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Losgelöst von Zeit und Raum? Das Konzept der Telearbeit als neue Arbeitsform im Computerzeitalter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 51 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhalt

1 Problemstellung und Einführung
1.1 Auf dem Weg von einer Industrie- zur Informationsgesellschaft
1.2 Informations- und Kommunikationstechnologien und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Arbeitswelt

2 Telearbeit: Definitionen, Formen und Entwicklungen
2.1 Vergleich verschiedener Definitionen der Telearbeit
2.2 Formen der Telearbeit
2.3 Entwicklung der Telearbeit

3 Rechtliche, organisatorische und technische Rahmenbedingungen
3.1 Rechtliche Rahmenbedingungen
3.2 Organisatorische Rahmenbedingungen
3.3 Technische Rahmenbedingungen

4 Erwartungen an die Telearbeit
4.1 Arbeitgeber- und Arbeitnehmererwartungen
4.1.1 Erwartungen der Arbeitgeber
4.1.2 Erwartungen der Arbeitnehmer
4.2 Gesellschaftliche Erwartungen bzw. Erwartungen der Öffentlichkeit

5 Räumliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen der Telearbeit
5.1 Gegenwärtige groß- und kleinräumige Entwicklungstendenzen
5.2 Räumliche Auswirkungen der Einführung von Telearbeit
5.2.1 Telearbeit – Chancen für den ländlichen Raum?
5.2.2 Auswirkungen der Telearbeit auf die Raumstruktur
5.3 Mögliche Verkehrseffekte bei Einführung von Telearbeit
5.4 Gesellschaftliche Auswirkungen
5.5 Wirtschaftliche Auswirkungen
5.5.1 Kosten der Telearbeit
5.5.2 Quantitative und qualitative Nutzen der Telearbeit

6 Das Beispiel TWIST – Teleworking in flexiblen Strukturen bei der BMW Group

7 Telearbeit – losgelöst von Zeit und Raum?

8 Literaturverzeichnis

9 Weiterführende Literatur

10 Abbildungsverzeichnis

11 Ausgewählte Gesetze und Verordnungen

1 Problemstellung und Einführung

In den letzten Jahren wurde der Begriff „Telearbeit“ zu einem oft, aber meist ungenau, gebrauchten Schlagwort, mit dem eine nicht mehr so neue Arbeitsform im Computerzeitalter beschrieben wird. Bereits in den 1970er Jahren gab es in den USA erste Untersuchungen zum Potenzial und zur Verbreitungsgeschwindigkeit der Telearbeit. Allerdings wurde das damals ganz aktuelle und sehr neue Phänomen euphorisch behandelt und deutlich überschätzt (vgl. Kaleja/Meyer 1996:2). Deshalb soll in der vorliegenden Arbeit zunächst eine allgemeine Hinführung mit einem kurzen Überblick über die Entwicklungsgeschichte der Informations- und Kommunikationsgesellschaft gegeben werden. Daraufhin kann dann eine Begriffserklärung und Definition der verschiedenen Arten der Telearbeit und eine Darstellung der Trends und Entwicklungstendenzen sowie deren Auswirkungen auf die wirtschaftliche, gesellschaftliche und räumliche Entwicklung stattfinden. In der Regel wird dabei die Entwicklung in Deutschland betrachtet.

1.1 Auf dem Weg von einer Industrie- zur Informationsgesellschaft

In den 1970er und 1980er Jahren setzte in Deutschland in der bis dahin industriell geprägten (Arbeits-) Welt ein technologischer Wandel ein, der in Diskussionen als eine Art „industrielle Revolution“ bezeichnet werden kann, wie sie in den Jahren 1760 bis 1850 in Großbritannien beim Übergang von der handarbeitlichen zur maschinellen Produktion zu beobachten war. Ob dieser Wandel in der Tat als Revolution bezeichnet werden kann ist zu hinterfragen, er führte auf jeden Fall zu tiefgreifenden Umwälzungen der technischen Strukturen der industriellen Welt (vgl. von Schwartz 1999:3-5). Im Zug dieses technologischen Wandels hielten die Begriffe „Informationsrevolution“, „Informatisierung“, „Informationsgesellschaft“ und andere Einzug in den Sprachgebrauch. Die Informatisierung von Arbeitswelt und Gesellschaft zeigte sich einerseits durch immer neue leistungsfähige Informationstechniken und andererseits durch eine steigende Informationskomplexität. Insgesamt wird die sogenannte Informationsgesellschaft als nachindustrielle Gesellschaft angesehen, da schon heute erhebliche Aktivitäten auf der Informationsebene ablaufen und materielles Wachstum Grenzen hat. Der immateriellen Seite, zu der die Informationstechnik zählt, wird innerhalb dieses Prozesses ein Bedeutungsgewinn prognostiziert (nach Dostal 1999:13). Der relativ unscharfe Begriff der Informationsgesellschaft beinhaltet einen wachsenden Bedarf sowie ein wachsendes Angebot an Informationen in Verbindung mit einer immer wichtiger werdenden volkswirtschaftlichen Bedeutung der Informations- und Wissensindustrie. Innerhalb einer solchen Gesellschaft wird der technische Fortschritt als Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, da die zunehmende Technisierung und Informatisierung als treibende und dynamisierende Kräfte wirken. Die bislang entscheidenden Faktoren Raum und Zeit werden an Bedeutung verlieren. Daher kann bildlich auch davon gesprochen werden, dass die modernen Informations- und Kommunikationstechniken die Welt näher haben zusammenrücken lassen (vgl. von Schwartz 1999:5-6).

Neue Technologien stehen in Deutschland häufig unter dem Verdacht, Arbeitsplätze zu gefährden und somit eine Verschärfung der derzeit herrschenden Arbeitsmarktprobleme hervorzurufen. In gewissem Sinne ist nicht von der Hand zu weisen, dass es durch technologischen Fortschritt zu einem Strukturwandel und damit einhergehend zu Arbeitsplatzverlusten in veralteten und überkommenen Bereichen kommen kann. Allerdings steht dem gegenüber, dass von neuen Technologien wie den Informations- und Kommunikationstechnologien auch Beschäftigungsimpulse ausgehen, da auf neuen Märkten neue Arbeitsplätze entstehen (vgl. von Schwartz 1999:6-7).

1.2 Informations- und Kommunikationstechnologien und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft und Arbeitswelt

Die modernen Informationstechnologien haben sich mittlerweile zu einer Alltagstechnik entwickelt und erfassen alle Lebensbereiche, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft sowie das soziale und kommunikative Umfeld. Ausdruck findet dies darin, dass z.B. der Personal Computer (PC) ein fester Bestandteil des menschlichen Lebens und Arbeitens geworden ist (vgl. Dostal 1999:16-17 sowie von Schwartz 1999:7). Durch den großen Bedeutungsgewinn der Informationsverarbeitung und –übertragung sowie die globale Verfügbarkeit von Informationen durch Multimedia sind selbige zu einem entscheidenden Produktionsfaktor geworden. Von Schwartz (1999:8) spricht davon, dass der „[...] produktive und zielgerichtete Umgang mit Informationen [...] zu einer wettbewerbsbestimmenden Größe geworden [...]“ ist. Dostal (1999:20) erwähnt, dass es sich bei der Informationstechnik um eine internationale bzw. globale Technik handelt, die sich auf nationaler Ebene in der Hardware kaum und in der Software nur durch die nationale Anpassung der Produkte unterscheidet. Die Globalisierung der Informations- sowie der Warenströme führte in den letzten Jahren zu einer massiven Veränderung der Beschäftigung. Märkte haben sich ausgedehnt und werden von einer weit größeren Zahl von Anbietern und Nachfragern genutzt. Dostal (1999:20) und auch von Schwartz (1999:12) kommen zu dem Ergebnis, dass die Informatisierung die Globalisierung verstärkt hat, sodass die Welt durch den Verbund von Informations- und Warentransport versorgbar und zugreifbar wurde. Internationale Konkurrenzsituationen entstehen daher nicht mehr nur auf den Märkten für Waren und Dienstleistungen, sondern auch auf den Arbeits-, Infrastruktur-, Sozialsystem- und Produktionsstrukturmärkten.

Auf Unternehmensebene haben die neuen Informations- und Kommunikationstechniken zur Folge, dass die Grenzen eines Unternehmens zunehmend unscharf werden. Damit ist gemeint, dass eine klare Trennung zwischen unternehmensintern und unternehmensextern z.B. durch sogenannte modulare Organisationen, elektronische Märkte, virtuelle Organisationsformen und auch Telearbeit aufgeweicht wird. Die Handlungsmöglichkeiten von Unternehmen werden beispielsweise durch räumliche Distanz, Raum- und Zeitknappheit, Wissensmängel und mangelnde Flexibilität begrenzt. Hier können Informations- und Kommunikationstechnologien helfen, diese Schwierigkeiten und Grenzen zu überwinden und Lösungsansätze zu liefern. Räumliche Distanzen, Raum- und Zeitknappheit lassen sich durch schnelle und überall verfügbare Informations- und Kommunikationsmittel überwinden, ebenso wie beispielsweise der weltweite und zumeist relativ kostengünstige Zugriff auf Datenbanken und Informationsbestände Wissenslücken schließen hilft (vgl. von Schwartz 1999:12-14).

Durch die zunehmende Integration von Telekommunikation und Informationstechnik in viele Berufe kommt es zu tiefgreifenden Veränderungen der bisherigen Strukturen und Anforderungen. Der Trend geht weg von der rein manuellen Arbeit, die nun automatisiert verrichtet wird. Wichtiger werden soziale Aspekte wie Teamarbeits- und Kommunikationsfähigkeit, Kreativität und Eigeninitiative der Beschäftigten, die in viele Berufe Eingang finden werden. Durch die Vernetzung der Informationen ist es möglich, dass viele Arbeitsplätze unabhängig vom Standort des Unternehmens dezentral eingerichtet werden könnten, z.B. in Satellitenbüros oder im Haus des Mitarbeiters (vgl. von Schwartz 1999:8-10 sowie Dostal 1999:23).

Bei den beschriebenen Prozessen ergeben sich sowohl Chancen als auch Risiken aus den neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Chancen bietet die schnelle und präzise Verfügbarkeit von Informationen, sodass z.B. ein beschleunigter Produktionsprozess möglich wird. Zudem ist es möglich, Störungen und Probleme schneller zu beheben. Risiken sind in diesem Zusammenhang schwerer zu erkennen. Allerdings lassen sich verschiedene Punkte nennen, wie beispielsweise der Selektionszwang, der durch die zeit- und kostenintensive systematische Nutzung der vielen zur Verfügung stehenden Medien auftritt, was langfristig zu einer Segmentierung von Wissen führen kann. Problematisch stellt sich dann eine nur noch kleine Schnittmenge gemeinsam geteilten Wissens dar. Die Konsequenz sind Verständigungs- und Konsensprobleme. Solche Probleme können nach von Schwartz (1999:10-11) zu einer Abnahme der sozialen Integration führen, worauf durch eine mögliche nachfolgende Segmentierung von Normen und Werten soziale Orientierungslosigkeit folgen kann.

2 Telearbeit: Definitionen, Formen und Entwicklungen

In der Literatur ist eine Vielzahl von verschiedenen Definitionen bzw. Definitionsansätzen zur Telearbeit zu finden, die sich mehr oder weniger stark unterscheiden. Da Telearbeit eine dynamische Arbeitsform darstellt, in der sich durch die starken Veränderungen bei den Informations- und Kommunikationstechnologien immer wieder neue Möglichkeiten ergeben, veralten manche Definitionen sehr schnell. Allerdings können bestimmte Faktoren herausgestellt werden, die Telearbeit ausmachen (vgl. Flüter-Hoffmann 1999:6, Wüstenrot Stiftung 2000:13-14 sowie von Schwartz 1999:21-22):

- Technik bzw. Technologie: Telearbeit beruht auf dem Einsatz bzw. der Anwendung von Informations- und Kommunikationstechniken. Von Bedeutung sind hierbei Instrumente zur Informationsverarbeitung sowie zur Datenübertragung. Des weiteren spielt die künftige Entwicklung in den Bereichen Hardware (u.a. Telekommunikationsinfrastruktur) und Software eine bedeutende Rolle.
- Arbeits- bzw. Standort: Damit ist einerseits die räumliche Entfernung vom Betrieb angesprochen und andererseits die Verringerung von Informations-, Transaktions- und Transportkosten durch elektronische Datenübertragung. Die räumliche Verteilung der Beschäftigung sowie die Bewertung von verschiedenen spezifischen Standortfaktoren erfolgen neu.
- Organisation: Die Einführung bzw. Ausweitung der Telearbeit hat erhebliche Konsequenzen für die Organisation der Unternehmen, der Arbeitsplätze und auch für die Gesellschaft. Begleitet wird dies von Veränderungen der betrieblichen und rechtlichen Organisationsformen.
- Arbeitszeit und Rechtsform: Die Arbeit findet relativ regelmäßig außerhalb des Unternehmens in einem festen Arbeitsverhältnis, in freier Mitarbeitertätigkeit, auf Basis eines Werkvertrags oder in Form einer selbstständigen Tätigkeit usw. für das Unternehmen statt.

2.1 Vergleich verschiedener Definitionen der Telearbeit

Zusammengeführt werden können die oben genannten Faktoren und Merkmale in verschiedenen, sich mehr oder weniger stark unterscheidenden Definitionen, von denen nachfolgend einige zitiert werden. Flüter-Hoffmann et al. (1999:6) schreiben:

„Telearbeit bezeichnet die wohnortnahe Arbeit unabhängig vom Firmenstandort an mindestens einem Arbeitstag pro Woche, wobei die (Zusammen-) Arbeit über die räumliche Entfernungen hinweg unter primärer Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien erfolgt und eine Telekommunikationsverbindung zum Arbeitgeber oder Auftraggeber zur Übertragung von Arbeitsergebnissen genutzt wird.“

Die Dresdner Bank Immobiliengruppe (1999:25) hat in ihrer Studie „Zukunftsorientierte Bürokonzepte – Eine Betrachtung aus Sicht der Immobilienentwicklung“ eine ähnliche, wenn auch leicht vereinfachte Definition gegeben:

„Wesentlich ist jedoch, dass es sich dabei um eine auf Informations- und Kommunikationstechnologien gestützte Tätigkeit handelt, die zumindest teilweise an einem außerhalb des Betriebes liegenden Arbeitsplatz verrichtet wird. Die Verbindung der zentralen Betriebsstätte erfolgt mittels elektronischem Datenaustausch.“

Umfangreicher definiert dagegen von Schwartz (1999:20), wobei seine Definition sich nicht gravierend von den bereits genannten unterscheidet. Es soll hier lediglich die unterschiedliche Genauigkeit und Präzision der Definitionen gezeigt werden. Von Schwartz versteht Telearbeit als Oberbegriff, der

„[...] Tätigkeiten umfassen [soll], die durch Informations- und Kommunikationstechnik unterstützt werden und räumlich entfernt vom Standort des Arbeit- bzw. Auftraggebers (z.B. in einem Arbeitszimmer in der Wohnung des Mitarbeiters) durchgeführt werden. Der Austausch der Arbeitsaufträge oder die Übermittlung der Arbeitsergebnisse (oder beide Wege des Datentausches) erfolgt dabei über Kommunikationsnetze.“

Die genannten Definitionen unterscheiden sich hauptsächlich in ihrem Detailgehalt. Grundsätzlich meinen sie dasselbe, sodass in der vorliegenden Arbeit dem umfangreichsten Ansatz nach von Schwartz (1999:20) gefolgt wird. Die weiteren sowie ungenannte Definitionen zeigen lediglich Detailabweichungen.

2.2 Formen der Telearbeit

In der Praxis finden sich mehrere Varianten der Telearbeit, die sich je nach Form bzw. Art nach organisatorischer, zeitlicher, technischer und rechtlicher Hinsicht unterscheiden lassen, wobei auch eine Unterscheidung lediglich nach dem Arbeitsort möglich wäre (vgl. Dresdner Bank Immobiliengruppe 1999:25-27). Von Schwartz (1999:21-22) unterscheidet die Telearbeit organisatorisch nach singulär dezentralen Arbeitsplätzen, d.h. Telearbeit für einzelne Mitarbeiter, und in kollektiv dezentrale Arbeitsplätze, d.h. Telearbeit für mehrere Mitarbeiter. Die zeitliche Unterscheidung kann zwischen Telearbeit, die ständig an einem dezentralen Ort wie z.B. der Wohnung des betreffenden Mitarbeiters erledigt wird sowie der zeitweise zentral im Unternehmen und zeitweise an einem dezentralen Arbeitsplatz verrichteten Telearbeit unterschieden werden. Die technische Unterscheidung betrifft v.a. die verschiedenen Anforderungen, die die Telearbeitsformen an die Ausstattung mit Hard- und Software stellen, sodass vom Arbeitsplatz abhängt, welche Technik zum Einsatz kommt. Möglich ist die Differenzierung der Bearbeitung in Online-Bearbeitung, bei der die oder der Mitarbeiter im direkten Dialog mit einem zentralen Rechnersystem arbeiten, sowie Offline-Bearbeitung, bei der die Be- und Verarbeitung dezentral erfolgt und anschließend per Datenaustausch z.B. in Form eines Speichermediums versandt wird. Wie bereits oben erwähnt, kann in rechtlicher Hinsicht zwischen Mitarbeiter und Unternehmen ein festes Arbeitsverhältnis, freie Mitarbeitertätigkeit auf Basis eines Werkvertrags oder eine selbstständige Tätigkeit unterschieden werden (vgl. auch Flüter-Hoffmann et al. 1999:6). Die rechtlichen und technischen Rahmenbedingungen der Telearbeit werden in gesonderten Abschnitten (siehe 3.1 und 3.3) anschließend noch besprochen.

Folgt man der Unterteilung nach von Schwartz (1999:21-23), so ergeben sich aus den singulär dezentralen Arbeitsplätzen folgende Formen der Telearbeit (vgl. hierzu auch Flüter-Hoffmann et al. 1999:6-7, Wüstenrot Stiftung 2000:14-15 sowie Dresdner Bank Immobiliengruppe 1999:25-29):

Teleheimarbeit

Diese Form der Telearbeit ist auch unter den Begriffen isolierte Telearbeit, reine Teleheimarbeit bzw. ausschließliche (permanente) Telearbeit bekannt. Der Arbeitnehmer bzw. Auftragnehmer arbeitet vollständig zu Hause, d.h. Arbeits- und Wohnort fallen zusammen und er verfügt über keinen Arbeitsplatz im Unternehmen des Arbeit- bzw. Auftraggebers. Er bekommt seine Unterlagen, Informationen usw. per E-Mail, Fax oder Post und sendet sie nach Erledigung unter Zuhilfenahme von Informations- und Kommunikationstechniken wieder zurück.

Alternierende Telearbeit

Diese in Deutschland am häufigsten anzutreffende Form der Telearbeit verbindet die Arbeit zu Hause mit der Arbeit im Büro, d.h. Wohn- und Arbeitsort fallen (nur) zeitweise zusammen, wobei die Aufteilung der Tage im Büro und zu Hause in manchen Unternehmen festgelegt ist. Dadurch bietet sich dem Unternehmen die Möglichkeit des sogenannten „Desk-Sharing“, bei dem sich mehrere Mitarbeiter einen Schreibtisch (Arbeits platz) teilen und umschichtig nutzen. Die alternierende Form der Telearbeit verbindet die Vorteile der Flexibilität des Arbeitsorts mit den nötigen Kommunikations- und Kontaktmöglichkeiten zu Kollegen und Vorgesetzten, sodass im Büro die notwendigen Besprechungen, Abstimmungen und Kontakte wahrgenommen werden können und der Mitarbeiter zu Hause weitgehend selbstständig und ungestört die gestellten Aufgaben bearbeiten kann. Auch gehen soziale Kontakte durch die regelmäßige Anwesenheit im Büro nicht verloren.

Mobile Telearbeit

Bei dieser Form der Telearbeit hat der Mitarbeiter einen ständig wechselnden Arbeitsort, d.h. er ist unabhängig von einem festen Arbeitsplatz. Voraussetzung für die ortsunabhängige mobile Telearbeit ist allerdings, dass ein Notebook vorhanden und die Möglichkeit der Datenfernübertragung gegeben ist. Die mobile Telearbeit ist in besonderem Maß für Außen- oder Kundendienstmitarbeiter, Berater, Manager sowie Führungskräfte geeignet, die an beliebigen Orten (beim Kunden, im Hotel, zu Hause, in der Bahn oder anderen Verkehrsmitteln usw.) arbeiten und Ergebnisse und Informationen mittels Telekommunikationstechnik mit der Unternehmenszentrale austauschen können.

Nach von Schwartz (1999:21-23) sind von den singulär dezentralen Arbeitsplätzen die kollektiv dezentralen Arbeitsplätze abzugrenzen. Bei dieser Form der Telearbeit sind mehrere Mitarbeiter oder Gruppen in einem gemeinsamen Büro tätig. Daraus ergeben sich die nachfolgend erläuterten Telearbeitsformen (vgl. auch Flüter-Hoffmann et al. 1999:6-7, Wüstenrot Stiftung 2000:14-15 sowie Dresdner Bank Immobiliengruppe 1999:25-29 sowie Wedde 1994:19-26):

Satellitenbüro

Bei Satellitenbüros handelt es sich um ausgelagerte, dezentrale Betriebs- und Arbeitsstätten, die vergleichbar mit Filialen oder Zweigstellen des Unternehmens sind und in die bestimmte Organisationseinheiten des Unternehmens ausgelagert sind. Satellitenbüros werden in der Regel bewusst in Wohnortnähe der Mitarbeiter und Arbeitskräfte angelegt, zumeist am Stadtrand oder in suburbanen Räumen – aber auch ländlichen Räumen –, wo die Grundstückskosten niedriger als in der Stadt sind. Satellitenbüros erhalten eine Direktverbindung zum Unternehmen und sind über enge Computer- bzw. Kommunikationsnetzwerke mit dem Hauptstandort verbunden.

Nachbarschaftsbüro

Nachbarschaftsbüros werden von mehreren Unternehmen getragen, d.h. dass Mitarbeiter mehrerer Unternehmen in diesem Bürozentrum durch Telearbeit beschäftigt sind. Nachbarschaftsbüros sind in der Regel ebenfalls in Wohnortnähe der Mitarbeiter angesiedelt, sodass der Pendelaufwand und die damit verbundenen Kosten möglichst gering gehalten werden können. Zusätzlich können nach Flüter-Hoffmann (1999:7) auch noch gewisse soziale und kulturelle Angebote zur Förderung der sozialen Kontakte vorhanden sein. Allerdings sind Nachbarschaftsbüros ihrer Aussage nach wegen des hohen Koordinierungsaufwands eher selten anzutreffen.

Telehaus/Telezentren/Teleservicecenter

In der verwendeten Literatur werden bei diesen drei Einrichtungen teilweise weitere Unterscheidungen getroffen. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie von externen Betreibern wie Dienstleistungsunternehmen oder öffentlichen Trägern eingerichtet werden. In diesen Einrichtungen werden den anmietenden Unternehmen technische und räumliche Büroinfrastruktur zu Verfügung gestellt und zusätzlich Dienstleistungen wie Kinderbetreuungsdienste, Einkaufsmöglichkeiten, Restaurants usw. angeboten. Des weiteren sind in manchen Einrichtungen Servicemitarbeiter angestellt, die Tätigkeiten wie Sekretariats-, Telefon- oder Übersetzungsdienste erbringen und von den anmietenden Unternehmen in Anspruch genommen werden können.

Virtuelle Unternehmen

In virtuellen Unternehmen schließen sich verschiedene Unternehmen überbetrieblich zur Durchführung von zumeist zeitlich begrenzten Projekten zusammen. Das zusammengeschlossene Team aus unabhängigen Einheiten wie telearbeitende Einzelpersonen, Selbstständigen oder Mitarbeitern eines oder mehrerer Unternehmen tritt für die Zeit des Projekts nach Außen hin einheitlich auf und nimmt Geschäftsbeziehungen gemeinsam wahr (vgl. dazu Dostal 1999:67 sowie Wüstenrot Stiftung 2000:15).

Von den genannten Formen der Telearbeit wird in der vorliegenden Literatur die alternierende Telearbeit als die in Deutschland am häufigsten anzutreffende Telearbeitsform genannt, da sie am besten die Vorteile der Flexibilität des Arbeitsorts mit den gewünschten und notwendigen Kontakten zu Kollegen und Vorgesetzten verbindet. Problematisch sind in diesem Zusammenhang Mischformen und unterschiedliche Definitionsansätze der einzelnen Formen zu sehen, da dadurch eine klare Zuordnung der Telearbeitsformen erschwert wird.

2.3 Entwicklung der Telearbeit

In der Literatur wird als Ausgangspunkt für Überlegungen zu innovativen und informationstechnisch gestützten Arbeitsformen und Dezentralisierungskonzepte sowie speziell zur Telearbeit die Ölkrise und Energieknappheit Mitte der 1970er Jahre in den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) gesehen. Untersuchungen des Kommunikationsexperten J.M. Nilles im Jahr 1976 führten erstmals zu Erkenntnissen und Prognosen zu dem von ihm geprägten Begriff Telecommuting, der mit Telependeln übersetzt werden kann (so Dostal 1999:62). Grundidee aller damals angestellten Ideen war es, durch den Einsatz von Telekommunikationstechniken physischen Verkehr zu ersetzen, v.a. im Anbetracht der Tatsache, dass der Autoverkehr in den Ballungszentren Südkaliforniens damals schon einem „[...] real existierende[n] Verkehrsinfarkt [...]“ (Kaleja/Meyer 1996:2) gleichgekommen sein muss (vgl. Dostal 1999:61-62, Kaleja/Meyer 1996:2 sowie von Schwartz 1999:19). Dostal (1999:61-62) ermittelt insgesamt drei Höhepunkte der Diskussion um die Telearbeit. Einen ersten im Zuge der oben erwähnten Ölkrise und den anschließenden Untersuchungen von Nilles. Danach gab es Mitte der 1980er Jahre einen weiteren Höhepunkt der Diskussionen, was allerdings weniger an real vorhandenen Telearbeitsformen als vielmehr an einer Vielzahl von Veröffentlichungen und Untersuchungen lag. Die sehr optimistischen Schätzungen aus den Untersuchungen wurden nicht erfüllt, es war eher ein evolutionärer Prozess der Verbreitung festzustellen (vgl. auch Kaleja/Meyer 1996:2). Erst zu Beginn und Mitte der 1990er Jahre wurde die Entwicklung auch in Deutschland vorangetrieben. Mit Einführung der Telearbeit bei IBM Deutschland GmbH für 160 Mitarbeiter – IBM hatte zuvor schon 1.500 Telearbeitsplätze in Großbritannien und jeweils 500 in den Niederlanden und Belgien geschaffen – konnten erste langfristige Erfahrungen gesammelt werden. Im Zuge dieses Prozesses haben auch viele andere Unternehmen Telearbeit eingeführt und es wurden organisatorische und rechtliche Abklärungen und Absicherungen hergestellt (vgl. Dostal 1999:62-63 sowie von Schwartz 1999:19-20).

3 Rechtliche, organisatorische und technische Rahmenbedingungen

Nachfolgend werden die rechtlichen, organisatorischen und technischen Rahmenbedingungen zur Einführung von Telearbeit erläutert. Allerdings ist es nicht Aufgabe der vorliegenden (geografischen) Arbeit, die genannten Punkte bis ins letzte Detail zu klären. Deshalb werden jeweils die wichtigsten Eckpunkte herausgestellt und erläutert.[1]

3.1 Rechtliche Rahmenbedingungen

Die Betrachtung der rechtlichen Einordnung der Telearbeit zeigt, dass für eine Beschäftigung im Grunde alle zivilrechtlichen Beschäftigungsarten in Betracht kommen können, sodass Telearbeiter als Arbeitnehmer, arbeitnehmerähnliche Personen oder als Selbstständige eingestuft werden können. Als Vertragsformen stehen dabei der Arbeitsvertrag, der Dienst- oder Werksvertrag sowie der Franchisevertrag zur Auswahl (vgl. von Schwartz 1999:58, Dostal 1999:103 sowie Wüstenrot Stiftung 2000:123-124). Eine Grenzziehung zwischen den unterschiedlichen Vertragsformen ist im § 84 Handelsgesetzbuch (HGB) geregelt.

In Abbildung 1 sind die unterschiedlichen Vertrags- und die möglichen Beschäftigungsformen dargestellt (vgl. dazu von Schwartz 1999:58-66, Wüstenrot Stiftung 2000:121-126 sowie Dostal 1999:103-109).

Abbildung 1: Vertrags- und Beschäftigungsverhältnisse der Telearbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: von Schwartz 1999:58-66, Wüstenrot Stiftung 2000:123-126, Dostal 1999:103-109

Sollte für einen Telearbeiter der Status eines Arbeitnehmers ausgeschlossen werden, kann dagegen ein Dienst- der Werkvertrag abgeschlossen werden, wobei das ausschlaggebende Kriterium die Qualifikation der zu verrichtenden Tätigkeit ist. So gelten Telearbeiter bei einfachen Angestelltentätigkeiten und einer wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Auftraggeber als Heimarbeiter oder ihnen Gleichgestellte. Höher qualifizierte Tätigkeiten sind nicht durch das Heimarbeitsgesetz (HAG) abgedeckt. Arbeitsrechtlichen Schutz genießen diese Telearbeiter nur dann, wenn sie als arbeitnehmerähnliche Personen eingestuft werden können (vgl. von Schwartz 1999:66). Zudem können Telearbeiter bei Abschluss eines Dienst- oder Werkvertrags und bei fehlender persönlicher Abhängigkeit den Status von Selbstständigen bzw . Unternehmern einnehmen, die ihr Berufs- und Existenzrisiko selbst tragen. Sie bieten ihre Leistung beliebigen Abnehmern an (vgl. von Schwartz 1999:64-65, Wüstenrot Stiftung 2000:124-127 sowie Dostal 1999:103-109).

[...]


[1] Eine sehr detaillierte Betrachtung ist bei von Schwartz (1999:58-101) zu finden. Zusätzlich können Wüstenrot Stiftung (2000:120-135) und Dostal (1999:97-108) sowie für die Gestaltung von Bildschirmarbeitsplätzen Büssing et.al (2000:18-21) empfohlen werden.

Details

Seiten
51
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638145725
Dateigröße
800 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v7259
Institution / Hochschule
Universität Bayreuth – Lehrstuhl Stadtgeographie und Geographie des ländlichen Raumes
Note
sehr gut
Schlagworte
Losgelöst Zeit Raum Konzept Telearbeit Arbeitsform Computerzeitalter Hauptseminar Geographie Arbeit

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Titel: Losgelöst von Zeit und Raum? Das Konzept der Telearbeit als neue Arbeitsform im Computerzeitalter