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Das Fußbodenmosaik in der Kathedrale von Otranto

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 19 Seiten

Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Entstehung der Kathedrale und des Mosaiks

3. Beschreibung des Mosaiks
3.1 Einzelne Motive und ihre Verortung
3.2 Strukturen und Strukturbrüche

4. Deutung
4.1 Einzelelemente und Zyklen
4.2 Gesamtzusammenhang

5. Resümee und Ausblick

6. Bibliographie

1. Einleitung

„Betreten und Sehen – Bilder am Boden“ lautete der Titel des Seminars, auf das sich diese Arbeit bezieht. Wenn man davon ausgeht, dass das zu Sehende auf dem Boden liegt, den man betritt, stellt sich als erstes die Frage, wie viel man dabei überhaupt sehen kann. Eine Frage, die bei dem Fußbodenmosaik in der Kathedrale von Otranto besonders beschäftigt, da wir es hier mit einer ungewöhnlichen Bilderfülle zu tun bekommen, die den Betrachter schlicht überfordern muss – und vielleicht bewusst überfordern will. Wie der Betrachter mit dieser Überforderung umgehen kann und welche möglichen Rückschlüsse sich auf die Intention der Auftraggeber/ Künstler des Mosaiks ziehen lassen, soll einen wichtigen Punkt dieser Arbeit einnehmen.

Das wissenschaftliche Interesse an dem Mosaikfußboden in Otranto beginnt mit dem 19. Jahrhundert, allerdings findet man ihn hier zunächst nur in Überblickswerken zur gesamten Kunst Unteritaliens erwähnt, während es erst im 20. Jahrhundert einzelne Veröffentlichungen speziell zu Otranto gibt[1]. Die zugängliche Literatur hat sich eingehend mit der Identifizierung und Ikonographie der einzelnen Elemente des Mosaiks beschäftigt, doch haben sich zumindest in der deutschsprachigen Forschung seit Anfang der achtziger Jahre keine neuen Erkenntnisse oder Herangehensweisen entwickelt[2]. Christine Ungruhs Aufsatz über die Apokalypsedarstellungen in der Apsis bildet die einzige Ausnahme; auf ihre These zu den Darstellungen des Apsismosaiks wird in Kapitel 4.1 noch näher eingegangen.

Auch die italienische Forschung bietet mit Maria Coppolas jüngster Veröffentlichung keine wirklich neuen Ansätze, sondern vielmehr eine Bestandsaufnahme und einen Vergleich der bis dato erschienen Literatur, wobei auch sie ihr Hauptaugenmerk auf ikonographische Vorbilder und Interpretationen legt.[3]

Aufgrund dieser Forschungslage ist es umso interessanter, sich nach einer Bestandsaufnahme und Strukturierung des Mosaiks der Frage nach den Rezeptionsmöglichkeiten zu stellen, die dieses Werk bietet.

2. Entstehung der Kathedrale und des Mosaiks

Die kleine Hafenstadt Otranto liegt am südlichen Ende der Ostküste Italiens auf der Halbinsel Salento, etwa 40 Kilometer südöstlich von Lecce. Die auf einem Hügel über der Stadt angesiedelte Kathedrale wurde um 1080 von Normannenkönig Roger auf Veranlassung des Erzbischofs Wilhelm I. erbaut, die Weiheurkunde trägt das Datum 1088. Das Äußere der dreischiffigen Kirche ist schmucklos, geradezu kahl im Vergleich zu anderen mittelalterlichen Kirchen Süditaliens[4], während das Innere mit Säulen unterteilt ist, die meist sehr prachtvolle, verschiedenartige Kapitelle tragen. An ihnen zeigt sich, dass die Kathedrale zum Weihedatum noch nicht fertig gestellt war, da die Kapitelle im Langhaus auf Mitte des 12. Jahrhunderts datiert sind.[5] Die ornamentale, vergoldete Kassettendecke wurde erst zum Ende des 17. Jahrhunderts nachträglich angebracht, vorher besaß die Kathedrale einen offenen Dachstuhl, „der dem Blick erlaubte, frei und unbehindert himmelwärts [ ] die stolze Höhe des Mittelschiffs zu bestaunen und zu ermessen.“[6]

An den Wänden sind noch Reste von Fresken zu sehen, die jedoch stark beschädigt sind. Am auffälligsten und auch am besten erhalten erscheint das das ganze Hauptschiff und Teile der Seitenschiffe bedeckende Bodenmosaik. Der Fußboden wurde laut der zu erkennenden Inschriften zwischen 1163 und 1165 verlegt und umfasst eine Gesamtfläche von 340 qm.[7] Unter der Regentschaft von Normannenherrscher Wilhelm I. (1154-1166) gab Erzbischof Jonathan bei dem Presbyter Pantaleone das Mosaik in Auftrag, es ist jedoch unklar, ob Pantaleone die ganze Zeit über künstlerischer Leiter war oder das Projekt von anderer Seite begonnen wurde. Sowohl über den Auftraggeber als auch den ausführenden Künstler ist nicht viel mehr bekannt als das, was uns die Inschrift im Boden verrät. Hinsichtlich seiner Ausmaße und des Erhaltungszustandes gibt es im christlichen Abendland keinen vergleichbaren Mosaikfußboden aus dem Mittelalter, was Otranto als Untersuchungsgegenstand umso interessanter macht.

Im 15. Jahrhundert während des so genannten „Sacco di Otranto“ (1480) erstürmte ein osmanischer Sultan die Stadt und die Kathedrale wurde unter türkischer Okkupation in eine Moschee verwandelt. Dies hatte die Vernichtung wertvoller Teile der Innenausstattung zur Folge, da die dargestellten Heiligenbilder und Christusbilder für die Osmanen ein unerträglicher Anblick waren. Das Mosaik übersteht diese Zeit aber nahezu unversehrt. Für die während der Besatzung getöteten Otrantiner wurde nach 1481 die rechte Seitenapsis zur „Kapelle der Märtyrer“ umgebaut und im 18. Jahrhundert mit einer aufwendigen Innengestaltung und einem äußeren Vorbau versehen. Über die weitere Bau- und Restaurierungsgeschichte der Kathedrale ist jedoch wenig bekannt. Das Mosaik wurde erstmals 1875-76, wie Cazzato sagt, „wenig fachmännisch“[8] restauriert, dabei wurden die aus geometrischen Mustern bestehenden Mosaikböden der westlichen Hälften der Seitenschiffe gefertigt. Eine weitere Restaurierung des Bodens fand 1986-88 statt, allerdings ist auch hier nichts Genaueres bekannt. Willemsen spricht noch von einer „weit ausladende[n] Marmorbalustrade“[9], die Erzbischof Orsi ebenfalls im 18. Jahrhundert vor dem Presbyterium errichten ließ, um es gegen das Langhaus abzugrenzen, und die erst 1960 wieder entfernt wurde. Vermutlich gab es im Lauf der Zeit immer wieder Veränderungen im Inneren der Kirche, auch in jüngster Zeit, wie Maria Coppola einführend erwähnt: „ [ ] la superficie non è sottratta alla vista dalle sedie che vi poggiano sopra, per fortuna non troppo fitte.“ Und erläuternd in der Fußnote: „In una mia prima visita a Otranto, all’inizio degli anni ’90 erano banchi a poggiare sul pavimento, [...]”[10]. Demzufolge ist es schwer, durchgängig zutreffende Aussagen über das zu sehende Mosaik und die Möglichkeiten des Betrachters zu machen.

3. Beschreibung des Mosaiks

Der Fußboden in der Kathedrale von Otranto ist ein Stiftmosaik, bestehend aus unterschiedlichen, teils bis zu 9 cm² großen verschiedenfarbigen Kalksteintesserae, die vermutlich aus der Gegend stammen[11]. Die dominierenden Farben sind Weiß, Schwarz, Grau, Rot, Grün und Beige. Nur in liturgisch besonders wichtigen Bereichen, in den Mosaikfeldern der Apsis und der Vierung, werden auch buntes Glas und Goldtesserae verwendet.

Die musivische Fläche besteht aus fünf Teilen, dem Langhaus, der Vierung der Apsis und den beiden Nebenschiffen im vorderen Bereich, wobei unsicher ist, ob die Lücken und die Unterbrechungen zwischen einzelnen Teilen von vorneherein anders gestaltet waren oder nicht mehr erhalten sind.

Vom Westportal aus durch das gesamte Mittelschiff zieht sich mitten durch die Fläche ein Baumstamm mit mehreren Ästen und Verzweigungen, der jedoch nicht in einer Krone endet, sondern vor der Vierung abbricht. Der Baumstamm gliedert das Mosaik vertikal auf, wobei die entstandenen Hälften durch die horizontalen Äste, Linien und Inschriften weiter unterteilt werden. Zwei Elefanten tragen das Wurzelwerk des Baumes auf dem Rücken.

Eine Vielzahl von Menschen, Tieren, Fabelwesen und Monstren bevölkert das Westportal bis zum unteren Textband, dann folgen verschiedene Darstellungen aus dem Noah-Zyklus, abgegrenzt durch ein oberes Textband. Über diesem werden, in zwölf Medaillons eingegeben, die Arbeiten eines jeden Monats in Verbindung mit dem jeweiligen Sternzeichen des Monats dargestellt. Kurz vor der Vierung gibt es eine unbedeckte Fläche, wobei auch hier unklar ist, ob sie niemals ausgefüllt war oder nur zerstört wurde. Möglicherweise kam das Mosaik hier zu Schaden bei der Entfernung der erwähnten Marmorbalustrade, die Erzbischof Orsi im 18. Jahrhundert errichten ließ und die erst 1960 entfernt wurde.

Das Vierungsmosaik besteht aus 16 geometrisch angeordneten Medaillons. Die dargestellten Menschen-, Tier- und Mischgestalten sind durch teilweisen Einsatz von Glastesserae besonders aufwendig gestaltet. Den Abschluss der Vierung bilden ein Streifen mit Inschrift und ein schmales Tierfries, das jedoch stark zerstört ist.

In den Querhausarmen findet sich das Baummotiv verkleinert wieder, das beide Flächen vertikal teilt. Im linken Seitenarm trennt der Baumstamm die Bereiche Himmel und Hölle voneinander, während sich im rechten Seitenarm auf der durch horizontale Äste unterteilten Fläche eine Ansammlung von Tieren, Fabelwesen und Bestien befindet, die jedoch nur teilweise erhalten sind.

In der halbrunden Apsis erscheinen ungeordnete Einzelmotive, die sich teilweise zu Zyklen zusammensetzen lassen, wie wir noch sehen werden. Anders als in den vertikal und horizontal gegliederten übrigen Mosaikflächen sind die Darstellungen im Altarraum radial zum Hauptaltar hin angeordnet.

Zwischen Mittelschiff und Presbyterium gibt es keine unmittelbare Fortsetzung des Bodenmotivs, die Trennung wird im Gegenteil noch verstärkt durch eine Stufe, durch die die Apsis erhöht ist.

In Otranto finden wir zum ersten Mal im Mittelalter in Süditalien ein mosaico istoriato (bebildertes Mosaik) mit Darstellungen des Alten Testaments.[12]

[...]


[1] Zu erwähnen wären hier vor allem die Autorinnen Chiara Settis Frugoni und Nancy Rash Fabbri, deren Artikel und Dissertationen mir leider nicht zugänglich waren. Vgl. hierzu: Ungruh, Christine (2000): “Zur Ikonographie von Apokalypsekommentaren: das Apsismosaik der Kathedrale von Otranto”, in: Concilium medii aevi 3, 59 ff.

[2] Als Standardwerke zur Bestandsaufnahme gelten nach wie vor Haug (1977): Das Mosaik von Otranto, Darstellung, Deutung und Bilddokumentation, Wiesbaden und sehr umfangreich bebildert Willemsen (1992): Das Rätsel von Otranto: das Fußbodenmosaik in der Kathedrale. Eine Bestandsaufnahme, hrsg. von Magnus Ditsche, Raymund Kottje, Sigmaringen, das bereits 1980 auf Italienisch unter dem Titel L’enigma di Otranto. Il mosaico pavimentale del presbitero Pantaleone nella Cattedrale, Galatina erschienen ist.

[3] Coppola, Maria Augusta (2005): “Il pavimento musivo della Cattedrale di Otranto: in margine a pubblicazioni piu o meno recenti”, in: Studi medievali 46, 343-384.

[4] In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ließ Erzbischof Orsi die Fassade barock verstucken, doch nach knapp zweihundert Jahren wurde diese Fassade 1912 wieder abgerissen [vgl. Willemsen (1992), 12].

[5] Vgl. Willemsen (1992), 12.

[6] Ders., 33.

[7] Vgl. Ungruh (2000), 59.

[8] Cazzato, Mario (2001): Otranto: il mosaico pavimentale della cattedrale (XII secolo), Galatina, 10.

[9] Willemsen (1992), 137.

[10] Coppola (2005), 345.

[11] Vgl. Derosa, Luisa (2005): “[...] la cui provenienza è stata individuata nella zona di Tricase, Castro, Santa Cesarea Terme [...]”.

[12] Vgl. Willemsen (1992), 124.

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638727914
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72669
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,3
Schlagworte
Fußbodenmosaik Kathedrale Otranto

Autor

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