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Das Konzept der "città acquatica" in Italo Calvinos "Le città invisibili"

Essay 2006 17 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
Biografische Anmerkungen
Zum Roman “Le città invisibili“

2 Venedig in Calvinos Stadtbeschreibungen
Wasser/ Meereslage
Brücken und Stege
Handel und Gewerbe
Gebäude/ Paläste
Stadtleben

3 Diecittà aquaticaals Zukunftsstadt

4 Das Konzept dercittà acquaticaund die Stadtbeschreibungen

5 Fazit

6 Literatur
Primärliteratur:
Weiterführende Literatur:

1 Einleitung

Ogni volta che descrivo una città dico qualcosa di Venezia.”

Dieser Auspruch Marco Polos im Gespräch mit Kublai Khan in Calvinos RomanLe città invisibili(1972) soll Ausgangspunkt der folgenden Arbeit sein. Calvino schrieb ihn in Anlehnung an Marco Polos berühmten Reisebericht „Il Milione“. Er lässt den venezianischen Reisenden ebenfalls durch Kublai Khans Reich reisen und dem Mongolenkaiser Beschreibungen der aufgesuchten Städte abliefern.

Nach den Worten einer Calvino-Forscherin stimmt der Marco Polo bei Calvino zumindest in einem Wesenszug auf vollkommene Weise mit der historischen Person überein: “il veneziano viaggia per le città dell´Asia con le immagini e il rimpianto di Venezia nel cuore.“[1]Tatsächlich motiviert auch in Marco Polos Reisebericht „Il Milione“ die Architektur Venedigs wiederholt die Beschreibungen der anderen Städte. Zwar konzentriert sich Marco Polo hauptsächlich auf Handel und Sitten der besuchten Städte – selten beschreibt er die Städte aber mit ihrer Architektur. Und wenn er es tut, dann unter besonderer Berücksichtigung „venezianischer“ Besonderheiten:

“La sua attenzione si desta soltanto quando esse siano attraversate da molti canali, o siano anche soltanto quando ricche di ponti su un fiume, come Chinsai.“[2]

In der Tat widmet Marco Polo der Stadt Chinsai (heutiges Hangzhou, ca. 200 km südwestlich von Shanghai) rund 20 Seiten seines Reiseberichtes. Er bezeichnet sie als „schönste und großartigste Stadt der Welt“[3], und mit dem damals größten Hafen der Welt und einem weitläufigen Kanalsystem stellte Chinsai sicherlich eine Entsprechung Venedigs in Fernost dar. Diese Berücksichtigung venezianischer Baueigentümlichkeiten in Marco Polos Reisebericht wird in einleitend zitiertem Ausspruch, den Calvino dem Reisenden ausgerechnet in Chinsai in den Mund legt, zum Ausdruck gebracht.

In nachstehender Arbeit soll zunächst untersucht werden, welche für Venedig typischen Sachverhalte Calvino in seine Stadtbeschreibungen einfließen lässt. In einem zweiten Schritt soll nach der Einstellung Calvinos zur Stadt Venedig – insbesondere vor dem Hintergrund moderner urbaner Probleme – gefragt werden und dieses Bild in einer näheren Untersuchung mit den Stadtbeschreibungen seines Romans abgeglichen werden. Wie nachstehende Ausführungen zeigen werden, sind Calvinos Ansichten über Venedig als sog. „città acquatica“unerlässlich, um den Ideenkontext seines Romans zu verstehen.

Als Textgrundlage wurde die 1978 bei Einaudi erschienene zweite Auflage der Reihe „Nuovi Coralli“ gewählt. Die Seitenangaben stehen nach den Zitaten jeweils in Klammern.

Biografische Anmerkungen

Italo Calvino (* 1923 in Santiago de Las Vegas, Cuba, † 1985 in Siena) ist einer der bedeutendsten italienischen Autoren der Nachkriegszeit. Seine Liebe zur Literatur fand er bereits mit 12 Jahren, als er zunächst das Dschungelbuch, später dann Witz- und Comiczeitschriften las. Diese frühe Begeisterung für derart fantasievolle Literatur prägte Calvinos spätere schriftstellerische Tätigkeit, wie die Autoren der italienischen Biografiendatenbank bei Leonardo.it formulieren:

”E' un amore al primo colpo, una fulminea infatuazione per i mondi esotici, le avventure e per le sensazioni fantastiche che può dare la lettura solitaria di testi trascinanti.”[4]

Nach ersten schriftstellerischen Leistungen und abgeschlossenem Studium der Literaturwissenschaften in Turin wurde Calvino 1947 Mitglied im redaktionellen Team des Verlagshauses Einaudi. Durch die Veröffentlichung verschiedener Fantasieromane in den 50er Jahren etablierte Calvino sich als wichtigster Vertreter der neorealistischen Literaturszene. Seit der Heirat und dem Umzug nach Paris im Jahre 1964 interessierte er sich besonders für astronomische und kosmologische Zusammenhänge. Für sein literarisches Schaffen bedeutete das konkret eine Hinwendung zu den Methoden der Semiotik und Kombinatorik. Diese neue methodische Ausrichtung fand unter anderem ihren Höhepunkt in dem – dieser Arbeit zugrunde liegenden – Roman „Le città invisibili“ (1972). Neben der Herausgabe der „saggi“ sind Calvinos letzte Lebensjahre durch verschiedene Reisen, Kongressbesuchen sowie dem Wechsel zum Verlag Garzanti gekennzeichnet. Er starb 1985 an einem Schlaganfall, in den Folgejahren wurden einige Werke posthum veröffentlicht.

Zum Roman “Le città invisibili“

Die in der von H. Riedt angefertigten Übersetzung verwendete Gattungsbezeichnung „Roman“ trifft nur im weitesten Sinne zu. Calvinos Buch gliedert sich in neun Kapitel, von denen jedes aus fünf oder zehn kurzen Stadtbeschreibungen besteht. Es sind insgesamt 55 Darstellungen von Städten, die nach verschiedenen Themenkreisen geordnet sind wie:Le città e la memoria, Le città e i segni, Le città e il desiderio, Le città e gli scambi, Le città e il nome, etc. Die beschriebenen Städte tragen allesamt geheimnisvolle Frauennamen: Isidora, Anastasia, Eufemia, Pentesilea, usw. Eingebettet sind die Städtebeschreibungen in eine Rahmenhandlung, einem fiktiven Gespräch zwischen Marco Polo und dem Mongolenkaiser Kublai Khan. Der venezianische Reisende berichtet von Städten, die er in dem Großreich des Kublai Khan aufgesucht hat und beschreibt sie auf höchst fantsatische Art und Weise. Er berichtet von Städten wie Usapia, deren Bewohner unter der Stadt eine Totenstadt gebaut haben, die eine exakte Kopie der oberirdischen ist. Seinem Bericht zufolge sei es unmöglich, zwischen den Lebenden und den Toten dieser beiden Städte zu unterscheiden. Und Leonia ist eine Stadt, die sich jeden Tag neu erschafft und die Müllberge des Vortages mit der Müllabfuhr wegschafft. Ihr Müll würde längst die Welt überdecken, wären da nicht die Müllberge anderer Städte, die von außen dagegendrückten.

Die besondere Anlehnung an die phantastische und märchenhafte Literatur stellt eine Konstante in Calvinos ganzem Lebenswerk dar. In sämtlichen Werken brach Calvino mit dem Gesetz, wonach zwischen Lebenswirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden ist. Die Autoren von Leonardo.it beschreiben Calvinos Stil:

“Calvino, invece, spesso mescola i due piani, facendo accadere cose straordinarie e spesso impossibili all'interno di un contesto realistico, senza perdere colpi né sull'uno né sull'altro versante.”[5]

Neben der für Calvino üblichen Tendenz zum Märchenhaften kommt in „Le città invisibili“ vor allem seine Vorliebe für semiologische und kombinatorische Verfahren zum Ausdruck. Die Orientierung nach den mathematischen Grundsätzen der Kombinatorik in Calvinos beiden Romanen der frühen 70er Jahre[6]ist wohl vor dem Hintergrund zu sehen, dass Calvino mit der Heirat und der Geburt seiner Tochter 1964/65 ein Wiederaufblühen seiner jugendlichen Interessen erlebte, die – so gestand er inzwischen in seinem Band „Le cosmicomiche“ – besonders den astronomischen und kosmologischen Theorien galten. Fortan gestaltet Calvino auch seine Werke nach Kombinationsregeln, die Folge von Städtebeschreibungen in seinem Werk “Le città invisibili“ ist spitz formuliert lediglich ein Resultat mathematischer Rechenkunst. Dieser kombinatorische Stil wird im Roman selbst auch reflektiert. Kublai Khan stellte am Ende des vierten Buches beispielsweise fest:

“Eppure io ho costruito nella mia mente un modello di città da cui dedurre tutte le città possibili [...] Esso racchiude tutto quello che risponde alla norma. Siccome le città che esistono s´allontanano in vario grado dalla norma, mi basta prevedere le eccezioni alla norma e calcolarne le combinazioni piú probabili.”(75)

[...]


[1]Bernardini Napoletano, Segni, S. 171.

[2]Ebenda.

[3]Zit. nach: Wikipedia, Artikel “Hangzhou”, Zugriff 30.6.2006.

[4]Leonardo.it, Biografie „Calvino, Italo“, URL: http://biografie.leonardo.it , Zugriff 23.6.2006.

[5]Ebenda.

[6]Neben “Le città invisibili“ (1972) fand die Kombinatorik besonders auch bei dem Verfassen des 1973 veröffentlichten Romans “Il castello dei destini incrociati“ Anwendung.

Details

Seiten
17
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638628761
ISBN (Buch)
9783638891417
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72509
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal – Romanisches Seminar
Note
1
Schlagworte
Konzept Italo Calvinos Proseminar Calvino Spätwerke

Autor

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