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Differenzierung und Solidarität bei Emile Durkheim

Hausarbeit 2005 25 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen

1. Einleitung

2. Das Phänomen der Arbeitsteilung als Ausgangspunkt für gesellschaftliche Differenzierung
2.1 Adam Smith – Die Lehre der Arbeitsteilung als theoretische Grundlage
2.2 Die Ursachen der Arbeitsteilung nach Adam Smith
2.3 Die Ursachen der Arbeitsteilung nach Emile Durkheim

3. Die differenzierungstheoretische Perspektive von Emile Durkheim
3.1 Herbert Spencer als Ausgangspunkt
3.2 Durkheims Unterscheidung von „einfachen“ und „höheren“ Gesellschaften nach ihrem Differenzierungsprinzip
3.2.1 Die segmentär differenzierte Gesellschaft
3.2.2 Die funktional differenzierte Gesellschaft
3.2.3 Der Übergang zur funktionalen Differenzierung
3.3 Die Arten der Solidarität
3.3.1 Die „mechanische“ Solidarität 12 3.3.2 Die „organische“ Solidarität
3.4 Weitere Mechanismen zur Erklärung der „organischen“ Solidarität

4. Kritik

5. Schlussbetrachtung

III Quellenverzeichnis

II Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die industrielle Revolution, welche zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhundert eine Wende der charakteristischen Strukturen in allen gesellschaftlichen Bereichen hervorrief, ging einher mit der Entstehung der Soziologie im Allgemeinen und der soziologischen Gesellschaftstheorie im Speziellen[1]. Dies soll aber nicht heißen, dass die Soziologie als Wissenschaft hier ihre ersten Anfänge zeigte. Zumindest in ihrer Vorgeschichte lässt sie sich tatsächlich bis in die Antike und in das Mittelalter zurückverfolgen. Bereits Platon, Aristoteles, die Sophisten und Thomas von Aquin beschäftigten sich mit der Problematik des menschlichen Zusammenlebens[2]. Bis heute wird die Soziologie des Öfteren als „Krisenwissenschaft“ bezeichnet, da sie im Zuge der Industriellen Revolution vorrangig die Schattenseiten der Moderne beleuchtet. Demzufolge richtete die frühe soziologische Gesellschaftstheorie ihre Aufmerksamkeit auf gesellschaftliche Herrschaft und soziale Ungleichheit, Verelendung, Traditions- und Gemeinschaftsverlust, Entfremdung und Anomie[3].

Vorrangig wurde hierbei die Ungleichheit der gesellschaftlichen Lebensverhältnisse betrachtet, da sich gesellschaftliches Sein und kulturell projektiertes Sollen im Zuge der Modernisierung in divergente Richtungen bewegten. Bezüglich dieser Thematik kristallisierte sich demzufolge in der sozialen Gesellschaftstheorie der bis in die Gegenwart fortbestehende Strang der Ungleichheitstheorien heraus. Er beinhaltet die marxistischen Klassentheorien, die Schichtungstheorien sowie neuere Denkansätze über soziale Verhältnisse und Lebensstile[4]. Da die Ungleichheitstheorien für diese Arbeit keine Relevanz darstellen, werden sie im Folgenden nicht weiter erläutert. Ein weiterer Strang der sozialen Gesellschaftstheorie, welchen Schimank als Hauptstrang bezeichnet, stellt die differenzierungstheoretische Perspektive dar. Diese Betrachtungsweise akzentuierte, dass zwischen den Elementen der Moderne eine fortschreitende Ungleichartigkeit zu verzeichnen sei. Demzufolge erfasst sie anknüpfend an die gesellschaftliche Differenzierung zwei Aspekte. Einerseits nennt Schimank die Rollendifferenzierung, da sich die Arbeitsteilung, nachdem sie zuerst in der Wirtschaft erfolgte, auch in anderen gesellschaftlichen Lebensbereichen (z.B. Militär, öffentliche Verwaltung, Gesundheits- und Bildungswesen etc.) zeigte. Und andererseits sei hier die teilsystemische Ausdifferenzierung zu erwähnen. Sie fasst die Vorgänge zusammen, die mit einer nur an Gewinnerzielung ausgerichteten Wirtschaft gleichgestellt werden können. Dies bedeutet, dass die kapitalistische Wirtschaft durch den radikalen Wandel unabhängig von religiösen, familiären oder politischen Bereichen existiert und folglich nur noch ihrer Gewinnmaximierung gegenüber stehen kann. Nach und nach ließen sich dann vergleichbare Prozesse beispielsweise die ausschließlich auf Macht fixierte Politik oder die Wissenschaft, welche sich exklusiv mit der Wahrheitssuche beschäftigte feststellen, welche als teilsystemische Ausdifferenzierungen zusammengefasst werden[5].

Wie ersichtlich wird, hebt die differenzierungstheoretische Perspektive wichtige Aspekte der modernen Gesellschaft hervor. Sie ist aber keine umfassende Gesellschaftstheorie, sondern eine Betrachtungsweise neben vielen anderen[6].

Diese Arbeit befasst sich im Rahmen des Seminars Theorien sozialer und funktionaler Differenzierung mit dem Themenkomplex „Differenzierung und Solidarität bei Emile Durkheim“. Dabei soll ausschließlich die differenzierungstheoretische Perspektive von Emile Durckheim ins nähere Blickfeld rücken.

Kapitel 2 bildet die Grundlage dieser Arbeit und stellt demnach das Phänomen der Arbeitsteilung als Ausgangspunkt für gesellschaftliche Differenzierung in den Mittelpunkt.

Anschließend beschäftigt sich der dritte Themenkomplex mit der differenzierungstheoretischen Perspektive von Emile Durkheim. Dieser Abschnitt beinhaltet zum einen eine theoretische Darstellung von „einfachen“ und „höheren“ Gesellschaften, welche aufzeigen soll, dass Durkheim beiden Gesellschaftsformen jeweils ein anderes Differenzierungsprinzip zuordnet. Zum anderen soll darauf aufbauend veranschaulicht werden, dass unterschiedliche Arten der Solidarität in diesen Gesellschaftstypen dazu führen, dass sich die Individuen gesellschaftlich integrieren. Abschließend sollen verschiedene Kritikpunkte (Kapitel 4) aufgeführt werden, um zu verdeutlichen, dass die Natur der „organischen“ Solidarität weitgehend ungeklärt bleibt.

Das Ziel dieser Arbeit besteht darin, aufzuzeigen wie Durkheim die moderne Gesellschaft anhand eines Vergleich mit der vormodernen zu erklären versucht sowie welche Faktoren er darlegt, um zu verdeutlichen wie die Gesellschaft als Ganzes zustande kommt.

2. Das Phänomen der Arbeitsteilung als Ausgangspunkt für gesellschaftliche Differenzierung

In seiner Studie `Über Soziale Arbeitsteilung` von 1893 widmet sich Emile Durkheim explizit der Frage was die Gesellschaft zusammenhält. „Wie geht es zu, daß das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt? Wie kann es zu gleicher Zeit persönlicher und solidarischer sein“[7] ? In seinen Überlegungen widmet er sich der Problematik wie sich eine geregelte Sozialordnung mit individueller Freiheit und Autonomie arrangieren lässt sowie mit den Kräften, Faktoren und Tendenzen, welche ein Individuum gesellschaftlich integrieren[8]. Durkheim`s zentrales Augenmerk richtet sich dabei auf die Arbeitsteilung, in welcher er die gesellschaftliche Differenzierung begründet sieht und deren Entstehung er anhand sozialer Ursachen zu erklären versucht[9]. Laut Müller und Schmid begreift er die Arbeitsteilung „...als ein zentrales Strukturprinzip moderner Gesellschaften, aus dessen fortschreitender Realisierung die dringlichen ökonomischen und sozialen Probleme resultieren“[10].

Der allgemeine Begriff der Arbeitsteilung kennzeichnet alle Formen der funktionalen Spezifizierung und der sozialen Differenzierung, deren Zweck sich auf die produzierende Tätigkeit des Menschen ausrichtet. Alter, Fertigkeiten und Kenntnisse, Geschlecht, Geburtsstand, Macht und Einfluss etc. können bei der Zerlegung der Arbeit vorerst eine wichtige Rolle spielen[11]. Für Smith heißt Arbeitsteilung, die Zerlegung der Arbeit in einzelne Schritte, um ein Gesamtprodukt herzustellen. Im Gegensatz dazu sieht Durkheim sie vielmehr als Differenzierung der Gesellschaft in einzelne Funktionsbereiche[12].

Im folgenden Kapitel soll damit begonnen werden die Lehre der Arbeitsteilung, wie Adam Smith sie beschreibt, zu veranschaulichen. Im Anschluss daran erfolgt eine Darstellung verschiedener Auffassungen von Smith und Durkheim über die Ursachen, die dem Prinzip der Arbeitsteilung zugrunde liegen.

2.1 Adam Smith – Die Lehre der Arbeitsteilung als theoretische Grundlage

Die Arbeitsteilung an sich ereignete sich nicht erst im Zuge der Modernisierung. Vielmehr zeigten sich erste Ansätze bereits im Mittelalter, besonders auf handwerklicher Ebene mit der Herausbildung einer Vielzahl von Zünften. Diese Entwicklung setzte sich mit dem Einsetzen der industriellen Revolution am Ende des 18. und mit Beginn des 19. Jahrhunderts weiter fort. Dadurch kam es zur sprunghaften Verstärkung der Zerlegung von Arbeitstätigkeiten. Sehr gut veranschaulicht wird die damals neue Art der Arbeitsorganisation in Adam Smith`s Erläuterungen zur Herstellung von Stecknadeln[13]. „Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat und auch nicht dazu angelernt ist (erst die Arbeitsteilung hat daraus ein selbständiges Gewerbe gemacht), so daß er auch mit den dazu eingesetzten Maschinen nicht vertraut ist (auch zu deren Erfindung hat die Arbeitsteilung vermutlich Anlaß gegeben), könnte, selbst wenn er sehr fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen“[14]. Mit der Industrialisierung jedoch wurde dieser Arbeitsprozess nicht mehr nur als Ganzes gesehen, sondern jede Teilproduktion stellt gleichzeitig ein selbständiges Gewerbe dar. Das heißt, „...der eine Arbeiter zieht den Draht, der andere streckt ihn, ein dritter schneidet ihn, ein vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schleift das obere Ende, damit der Kopf aufgesetzt werden kann. Auch die Herstellung des Kopfes erfordert zwei oder drei getrennte Arbeitsgänge. Das Ansetzen des Kopfes ist eine eigene Tätigkeit, ebenso das Weißglühen der Nadel, ja, selbst das Verpacken der Nadel ist eine Arbeit für sich“[15]. Insgesamt zerfällt der Herstellungsprozess in 18 einzelne Operationen, die alle von verschiedenen Arbeitern erfüllt werden, was weitgehend zur fachlichen Spezifizierung führte[16]. Da jeder Arbeiter ausschließlich mit einer Tätigkeit beschäftigt ist, wird er sie immer weiter perfektionieren, so dass der Arbeiter trotz einer geringen Qualifikation eine hohe Arbeitseffizienz und –effektivität erreicht[17].

Weiterhin betont Smith die Zusammenwirkung von drei verschiedenen Faktoren, welche durch die Arbeitsteilung hervorgerufen wurden und zugleich dadurch zu einer enormen Steigerung der Arbeit führen. Als den ersten Aspekt erwähnt Smith hier die größere Geschicklichkeit jedes einzelnen Arbeiters, welche dazu führt, dass der Einzelne durch sie mehr Leistung erbringen kann. Andersherum betrachtet, führt die Arbeitsteilung automatisch zu mehr Gewandtheit der Arbeiter im Produktionsprozess, da sie einen einfachen Arbeitsgang immer wieder ausüben. Die Ersparnis an Zeit stellt für Smith einen weiteren wichtigen Faktor dar. Hierzu betont er, dass ein Arbeiter, wenn er alle Arbeitsschritte selbständig ausführt, durch den Wechsel von der einen zur anderen Tätigkeit mehr Zeit verliert, als angenommen wird. Hinzu kommen Faktoren, wie die mangelnde Fähigkeit des Einzelnen sich schnell auf eine andere Beschäftigung umzustellen sowie sich ausschließlich darauf zu konzentrieren. Durch die Arbeitsteilung hingegen, wird enorme Zeit gespart und gleichzeitig kann dadurch mehr produziert werden. Als den dritten und schließlich letzten Aspekt benennt Smith die Produktion von Maschinen. In Bezug auf die Arbeitsteilung betont er die enorme Bedeutung dieser hinsichtlich der Verkürzung und Erleichterung der Arbeit. Für ihn war es mit ziemlicher Sicherheit die Arbeitsteilung, welche die Erfindung solcher Maschinen veranlasste, da davon ausgegangen werden kann, dass der Einzelne, der fortlaufend eine bestimmte Arbeit verrichtet, im Laufe der Zeit Mittel und Wege entdecken wird, die ihm seine Tätigkeit erleichtern[18].

Abschließend lässt sich sagen, dass durch die Arbeitsteilung die Produktion in allen Gewerben anwächst und folglich dadurch zu allgemeinem Wohlstand in einem Staat führt[19]. Smith fasst dies folgendermaßen zusammen: „Wer arbeitet, verfügt über ein Leistungspotential, das größer ist als das, welches er zum eigenen Leben benötigt, und da alle anderen in genau der gleichen Lage sind, kann er einen großen Teil der eigenen Arbeitsleistung gegen eine ebenso große Menge Güter der anderen oder, was auf das gleiche hinauskommt, gegen den Preis dieser Güter eintauschen. Er versorgt die anderen reichlich mit dem, was sie brauchen, und erhält von ihnen ebenso reichlich, was er selbst benötigt, so dass sich von selbst allgemeiner Wohlstand in allen Schichten der Bevölkerung ausbreitet“[20].

2.2 Die Ursachen der Arbeitsteilung nach Adam Smith

Nachdem der Prozess der Arbeitsteilung von Smith dargestellt wurde, soll nun die Frage danach woher sie kommt und welche Ursachen ihr zugrunde liegen erörtert werden.

Laut Smith beruht die Arbeitsteilung nicht auf der Erkenntnis der Menschheit, dadurch allgemeinen Wohlstand zu erreichen. Für ihn löste vielmehr die Neigung des Menschen, Dinge zu tauschen sowie mit ihnen zu handeln diesen Prozess aus. Auf die Frage, woher diese Neigung stammt, geht Smith jedoch nicht ein. Er akzentuiert lediglich, dass sie alle Menschen besitzen und dieses Phänomen nirgendwo in der Tierwelt zu finden ist[21]. „Niemand hat je erlebt, daß ein Hund mit einem anderen einen Knochen redlich und mit Bedacht gegen einen anderen Knochen ausgetauscht hätte[...]“[22]. Das heißt, jedes Tier existiert völlig unabhängig und selbstständig in seiner Umgebung. Der zivilisierte Mensch hingegen benötigt in seiner Gesellschaft kontinuierlich die Mitarbeit und Hilfe anderer. Dabei betont Smith die Tatsache, dass kein Mensch aus Wohlwollen einem anderen etwas gibt. Vielmehr verfolgen alle Personen das Prinzip, durch den Tausch etwas zu bekommen, was sie benötigen mit dem Hintergrund dem anderen etwas zu geben, was er braucht. Je nach Begabung oder Talent wird sich der Mensch demzufolge auf eine bestimmte Tätigkeit spezialisieren, um von den Vorteilen des Tausches zu profitieren. Dadurch entsteht eine Vielfalt von Berufen, dessen unterschiedliche Produktion von Gütern, den Tausch nützlich und sinnvoll macht[23].

[...]


[1] vgl. Schimank 2000, S. 9

[2] vgl. Henecka 2000, S. 35

[3] vgl. Schimank 2000, S. 9

[4] vgl. ebd.

[5] vgl. Schimank 2000, S. 10f

[6] vgl. Schimank 2000, S. 14

[7] Durkheim 1893, S. 82

[8] vgl. Müller/Schmid 1988, S.481

[9] vgl. König 1976, S. 324

[10] Müller/Schmid 1988, S. 487f

[11] vgl. Schmidt 2002, S. 31

[12] vgl. Brock/Junge/Krähnke 2002, S. 224

[13] vgl. Schimank 2000, S. 27

[14] Smith 1996, S. 9

[15] ebd. S. 9f

[16] vgl. Smith 1996, S. 9

[17] vgl. Schimank 2000, S. 28

[18] vgl. Smith 1996, S. 12f

[19] vgl. ebd, S. 13

[20] Smith 1996, S. 14

[21] vgl. Smith 1996, S. 16

[22] Smith 1996, S. 16

[23] vgl. Smith 1996, S. 18f

Details

Seiten
25
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638727952
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72678
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Allgemeine Soziologie II
Note
2,7
Schlagworte
Differenzierung Solidarität Emile Durkheim

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