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Warum schämen wir uns für andere?

Essay 2005 15 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Was verstehen wir unter dem Begriff „Scham“?

3 Das Schamgefühl: Wann tritt es auf?

4 Zwei Arten von Scham – Eine Unterscheidung

5 Die Strukturmomente des Schamgeschehens

6 Scham aufgrund von Bloßstellung durch andere

7 Scham nach gescheitertem Hervortreten

8 Das Phänomen „sich für andere schämen“

9 Wer schämt sich und wer nicht?

10 Warum schämen wir uns für andere?

11 Abgrenzung und Benennung

12 Zusammenfassung

13 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Jugendliche schämen sich für ihre Eltern. Die große Schwester schämt sich für ihr kleines Geschwister. Ein Mann schämt sich für seine Frau. Studenten schämen sich für ihre Kommilitonen. Lehrer schämen sich für ihre Schüler. Wir schämen uns für andere. Aber warum?

Obwohl die Scham „eines der elementarsten Gefühle des Menschen“ (Rost, 1987, S. 20) ist, haben sich die Humanwissenschaften über lange Zeit nur beiläufig mit ihren Phänomenen beschäftigt (Schüttauf, Specht & Wachenhausen, 2003). Till Bastian (1996) betitelt sie deshalb gar als das „Aschenputtel unter den Gefühlen“ (S. 9). In der jüngeren Vergangenheit ist der Scham jedoch durch Psychologen, Philosophen und Soziologen eine größere Bedeutung beigemessen worden (Kühn, Raub & Titze, 1997), so dass sich mittlerweile eine Reihe von Publikationen zu den unterschiedlichsten Aspekten der Scham finden (Gilbert, 1998). Die Arbeiten befassen sich beispielsweise mit der Schamgenese, also der Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung dieser Emotion, sie untersuchen die Schamauslöser oder die Bedeutung von Schamzeugen.

Trotz der erhöhten Aufmerksamkeit die der Scham in den vergangenen zwanzig Jahren also zuteil geworden ist (Gilbert & Andrews, 1998), findet sich eines ihrer Phänomene praktisch gar nicht in der Literatur erörtert: Der Frage warum wir uns für andere schämen wird bislang kaum Beachtung geschenkt. Eine Ausnahme bildet das Buch der beiden Psychotherapeuten Udo Baer und Gabriele Frick‑Baer (2000). Darin findet sich diese Form der Scham durch folgendes Fallbeispiel beschreiben (S. 47):

Sonntagsausflug. Eine Familie betritt ein Gartenrestaurant, Vater, Mutter, zwei Kinder, alle gut angezogen; es scheint ein Ausflug zu sein, wie er im Buche steht. Als der Vater die Bestellung aufgibt, zwei Kaffee, zwei Eis, zwei Kuchen mit Sahne, klingt sein Ton laut und fordernd. Nach fünf Minuten ist die Bestellung noch nicht ausgeführt. Der Vater ruft quer durch das Gartenrestaurant zum Kellner: „Wo bleibt meine Bestellung? Nun aber dalli!“ Als dann das Bestellte gebracht wird, probiert er die Kuchensahne und lässt sie zurückgehen. „Die hat einen Stich, das ist eine Unverschämtheit!“ Als der Kellner widerspricht und darauf hinweist, dass die Sahne ganz frisch sei, regt sich der Vater noch mehr auf und brüllt ihn lautstark nieder. Der Kellner geht, um des lieben Friedens willen, die Sahne umtauschen, der Vater lehnt sich zurück und sagt erregt und selbstgefällig: „Man muss diesem Pack zeigen, was Sache ist, sonst spuren die nie.“ Die Kinder und die Ehefrau werden immer geduckter, sinken in ihren Stühlen zusammen, schauen krampfhaft auf ihre Teller. Sie schämen sich für ihren Mann bzw. Vater.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des „sich für andere schämen“. Um dieser Art von Scham, die wir vorläufig noch unbenannt lassen wollen, auf die Spur zu kommen, werden wir zunächst der Frage nachgehen, was man überhaupt unter „Scham“ versteht. Anschließend werden die für das Schamgeschehen wesentlichen, es begründende Elemente identifiziert und erläutert. Ist dies geleistet, werden wir das Phänomen des „sich für andere schämen“ genauer unter die Lupe nehmen und die spezifischen Merkmale der ihm zugrunde liegenden Situationen herausarbeiten. Es stellt sich dabei vor allem die Frage: Wer schämt sich und wer nicht? Nachdem diese Charakteristika bestimmt sind, prüfen wir die Anwendbarkeit der allgemeinen Schamtheorie auf den speziellen Sachverhalt und nähern uns damit der Beantwortung der Frage: Warum schämen wir uns für andere?

Ziel der Arbeit ist es schließlich, aufgrund dieser Erörterungen einen treffenden Ausdruck für das untersuchte Schamphänomen vorzuschlagen, da ein solcher, wie sich noch zeigen wird, bislang noch nicht gefunden wurde.

2 Was verstehen wir unter dem Begriff „Scham“?

Für Carlo Schultheiss (1997) ist die Frage „Was ist Scham?“ problematisch, denn sie unterstelle „einen Essentialismus, d.h. die Annahme, dass es ein ‚Wesen’ gibt, an dem alle Phänomene [der Scham] Anteil haben“ (S. 98). Um diese strittige Prämisse zu vermeiden, schlägt er vor, sich stattdessen „ohne Not die Frage [zu] stellen, wie wir gewöhnlich das Wort ‚Scham’ verwenden“ (S. 98). Diesem Rat wollen wir folgen.

Was also versteht man unter dem Begriff „Scham“? Es ist zu allererst festzustellen, dass das Wort vielfältig verwendet wird. „Scham“ ist ein mehrdeutiger Begriff (Schultheiss, 1997). Er wird gebraucht zur Beschreibung einer bestimmten Art von Gefühlen. In dieser Verwendung ist der Begriff zunächst einmal völlig wertfrei. Darin, dass wir Menschen bzw. deren Handlungen als „schamlos“ oder „unverschämt“ abwerten, wenn wir diese missbilligen, zeigt sich jedoch eine positive Beurteilung des Wortes (Schultheiss, 1997). Schließlich bezeichnet das Wort „Scham“ auch die Gegend der Geschlechtsteile beim Menschen. Im Rahmen dieser Arbeit interessieren wir uns für die Scham als Gefühl.

3 Das Schamgefühl: Wann tritt es auf?

Schamszenen sind alltäglich: Ein Schüler wird bei der Rückgabe der Klassenarbeiten von seinem Lehrer in höchsten Tönen für seinen Aufsatz gelobt und gebeten diesen laut vorzulesen. Er schämt sich. Eine sonst wortgewandte Nachrichtensprecherin stockt im Redefluss und kommt ins stottern. Sie schämt sich. Ein von seinen Freunden als besonders trinkfest geachteter Jugendlicher übergibt sich auf einer Party vor allen Anderen. Er schämt sich. Ein Hotelgast wird just beim Verlassen der Dusche vom Zimmermädchen überrascht. Er schämt sich.

Häufig wird Scham spontan mit der Vorstellung beobachteten Nacktseins verbunden. Doch empfinden Menschen auch in anderen Situationen Scham. „Das Gefühl des Entblößtseins und der Schutzlosigkeit ist tatsächlich typisch für Scham, aber man darf nicht übersehen, daß dieses Gefühl nicht nur bei körperlicher Nacktheit auftritt“ (Schultheiss, 1997, S. 99). Die genannten Beispiele für Situationen, in denen Menschen sich schämen, zeigen die Vielfältigkeit dieses Gefühls: „So häufig Scham ist, so verschiedenartig sind ihre Auslöser. Man schämt sich für eine wahrgenommene Schwäche, einen Fehler, einen Defekt, einen Makel“ (Hilgers, 1996, S. 14).

Offensichtlich wird anhand der Beispiele auch der soziale Aspekt der Scham. Sie „ist vor allem ein soziales Gefühl: Andere werden Zeugen unserer Schwächen oder unserer Fehler“ (Rost, 1987, S. 20). Den Schamzeugen kommt also eine besondere Rolle zu. In vielen Fällen kommt es entscheidend darauf an, welche Personen oder Personengruppen zu Zeugen der Schamsituation werden. Häufig reicht es aber auch aus, dass überhaupt irgendjemand unseren „Fehltritt“ bemerkt. Schließlich können wir uns auch ganz ohne die Anwesenheit anderer schämen (Schultheiss, 1997), was sich in der „Scham vor sich selbst“ zeigt (Landweer, 1999).

Um dem Schamgefühl und seinen Ursachen näher zu kommen, ist es notwendig die gemeinsamen Merkmale der unterschiedlichen Schamgeschehen zu erkennen und eingehend zu betrachten. Die vorangegangenen ersten Einlassungen machen zwar bereits die Komplexität dieser Emotion deutlich - Scham tritt in vielfältigen Phänomenen in Erscheinung - aber es gibt natürlich einige Charakteristika in denen diese sich gleichen. Eine gelungene Analyse dieser Gemeinsamkeiten findet sich bei Schüttauf, Specht und Wachenhausen (2003).

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Details

Seiten
15
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638730457
ISBN (Buch)
9783638794121
Dateigröße
402 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72365
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Psychologisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
kognitive Emotionen Fremdschämen

Autor

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Titel: Warum schämen wir uns für andere?