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Karl Jaspers und die Rolle der Philosophie in der Gegenwart

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 16 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das Wesen der Philosophie

2. Die gegenwärtige Situation der Welt
2.1 Totalitarismus
2.2 Freiheit

3. Die Situation der Philosophie in der Welt

4. Wahrheit und Freiheit – Beweggründe des Philosophierens

5. Die Philosophie als Sache des Menschen als Menschen
5.1 Philosophie als Sache aller Menschen
5.2 Philosophie als Sache des Einzelnen
5.3 Die Freiheit des Einzelnen und sein Verhältnis zum Ganzen
5.4 Die Ohnmacht des Einzelnen und die Aufgabe der Philosophie

6. Das Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft

7. Die Aufgaben der Philosophie in der Gegenwart
7.1 Philosophie und Wissenschaft
7.2 Philosophie und Öffentlichkeit
7.3 Philosophie und Einfachheit
7.4 Philosophie innerhalb der Gesellschaft als Kritik verfestigter Denkformen
7.5 Philosophie im Einzelnen als Seinsvergewisserung und Toleranz

8. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Seit der Antike hat die Philosophie sowohl grundverschiedene als auch aufeinander aufbauende und ineinander greifende Formen des Denkens bzw. Systeme hervorgebracht: den Sokratischen Dialog, die Hegelsche Dialektik, die Epikuräische Philosophie als Lebenskunst, die Philosophie Husserls als „exakte Wissenschaft […] mit eigenem Forschungsbereich und spezifischem Gegenstand“ (Horkheimer, 185) u.v.a. So ist es nicht verwunderlich, dass im europäischen Denken mehr als nur ein Philosophiebegriff existiert und man bis in die Gegenwart die Frage diskutiert, was Philosophie eigentlich ist. Karl Jaspers hat diese Grundeinsicht in das Wesen der Philosophie einmal so formuliert: „Die eine Philosophie ist die philosophia perennis, um die alle Philosophien kreisen und die niemand besitzt, an der jeder eigentlich Philosophierende teilhat und die doch nie die Gestalt eines für alle gültigen, allein wahren Denkgebäudes gewinnen kann.“ (WiP, 193)

Jaspers Verständnis des Philosophiebegriffs, seine Darstellung der Situation der Philosophie in der Welt sowie die Aktualität seines Denkens für die gegenwärtigen Aufgaben der Philosophie bilden das Ziel dieser Arbeit. Zu diesem Zweck soll Jaspers Philosophiebegriff zunächst methodisch und inhaltlich analysiert werden (Kapitel 1). Ausgehend vom Gegenstand seines Philosophieverständnisses werden im Anschluss die gegenwärtige Situation der Welt (Kapitel 2) das Sein der Philosophie in dieser Welt (Kapitel 3), die menschlichen Beweggründe[1] des Philosophierens (Kapitel 4 und 5), das besondere Verhältnis von Philosophie und Wissenschaft (Kapitel 6) und die Aufgaben der Philosophie in der Gegenwart (Kapitel 7) erarbeitet, wobei durch Hinzuziehen gegenwärtiger Positionen die Aktualität der Jasperschen Philosophie hervorgehoben werden soll. Aus der zentralen Frage „Was ist Philosophie?“ wird somit die weiterführende Frage „Wozu (noch) Philosophie?“ bzw. „Welche Aufgaben hat die Philosophie in der Gegenwart?“. Mit eben diesen Fragen hat sich Karl Jaspers in seinen Texten „Die Philosophie in der Welt“ und „Die Aufgaben der Philosophie in der Gegenwart“ befasst, die die analytische Grundlage der vorliegenden Arbeit bilden.[2]

1. Das Wesen der Philosophie

Den zentralen Gedanken der Jasperschen Philosophie bildet der Begriff der Philosophie selbst. Sein Werk ist ausgerichtet auf die Frage „Was ist Philosophie?“ (vgl. Schüßler, 8) und wird selbst zum Ausdruck dieses Versuchs, in unzähligen Anläufen immer wieder den Begriff bzw. das Wesen der Philosophie zu „erhellen“. In diesem Sinn sind auch seine Worte zu verstehen: Es geht ihm (trotz Einfachheit und Klarheit seiner Formulierungen) nicht so sehr um die Worte selbst, als vielmehr darum, was durch sie vermittelt werden soll. Sprache ist im methodischen Sinn Träger und Ausdruck des an sich Wesentlichen. Aus diesem Grund sind Wahrheit und Sein der Philosophie für Jaspers „nur in Gedankenbewegungen indirekt mitzuteilen und in keinem Satze angemessen einzufangen.“ (PA, 85) Diese Auffassung bildet einen wichtigen Teil des Jasperschen Philosophieverständnisses: Das philosophische Denken versucht nach Jaspers an diesen unobjektivierbaren Gegenstand (das ganze Sein)[3] heranzureichen, an den „kein erfüllbarer Gedanke, [k]ein Wissen“ (WiP, 128) endgültig gelangt, wobei dieses umfassende, eigentliche Sein im Transzendieren, d.h. in philosophischen Denkbewegungen, zwar nicht in Besitz genommen, aber berührt werden soll. (vgl. Schüßler, 63)

Dabei muss sich die Philosophie nach Jaspers auf die Welt, d.h. auf Existenz, beziehen. Erst durch diese „Rückbeziehung auf die Existenz des Menschen [im] hier und jetzt“ (WiP, 121) ergibt sich ihr Sinn. Der wesentliche Moment der Philosophie (in dem sie auf praktischer Ebene Selbstreflexion, Kritik, Offenheit etc. sein kann und wo sie schließlich die Wahrheit finden kann) liegt jedoch in der Transzendenz. Diese ihr wesentliche und notwendige Eigenschaft zeigt sich darin, dass die Philosophie zwar in der Welt existiert, jedoch in ihr ebenso wenig endgültig zur Institution werden kann wie ihr Gegenstand (das ganze Sein) endgültig zum Objekt im Sinne der empirischen Wissenschaft werden kann. (vgl. WiP, 121) Ihr unaufhörliches Streben nach Transzendenz und Wahrheit, nach dem „sich in Bezug des Ganzen stellen“, lässt sich weder sprachlich vollständig einfangen noch institutionalisieren. Dieses ambivalente Sein zwischen Existenz und Transzendenz bildet in der Suche nach Wahrheit das Wesen der Philosophie.

2. Die gegenwärtige Situation der Welt

Das philosophische Denken vollzieht sich, wie bereits erwähnt, im weltlichen Dasein. Daraus ergibt sich die Frage, wie dieses Umfeld aussieht. Auch wenn Jaspers’ theoretischer Ansatz im historischen Kontext des Kalten Kriegs entstanden ist und primär im selben verstanden werden muss, sind seine Ausführungen zur Situation der Philosophie in den noch heute existierenden Systemen (1) des Totalitarismus und (2) der Freiheit nach wie vor durch deren politische Realität von Bedeutung.

2.1 Totalitarismus

Im Bereich des Totalitarismus herrscht der absolute Machtanspruch eines Denkens. Das System strebt nach Totalwissen und Vormacht und beansprucht die Wahrheit in ihrer Ganzheit für sich. Totalitäre Denkweisen zeichnen sich daher für Jaspers insbesondere durch mangelndes Grenzbewusstsein aus. Das Streben danach, das Ganze zu besitzen, muss letztlich aber scheitern, weil dieser Besitzanspruch die Existenz des Menschen und seine Fähigkeiten übersteigt. Am ganzen Sein (an der ganzen Wahrheit aus Existenz und Transzendenz) kann der Mensch nur teilhaben, es jedoch nicht besitzen. (vgl. Kapitel 1) Totalitäres Denken entzieht sich zudem in seiner Denkweise jeglicher Form von Kritik, weil es auf sich selbst beschränkt ebenso wenig Teil hat an der Pluralität der Wirklichkeit wie an der Erfahrung der Ohnmacht des Menschen im Scheitern seines o. g. Besitzanspruchs und seiner begrenzten Fähigkeiten. (vgl. WiP, 130 und Kapitel 5)

Innerhalb eines solchen Systems ist die Philosophie am Ende. Ihr Denken erstickt in der Unfreiheit des totalitären Denkansatzes. Was ihr in einer solchen Welt bleibt, sind „Zweifel [...] an der […] Wahrheit“ im Alleinsein oder das Martyrium. (WiP, 131) Entweder zwingt die Übermacht der Umwelt dem Philosophierenden eine falsche Wahrheit auf, oder er bleibt vereinzelt und möglicherweise zweifelnd mit seiner Wahrheit zurück. In Anbetracht der heutigen Menschenmassen, die innerhalb eines politischen Systems leben, ist die Ohnmacht des Einzelnen vollkommen. In dieser Situation bleibt der Philosophie nur, die innere Widerstandsfähigkeit durch ihre Denkweise zu stärken. (vgl. WiP, 131)

[...]


[1] Die Philosophie kann sich nicht aus einem Anderen heraus rechtfertigen. Ihr „Beweggrund ist ein anderer – unbeweisbar, unableitbar, aber menschlich.“ (Popper, 229)

[2] Jaspers, Karl: Was ist Philosophie?, München 1976, 121-137.

[3] Die philosophische Grundfrage nach dem Sein macht uns bewusst, dass jeder Gegenstand stets ein bestimmtes Sein ist. „Das Sein zu denken, z. B. als Materie, als Energie, als Geist, als Leben usw. – alle denkbaren Kategorien sind versucht worden - , zeigt mir am Ende stets, daß ich eine Weise bestimmten Seins, die im Ganzen des Seins vorkommt, zum Sein selbst verabsolutiert habe.“ „Es ist nicht alles, und es steht […] in einem umfassenderen Sein, es ist nicht das Ganze. Das Sein selber ist nicht als Gegenstand aufzeigbar.“ (vgl. VdW, 37)

Details

Seiten
16
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638733373
ISBN (Buch)
9783638755047
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72710
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1,0
Schlagworte
Karl Jaspers Rolle Philosophie Gegenwart Wozu Philosophie

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Titel: Karl Jaspers und die Rolle der Philosophie in der Gegenwart