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Die Darstellung der Liebe im "L'Heptaméron" von Marguerite de Navarre

Hausarbeit 2006 17 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Liebe – zentrales Thema im „L `Heptaméron“

2. Aspekte der Liebe in Beispielnovellen
2.1 In fremden Betten: List, Fremdgehen, Eifersucht
2.1.1 Die III. Novelle: List und Betrug am Hofe
2.1.2 Die XV. Novelle: Vernachlässigung durch den Ehemann als Ursache des Fremdgehens
2.1.3 Die XXXII. Novelle: Grausame Bestrafung einer Ehebrecherin
2.2 Gelebte Liebe: Selbstkontrolle und Selbstaufopferung
2.2.1 Die XVI. Novelle: Zügelung der Begierde zur Erlangung vollkommener Liebe
2.2.2 Die XXXVII. und die XXXVIII. Novelle: Tugenden einer guten Ehefrau:
Geduld und Toleranz
2.3 Ungelebte Liebe: Entsagung und Hinwendung zu Gott
2.3.1 Die X. Novelle: Ungezügelte Leidenschaft zerstört die Liebe und den Liebenden
2.3.2 Die XIX. Novelle: Die göttliche, vergeistigte Liebe als Ideal

3. Idealbild der Liebe und Realität im Zeitalter der Renaissance
3.1 Ehe ohne großes Ansehen im Frankreich des 16. Jahrhunderts
3.2 Leidenschaft und Gewalt
3.3 Ehre und Ehrerhaltung bei Hofe
3.4 Das Idealbild: Die göttliche Liebe

4. Gesellschaftskritik unter dem Deckmantel des novellistischen Erzählens

5. Bibliographie

1. Die Liebe – zentrales Thema im „L `Heptaméron“

Die Liebe, das immerwährende Thema der Weltliteratur. Auch in den 72 Novellen des „L ` Heptaméron“, des Spätwerks der französischen Renaissance-Schriftstellerin Marguerite de Navarre (1492-1549), steht die Liebe in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen im Vordergrund: „Le sujet de l´ Heptaméron est d´ abord et avant tout l´ amour”[1]. Marguerite de Navarre - Schwester von König Franz I. von Frankreich und Frau des Königs von Navarra, Diplomatin, Regierende, Mäzenin für Kunst und Literatur - schrieb das „Heptaméron“ gegen Ende ihres Lebens: Neun Jahre nach ihrem Tod erschien die unvollendete Novellensammlung, die eigentlich auf 100 Novellen angelegt war, nach dem Vorbild von Boccaccios „Decameron“.[2] Fast alle Geschichten handeln von „Amouren innerhalb der französischen Hofgesellschaft, von rohen Leidenschaften der Hofbediensteten oder der Kleriker.“[3]

Die Rahmenhandlung präsentiert dem Leser fünf Männer und fünf Damen adeliger Herkunft, die in einem Pyrenäenkloster auf Grund eines Hochwassers für einige Tage von der Außenwelt abgeschnitten sind. Zum Zeitvertreib, da man nichts anderes zu tun hat, beginnt man, sich gegenseitig unterhaltsame Geschichten zu erzählen, in deren Mittelpunkt Lust, Liebe und Leidenschaft stehen, so dass sich „Von Anfang an … ein rein künstlerisches, rein novellistisches Werk anzukündigen“[4] scheint. Die Erzähler betonen jeweils den Wahrheitsgehalt der Ereignisse. Obwohl das „L` Heptaméron“ ein fiktionales literarisches Werk ist, wird allgemein angenommen, dass nicht daran zu zweifeln ist, „que beaucoup d` histories, attestées ou non, prennent leur source dans la réalité contemporaine”[5].

Dass die an Menschenkenntnis reiche Marguerite de Navarre hinter diesem Motiv des „passe-temps“ gegen die Langeweile ihre gesellschaftspädagogischen Ziele versteckt und eine „psychologische und moralische Untersuchung der Zeit“[6] vornimmt, wird erst bei näherer Betrachtung deutlich. Welche Aspekte, welches Bild der Liebe entwirft nun Marguerite de Navarre in ihren Novellen, die fast alle als „histoires autonomes“[7] stehen?

2. Aspekte der Liebe in Beispielnovellen

2.1 In fremden Betten: List, Fremdgehen, Eifersucht

2.1.1 Die III. Novelle: List und Betrug am Hofe

Die meisten Novellen des „Heptaméron“ spielen an Königshöfen, im aristokratischen Milieu, beispielsweise die III. Novelle “en la ville de Naples, du temps du roy Alfonce, duquel la lascivité estoit le sceptre de son royaulme”[8]. Mit „lascivité“ wird schon eine Charaktereigenschaft des Sittenbildes genannt, das Marguerite de Navarre entwirft : Das Liebesleben bei Hofe ist geprägt von Seitensprüngen untreuer Ehemänner und –frauen. In der III. Novelle verliebt sich der König in die Frau eines Edelmanns. Das Paar scheint glücklich und verliebt, doch dies hält den König nicht davon ab, die Frau zu seiner Geliebten machen zu wollen, denn er “ne print pas tant de plaisir au doulx accord de son mary et d´ elle qu´ il fist à penser comme il le pourroit romper.”[9]. Die Frau erscheint als wankelmütiges Wesen, deren Gefühle schnell umschlagen, denn kaum ist ihr Mann auf einer Geschäftsreise, verschwendet sie keinen Gedanken mehr an die Liebe, die sie noch vor kurzem mit ihrem Mann verband und wird “sy amoureuse du roy”[10]. Das einzige, was sie fürchtet, ist das Gerede der Leute bei Hofe, der Verlust ihrer Ehre. Doch der König verspricht ihr, die Affaire geheim zu halten, “sy secretement que l´ honneur, qu´ elle craignoit plus que la conscience, n´ en seroict poinct blessé.”[11].

Das Motiv der Ehre, die die Hofdamen um jeden Preis behalten wollen, zieht sich wie ein roter Faden durch Marguerite de Navarres Novellensammlung. Nicht der Betrug an sich macht den Damen zu schaffen, sondern der mögliche Ehrverlust.

Der Edelmann, der von der Affaire seiner Frau mit dem König erfährt, reagiert mit einer List: Er macht seinerseits die Königin zu seiner Geliebten, ohne dass seine Frau und der König dessen gewahr werden. Die Königin weiß von den Eskapaden ihres Mannes und nimmt diese hin, da sie weiß: “Je ne puis pas avoir l´ honneur et le plaisir ensemble. Je scay bien que j´ ay l´ honneur dont une autre recoit le plaisir; aussy, celle qui a le plaisir n´ a pas l´ honneur que j´ ay.”[12]

Das Vergnügen ist also den Geliebten vorbehalten, der Ehefrau bleibt dafür die Ehre. Vergnügen und Liebe in der Ehe erscheinen als unvereinbare Gegensätze. Nachdem der Edelmann die Königin von seiner Liebe und der Rechtmäßigkeit seines Tuns überzeugt hat, willigt sie ein, seine Geliebte zu werden, um ihrerseits ihr Vergnügen außerhalb der Ehe zu finden. “Parquoy, vesquirent si longuement d´ un cousté et d´ autre en ceste amytié que la vieillesse y mist ordre.”[13] Die List des Edelmanns hat also dazu geführt, dass sowohl er und die Königin als auch seine Frau und der König ihre Affairen bis an ihr Lebensende offensichtlich zufrieden weiterführen, wobei die letzteren während all der Jahre nicht erfahren, dass nicht nur sie diejenigen sind, die fremdgehen, sondern auch ihre jeweiligen Partner.

2.1.2 Die XV. Novelle: Vernachlässigung durch den Ehemann als Ursache des
Fremdgehens

In der XV. Novelle ist es die junge Frau eines älteren Mannes, die untreu wird. Die Tatsache, dass ihr Mann “tenoit si peu de compte de sa femme que à peine en ung an couchoit il une nuyct avecq elle”[14], rechtfertigt ihr Verhalten insofern, dass sie ihren Mann nur deshalb betrügt, weil er sie sexuell und emotional vernachlässigt. Wonach sie so lange gedürstet hatte, erhält sie endlich von ihrem Liebhaber: „prenoit elle grant plaisir à parler à luy et de se veoir aymée et estimée; chose dont quasy elle estoit affamée.“[15] Ihr Mann ahnt das Verhältnis und droht, sie zu töten, sollte sich sein Verdacht bestätigen („il la tueroit sans pityé ne compassion.“[16]).

Hier wird deutlich, dass in der Ehe eindeutig der Mann der Bestimmende ist und die Frau sich ihm unterordnen muss. Die junge Frau hat so große Angst vor ihrem Mann, dass sie glaubt, wirklich sterben zu müssen („porte ce malheureux corps à la mort!“[17]), als die Enthüllung ihres Fremdgehens tatsächlich droht. In ihrer Verzweiflung rettet sie sich mit einer flammenden Rede, in der sie nur einen Kuss zugibt („l´ aye baisé“[18]) und auf die theoretische Gleichheit von Mann und Frau hinweist. Für Männer und Frauen, die ihre Gattinnen und Gatten betrügen, gelte dasselbe Recht: „Et, combien que la loy des hommes donne grant deshonneur … aux femmes qui ayment autres que leurs mariz, sy esse que la loy de Dieu n´ exempte poinct les mariz qui ayment autres que leurs femmes.”[19]

Sie betont auch, dass nur die Verzweiflung sie zu einer solchen Tat getrieben habe: “j´ ay aymé par le desespoir de ne jamais pouvoir estre aymée de vous.”[20]. Der Mann vergibt ihr, woraufhin sie sich weiterhin mit ihrem Liebhaber trifft. Nach dem Tod ihres Gatten und ihres Liebhabers sucht sie sich gleich einen neuen, weshalb ihr Verhalten am Schluss der Novelle in keinem sehr positiven Licht erscheint, verleiht sie sich dadurch doch den Anschein einer vergnügungssüchtigen, gewissenlosen Frau (“despite, vindicatifve, poiniastre et muable”[21]). In der abschließenden Diskussion, in der die Novellen stets von mehreren Seiten beleuchtet werden, wird ihr Tun aber auch milder beurteilt, denn “quel crevecueur c´ est quant on l´ ayme sans estre aymé.”[22]

2.1.3 Die XXXII. Novelle: Grausame Bestrafung einer Ehebrecherin

Auch in der XXXII. Novelle steht der Seitensprung einer jungen Ehefrau im Mittelpunkt. Hier frappiert die Grausamkeit der Rache des betrogenen Ehemanns, der den Grund für den Betrug im Vergessen der Ehre und der Liebe zu ihm sieht: „elle oublya tant son honneur, sa conscience et l´ amour qu´ elle avoit en moy qu´ elle fut amoureuse d´ un jeune gentilhomme”[23]. Er überrascht die beiden im Schlafzimmer und tötet den Liebhaber noch in den Armen der Frau: “je sailliz dehors et le prins entre ses braz, où je le tuay.”[24]

Für die Untreue ersinnt er eine schrecklichere Rache als den Tod, denn „une telle mort n´ estoit suffisante pour la pugnyr“[25]. Fortan muss sie, schwarz gewandet und kahl geschoren, mit dem Gerippe ihres getöteten Liebhabers in einem Zimmer hausen und anstatt aus Bechern aus seiner Schädeldecke trinken. Diese Strafe wird von der Diskussionsrunde durchweg als zu hart empfunden, da der schwache Mensch von Natur aus zur Sünde neige: “sy toutes celles à qui pareil crime est advenu beuvoient en telz vaisseaulx, j´ aurois grant peur que beaucoup de coupes dorées seroient convertyes en testes de mort.”[26]

2.2 Gelebte Liebe: Selbstkontrolle und Selbstaufopferung

2.2.1 Die XVI. Novelle: Zügelung der Begierde zur Erlangung vollkommener Liebe

Neben solch drastischen Darstellungen von Ehebruch und Rache steht in anderen Novellen die Triebkontrolle und Selbstbeherrschung der Liebenden im Vordergrund. In der XVI. Novelle macht ein junger Edelmann einer Dame aus Mailand den Hof. Diese - wohlbedacht auf ihren Ruf, ihre Ehre und Sittsamkeit - unterwirft ihr Verlangen strenger Selbstkontrolle und gibt sich ihm erst nach vielen Prüfungen und Zurückweisungen hin. „Et, après plusieurs reffuz, peines, tourmens et desespoirs, voyant la grandeur et perseverance de son amour, ceste dame eut pityé de luy et luy accorda ce qu´ il avoit tant desire et si longuement attendu.”[27]

Die Dame strebt nach der vollkommenen Liebe, die nicht dem ersten Begehren nachgibt, sondern tiefe Erfüllung verspricht, ohne dass ihre Ehre darunter leidet.

“Il est vray que l´ honneur, qui tousjours m´ avoit conduicte, ne vouloit permectre que amour me fist faire choses dont ma reputation peust empirer. …la preuve de la parfaicte amytié a faict accorder l´ honneur avecques l´ amour.”[28]

Daher zügelte sie ihre Begierden so lange, bis sie sich von den redlichen Absichten und der wahren Liebe des jungen Verehrers überzeugt hatte.

[...]


[1] Tetel 1991, S. 17

[2] Vgl: Schönberger 1993, S. 13

[3] Ebd., S. 59

[4] Pabst 1967, S. 187

[5] Bessière/ Daros (Hg.) 1996, S. 100

[6] Febvre 1998, S. 223

[7] Bessière/ Daros (Hg.) 1996, S. 75

[8] De Navarre: Heptaméron. Edition critique par Renja Salminen 1999, S. 26

[9] Ebd., S. 26

[10] Ebd., S. 27

[11] Ebd., S. 27

[12] Ebd., S. 28

[13] Ebd., S. 32

[14] Ebd., S. 144

[15] Ebd., S. 146

[16] Ebd., S. 149

[17] Ebd., S. 150

[18] Ebd., S. 152

[19] Ebd., S. 152

[20] Ebd., S. 153

[21] Ebd., S. 158

[22] Ebd., S. 159

[23] Ebd., S. 297

[24] Ebd., S. 297

[25] Ebd., S. 297

[26] Ebd., S. 299

[27] Ebd., S. 162

[28] Ebd., S. 163

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638720687
ISBN (Buch)
9783638755009
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72616
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Darstellung Liebe Heptaméron Marguerite Navarre Renaissance Frankreich Novelle Decamerone amour Neuplatonismus Ehebruch parfaicts amants Amadour Floride

Autor

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