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Jüdische Migration in den USA zur Zeit der Great Depression am Beispiel Saul Bellows "Augie March"

Hausarbeit 2002 15 Seiten

Pädagogik - Interkulturelle Pädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Situation in Osteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts

3 Saul Bellow
3.1 Familienhintergrund
3.2 Biographie

4 Jüdische Immigranten aus Osteuropa und die "Great Depression"
4.1 Der New Yorker Börsenkrach und die Folgen
4.2 Auswirkungen auf jüdisches Familienleben
4.2.1 Die Rolle der Mütter und Frauen
4.2.2 Die Rolle der Söhne und Töchter
4.2.3 Die Rolle der Väter und Männer

5 Der Roman Die Abenteuer des Augie March
5.1 Inhalt
5.2 Darstellung jüdischen Familienlebens zu Zeiten der „Great Depression“

6 Zusammenfassung und Schluss

7 Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Das Seminar "Migration und interkulturelle Erziehung“ beschäftigte sich hauptsächlich mit Einwanderung in der Moderne, aber auch ihren historischen Ursachen, und spezifischen Problemen bei der Integration im Bildungssystem.

Dabei ging es um Chancen und Schwierigkeiten, die sich für Migranten im - freiwilligen oder unfreiwilligen - Zielland auftaten. Dieses Hauptseminar in der Abteilung Soziologie im Institut für Allgemeine Pädagogik, wird hauptsächlich von Pädagogikstudenten und Pädagogikstudentinnen besucht. Ihr Ziel ist eine Ausbildung für den Umgang mit Schülern nichtdeutscher Herkunft und den damit aufgeworfenen Konflikten. So wurde sich ausgiebig mit Migration in Deutschland befasst. Im Seminar dienten Filme, Sachtexte und Referate als Quellen. Fiktionale Materialien haben aber demgegenüber oft den Vorteil, anschaulicher zu berichten als manche Statistiken und Artikel.

Deshalb möchte ich diese Hausarbeit unter einem anderen Schwerpunkt angehen:

Saul Bellow ist Autor und Kind russisch-jüdischer Immigranten. Häufig thematisiert er in seinen Büchern jüdische Assimilation, also: Integration, aber ebenso die Wahrung jüdischer Werte und Normen in der Moderne, also: Probleme de Erziehung.

In dieser Hausarbeit soll an dem Roman Die Abenteuer des Augie March gezeigt werden, dass auch Bellows Erzählungen die Entwicklung immigrierter Juden in Amerika historisch belegen können. Dabei beschränkt sich diese Seminararbeit auf den Aspekt jüdischen Lebens im Einwanderungsland zu Zeiten der "Great Depression".

Zunächst sollen die Gründe angeführt werden, die osteuropäische Juden zur Emigration bewegten. Auch wenn eine Übertragung auf heutige Einwanderungsbewegungen nicht haltbar wäre, so lässt sich dennoch Interessantes ableiten.

Die Folgen der Weltwirtschaftskrise in den 1930ern für jüdisches Familienleben hat Beth S. Wenger, Professorin für amerikanisch-jüdische Geschichte, in ihrem Buch New York Jews And The Great Depression - Uncertain Promise beschrieben. Diese Auswirkungen werden im Anschluss an die Biographie Saul Bellows zusammengefasst.

Im zweiten Teil der Hausarbeit wird dann Bellows Roman Die Abenteuer des Augie March vorgestellt und im Hinblick auf Parallelen zu Wengers Schilderungen untersucht.

2 Situation in Osteuropa zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Zwischen den frühen 1880er Jahren und dem Ersten Weltkrieg emigrierten 2,5 Millionen osteuropäische Juden in den Westen.[1] Den meisten Juden erschien die USA als Zielland am attraktivsten. Sie erhofften sich hier neben Arbeitsplätzen, politischer und religiöser Gleichberechtigung auch die Chance auf sozialen Aufstieg, da sich ihre Lebenssituation in Russland kontinuierlich verschlechtert hatte:

Aufgrund von Überbevölkerung und einem Ausbleiben der industriellen Revolution im zaristischen Russland herrschte großer Arbeitsplatzmangel.[2]

Am 1. März 1881 war Zar Alexander II. von Revolutionären ermordet worden. Die Beteiligung einer Jüdin an dem Attentat gab Kleinbürgern und Bauern den Vorwand für eine Welle antijüdischer Pogrome in der Ukraine, in Warschau, später auch auf dem Land.[3] Dabei kam es neben Vergewaltigungen, Plünderungen und Verletzten auch 40 Tote. Das Attentat war außerdem Anlass für eine Wende in der russischen Judenpolitik.

Erneut hatten Menschen jüdischen Glaubens mit rechtlicher Benachteiligung und Ausgrenzung zu kämpfen. Seit 1882 erließ die Regierung wieder diskriminierende Gesetze. So wurde, um ostslawische Bauern vor jüdischer Konkurrenz zu „schützen“, die Neuansiedlung von Juden auf dem Land verboten. Der Siedlungsrayon – 15 Gouvernements im Westen, zehn im Königreich Polen – blieb erhalten. Die Reformen Alexanders II, die zur Assimilation und Integration der Juden hatten beitragen sollen, wurden rückgängig gemacht. Juden durften sich nur innerhalb des vorgeschriebenen Bereiches aufhalten. An Universitäten und in Gymnasien wurde ein Numerus Clausus eingeführt, der die Anzahl der studierenden Juden stark beschränkte.[4]

In der osteuropäischen Bevölkerung wuchs der Antisemitismus. Viele assoziierten mit dem Juden sowohl den kapitalistischen Ausbeuter der Unterschicht, als auch den kommunistischen oder anarchistsichen Revolutionär. Juden mussten als Sündenböcke für soziale und wirtschaftliche Probleme, die sich aus der fortschreitenden Industrialisierung ergaben, herhalten. Legenden über jüdische Verschwörungen halfen, die städtischen Unterschichten zu instrumentalisieren. 1903 und während der Revolution 1905 kam es erneut zu Pogromen.[5]

Die ständigen Reglementierungen und Benachteiligungen verhinderten den sozialen Aufstieg der Juden. Anfang des 20 Jahrhunderts war die jüdische Frage in Russland keineswegs gelöst. Einen Ausweg sahen viele „Ostjuden“ in empanzipatorischen Massenbewegungen wie dem Zionismus oder der revolutionären Arbeiterbewegung, andere emigrierten.[6]

3 Saul Bellow

„Saul Bellow’s fiction, emanating from the core of Jewish thought and history, is similarly universal. The Bellow canaon reveals the influence of Jewish thought, language, and history on theme, character constructs, and literary style“.[7]

3.1 Familienhintergrund

Saul Bellows Vater, Abraham Bellow, stammt aus Russland. Als Jude besitzt auch er keine Sondergenehmigung um außerhalb des vorgeschriebenen Siedlungsrayons leben und arbeiten zu dürfen. Als Geschäftsmann ist er jedoch häufig illegal in St. Petersburg unterwegs, um Produkte aus der Türkei oder Ägypten zu erwerben. Bereits 1913 gerät er darüber in Konflikt mit russischen Autoritäten, so dass er schließlich nach Kanada flieht. Bei Verwandten kommt er in Lachine, einem Vorort von Montreal, unter. Im November 1913 folgt Abrahams Frau mit ihren drei Kindern Zelda, Movscha und Samuel.[8] Gemeinsam blicken sie einem Neuanfang ohne staatliche Diskriminierung entgegen.

In Kanada machten Immigranten zwischen 1911 und 1921 bereits 19,4 % der Bevölkerung aus[9]. Montreal als Industriestadt verspricht auch die so wichtigen Arbeitsplätze, weshalb hier Polen, Italiener, Ukrainer und Juden zusammen mit Franko-Kanadiern und Indianern leben.

Abraham Bellow jedoch ist auch in Montreal nicht sehr erfolgreich, er verdingt sich als Alkoholschmuggler.[10]

3.2 Biographie

Saul Bellow wird als Solomon Bellow am 10. Juni 1915 in Lanchine geboren. Seine Familie wohnt in einer Mietskaserne der St. Domique Street. Die ersten acht Jahre seiner Kindheit verbringt er also in ärmlichen Verhältnissen des rauhen, slumähnlichen Einwanderungsviertels Montreals. Er wächst mehrsprachig, mit Englisch, Russisch, Jiddisch und Hebräisch auf.[11] Bereits in seiner Kindheit wird Bellow mit jüdischen Traditionen und jüdischer Kultur vertraut gemacht, ein Gepräge das alle seine Werke spürbar durchzieht. Er besucht eine protestantische Schule in Montreal, in der er auch Französisch lernt. Schon als kleiner Junge ist er phantasievoll und von Büchern begeistert, damit trifft er auf wenig Verständnis bei seinen Eltern.[12]

[...]


[1] aus: Michael R. Maruns: The Unwanted - European Refugees in the Twentieth Century. New York: Oxford University Press, 1985, S. 27

[2] aus: Arthur Herzberger: Shalom, Amerika! – Die Geschichte der Juden in der Neuen Welt, München: Knesebeck, 1992, S. 81

[3] aus: Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich – Enstehung, Geschichte, Zerfall. München: Verlag C.H. Beck, 20012, S. 221

[4] ebenda, S. 222

[5] aus: Heiko Haumann: Geschichte der Ostjuden, München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, 19995, S. 87 (S. 85-87)

[6] aus: Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich, S. 223f

[7] aus: S. Lillian Kremer: Saul Bellow's Remembrance of Jewish Times Past: Herzog and "The Old System". in: Eugene Hollahan (Hrsg.): Saul Bellow And The Struggle At The Center. New York: AMS Press New York, 1996, S. 101

[8] aus: Ruth Miller: Saul Bellow – A Biography of the Imagination, New York: St. Martin`s Press, 1991, S. 2f

[9] aus: Steven Globerman: The Immigration Dilemma. Vancouver B.C.: The Fraser Institute, 1992

[10] siehe: Petri Linkkonen, http://www.kirjasto.sci.fi./bellow.htm, 16.01.2002

[11] siehe: Carl Bruckner, http://www.lfa.atu.edu/Bruckner/Bellow.html , 02.02.2002

[12] aus: Ruth Miller: Saul Bellow

Details

Seiten
15
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638632652
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72596
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Allgemeine Pädagogik
Note
1,7
Schlagworte
Jüdische Migration Zeit Great Depression Beispiel Saul Bellows Augie March

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Titel: Jüdische Migration in den USA zur Zeit der Great Depression am Beispiel Saul Bellows "Augie March"