schulbildung der Kinder aus einfachen Verhältnissen beschränkte sich zur damaligen Zeit größtenteils auf die Lektüre der Bibel.[22] Büchner hatte realisiert, dass man die Masse der Bauern, die außer der Unterweisung in der Heiligen Schrift kaum Unterricht genossen hatten, am wahrscheinlichsten unter Rücksichtnahme auf ihre religiöse Bewusstseinsform dazu anleiten konnte, gegen die Herrschenden aufzubegehren.[23]

Gemeinsam mit Weidig war er davon überzeugt, dass der Legitimation eines Umsturzes gegenüber den unteren Schichten nichts dienlicher sein konnte als die Heilige Schrift. Sie beabsichtigten, die Bibelfestigkeit des Volks gegen die Obrigkeit zu kehren, die es bisher in ihrem Interesse umgefälscht hatte.[24]

Kahl meint, dass Büchner im Hessischen Landboten deshalb biblische Anspielungen und religiöse Sprachelemente benutzt, weil er bei den Hébertisten gesehen hatte, dass „dogmatisch-atheistische(n) Propaganda gerade die bäuerlichen Massen in der Provinz verschreckt und dadurch der Revolution entfremdet.“[25]

Büchners Originalmanuskript der Flugschrift ist leider nicht mehr erhalten. Deshalb kann heute nicht mehr mit Sicherheit gesagt werden, welche Passagen er selbst verfasst hat und welche von Pfarrer Weidig stammen. Laut Mayer sind alle Bibelzitate in der ersten Hälfte von Büchner selbst.[26] Er hielt sich in der Verwendung von Bibelanspielungen also zurück.[27]

Während Büchner die Darstellung der Tatsachen wichtiger erschien als die religiöse Argumentation, ging es Weidig mehr darum das Vertrauen der Bauern als ihre Einsicht zu gewinnen und sie dadurch davon zu überzeugen, dass das inhaltlich Vorgebrachte gültig sei.[28] Deshalb gerieten Büchner und Weidig in Streit um die Wortwahl in ihrer Flugschrift.[29]

Welchen Stellenwert Büchner der Religion im politischen Kampf zumaß, wird aus folgenden Worten ersichtlich, die er im Januar 1836 an Gutzkow schrieb:

„Für die [Armen] gibt es nur zwei Hebel, materielles Elend und religiöser Fanatismus. Jede Partei, welche diese Hebel anzusetzen versteht, wird siegen. Unsre Zeit braucht Eisen und Brod- und dann ein Kreuz oder sonst so was.“[30]

In Wagners Augen handelt es sich beim letzten Satz nicht um einen Ausdruck der Ablehnung oder der Verneinung des Christentums, sondern um eine Zuordnung der Religion in den „Platz in der Rangordnung“[31], den Büchner für sie angemessen hielt. Als erstes brauche der Mensch Arbeit (Eisen), daraus folge, dass er sich ernähren könne, und wenn diese Voraussetzungen erfüllt seien, könne der Glaube praktiziert werden.[32]

Ich dagegen bin der Ansicht, dass dieses Zitat eindeutig belegt, dass sich Büchner im Hessischen Landboten auf den religiösen Fanatismus bezog, da er erkannt hatte, dass er aus praktischen Gründen eine andere Legitimationsinstanz für die Revolution brauchte als das Entsprechen einer „historischen Gesetzmäßigkeit“[33], von der er aufgrund seines deterministischen Weltbildes überzeugt war.

Mit den Worten, dass die Zeit Brot brauche, meint er, dass das Elend der Armen beendet werden müsse. Dass dies aber nur durch Gewaltanwendung geschehen könne, führt er mit den Worten aus, die Zeit brauche Eisen, also Waffen.[34] Indem er erst an dritter Stelle „ein Kreuz oder sonst so was“ nennt, drückt er seine Geringschätzung gegenüber der Religion aus. Für ihn kommt das Christentum nicht nur zuletzt, sondern dessen Symbol ist seiner Meinung nach beliebig und austauschbar mit jedem anderen Zeichen.

Im Bericht Adam Kochs, eines politischen Mitstreiters Büchners, heißt es, Büchner habe im Erscheinungsjahr des Hessischen Landboten die Meinung vertreten, man müsse gegenüber dem Volk seine Argumente aus dessen Religion hernehmen. Er habe mit der Erklärung der Menschenrechte „‚in den einfachen Bildern und Wendungen’ der Bibel“[35] den Missbrauch der religiösen Überzeugungen des Volkes beabsichtigt.[36]

Vor allem der Abschnitt, in dem Büchner die Entwicklung Frankreichs nach der Revolution als Gottes Wille, das Volk aber als Subjekt der Geschichte schildert, dient als Beispiel für den Gebrauch der Bibelsprache in der Flugschrift.

„Da ergrimmte das Volk und erhob sich in seiner Kraft. Es erdrückte die Verräter und zerschmetterte die Söldner der Könige. Die junge Freiheit wuchs im Blut der Tyrannen und vor ihrer Stimme bebten die Throne und jauchzten die Völker. Aber die Franzosen verkauften selbst ihre junge Freiheit für den Ruhm, den ihnen Napoleon darbot, und erhoben ihn auf den Kaiserthron.- Da ließ der Allmächtige das Heer des Kaisers in Russland erfrieren und züchtigte Frankreich durch die Knute der Kosaken und gab den Franzosen die dickwanstigen Bourbonen wieder zu Königen, damit Frankreich sich bekehre vom Götzendienst der erblichen Königsherrschaft und dem Gotte diene, der die Menschen frei und gleich geschaffen.“[37]

[...]


[1] Glebke: Philosophie, S. 7.

[2] Wagner: Religionsunterricht, S.205.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

[5] Ebd., S.208.

[6] Ebd.

[7] Wagner: Religionsunterricht, S. 211.

[8] Ebd., S.215.

[9] Kahl: Fels, S.102.

[10] Büchner: Werke, S.312-313.

[11] Kahl: Fels, S.103.

[12] Ebd., S.102.

[13] Ebd., S.103.

[14] Ebd.

[15] Büchner: Werke, S.61.

[16] Ebd.

[17] Ebd., S.51.

[18] Ebd., S.53.

[19] Büchner: Werke, S.53.

[20] Ebd., S.51.

[21] Ebd.

[22] Ueding: Denken, S.76.

[23] Kahl: Fels, S.103.

[24] Ueding: Denken, S.72.

[25] Kahl: Fels, S.103.

[26] Mayer: Büchner, S.163.

[27] Ueding: Denken, S.76.

[28] Ebd., S.74-75.

[29] Fiesser: Christus-Motive, S.127.

[30] Büchner: Werke, S.319-320.

[31] Wagner: Religionsunterricht, S.216.

[32] Ebd.

[33] Glebke: Philosophie, S. 87.

[34] Ebd., S.84.

[35] Wagner: Religionsunterricht, S.214.

[36] Glebke: Philosophie, S. 96.

[37] Büchner: Werke, S.55.

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638733687
ISBN (Buch)
9783638794176
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72762
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Schlagworte
Atheismus Religionskritik Georg Büchner Der Hessische Landbote Dantons Tod

Autor

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Titel: Atheismus und Religionskritik bei Georg Büchner