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Beschäftigtenentwicklung im Finanzmarktkapitalismus am Beispiel der Automobilhersteller Opel und Volkswagen

Magisterarbeit 2006 127 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Konzeption des Finanzmarkt kapitalismus
2.1 Begriffsdefinition
2.1.1 Die Verkehrung der originären industriellen Wirtschaftslogik
2.1.2 Wandel unternehmenspolitischer Handlungsparameter
2.2 Auswirkungen auf das arbeitspolitische Feld

3. Mittel der Shareholder Value Orientierung
3.1 Der „deutsche Sonderfall“
3.1.1 Merkmale der Deutschland AG
3.1.2 Der irreversible Zerfall der Deutschland AG und seine Folgen
3.2 „Usurpation“ durch die Shareholder?

4. Kapitalmarktbezogene Rationalisierungsmethoden in der Automobilindustrie
4.1 Positionsbestimmung: Die Lage auf dem Automobilmarkt
4.1.1 Produktion, Absatz, Umsatz
4.1.2 Beschäftigtenentwicklung
4.2 Produzieren unter globalisierten Bedingungen
4.3 Dimensionen der Unternehmensrestrukturierung
4.3.1 Vermarktlichung- Wandlung der Unternehmenskoordination
4.3.2 Abflachung der Unternehmenshierarchie
4.3.3 Integrationsbedarf für neue Aufgaben am „shop floor“
4.4 Beschäftigtenstruktur zwischen Konstanz und Wandel
4.4.1 Entgrenzung der Arbeit
4.4.2 Systematischer Raubbau an der Innovationskraft?

5. Explikation der Fallbeispiele Opel und Volkswagen
5.1 Methode
5.1.1 Gründe für die Auswahl der Fallbeispiele
5.1.2 Forschungsmaterial
5.1.3 Untersuchungsdaten
5.1.4 Untersuchungszeitraum
5.2 Die Adam Opel GmbH
5.2.1 Konzernentwicklung
5.2.1.1 Restrukturierungskonzepte
5.2.1.2 Standardisierung der Produktion und deren Auswirkungen auf die Beschäftigtenentwicklung
5.2.2 Analyse der Daten
5.2.2.1 Überprüfung der vier Shareholder Value-Indikatoren
5.2.2.2 Auswertung
5.3 Volkswagen
5.3.1 Unternehmensentwicklung
5.3.1.1 Arbeitsbeziehungen unter globalisierten Bedingungen
5.3.1.2 Kostendruck und Beschäftigtenentwicklung
5.3.3 Analyse der Daten
5.3.3.1 Überprüfung der vier Shareholder Value- Indikatoren
5.3.3.2 Auswertung
5.4 Evaluierung der Fallbeispiele

6. Diskussion zur Moral einer Wirtschaftsweise unter finanzmarktbestimmten Bedingungen

7. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Gesamtumsatz der deutschen Automobilindustrie

Abb. 2: Weltautomobilproduktion deutscher Hersteller seit der Krise

Abb. 3: Beschäftigtenentwicklung in der deutschen Automobilindustrie

Abb. 4: Umsatz und Beschäftigte der deutschen Automobilindustrie

Abb. 5: Dividenden der Metall DAX-Unternehmen

Abb. 6: Automobilproduktion deutscher Hersteller 2004

Abb. 7: Pkw-Exporte und Anteil Auslandsproduktion deutscher Hersteller

Abb. 8: Opel-Jahresergebnis und Beschäftigte

Abb. 9: Exportanteil am Gesamtabsatz von Opel

Abb. 10: Opel-Beschäftigtenanzahl in Deutschland und Gesamtzahl

Abb. 11: Aktienkursverlauf GM

Abb. 12: Opel-Beschäftigte in Deutschland

Abb. 13: Operative Ergebnisse des VW-Konzerns und der Marke Volkswagen

Abb. 14: Anteil der Volkswagen AG am Gesamtabsatz

Abb. 15: Anteil des Inlands- am Gesamtabsatz beim Volkswagen-Konzern

Abb. 16: Inlandsanteil an VW-Gesamtproduktion

Abb. 17: VW-Gesamtproduktion und Beschäftigte

Abb. 18: VW-Inlandsproduktion und Beschäftigte

Abb. 19: Operatives Ergebnis und Beschäftigtenentwicklung der Volkswagen AG

Abb. 20: VW-Konzernergebnis und Dividenden

Abb. 21: VW-Aktienkursverläufe

1. Einleitung

„Die Deutsche Telekom will 32.000 Stellen abbauen, obwohl der Konzerngewinn allein im letzten Quartal bei 2,4 Milliarden Euro lag. Henkel verzeichnete im Jahr 2004 ein Rekordjahr und streicht 3000 Arbeitsplätze. IBM verdiente im vergangenen Jahr so gut wie nie, trotzdem verlieren 620 Programmierer ihren Job, die Kollegen in Ungarn und Tschechien sind billiger. Bei AEG in Nürnberg kämpfen 1750 Beschäftigte um den Erhalt ihrer Fabrik. In Hamburg schloss der norwegische Konzern Norsk Hydro ein hochrentables Aluminiumwerk mit 440 Mitarbeitern. Bei der Allianz stehen bis zu 8000 Jobs auf der Kippe. Und die Deutsche Bank hält daran fest, dass 6400 Beschäftigte gehen müssen, obwohl das Geldhaus auf einem rasanten Erfolgskurs fährt. ‚Wir haben keine Alternative’, sagt Vorstandschef Josef Ackermann.“

(Brost et. al. 2005)

Der Eindruck, den die deutsche Wirtschaft in ihrer aktuellen Lage bei der Bevölkerung hinterlassen mag, ist sehr ambivalent: einerseits konnten deutsche Unternehmen wiederholt ihre Gewinne steigern (vgl. u.a. Bierach 2006)[1], andererseits werden nach wie vor im großen Stil Stellen abgebaut[2] und von den Industrieverbänden die fortschreitende Deregulierung des Marktes gefordert (vgl. u.a. Breuer 2002; von Rosen 2003; Rodenstock 2005).

Mindestens ebenso gespalten sind die Auffassungen darüber, welche Ursachen diese Entwicklung hat, obgleich die wohl differenzierteste Debatte um mögliche Gegenmaßnahmen entstanden ist (vgl. u.a. Mahnkopf 1997; Keller/Seifert 2002; Streeck 2004a; Sinn 2005)[3]. Die Folge ist, dass allem Anschein nach die Unübersichtlichkeit mit jeder individuellen Position zur Thematik zu- und der Handlungsspielraum der Entscheidungsträger abnehmen. Freilich ist sie gleichzeitig der exponentiell wachsenden Komplexität der Problematik geschuldet, die zum einen mit dem Phänomen der Globalisierung (vgl. u.a. Dörre 1997, S.32ff; Dörre/ Elk-Anders/ Speidel 1997, S.44ff; Hassel et. al. 2000; Berger et. al. 2001; Streeck 2004b) und zum anderen mit der „Finanzialisierung“, d.h. „mit der strukturierenden Wirkung globaler Finanzmärkte“ (Dörre/ Brinkmann 2005, S.85) auf die Konzerne und damit auf die Gesellschaft einhergeht (Faust 1999, S.38ff; Höpner 2003, S.201ff; Steeck/ Höpner 2003, S.12ff).

Die Frage ist: Besteht wirklich ein verallgemeinerbarer negativer Kausalzusammenhang zwischen Gewinnentwicklung und Beschäftigtenentwicklung bei Aktiengesellschaften? Aufgrund ihrer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft, hat der massenhafte Abbau von Industriearbeitsplätzen einen großen Einfluss auf die Arbeitslosenstatistik. Deshalb soll dieser Wirtschaftszweig durch die vorliegende Untersuchung gesondert betrachtet werden. Zudem finden sich die oft als „nicht wettbewerbsfähig“ eingestuften Industriearbeitsplätze (vgl. Sinn 2005), weil das Lohnniveau, besonders der gering qualifizierten Arbeitnehmer, im internationalen Vergleich immer noch[4] zu hoch ist und die Arbeitszeiten zu gering (Streeck 2004a)[5].

Demgegenüber stehen dann Werksschließungen, in denen zwar profitabel produziert wurde, aber eben nicht genug Gewinn erwirtschaftet werden konnte[6]. Die Selbstdarstellung des Managements kennt in solchen Fällen überwiegend nur einen Tenor: die des machtlosen Zuschauers. Um sich am Markt behaupten zu können, müssen Kosten gesenkt werden. Der „Markt“ ist vor diesem Hintergrund ein mehrdimensionaler Begriff: erstens bezeichnet er den Konkurrenzkampf um Absatzmarktanteile der Produzenten, mitunter in verschiedenen Gesellschaften, für die ganz klar der niedrigere Produktpreis einen wesentlichen Vorteil darstellt, zweitens benennt er diejenige Institution, die scheinbar am Stärksten die Autonomie des Unternehmens durch eine mögliche Übernahme gefährdet: den Markt für Unternehmenskontrolle. Die dritte Dimension betrifft die Kapitalbeschaffung des Unternehmens mittels Aktienemission; steigt der Kurs, gelangt das Unternehmen an mehr Eigenkapital, sinkt er, stehen weniger finanzielle Ressourcen zur Verfügung und der Leihzins steigt. Viertens schließlich, können die Rahmenbedingungen bis auf die Belegschaftsebene durchschlagen, d.h. Beschäftigte konkurrieren international um Arbeitsplätze. Gemeinsam lassen die vier Sinninhalte vermuten, dass das Management nur noch „quasi-autonom“ entscheiden kann. Aber lässt sich die Phänomenologie der (deutschen) Wirtschaft auf diese Determinanten reduzieren? Bergen sie so viel Eindeutigkeit der Zwänge in sich, dass die Handlungsträger jeglicher politischer und wirtschaftlicher Institutionen als bloße Statisten eines verselbstständigten globalen Metamarktes gelten können (Hardt/ Negrie 2003)? Oder haben börsennotierte Unternehmen noch Alternativen zum reinen Gewinnwirtschaften?

Aufbauend auf die These eines nachfordistischen Produktionsmodells (Dörre/ Brinkmann 2005), welches scheinbar durch den unmittelbaren Einfluss des (Finanz-)Marktes auf die strukturellen Entscheidungen aller wirtschaftlichen Akteure gekennzeichnet ist und in dessen Konsequenz Rationalisierungsstrategien durchaus „nicht unbedingt die effizienteste Organisationsform gesellschaftlicher Arbeit“ (ebd., S.87) zur Folge haben können, lautet die These, dass zwischen der Beschäftigtenentwicklung und dem Gewinn global agierender Konzerne eine negative Beziehung besteht, d.h. die „Anpassungen“ i. S. von Erhaltung der Konkurrenzfähigkeit haben, von außen betrachtet, kurzfristige Gewinnmaximierungen zum Ziel, deren Erreichung allerdings zunehmend mit dem Abbau von Stammarbeitsplätzen an den traditionellen Industriestandorten einhergeht. Hierbei fallen eine Menge Determinanten ins Gewicht, wie bspw. die speziellen Logiken des Shareholder Value, die Praxis des schnellen Positions- bzw. Firmenwechsels nach 3-4 Jahren im Management, der wachsende Kostendruck auf die Hersteller usw.

Primäres Ziel der Arbeit ist das Auffinden der unternehmerischen Handlungsspielräume unter dem Druck des Shareholder Value, d.h. der Frage, an welchen Zielvorgaben sich Konzernstrategien orientieren und welche Einflüsse dabei eine Rolle spielen, erweitern bzw. verengen Handlungsmöglichkeiten und was die Entwicklung schließlich für die Belegschaft am Standort Deutschland bedeutet. Zur genauen Überprüfung werden als Fallbeispiele die Automobilhersteller Opel und Volkswagen analysiert.

Im weiteren Verlauf folgt die Explikation der Theorie des Finanzmarktkapitalismus und dessen praktischer Folgen für die Unternehmen, sowohl makro- wie auch mikroökonomisch vor dem Hintergrund des Wandels des deutschen Kapitalismus. Anschließend werden die Ergebnisse anhand der speziellen Lage i.d. Automobilindustrie insgesamt vertieft dargestellt (Produktion und Mitbestimmung) und ihre Umsetzung anhand der Fallbeispiele überprüft. Des Weiteren folgt die Überprüfung der These an den Ergebnissen der beiden Autohersteller. Abschließend erfolgt die Diskussion der Resultate unter dem Aspekt der Dimension sozialer Verantwortung unternehmerischen Handelns.

2. Theoretische Konzeption des Finanzmarkt- kapitalismus

2.1 Begriffsdefinition

Ungeachtet der Debatte um die Zuordnung eines neuen finanzdominierten Produktionsregimes (Dörre/ Brinkmann 2005) als Kapitalismusgattung neuer Qualität (Chesnais 2004) oder aber als „Ausdruck eines krisenhaften Strukturwandels des Kapitalismus“ (Bischoff/ Detje 2001, S.111), soll an dieser Stelle der theoretische Unterbau für das gegenwärtig vorherrschende Kapitalakkumulationsparadigma offen gelegt werden.

Die Herrschaft der Finanzmärkte (Kädtler/ Sperling 2001) bzw. die finanzialisierte Ökonomie ist gekennzeichnet durch den Wandel der Kapitalbeschaffungsmethoden der Unternehmen, d.h. wo dies noch nicht der Fall war, tritt an die Stelle der Fremdkapitalbeschaffung, z.B. über Banken oder Beteiligungsgesellschaften, mehr und mehr die Eigenkapitalerschließung über öffentliche Kapitalmarktfinanzierung durch Aktienemission[7], weswegen Sablowski/ Alnasseri (2001) gar die Einführung des Begriffs Wertpapierkapitalismus für plausibler halten. Anderseits hat sich mit der veränderten Form der Kapitalgewinnung auch die Eigentümerstruktur verändert, d.h. dezentralisiert und internationalisiert, die sich letzten Endes in der Forderung nach mehr gewinnorientierter Wirtschaftsweise artikuliert. Die einflussreichsten Größen sind dabei die institutionellen Investoren, die ungeheure Finanzmittel in Form von Fonds auf dem internationalen Finanzmarkt bewegen[8] und investieren müssen, weshalb sie ihrerseits ebenfalls verstärkt um Fondskunden konkurrieren müssen. Das hat zur Folge, dass bei ihnen strategische Anlagemotive von finanzorientierten dominiert werden, d.h. sie sind grundsätzlich eher bereit, Aktienpakete auch an feindliche Übernehmer zu veräußern, wodurch Druck auf die Unternehmen zur Erfüllung der Zielvorgaben ausgeübt wird. Mit anderen Worten, institutionelle Anleger zeichnen sich durch ein wesentlich professionelleres Portfoliomanagement aus als es bei privaten Anlegern zu beobachten ist (Beyer et. al. 2003, S.4).

Die Macht des Finanzmarktes beruht also in erster Linie auf der Zunahme der Fragilität der makroökonomischen Bedingungen, die sich durch unsichere und umkämpfte Märkte auszeichnet. Als Regulationsversuch auf mikroökonomischer Ebene kann in diesem Zusammenhang die sukzessive Verbreitung der Shareholder Value Steuerung angesehen werden, die eine Synchronisation zwischen flexibler Produktionsweise (Schuhmann 2000; Dörre 2002) und den diffusen Marktvorgaben leisten soll. Die Vorgaben des Marktes bleiben aber auf Unternehmensebene, in deren letzter Konsequenz die Schaffung eines neuen nachfordistischen Produktionsmodells steht, schon deswegen uneindeutig, weil „alles andere als klar ist, wie die Geschäftsprozesse einer ‚finanzialisierten’ Ökonomie schließlich aussehen“ (Kädtler/ Sperling 2001, S.24) sollen, deshalb kann zumindest eine „ schlichte Unterwerfung [M.A.] der Realökonomie unter die Macht der Finanzmärkte“ (ebd., S.27) ausgeschlossen werden. Vielmehr obliegt es, was noch gezeigt werden soll, weiterhin dem Handlungsvermögen der Akteure, inwieweit die neuen Bedingungen angenommen und umgesetzt werden (Dörre 2002, S.395).

2.1.1 Die Verkehrung der originären industriellen Wirtschaftslogik

In einem kapitalistischen Produktionsbetrieb entsteht Mehrwert durch die Verausgabung der konkreten Form der Arbeit eines Arbeiters beim Produktionsprozess (Konsumtion der Arbeitskraft) an vom Kapitalisten zur Verfügung gestellten Produktionsmitteln (investiertes Kapital), wenn der Arbeiter mehr abstrakte Arbeit verausgabt, als ursprünglich nötig gewesen wäre, um den relativen Wert des investierten Kapitals zu amortisieren, seine Arbeitskraft zu erhalten und sie zu reproduzieren. Der Kapitalist kann den Mehrwert für sich nutzen (Kapital akkumulieren), indem er dem Arbeiter am Ende des Arbeitstages nur eben den Wert auszahlt, den dieser zu seiner Gesunderhaltung und Reproduktion seiner Arbeitskraft mindestens benötigt. Damit hat der kapitalistische Akkumulationsprozess einen grundsätzlich räuberischen Charakter, weil er die Arbeiterschaft systematisch enteignet (vgl. Marx 2002)[9].

Das „übrige“ Kapital bzw. der akkumulierte Mehrwert, welches im Idealfall dezentralisiert verteilt ist, kann nun entweder gespart oder wieder investiert werden, bspw. in Produktionsmittel zur effektiveren Schaffung von Mehrwert und vermag somit prinzipiell durchaus wohlfahrtssteigernd[10] wirken. So lässt sich die Schaffung von Kapital auf eine zugegebenermaßen sehr einfache Formel bringen.

Der Finanzmarkt birgt nun eine Reihe von komparativen Vorteilen bei der Allokation der zur Verfügung gestellten finanziellen Ressourcen, wie der Simplifizierung von Transaktionen und damit verbundener Kostensenkung, der Möglichkeit zur Risikodiversifikation (i.S. von Risikominimierung) mittels Splitting der Investitionen, er erlaubt Unternehmen, benötigte Investitionsmittel zu erschließen und den Anlegern, am wirtschaftlichen Erfolg eines prosperierenden Unternehmens zu partizipieren. Soweit die Theorie.

Tatsächlich aber geschieht mit steigender Finanzialisierung eine Umkehrung der Machtverhältnisse. Nach Kädtler/ Sperling (2001) stellt die Produktion nicht mehr das zur Verfügung, womit auf den Finanzmärkten spekuliert wird, sondern die Finanzmärkte oktroyieren der Produktion auf, was sie an Kapitalausfluss zu realisieren hat. Dies ist möglich, weil schon der zur Prämisse gestellte Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage in seiner originären Logik einer Verkehrung unterliegt: „die Macht der Finanzanleger steigt nicht […] als Folge der Verknappung des anlagesuchenden Kapitals, sondern mit dessen drastischer Zunahme“ (ebd., S.25), mit anderen Worten, dem rasant wachsenden anlagesuchenden Kapital[11] steht eine im Vergleich kaum steigende Menge an Aktien gegenüber. „Gelöst“ wird die Problematik durch immer höher bewertete Aktien, die den Unternehmen zwar neues Kapital zur Verfügung stellen, im Gegenzug aber höhere Erträge fordern.

Die in dieser spezifischen Situation entstandene „komplexe Gemengelage von Interessenlagen, ökonomischer Theoriebildung, politischen Entscheidungen, konkreten Bündniskonstellationen und gesellschaftlichen Mobilisierungsprozessen“ (ebd., S.26) kanalisiert sich zur institutionalisierten öffentlichen Meinung „aus Pensionsfonds und Anlagegesellschaften, Deutungsautoritäten wie Analysten und Rating-Agenturen, Medien und Finanzanlegerpublikum […], über die sich die volunté générale der financial community herausbildet und reproduziert, an deren Kriterien Unternehmen und Managementverhalten gemessen werden“ (ebd.) und stellt hiermit die bedeutsamste Machtressource der Finanzmärkte dar[12].

So bleiben einer Aktiengesellschaft zwei Wege offen: entweder sie wirtschaftet profitabel und die Nachfrage nach Anteilen steigt, was sich letztenendes nicht nur durch mehr zur Investition bereit stehendem Eigenkapital, sondern auch durch eine immer mächtiger werdende Forderung nach steigenden Dividenden äußert, oder aber es wirtschaftet unrentabel und die Anleger entziehen Kapital. Die Grenze zwischen beiden Möglichkeiten ist schmal und undurchsichtig, was an den zu betrachtenden Automobilherstellern noch gezeigt werden wird. Trotz allem ähneln sich ebenso die Gefahren, die auf die Konzerne wirken: sind sie Marktführer, droht u.U. die Übernahme durch einen Konkurrenten, der sich aus strategischen Gründen eine gute Position am Markt sichern will[13], sind die Kurse am fallen, droht eine feindliche Übernahme und die Zerschlagung, bestenfalls die Erhaltung des profitabelsten Sektors.

Dementsprechend scheint es nur einen logischen Ausweg aus diesem Dilemma zu geben: die großen, international agierenden Konzerne müssen bestrebt sein, ein gewaltiges Kapitalwachstum anzupeilen, Konkurrenten (präventiv) zu übernehmen und im besten Fall die Position des globalen Marktführers einzunehmen.

2.1.2 Wandel unternehmenspolitischer Handlungsparameter

Entscheidend für den Grad der Inkorporation externer Marktlogiken auf Unternehmensebene sind die Handlungsmotive der Konzerne. Beyer et. al. (2003) weisen darauf hin, dass die Exportorientierung der Unternehmen, also im weiteren Sinne die Behauptung auf- und die Erschließung neuer Märkte, als eine erklärungskräftige Variable hinsichtlich des externen Anstoßes für Shareholder Value Orientierung angesehen werden kann (ebd., S.4). Dies deckt sich mit den von Gleisberg (2000) ausgemachten Motiven für einen Börsengang, die weitgehend einer Verbesserung der Unternehmensfinanzierung entsprechen. Dabei wird zwischen zwei Verwendungsarten des neuen Eigenkapitals unterschieden: erstens die Finanzierung zukünftigen Wachstums und zweitens die Konsolidierung vergangenen Wachstums, d.h. der Tilgung von Verbindlichkeiten (ebd., S.21ff).

Wachstum ist allerdings mit Zunahme des Phänomens der „Marktsättigung“ auf traditionellen Absatzmärkten nur noch sehr begrenzt möglich, auch Konsumbedürfnisse mittels weiterer Versuche der inneren Landnahme[14] künstlich durch quasi-funktionale Innovationen und deren umfassender Vermarktung zu wecken[15], birgt nicht genügend Potenzial, um den Gewinnansprüchen der Anteilseigner gerecht zu werden.

Das Management selbst sieht sich mittlerweile einer Mischung aus Sanktionierung mittels drohenden Kapitalentzugs und Motivation über variable finanzielle Anreizsysteme ausgesetzt, die dann die unternehmensinterne Umsetzung weiterer kapitalmarktorientierter Maßnahmen sozusagen über ein von außen gesteuertes, intrinsisch motiviertes Management vorantreiben sollen.

Parallel dazu findet ein Paradigmenwechsel in der Rekrutierungsweise von Managern statt. Während der traditionelle deutsche Managertyp sich durch eine enge Unternehmensbindung auszeichnete und fachliche Kompetenz aufwies, instradieren nun andere Kriterien die Auswahl zur Besetzung von Führungspositionen (Faust 2002). „Interne Hauskarrieren“ werden Stück für Stück von „externen“ Rekrutierungswegen abgelöst, welche über die Vergleichbarkeit Rentabilitätskennzahlen bewerteter Leistungen von Beginn an das Konkurrenzdenken befördert[16]. Auf diese Weise wird ein neuer, finanzorientierter Typ Manager implantiert, dessen Habitus stark dem seiner angelsächsischen Kollegen ähnelt[17]: die nunmehr erfolgreiche Karriere weist eine hohe organisationsübergreifende (horizontale) Mobilität, mit einer deutlichen Verkürzung der Verweildauer auf einer Position der unteren und mittleren Ebenen[18], einem größeren durchschnittlichen Grad an betriebswirtschaftlicher Bildung und hoher, unter den Bedingungen fortlaufender interner Konkurrenz geschürter Unsicherheit auf. Damit erfahren der bisherige, für das deutsche System typische Kaminkarrierenverlauf und die oft, der dualen Ausbildung geschuldete starke Stellung technisch geschulter Experten, welche mittlerweile als Over Engineering (Springer 1999, S.63) geächtet worden ist, im Management eine krasse Entwertung. Das neue Leitbild des deutschen Managers ist der interne Unternehmer.

Das hat zur Folge, dass kaum eine Identifikation mit der Organisation mehr zustande kommt, denn gerade der Aufstiegsweg beeinflusst in hohem Maß später habitualisierte Konfliktlösungs- und Handlungsschemata. Wird Flexibilität, deren durchschlagendste Eigenschaft m.E. die Unsicherheit ist, von (zukünftigen) Führungskräften bezüglich ihrer Entscheidungsfindung automatisiert[19], lassen sich mit ihnen eher innerbetriebliche finanzmarktorientierte Strukturierungsaktionen durchsetzen, aus denen bisweilen sozial unverantwortbare Entscheidungen hervorgehen.

2.2 Auswirkungen auf das arbeitspolitische Feld

Die spannungsgeladene Konstellation „externer“ Zwänge, aus steigendem Wettbewerbsdruck um Absatzmärkte und Kapitalakkumulation sowie „intern“ motivierten Erweiterungsbestrebungen, macht auch vor dem System industrieller Beziehungen der Konzerne nicht halt. Tradierte, im Fordismus wurzelnde Rationalisierungsstrategien bauen weiter auf Produktivitätssteigerung und aus unternehmerischer Sicht optimaler, wenn simultan verlaufender Kostensenkung. Zwar wird versucht, mithilfe von Benchmarking[20] umfassende Konzepte der Unternehmensrationalisierung zu erstellen, doch nach wie vor erschöpfen sich die Resultate der Maßnahmen primär in für eine Arbeitsgesellschaft äußerst unbefriedigenden Einschnitten auf der Beschäftigtenebene.

Das betrifft auch die Arbeit der Interessenvertreter. Forderungen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen verschwinden fast völlig hinter den Bemühungen der reinen quantitativen Sicherung von Arbeitsplätzen (Detje/ Dörre/ Urban 2003, S.493ff). Das Management kann gezielt darauf setzen, dass notwendige Zugeständnisse der Interessenvertreter für zukünftige Restrukturierungsmaßnahmen, auch wenn sie in Verbindung mit Beschäftigtenabbau stehen, grundsätzlich im Rahmen des Durchsetzbaren liegen (Dörre 1999, S.312f). So gesehen, bekommt die deutsche Konfliktpartnerschaft (Müller-Jentsch 1999) eine neue Qualität- und das mit jedem, aus dem Flächentarifvertrag ausgestiegenen und zur Betriebsvereinbarung übergegangenem Unternehmen[21].

Die latente Einsicht der betriebspolitischen Verhandlungspartner in die „objektiven Sachzwänge“ des Marktes, wird vom oberen Management systematisch intensiviert anhand der so genannten Internalisierung des Marktes (Sauer 2003) bis in alle Ebenen eines produzierenden Betriebes. Solche „Re-Strukturierungserfolge“ reichen bis in die Schichten des mittleren und gehobenen Managements, weswegen nicht (mehr) eindeutig bestimmt werden kann, inwieweit die subjektive Wahrnehmung der Handlungsträger diese „Sachzwänge“ als real existierend oder periphere Residuen flexibilitätsorientierter Wirtschaftspropaganda einordnet.

3. Mittel der Shareholder Value Orientierung

3.1 Der „deutsche Sonderfall“

Der deutsche Sonderfall beruht in erster Linie auf dem in den Nachkriegsjahren entstandenen System industrieller Beziehungen (Müller-Jentsch 1986). Hierin konnte sich die Tradition starker Interessenvertreter als strategische Gegenmacht zum „Kapital“ für die Überwindung und Prävention durchweg gewinnorientierten Wirtschaftens und den damit verbundenen unverhältnismäßigen Produktionsbedingungen herausbilden. Diese spezifische Form des Kapitalismus erhielt aufgrund ihrer besonderen Eigenschaften eine ganze Reihe von Bezeichnungen: „rheinischer Kapitalismus“, „koordinierter“ bzw. „organisierter“ Kapitalismus, Deutschland AG usw.

Infolge des besonders im Vergleich zu den angelsächsischen Ländern unterschiedlichen Entwicklungspfades, den das deutsche Wirtschaftssystem beschritten hatte, zeichnet sich auch die gegenwärtige Transformationsphase, in der sich die gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Institutionen Deutschlands befinden, durch spezielle Rahmenbedingungen aus. Da m.E. der Keim für die ungebremste Ausbreitung der Shareholder Value Orientierung im Auflösungsprozess des deutschen koordinierten Kapitalismus liegt, soll seine Entwicklung sowie ihre Folgen auf die Bedingungen für deutsche Industriebetriebe in den nachfolgenden Abschnitten nachgezeichnet werden.

3.1.1 Merkmale der Deutschland AG

Der Begriff Deutschland AG umschreibt die Verflechtung zwischen deutschen Großunternehmen, die einerseits der Kapitalbeschaffung diente, andererseits der Kontrolle und Mitbestimmung durch die Kapitalgeber, „wobei den Unternehmensmanagern im Dichtezentrum dieses Verflechtungsnetzwerkes […] Steuerungspotentiale zugeschrieben werden, die über die eigenen Unternehmens- bzw. Konzerngrenzen hinausreichen“ (Beyer 2002).

Schon während der Zeit der Industrialisierung hatte sich in Deutschland ein Kapitalbeschaffungsproblem der Industrie bemerkbar gemacht. Dieses fand seine Lösung in der Gründung der Deutschen Bank und einiger Privatbanken (Dresdner Bank, Commerzbank) Anfang der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts. So konnte sich die Kreditfinanzierung in Deutschland weitestgehend etablieren, deren Vergabe-Risiken für die Banken wiederum durch staatliche Regulationen und den engen personellen Vernetzungsgrad, d.h. durch Aufsichtsratsmandate[22] der Banken für die Unternehmen, minimiert wurden. Zwar existierte auch in Deutschland ein Markt für Wertpapiere, doch die Banken hielten die großen Aktienpakete und profitierten ihrerseits von den Renditen (Streeck/ Höpner 2003, S.23).

Der Vorteil für die Banken gegenüber ausländischen Konkurrenten lag zweifelsohne im Informationsvorsprung, der sich aus den engen Beziehungen zu den einzelnen Firmen ergab (Aufsichtsratsmandate). Dieser konnte auch zur Entschärfung des Wettbewerbes deutscher Firmen genutzt werden, m.a.W. das Kreditsicherungsinteresse der Banken und die intimen Beziehungen zu sehr vielen Konzernen gipfelte in der „strategische[n] Orientierung zu Gunsten der ‚Koordinierung’ bzw. ‚Regulierung’ von Konkurrenzverhältnissen zwischen Industrieunternehmen“ (Beyer 2002). Dementsprechend gewannen sie in doppelter Weise: durch die Einnahmen aus dem Kreditgeschäft und über die relativ sichere Aktionärsrendite.

Die Unternehmen ihrerseits profitierten davon, indem sie keinen übermächtigen und ruinösen Preiswettbewerb zu fürchten und ihre industriellen Beziehungen nicht (ausschließlich) auf dem Markt organisieren brauchten. Außerdem waren die langfristigen Kreditvergabe-/Kreditnehmerbeziehungen (Hausbankprinzip) geradezu prädestiniert für auf Wachstum ausgerichtete Unternehmensstrategien. Kurzfristige Gewinnmaximierungsbestrebungen fanden keine Notwendigkeit, denn faktisch fehlte ein aktiver Markt für feindliche Unternehmensübernahmen, welcher hingegen im liberalisierten Finanzmarkt als Lösung des „Kontrollproblems“ der Aktionäre (Faust 1999, S.36) herhalten und als Disziplinierungsmittel in Richtung Management wirken soll[23], noch hatten die externen Kreditgeber bzw. die Kapitaleigner ein Interesse an einer wesentlich riskanteren, auf schnellen Gewinn ausgerichteten Unternehmensführung ihrer „Kunden“.

Selbst die Minderheitsaktionäre, wenn auch ihres Einflusses aufgrund der Verteilung der Stimmrechte weitgehend beraubt, erhielten doch im Ganzen nicht weniger Dividenden als die Anteilseigner der bspw. viel höher bewerteten britischen Aktiengesellschaften[24]. Das geschlossene System des „koordinierten Kapitalismus“ rentierte sich also für Staat und Beschäftigte, weil es ein hohes Maß an Stabilität in sich barg und entzog gleichzeitig kurzfristig orientierten Produktionsmarktstrategien die Grundlage.

So lässt sich festhalten, dass die Maßnahmen des Gesetzgebers[25], die Konzentration der Anteile großer deutscher Konzerne in den Händen von Banken und Staat, kombiniert mit der ordnungspolitischen Regelung von Höchst- und Mehrfachstimmrechten und dem Informationsvorsprung über den hohen personellen Verflechtungsgrad weitgehend verhindern konnten, dass die Konzerne aus dem Inneren des geschlossenen Systems der Deutschland AG für ausländische Investoren zu interessant machte bzw., dass ihre Einflussmöglichkeiten als Aktionär auf die Unternehmenspolitik zu groß wurden.

3.1.2 Der irreversible Zerfall der Deutschland AG und seine Folgen

Zwei Ursachenkomplexe für den Zerfall der Deutschland AG lassen sich plakativ benennen: Expansion in neue Märkte und finanzorganisatorischer Strategiewechsel[26].

Beides kann als nahezu Parallelentwicklung angesehen werden, da sich dabei weder die ersten Schritte noch der wechselseitige Werdegang der Institutionen eindeutig hierarchisieren lassen. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass es ein ganzes Bündel von Schlüsselreizen gegeben hat, welches dann zu den interdependenten Konsequenzen zwischen den drei großen Instanzen Banken, Unternehmen und dem lediglich auf reaktive Funktionen beschränkten Staat[27] geführt hat.

Sicher dagegen ist die unterschiedliche Intensität der Reizwirkung.

Für die Banken, allen voran die Deutsche Bank, fand in den 90er Jahren ein Paradigmenwechsel vom Kerngeschäft der Kreditwirtschaft hin zum Investmentbanking statt. Das hat zwei grundsätzliche Vorteile:

- Erstens, wenn das Kreditgeschäft einer Bank eingeschränkt oder gar eingestellt wird, können sie in einem aktiven Markt für Unternehmenskontrolle als reine Finanzintermediäre operieren (Beyer 2002), damit verschwindet das Kreditvergaberisiko und die Bank kann selbst als reiner Anteilseigner fungieren.
- Zweitens lassen sich an Unternehmensfusionen wesentlich mehr und einfachere Gewinne erzielen als es im Kreditgeschäft möglich ist, denn dort hängen die Einnahmen nicht vom Erfolg der Transaktion ab, sondern, weil die Investmentbank als reiner Dienstleister (strategischer Berater) auftritt, vom umgesetzten Kapitalvolumen.

Die Gründe der Unternehmen für einen Strategiewechsel in der Kapitalbeschaffung liegen dagegen in der Finanzierung des Wachstums in neue Märkte[28]. Deren kulturelle Eigenheiten zu bedienen und nationale, ggf. politisch-institutionelle oder infrastrukturelle Beschränkungen zu überwinden, erfordert mehr Investitionen als reine Rationalisierungsleistungen an bestehenden Standorten (vgl. Schamp 2000, S.201). Selbst das Wechselkursrisiko beim Export von Gütern ist als Kostenfaktor nicht zu unterschätzen (Kädtler 1998, S.8).

Der originären Logik des Aktienkapitals nach unterscheidet sich dieses vom Kreditwesen durch seine Eigenschaft als formal firmeneigenes Kapital (Gleisberg 2000, S.21ff). In dieser Hinsicht sind Unternehmen bei der Konsumtion des Vermögens, ob nun zur Tilgung von Schulden oder Investition genutzt, keine Verbindlichkeiten eingegangen, d.h. weil die Anteilseigner nun nicht nur Anteile am Konzern besitzen, sondern damit auch das Risiko teilen, sind die Unternehmen prinzipiell nur bei erwirtschafteten Gewinnen zur Ausschüttung von Dividenden verpflichtet, was wiederum bedeutet, dass keine Schuldenrückzahlungen, wie es bei einer vergleichbaren Kreditaufnahme der Fall ist, terminiert sind.

Indessen bleiben die durch die Strategieänderungen hervorgerufenen Wechselwirkungen zwischen Banken und Unternehmen in ihrer destruktiven Wirkung auf das geschlossene deutsche System nicht aus. Die Banken müssen von nun an mit ungleich höherem Aufwand das Privatkundengeschäft betreiben, um weiter Gewinnmargen erfüllen zu können, denn auch sie sind im Besitz von Anteilseignern und verpflichtet, in deren Interessen zu wirtschaften. Außerdem entstehen nicht unbedeutende Interessenkonflikte durch die keineswegs vollständig entflochtenen personellen Vernetzungen von Banken und Vorstandsgremien großer deutscher Konzerne sowie der mit der Marktöffnung verbundenen Beschleunigung von Unternehmensfusionen und -übernahmen.

Betreiben deutsche Unternehmen eine aggressive Expansionsstrategie- zielend auf feindliche Übernahmen von ausländischen Konkurrenten, Aufbau von Beteiligungen oder schlichte Markterschließung- muss mehr Kapital beschafft werden. Um das Wechselkursrisiko zu minimieren, besteht die Möglichkeit, dieses Kapital direkt auf den Finanzmärkten der Zielländer durch das Angebot eigener Aktien zu beschaffen oder diese entsprechend einer Aquisitionswährung im Falle eines Aktientausches zu nutzen (Höpner 2003, S.74). Dafür müssen allerdings gewisse Auflagen erfüllt werden, die grundsätzlich dem Schutz der Aktionäre gelten, aber dadurch die Steigerung der Transparenz firmeninterner Strukturen zur Folge haben. So wird in der Literatur der Qualität der Geschäftsberichte als Teil der Investor Relations, im Besonderen der Bilanzierung nach den International Accounting Standards (IAS) bzw. den General Accepted Accounting Principles (US-GAAP), hohe Aussagekraft zur Bewertung unternehmerischer Shareholder Value- Orientierung zugesprochen, da diese, verglichen mit der deutschen, eine größere Regelungstiefe besitzen (ebd., S.37ff).

Der Unterschied besteht im über das Ausmaß der Informationspreisgabe intendierten Ergebnis für die Adressaten. Beschränken sich die allgemein zugänglichen Informationen auf betriebswirtschaftlich diffuse Auskünfte, wie es die Regeln des deutschen Handelsgesetzbuches (HGB) zulassen, verschließt sich der Blick Außenstehender auf die firmeninternen Abläufe. Als solche können im deutschen Fall Konkurrenten, als auch die eigenen Minderheitsaktionäre gelten. Für das Unternehmen selbst bedeutet dies, dass ein gewisses Maß an von den Kapitaleignern unerwünschten Quersubventionierungen ebenso möglich ist, wie die Schaffung von nicht ausgewiesenen Kapitalrücklagen für „schlechte Zeiten“, mit anderen Worten, die ausgeglichenen Bilanzen deutscher Gesellschaften können, solange diese nach HGB bilanzieren, auch darauf zurückgeführt werden, dass die Möglichkeit besteht, in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität nicht eben alle Gewinne als solche auszuweisen, aber in Zeiten der Stagnation oder bei Verlust diese stillen Reserven aufzulösen und „regulierend“ in das operative Betriebsergebnis einfließen zu lassen. In dieser Hinsicht dürften als Adressat der HGB-Methode allem Anschein nach die Gläubiger angesehen werden (Höpner 2003, S.40).

Die Informationsasymmetrie zwischen Management und Anteilseignern zu minimieren, ist die Aufgabe der wesentlich mehr auf Unternehmenstransparenz ausgelegten internationalen Bilanzierungsregeln. Sie stehen in der Tradition der liberaleren angelsächsischen Finanzmärkte und lassen kaum noch Raum für Kapitalumschichtungen an den Aktionären vorbei. Als Grundlegende Angaben werden eine Kapitalflussrechnung und eine Segmentberichterstattung eingefordert. Aufgrund der strengeren Auflagen und der mit ihnen verbundenen steigenden Qualität stehen die internationalen Standards allgemein im Ruf höherer Aktionärsorientierung[29].

3.2 „Usurpation“ durch die Shareholder?

Während die unternehmerischen Spielräume mit dem Wechsel der Bilanzierungsform geringer geworden zu sein scheinen, stellt sich die Frage danach, was die deutschen Aktiengesellschaften veranlasst, sich den offensichtlich strengeren internationalen Standards zu unterwerfen und damit zu einer umfassenderen Berichterstattung überzugehen. Der Grund liegt in der Imageträchtigkeit der internationalen Bilanzierungsregeln. Bilanziert ein Konzern nach ihnen, wird ihm von den Analysten und Investoren international mehr Seriosität zugestanden, weil mehr Transparenz mit mehr Anlegerschutz gleichgesetzt wird. Die naturgemäße Präferenz der Kapitaleigner liegt in der Risikominimierung für zu investierendes Kapital. Somit wird offenbar, dass auf dem internationalen Kapitalmarkt diese Bilanzierungsmethode einen Vorteil darstellt.

Demgegenüber steht die deutsche HBG-Bilanzierung in dem Ruf, den Gläubigern, d.h. den externen Kapitalgebern einen höheren Schutz zu gewährleisten. Höpner (2003) weist dagegen darauf hin, dass der vermeintlich größere Gläubigerschutz sich eher zu Gunsten des Managements auflöst, wenn die grundsätzliche Wahlmöglichkeit der Option zu einer progressiven Bilanzierung in Krisenzeiten näher betrachtet wird. Dann nämlich legen die „Unternehmenskrisen der neunziger Jahre […] den Verdacht nahe, dass die Verschleierung der wahren operativen Situation das Gegensteuern [durch das Management] eher verzögert als beschleunigt“ (ebd., S.41), was letztlich einzig dem Management selbst hilft, durch die Verschaffung eines zusätzlichen Zeitpolsters im Kampf gegen die Krise.

Außerdem wecken geglättete Bilanzen, wenn sie zudem noch einen positiven Trend aufweisen, Begehrlichkeiten bei den Stakeholdern, die u.U. nicht real kapitalgedeckt sind. Zum einen suchen dann die noch immer mit genügend Druckpotenzial ausgerüsteten Gewerkschaften (Dörre 1999, S.315) nach Wegen für die Arbeitnehmer an den putativ wachsenden Gewinnen zu partizipieren, zum anderen stellt sich die Frage nach der tatsächlichen Berechnungsgrundlage für die auszuschüttenden Dividenden.

Indessen besteht, laut der Theorie von der Managerherrschaft, ein gewisser Zielkonflikt zwischen Eigentümern und Management, nicht nur in Zeiten der Krise. Die Möglichkeit des Aufbaus stiller Reserven fördert gleichzeitig die instinktive manageriale Höchstpräferenz der Unternehmenswachstumserzielung. Dieses bedeutet eben nicht, dass der Gewinn mit Fokus auf die Dividendenerhöhung gesteigert wird, sondern er dient vor allem der Erweiterung operativer Geschäftsteile. Das heißt also auch, dass die Profitabilitätsschwelle, ab der in Deutschland investiert wurde, relativ niedrig war (Streeck/ Höpner 2003, S.27). Insofern konnten zwar Arbeitplätze geschaffen und auch die Unternehmensperformanz gesteigert werden, doch die Durchschnittsprofitabilität hielt sich in Grenzen.

Dieser Zustand ist nicht im Sinne der Aktionäre. So kann es als logische Konsequenz betrachtet werden, dass mit fortschreitender Lockerung ordnungspolitischer Regulationen[30] sowie einem als musterhaft geltenden anglo- amerikanischen Finanzmarkt als omnipotente Orientierungsgröße die Bestrebungen der Kapitaleigentümer als erstes die Beseitigung der augenscheinlichen Divergenzen zwischen ihren Interessen und denen des Managements zur Folge haben.

Gemäß der Principal Agent Theory (vgl. Göbel 2002, S.VIIff und S.51ff) resultiert das Kontrollproblem zwischen Eigentümern (Principals) und Management (Agents) aus dem Informationsdefizit der Aktionäre und des Aufsichtsrates gegenüber den Führungskräften. Aus Sicht der Aktionäre besteht das Risiko der nicht ausschließlich der Unternehmenswertsteigerung dienenden Verwendung des Kapitals durch das Management. Dieses zu minimieren, obliegt der Ausgestaltung der Investor Relations durch das Unternehmen, zumeist geschieht das durch die Verwendung verschiedener Kommunikationsmedien (Geschäftsberichte, Aktionärsversammlungen, Bankhäuser usw.), wobei die Intensität der Nutzung durch die Anleger mit deren Erfahrung medial variiert, m.a.W. mit steigendem Professionalisierungsgrad intensiviert sich der Gebrauch von wirtschaftskommunikativen Medien (Ernst/ Gassen/ Pellens 2005, S.9). Diese Art der Überwachung zur Unterbindung opportunistischen Handelns der Entscheidungsträger durch ein verstärktes Monitoring hat nicht nur Vorteile, sie verursacht Kosten und bindet Arbeitskraftressourcen an sich, die bei zunehmender Leistungsverdichtung für die Arbeitnehmer an anderer Stelle fehlen.

Formalisiert wird diese Praxis durch die Corporate Governance, sie regelt „als rechtliche Marktverfassung […] sowohl die Umgangsweise zwischen Eigentümer, Aufsichtsrat und Vorstand eines Unternehmens als auch die Beziehungen des Unternehmens insbesondere mit dem Arbeits- und Kapitalmarkt“ (Middelmann 2004, S.112).

Es wird darauf hingewiesen, dass das Verhalten der Kleinaktionäre sich kaum in eine richtungsweisende Form kanalisiert, was zum einen mit der unzureichenden Kenntnis der Materie und zum anderen mit der nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Qualität der Informationsmedien zu erklären ist (Ernst/ Gassen/ Pellens 2005, S.9f). Dementsprechend kommt der Einflussnahme institutioneller Investoren auf die Politik einzelner Unternehmen, schon allein durch die Höhe ihrer zur Verfügung stehenden Kapitalmittel, eine größere Bedeutung zu. Dazu gesellt sich die Praxis einer steten Verringerung der Aktiendurchlaufzeiten, bei Fondsmanagern liegt der Anlagehorizont bei etwa einem Jahr (Höpner 2003, S.100), welche Aktien insgesamt volatiler werden lässt. Das begünstigt die Sanktionierung nicht kapitalmarktorientierter Unternehmensstrategien mittels Kapitalentzug.

Weil das professionellere Anlageverhalten institutioneller Investoren unter anderem auch auf die Prognosen und Bewertungen der Firmen durch Rating Agenturen baut, wächst deren Bedeutung mit zunehmender Kapitalisierung direkt für die anlagesuchenden sowie indirekt für die unternehmerischen Entscheidungsträger. Insofern ist diese Dimension der externen Determinanten auf die Unternehmenspolitik vermutlich sogar die einflussreichere von beiden.

Mit Hilfe der Betrachtung von Rating Agenturen kann m.E. eine gewichtige Frage zumindest z. T. beantwortet werden, auf die sich in der konsultierten Literatur bisher nur unzureichende Lösungen fanden: Wie werden die Renditevorgaben der Investoren an die Unternehmen kalibriert genug artikuliert, um unternehmensinterne Maßnahmenpakete damit auszulösen? Anders gefragt: Woher weiß das Management, wie die genauen Zielvorgaben aussehen?

Das Mittel zur „Hereingabe“ kann wohl mit unter den Terminus „Benchmarking“ subsumiert werden, mit der Einschränkung, dass der Vergleich allein von außen geschieht. Eine Rating Agentur funktioniert auf dem Prinzip der vergleichenden und zugleich doch externen Perspektive, anhand welcher Standards festgelegt werden, die wiederum der Erkennung des Rendite-Primus dienen sollen. Einige dieser Standards mögen fragliche Indikatoren sein, wie z.B. der Produktion nach Qualitätsnorm DIN ISO 9000, die trotz ihrer Relevanz für die Qualitäts- und damit die Rentabilitätsbewertung einer Wertschöpfungskette, als ungeeigneter Maßstab angesehen werden muss (Gürtler/ Schunck 2006, S.82). Selbst die Auswahl des Führungspersonals erfährt eine Honorierung- übernimmt ein als erfolgreich geltender Manager eine der oberen Positionen in einem Konzern, hat das Einfluss auf den Aktienkurs. Vor diesem Hintergrund lässt sich der „Krieg“[31] um Topmanager erklären, denn Führungspositionen müssen nun auch bewertungsrelevant besetzt werden (Faust 2002, S.82).

Eine Aktiengesellschaft, die schlecht bewertet worden ist, leidet also unter Verlusten am Kapitalmarkt. Negative Effekte sind dann selbst bei der Fremdkapitalbeschaffung zu erwarten, denn auch die Banken sind mehr und mehr auf eine externe Informationsvergabe angewiesen, weil ihr für die ehemalige Deutschland A.G. typische auf der engen Personalverflechtung fußende Informationsvorsprung schwindet.

In Ergänzung zu externen Bewertungsinstanzen sieht das Unternehmen ebenso selbst auf die Marktperformanz seiner Konkurrenten. In Kombination mit den Vorgaben durch Rating Agenturen, können dann entsprechende interne Strukturierungsprogramme gezielt gestartet werden.

Zielrenditen dienen der Erhöhung der Rentabilität, sie werden von der Unternehmensführung als „zukunftsgerichtete Verzinsungsvorgaben“ (Höpner 2003, S.54) des Investierten Kapitals vorgegeben. Gemeinsam mit hoch informativen Quartalsberichterstattungen lassen sich firmeninterne Quersubventionierungen erkennen. Liegen Segmente dauerhaft unterhalb der Kennziffervorgaben, fallen diese früher oder später Re-Strukturierungsmaßnahmen zum Opfer. Das gilt besonders für die operativen Unternehmensteile, denn an ihnen kann die Einhaltung der Leistungsmargen am deutlichsten verfolgt werden.

Trotz allem ist es das Management selbst, das den Prozess der Kapitalisierung initiiert. Das gilt ebenso für das Trimmen des Unternehmens auf Shareholder Value Standard. Die beschriebenen Determinanten können nur insoweit greifen, wie das Management Willens ist, diese umzusetzen. Deshalb stellt die Rede von einer „Usurpation der Shareholder“ nur auf den ersten Blick eine Tautologie dar. Die Anteilseigner sind die Eigner des Unternehmens- ihnen gehört das Firmenkapital- und damit prinzipiell die Entscheidungsträger, obgleich ebenso die Mitglieder einer bestimmten Gesellschaft selbst deren Aktionäre sein können. Insofern agiert das Management formal als exekutive Instanz der Shareholder. Dennoch beschränken sich, wie gezeigt, deren Forderungen auf Richtungsvorgaben, die aufgrund der komplexen Eigentümerstrukturen an betriebswirtschaftlicher Eindeutigkeit vermissen lassen. So lässt sich die Position des Managements formal zwar unter jener der Eigentümer verorten, die strategischen Entscheidungen trifft es aber nach wie vor.

Freilich findet sich ebenfalls eine Reihe von Anreizen, welche die intrinsische Motivation zur Finanzmarkt-Orientierung fördern. Dazu gehören die o.g. Veränderungen der Karrieremuster deutsche Manager, der Wandel von der internen zur externen Unternehmenskontrolle sowie die Entwicklung der Managementvergütung. Letztere dient der Umänderung der managerialen Wachstumspräferenz des gesamten Unternehmens hin zur bloßen Steigerung der Rendite. Dafür stehen eine Menge Möglichkeiten zur Verfügung, bspw. Aktienoptionsprogramme, Bonusse und/ oder die Ersetzung der Fixgehälter durch variable Gehälter. Die Wirkung stimmt, denn es „ist evident und auf der Basis mikroökonomischer Rationalitätsannahmen geradezu tautologisch, dass Führungskräfte das Ziel hoher persönlicher Einkommen verfolgen“ (Höpner 2003, S.140).

Dennoch gilt auch hier, Beschlüsse dieser Art werden ebenso, zumindest noch in Teilen, vom Management mitgetragen. Somit kann festgehalten werden, dass der „große Einfluß kurzfristiger shareholder-value-Orientierungen […] eine wesentliche Grundlage in dieser Verschiebung der Gewichte zwischen unterschiedlichen Managementbereichen und den von ihnen jeweils favorisierten Wirtschaftlichkeitsprioritäten [hat], und nicht etwa in einer gewachsenen Einflußahme der shareholder auf die Unternehmensstrategie selbst“ (Kädtler 1998). Allerdings, was noch gezeigt werden soll, verhärtet sich die Annahme, dass die managerialen Handlungsoptionen einer neuen Ordnung unterliegen, sobald der Weg der Unternehmenskapitalisierung erst einmal beschritten worden ist. Demzufolge lässt sich die „Frage, ob die Manager durch die sich verändernden Konstellationen gewinnen oder verlieren, […] nicht pauschal [beantworten], sondern nur im Hinblick auf die jeweiligen Felder der Unternehmenspolitik“ (ebd., S.148).

Die indoktrinierte Renditelogik des Kapitalmarktes und die neuen Handlungsräume für das Management bergen ein besonderes Gefahrenpotenzial in sich: die Vergleichbarkeit jeglicher Bereiche und Ergebnisse überlagert ebenfalls die Brancheneigenheiten. Nun lassen sich aber naturgemäß nicht in jeder Branche gleiche Renditen erwirtschaften, zusätzlich bedingt durch zyklische Produktionsfluktuationen ergibt sich daraus eine Divergenz, die das Management zu egalisieren sucht. Außerordentlich deutlich wird dies, wenn die Renditen von Finanzprodukten, welche gegenwärtig aus den o.g. Gründen übermäßig von der globalen Kapitalmarktentwicklung profitieren, und einem beliebigen Industriebetrieb verglichen werden[32]. Gelingt es eben nicht, jene Vorgaben zu erreichen, drohen negative Auswirkungen auf die Börsenkapitalisierung des Unternehmens. Hierin liegt die prinzipielle Instabilität der Finanzmärkte begründet (vgl. Altvater 2003, S.605ff). Trotzdem stößt die weltweite Unternehmenskapitalisierung (noch) nicht an ihre Grenzen, betrug der Anteil an Unternehmensanleihen vom globalen Kapitalmarkt 2004 mit 26% erst ein gutes Viertel (vgl. o.V. 2005c, S.3).

4. Kapitalmarktbezogene Rationalisierungsmethoden in
der Automobilindustrie

Die Auswirkungen der Shareholder Value-Ausrichtung auf die Produktion, im Sinne der Arbeitskraftnutzung, sollen im Folgenden veranschaulicht werden. Hierfür wird speziell auf die Entwicklung in der deutschen Automobilindustrie eingegangen, da diese eine der Schlüsselindustrien Deutschlands darstellt, die, zusammengenommen mit ihrer Peripherie, enorme Auswirkungen auf die Gesamtbeschäftigtenentwicklung haben[33].

Die im weiteren Verlauf geschilderten in der Produktion vorherrschenden Bedingungen und Entstehungen in der Automobilindustrie, stellen den Versuch eines Brückenschlags von den Maßgaben des Finanzmarktes hin zur Beschäftigtenentwicklung dar. M.E. füllt das Management in seiner Funktion als Umsetzer von Shareholder Value typischen Organisationsformen genau den entstandenen Hohlraum zwischen makroökonomischen Marktvorgaben und der betrieblichen Mikroebene aus.

Es kann an dieser Stelle (noch) keine Aussage darüber getroffen werden, ob und wie sich die Selbstwahrnehmung der Führungskräfte in dieser Rolle auf ihre Entscheidungen auswirken bzw. inwiefern sie die zur Auswahl stehenden betriebswirtschaftlichen Handlungsoptionen als „Entscheidungsfreiheit“ interpretieren. Allein die o.g. finanzmarktkapitalistischen Rahmenbedingungen bieten die Gelegenheit zu einer vorläufigen Positionierung ihrer Machthabe.

4.1 Positionsbestimmung: Die Lage auf dem Automobilmarkt

4.1.1 Produktion, Absatz, Umsatz

Seit der Krise 1992/93 hat sich die Lage auf dem Weltmarkt für die deutschen Automobilhersteller deutlich verbessert. Wie Abb.1 veranschaulicht, hat der Gesamtumsatz der Branche in den 6 Jahren von 1998-2004 ein Plus von guten 68 Mrd. € vorgelegt- Tendenz steigend. Das gleiche gilt für die Produktionszahlen, deren Verlauf in Abb. 2 dargestellt ist[34].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


[1] Laut Handelsblatt bauten 13 der 30 DAX-Unternehmen im Jahr 2004 Stellen ab- insgesamt 35.000. Die stark gestiegenen Dividenden von 30-35% hingegen, konnten die Aktionäre noch nicht befriedigen (o.V. 2005a).

[2] „Die Nachrichtenagentur AP schickt uns heute folgende Aufstellung: 15.06.2005 ‚Ein Überblick über die in den letzten Monaten angekündigten Stellenstreichungen großer deutscher Unternehmen:
Deutsche Telekom: 19.000 Stellen; Mercedes-Benz: 8500 Stellen; Siemens: 2400 Stellen (SBS), 5000 Stellen (Ausgliederung Logistik); Deutsche Bank: 6400 Stellen (1900 in Deutschland); Infineon: 800 (März 2007) Außerdem akut gefährdet: AEG/Electrolux: 1200 Stellen; Samsung: 800 Stellen; Continental: 400 Stellen’“ (o.V. 2005b).

[3] Um einen Überblick über die Vielfalt der Optionen zu erlangen, die den Handlungsträgern zur Disposition gestellt werden, vgl. die wirtschaftspolitischen Programme der großen Parteien in Deutschland, kontrastierend die Positionen der Gewerkschaften und der Wirtschaftsverbände.

[4] Und dass, obwohl in „Deutschland […] die Lohnstückkosten im Vergleich zum Durchschnitt in der Euro-Zone innerhalb von sechs Jahren um zehn Prozent gefallen“ (Hawranek u.a. 2005, S.41) sind.

[5] Dass diese Interpretation nicht nur auf ungeteilte Zustimmung stößt, zeigt die Untersuchung von Glott/ Wilkens/ Tasch (1998). Sie verglichen die Rahmenbedingungen des Arbeitsmarktes der Niederlande, den USA und Deutschlands anhand der Frage, warum in Deutschland nicht wie in den Referenzstaaten der Dienstleistungssektor die in der Industrie freigesetzten Arbeitskräfte absorbiert. Als Erklärungsvariable wurden die hohen Produktivitätszuwächse diskutiert und führte schließlich zu der Schlussfolgerung, dass die damit verbundenen, im internationalen Vergleich relativ hohen Lohnkosten „allein das schlechte Abschneiden Westdeutschlands […] in puncto Beschäftigung nicht erklären […] Die Gründe für die augenblickliche Beschäftigungsperformanz liegen wohl eher in der zu geringen Innovationsfähigkeit und Investitionstätigkeit der deutschen Wirtschaft sowie der mangelnden Experimentierfreudigkeit im Bereich der Arbeits- und Sozialpolitik“ (ebd.).

[6] Prototypisch dafür kann die Schließung des Continentalwerkes in Hannover gelten, welches mit 3700 Beschäftigten schwarze Zahlen geschrieben hatte.

[7] Vgl. Gleisberg (2000), S.33.

[8] Beispiele sind: Pensionsfonds; Investitionen großer Versicherungen; Investmentfonds, zu denen die besonders aggressiven, weil allein kurzfristig Gewinn orientierten Hedgefonds gehören, die neben den so genannten Private Equity Firmen zunehmend auf den deutschen Markt für Unternehmensbeteiligungen drängen und mit ihren beiderseits immer weiter steigenden finanziellen Ressourcen ein nicht zu unterschätzendes Gefahrenpotenzial für ganze Volkswirtschaften innehaben (vgl. dazu Afhüppe et. al. 2005a, S.22ff; Afhüppe et. al. 2005b, S.110ff ).

[9] Das ursprüngliche Akkumulationsprinzip ist der fundamentale Charakterzug des Kapitalismus, welcher sich in seiner Entwicklung nicht nur räumlich ausdehnt, sondern auch soziale Strukturen durch die „Ausweitung der Warenbeziehungen und der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse“ (Zeller 2004, S.13) für sich adaptiert.

[10] In ausgewogener und optimal regulierter Weise, d.h. durch praktizierte Lohngerechtigkeit, führt dies zu einem Fahrstuhl-Effekt (Beck 1986) einer ganzen Volkswirtschaft. Ursprünglich bezieht sich dieser Begriff auf den deutschen Wohlfahrtsstaat.

[11] Das Kapitalmarktvolumen wurde 2004 auf rund 119 Billionen USD beziffert oder anders ausgedrückt: 297% der Weltwirtschaftleistung. Zum Vergleich: im Jahr 1980 betrug der Kapitalmarkt einen Wert von 12 Billionen USD- er hat sich also knapp verzehnfacht (o.V. 2005, S.3).

[12] Zum Beispiel bewirkte die jährlich erscheinende „Schwarze Liste“ des größten amerikanischen Pensionsfonds Calpers, auf welcher ehemals 50 und mittlerweile die 10 jeweils schlechtesten Aktien im Portfolio gelistet sind, dass 16% der Chefs, der zuvor ausgemachten, nicht genug gewinnträchtigen 50 Unternehmen, ihren Arbeitsplatz verloren (vgl. Brost/ Niejahr 2001).

[13] Bspw. die scheinbar so zwingende Logik Josef Ackermanns, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, zur Rechtfertigung des anhaltenden Arbeitsplatzabbaus, wird hierdurch entkräftet. Gewinnmaximierung und Marktführerschaft schützen kaum vor feindlichen Übernahmen, allenfalls verteuern sie die ganze Transaktion (vgl. Schlüter/ Müller 2005).

[14] Lutz’ (1984) antipodische Begriffsdefinition zu Rosa Luxemburgs’ äußerer Landnahme -geschaffen für die Fordismusanalyse.

[15] Bischoff/ Detje (2001) sehen in dieser Entwicklung den Übergang zu einer neuen „Stufe innerer Landnahme“ (ebd., S.116).

[16] Die Anzahl extern- rekrutierter Manager in deutschen Unternehmen hat sich in den Jahren 1990 bis 1999 von 17% auf 34% verdoppelt (Höpner 2003, S.128). Trotzdem bleibt der Karriereweg durch das eigene Unternehmen (noch) die häufigste Variante.

[17] Laut einer Untersuchung von Gergs/ Schmidt (2002) „kommt es mit dem Generationswechsel in den deutschen Unternehmen vorerst nicht zu einer durchgehenden [M.A.] Konvergenz der deutschen Managementkultur mit dem anglo-amerikanischen Paradigma. Vielmehr scheint es zu einer mehr oder minder stark ausgeprägten Form der Adoption von Elementen des amerikanischen Managementmodells zu kommen“ (ebd., S. 567).

[18] Waren es 1979 im Durchschnitt noch 13 Jahre, so betrug sie 1997 lediglich 7 Jahre (Höpner 2003, S.130).

[19] Faust (2002) beschreibt die durch die Reorganisation der hierarchischen Strukturen, sprich Hierarchieebenenverflachung, und den damit verbundenen Aufstiegsblockaden sowie der eingeführten gewinnabhängigen Entlohnung um sich greifende Destabilisierung managerialer Möglichkeiten der Statuserreichung bzw. –wahrung (ebd., S.81ff). M.a.W., nichts verläuft mehr in sicheren Bahnen, keine Beförderung, kein sicheres Gehalt und damit keine Statusbefestigung. Leistungsmaßstab ist lediglich das Ergebnis der zu Tage beförderten Gewinne.

[20] Benchmarking ist, vereinfacht ausgedrückt, die vergleichende Analyse von Firmen. Anhand von Kennzahlen werden Abläufe organisationsübergreifend vergleichbar gemacht und können so, vorzugsweise am jeweiligen Klassenprimus, ausgerichtet werden. Problematisch bleibt allerdings die Praxis der Hospitation des Managements als valides Erhebungsinstrument zur Feststellung der vermeintlich überlegenen Methoden fremder Unternehmen, denn fraglich ist erstens die Vollständigkeit gewonnener Erkenntnisse und zweitens die Übertragbarkeit in das eigene Produktionsverfahren. Das Risiko, dass „best practice Verfahren“, d.h. niedrigste Kosten in der Qualitätskontrolle, zur Minderung der Produktqualität führen, kann bei weitem nicht ausgeschlossen werden.

[21] Zum Ausmaß bereits neu entstandener Typen tariflicher Verträge vgl. Bispinck/ Schulten (1999), S.197ff.

[22] „Bei den hier betrachteten 27 Nichtbanken werden somit 171 oder 2/3 der Aufsichtsratsmandate von Repräsentanten der 3 Großbanken oder diesen nahe stehenden und/oder verpflichteten Mandatsträgern wahrgenommen. Der damit verbundene Einfluß muß als beherrschend angesehen werden“ (Gottschalk 1988, zitiert nach Faust 1999, S.25).

[23] Wobei die Wirkung des Marktes für Unternehmenskontrolle kritisch zu bewerten ist, wie empirische Studien für den amerikanischen Fall belegen (Beyer 1998). Hier ließ sich maximal ein temporärer Effekt für die 80er Jahre nachweisen.

[24] So lag der Durchschnittwert der Dividendenrendite im Jahr 2000 in Deutschland bei 2,7% und in Großbritannien bei 2,6% (vgl. Streeck/ Höpner 2003, S.26).

[25] Beispielsweise das Investitionshilfegesetz (1951), welches „Finanzunternehmen verpflichtete, sich an einem Milliarden-Kredit zu Gunsten der Grundstoffindustrien Kohle, Eisen und Elektrizität zu beteiligen“ (Beyer 2002), nutzte besonders die Allianz zu vielen Minderheitsbeteiligungen an deutschen Konzernen, die es schließlich ermöglichten, am Erfolg des Wirtschaftsaufschwunges der Nachkriegszeit zu partizipieren. Außerdem belegte die Bundesregierung Aktienveräußerungsgewinne mit einem hohen Steuersatz, der derlei Prozeduren durch die Stakeholder als nicht sinnvoll erscheinen ließ.

[26] Streeck/ Höpner (2003) vertreten die These, dass die Deregulierung des Marktes auch in Deutschland so weit fortgeschritten ist, dass sie irreversibel bleibt (ebd., S.15).

[27] Ein prototypisches Beispiel dafür ist das Scheitern des Bündnisses für Arbeit, welches am 14.03.2003 mit der Zusammenkunft seiner Mitglieder endete. Streeck (2003) führt es ursächlich auf die „endemische[n] Funktionsschwächen des staatlichen und Parteiensystems“ zurück, aber gleichzeitig betont er, dass mit dem Scheitern, „die ‚institutionelle Architektur’ […] des deutschen Wohlfahrtsstaates, insbesondere die hohe Eigenständigkeit und Ausdifferenzierung seiner verschiedenen [Sub-] Sektoren, nie wirklich in die Lage kommen, jene destruktive Wirkungen zu entfalten, die sie sehr wahrscheinlich tatsächlich entfaltet hätte, wenn ihr dazu Gelegenheit geboten worden wäre“.

[28] Was keineswegs bedeutet, dass die stärkere Kapitalmarktorientierung deutscher Firmen primär auf eine verschärfte Konkurrenz hinsichtlich der Eigenkapitalbeschaffung zurückgeführt werden kann (Höpner 2003, S.119f).

[29] Schmidt (1998) untersuchte die Geschäftsberichte europäischer Aktiengesellschaften im Zeitraum von 1986-1996 und stellte fest, dass ein qualitativer Wandel mit deutlicher Bezugsgruppenorientierung, z.B. in der Einführung von Unternehmensleitbildern, stattgefunden hat, der als gestiegene Shareholder Value Ausrichtung zu interpretieren ist (ebd., S.124ff).

[30] Dafür stehen die Finanzmarktförderungsgesetze, das Kapitalaufnahmeerleichterungsgesetz sowie das 1998 verabschiedete Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, welches Deutschland eine Vorreiterrolle des „One Share, One Vote-Prinzips“ (Höpner 2005) verschafft. Des Weiteren zählt auch die Steuerfreistellung von Renditen aus Beteiligungsveräußerungen bei Aktiengesellschaften (vgl. Streeck/ Höpner 2003, S.33) zu diesen Maßnahmen.

[31] Die Methoden der Werbungsversuche Ferdinand Piechs um den ehem. Opel- Topmanager Lopez erinnern eher an die Politik des Kalten Krieges denn an seriöses wirtschaftliches Gebaren. Deshalb bleibt der Terminus „Krieg“ bei aller konnotierten Dramaturgie der hierfür passende Ausdruck (vgl. Keller 1994, S.300ff).

[32] Die „Überrenditen“ der Banken sind ein temporärer Erfolg, denn „wenn in anderen Branchen Margen von sieben oder acht Prozent üblich sind und im Bankgewerbe 25 Prozent, würde Kapital umgelenkt hin zu den Banken. Dann würde das Gewerbe so aufgemischt, dass die 25 Prozent langfristig nicht gar nicht haltbar sind. Der Bereich des Üblichen ist nicht beliebig verschiebbar“ (Schlüter/ Müller 2005).

[33] 1998 arbeiteten zusammengenommen über 5 Mio. Menschen in der Automobilindustrie und in ihr nahe stehenden Berufen.

[34] Weil dem Umsatz als alleinigem Indikator nur eingeschränkte Bedeutung zukommt, denn er bewertet bspw. die Ausgaben für die gestiegenen Rohstoffpreise mit, kann durch die Gegenüberstellung von Produktion und Umsatz das Bild schärfer konturiert werden.

Details

Seiten
127
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638628112
Dateigröße
1002 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72691
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Soziologie
Note
1,3
Schlagworte
Beschäftigtenentwicklung Finanzmarktkapitalismus Beispiel Automobilhersteller Opel Volkswagen

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Titel: Beschäftigtenentwicklung im Finanzmarktkapitalismus am Beispiel der Automobilhersteller Opel und Volkswagen