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Unabhängige Kulturszene ab Ende der 1970er Jahre. Die Punkbewegung in der DDR

Seminararbeit 2006 21 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte

3. Erste Phase (1977-1980)
3.1 Punk als Randgruppenerscheinung
3.2 Philosophie und politische Motivation
3.3 Artikulation über Musik
3.4 Reaktion des Staates

4. Zweite Phase (1981-83)
4.1 Punk als Massenbewegung
4.2 Politische Ambitionen
4.2.1 Friedensbewegung
4.2.2 Antifaschistische Bewegung
4.3 Artikulation über Musik
4.4 Reaktion des Staates
4.4.1 Beispiel Band Namenlos

5. Dritte Phase
5.1 Punk als Auflösungserscheinung

6. Schlussbetrachtung

Literaturliste

Anhang 1:

Anhang 2:

Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Mit dem Ende der 1970er Jahre entwickelte sich in der DDR, fern ab von der staatlich dosierten Kulturkost, eine äußerst lebendige Musik- und Kulturszene. Eine wichtige Rolle spielte dabei meiner Meinung nach die Punkbewegung. Dieser wichtigen Rolle möchte ich mit meiner Themenwahl gerecht werden und habe somit innerhalb der unabhängigen Kulturszene den Fokus auf die ostdeutsche Punkbewegung gelegt. In Anbetracht meines sehr politiklastigen Studiums zog mich mein Interesse zu den politischen Hintergründen der Bewegung. Ich beschloss meine Forschung auf die Frage der politischen Motivation und Ambition der Punkbewegung zu konzentrieren. So lautet denn auch meine Ausgangsfrage „Inwiefern war die ostdeutsche Punkbewegung politisch motiviert und ambitioniert?“. Bei der nun folgenden Literatursuche musste ich jedoch Kompromisse eingehen, denn die Materiallage erwies sich insofern als schwierig, als dass es keine wissenschaftliche Literatur zu meiner Fragestellung gab. Es stand viel Literatur in Form von Quellen zur Verfügung, die ich dann auch in meine Arbeit einfließen ließ.

Die Klärung meiner Frage habe ich in drei verschiedene Phasen eingebettet, die vorweg von einer kurzen Übersicht zur Entstehungsgeschichte des Punks begleitet werden. Innerhalb der Phasen werde ich verschiedene Punkte abarbeiten, die meiner Meinung nach für einen Überblick über die ostdeutsche Punkbewegung unerlässlich sind. Dabei verliere ich jedoch die Frage nach politischer Motivation und Ambition nicht aus den Augen. Die erste Phase, von mir festgelegt auf den Zeitraum 1977-80, gibt einen Einblick in die Anfangszeit der Punkbewegung, als Punks auf öffentlicher Straße noch als Ausnahmeerscheinung galten und Punkmusik noch in Garagen geboren wurde. Die zweite Phase, festgelegt auf die Jahre 1981-83, widmet sich dem Übergang der Kultur zur Massenbewegung. Ähnlich strukturiert wie die erste Phase, dient Phase zwei als direkte Gegenüberstellung und verdeutlicht dadurch um so mehr die Entwicklung der Punkbewegung. Die dritte Phase, begrenzt auf die Jahre 1984-89, fällt um einiges kürzer aus als die beiden vorherigen und dient dazu ein schlüssiges Gesamtbild zu erschaffen. Erkenntnisse und Ergebnisse meiner Forschung werden schließlich in meiner Schlussbetrachtung zusammengefasst.

2. Entstehungsgeschichte

Das Wort „Punk“ wird heute in allgemein gebräuchlichen Übersetzungswerken folgendermaßen übersetzt: „1. Zunderholz n; Zündmasse f; F Mist m, Käse m; 2. sl. Miserabel, nichts wert.[1]

Bereits im 16. Jahrhundert soll das Wort laut Oxford Dictionary mit einer eigenen Bedeutung belegt worden sein, die als Substantiv soviel wie „Hure“, als Adjektiv „verdorben, wertlos, ohne irgendwelche Qualitäten“ aussagte.[2] Andere Forscher wollen herausgefunden haben, dass es eine ursprüngliche Slangbezeichnung für schimmeliges, altbackenes Brot darstellt.[3] Allen Übersetzungen sind in ihren Bedeutungen oder in der Interpretation dieser die Attribute „wertlos, eklig und abstoßend“ gemein.

Wertlos, eklig und abstoßend, wie der Müll einer ganzen Gesellschaft, so fühlte sich Mitte der 70er Jahre ein Großteil der Jugend in Großbritannien. Punk wurde von vielen, vor allem von der Proletarierjugend, als Spiegelbild ihrer Lebenssituation verstanden. Diese war geprägt von Jugendarbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und wachsender Aggressivität. Mit dem Punk-Sein, der bewussten Zurschaustellung von Hässlichkeit, lehnte sich die Jugend gegen konventionelle Wertevorstellungen der britischen Industriegesellschaft auf, in der einer arbeitslosen Jugend die Rolle des Versagers zugewiesen wurde.[4] Zeitgleich ging ein neu entstehender Musikstil gegen die konventionelle und alt gewordene Rockmusik vor. Bands wie Genesis, Supertramp oder Pink Floyd waren in den Augen der Jugendlichen nur noch ein Amüsement, welches der Regierung half, den Mob von der Straße fernzuhalten[5]. Auch war die damalige Musik mit ihrem Inhalt und den kommerziellen Auswüchsen (Konzerte, Schallplatten, usw.) weit entfernt vom Lebensalltag der englischen Jugendlichen.

Die alten Rockgiganten wurden ersetzt durch neue junge Bands wie den Sex Pistols, The Clash oder The Damned. Das hieß Rückentwicklung zur Primitivität, zur Urform des Rocks aus den Anfangsjahren. Dieser neue und außerhalb der Lebenszusammenhänge der Arbeiterjugend entstandene Musikstil fiel bei den Jugendlichen auf fruchtbaren Boden und bildete zusammen mit dem wahrgenommenen Gefühl des nicht Wert seins eine Symbiose, die sich in einer neuen Jugendkultur manifestierte. Mittels Fernsehen, Radio und vor allem Printmedien verbreitete sich die neue Jugendkultur in ganz Europa, war doch die Jugendarbeitslosigkeit nicht nur in Großbritannien ein Problem.

3. Erste Phase (1977-1980)

3.1 Punk als Randgruppenerscheinung

Mit dem Ende der 70er Jahre fand die neu entstandene Jugendkultur Punk ihren Weg über den Ärmelkanal und zog auch Teile der sozialistischen Jugend der DDR in ihren Bann. Anders als in Großbritannien, wo die meisten Punks tatsächlich der Arbeiterklasse entstammten, wurde die ostdeutsche Punkszene von Beginn an von Kindern aus gutbürgerlichen oder SED-privilegierten Elternhäusern dominiert.[6] Anfängliche Zentren der neuen Jugendkultur fanden sich in Berlin und Leipzig, doch traten auch dort Punks in der Anfangsphase nur sehr vereinzelt auf und hielten sich vielmehr bedeckt.[7] Als Randgruppe mussten die Punker stets mit offenen Anfeindungen bis hin zu tätlichen Angriffen ihrer Mitmenschen rechnen. Angesichts dessen entwickelte sich unter den Punks ein großer Zusammenhalt, der die Existenz von republikweiten Kontaktnetzen und damit landesweite Zusammentreffen begünstigte.[8] Grund für viele Anfeindungen war das auffällige und meist abstoßende Äußere der Punks. Diese bedienten sich in Sachen Mode sämtlicher von der Gesellschaft verpönten und verdrängten Dinge. Alles was im konventionellen Alltag als obszön, abstoßend oder gar aggressiv gewertet wurde, fand das modische Interesse der Punks. Neben Irokesenschnitt, der Ratte auf der Schulter oder Hundehalsbändern, fanden auch Naziinsignien ihren Einzug in die Mode.[9] Besonderer Beliebtheit erfreuten sich kleine Plaketten mit Aufschriften wie z.B. „Anarchie“ o „Perestroika“, die an Kleidung und Taschen geheftet wurden.[10] Das Äußere eines Punks, die demonstrative Hässlichkeit, sollte schocken und provozieren[11] und verfehlte dabei selten sein Ziel.

[...]


[1] Heinz Messinger/ Gisela Türck/ Helmut Willmann, Langenscheidts Taschenwörterbuch Englisch. Englisch-Deutsch, Deutsch-Englisch, 28. Aufl. Berlin 1998, S. 445.

[2] o. Verf., Punk: Nadel im Ohr, Klinge am Hals, in: Spiegel, 4. 1978, S. 141.

[3] Ebd.

[4] Philipp Mühlberg/ Manfred Stock, Die Szene von Innen. Skinheads, Grufties, Heavy Metals, Punks, Berlin 1990, S. 163

[5] Klaus Farin, Jugendkulturen zwischen Kommerz und Politik, Berlin 1998, S. 78

[6] Ebd., S. 90

[7] Peter Wensierski/ Wolfgang Büscher, „Wenn du unten bist, tauchst du ab“. DDR-Jugendszene (I): Punker und Aussteiger, in: Spiegel, 40. 1983, S. 122

[8] Farin, Jugendkulturen, S. 89

[9] Mühlberg/ Stock, Die Szene von Innen, S. 165

[10] Michael Horschig, In der DDR hat es nie Punks gegeben, in: Ronald Galenza/ Heinz Havemeister (Hg.), Wir wollen immer artig sein Punk, New Wave, HipHop, Independent-Szene in der DDR 1980-1990, Berlin 1999, S. 20

[11] Nikolaus Becker/ Gilbert Furian, „Auch im Osten trägt man Westen“. Punks in der DDR – und was aus ihnen geworden ist, Berlin 2000, S. 13

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638635646
ISBN (Buch)
9783638774185
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72651
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Unabhängige Kulturszene Ende Jahre Punkbewegung Widerstand

Autor

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Titel: Unabhängige Kulturszene ab Ende der 1970er Jahre. Die Punkbewegung in der DDR