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Gedichtinterpretation: Georg Trakl - An die Verstummten (1913)

Seminararbeit 2007 13 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interpretation des Gedichts „An die Verstummten“ von Georg Trakl

3. Inwiefern stimmt das Gedicht „An die Verstummten“ von Georg Trakl mit den Vorstellungen in Filippo Tommaso Marinettis Manifest „Die futuristische Literatur. Technisches Manifest“ überein?

4. Das Gedicht

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Thema meiner Gedichtinterpretation im Grundkurs A „Einführung in die neuere deutsche Literatur - Expressionismus“ habe ich das Gedicht „An die Verstummten“ (1913) von Georg Trakl gewählt. Ich habe mich für ein Gedicht Trakls entschieden, da ich ihn für einen besonderen Künstler seiner Zeit halte und seine Lyrik schon seit Jahren gerne lese.

Ich werde zunächst in Punkt zwei das Gedicht in Zusammenwirkung von inhaltlichen und stilistischen Aspekten Vers für Vers interpretieren.

Weitergehend werde ich in Punkt drei einen weiteren Text in meine Arbeit einbeziehen. Filippo Tommaso Marinettis „Die futuristische Literatur. Technisches Manifest“. Dieses Manifest beinhaltet eine Art Richtlinie für die expressionistische Literatur. Nachdem ich Trakls Gedicht analysiert habe, wird es mir möglich sein zu vergleichen, inwiefern das Gedicht den Vorstellungen Marinettis gerecht wird.

2. Analyse des Gedichts „An die Verstummten“ von Georg Trakl

Das Gedicht „An die Verstummten“ besteht aus drei Strophen, in denen viele Bilder aneinander gereiht werden. Die Anzahl der Verse nimmt von Strophe zu Strophe ab, als würden dem lyrischen Ich die Worte ausgehen.

Der Titel ist durch das „An“ direkt an jemanden gerichtet. In diesem Fall „An die Verstummten“, an die verstummte Menschheit, wahrscheinlich an alle, die durch eine passive Haltung schweigen, aber wer genau angesprochen wird, erschließt sich durch die Analyse des Gedichts.

Strophe eins ist die längste Strophe und besteht aus fünf Versen. Vers eins birgt die Thematik des Gedichts in sich: Die Großstadt und Dunkelheit. Der Vers beginnt mit dem Ausruf „O“ (Z.1), welcher im Nachfolgenden auch in Vers fünf und neun als Satzeinleitung dient. Durch die Wiederholung dieses Terminus prägt er sich beim Leser ein. Desweiteren kann man „O“ als einen Ausdruck der Klage werten. In diesem Vers beklagt das lyrische Ich den „Wahnsinn der großen Stadt“ (Z.1). Durch das Wort „Wahnsinn“ drückt es seine Aversion gegen die Stadt aus und beklagt die Zustände in ihr. „Da am Abend“ (Z.1) macht deutlich, dass sich das Szenario im Dunkeln abspielt. Vers eins ist ein Enjambement, was dem Leser den Einstieg in das Gedicht erleichtert. Dementsprechend steht am Ende von Vers eins ein Komma und steht in direktem Zusammenhang zu Vers zwei.

Dort geht das lyrische Ich genauer auf seine Klage im vorausgegangenen Vers ein: „An schwarzer Mauer verkrüppelte Bäume starren“ (Z.2). Zunächst analysiere ich den Terminus „schwarz“[…](Vgl. Z.2). Wenn es sich überhaupt um eine Farbe handelt, so ist es die dunkelste aller Farben. Dadurch steht der Zusammenhang zu Tod und Zerstörung. Dies wird umso deutlicher, wenn wir das Adjektiv mit dem ihm zugeordneten Substantiv betrachten. Die Schwarzfärbung der Mauer deutet auf eine starke Verschmutzung der Stadt hin, womöglich durch die Industrie. An eben diese Mauern lehnen sich „verkrüppelte Bäume“ (Z.2). Die Natur ist dem Untergang geweiht, denn gesunde Bäume sind nicht „verkrüppelt“[…](Vgl.Z.2), sondern grün. Den Bäumen wird das Verb „starren“ (Z.2) zugeordnet, wodurch die Bäume vermenschlicht und somit zu Repräsentanten für das Lebendige werden. Für gewöhnlich umschließen Mauern eine Stadt und wenn Bäume sich an ihnen anlehnen, kann man daraus schließen, dass das kranke, elendige Leben in den Randbezirken der Stadt verkommt.

Im dritten Vers wird verdeutlicht, wer nicht zu Grunde geht. Das lyrische Ich berichtet von einer „silbernen Maske“ (Z.3) aus welcher „der Geist des Bösen schaut“ (Z.3). „Silber“[…](Vgl.Z.3) ist zunächst ein Symbol für Reichtum, aber es strahlt auch eine gewisse Kälte aus. Den Terminus „Maske“(Z.3) verwendet man häufig als Metapher für Hinterlistigkeit und Unehrlichkeit, sowie wenn jemand etwas zu verbergen hat bzw. sich hinter etwas verstecken will. Zusammen genommen könnte die „silberne Maske“[…](Vgl.Z.3) ein Fenster sein. Durch die Symbolik des Reichtums könnte man vermuten, dass es sich um ein Fenster handelt, hinter welchem sich der wohlhabendere Teil der Bevölkerung befindet. Diese Menschen stellen den „Geist des Bösen“(Z.3) dar. Die negative Seite des „Bösen“(Z.3) wird durch die Bedeutung der Farbe Silber (Kälte und Reichtum), sowie die der Maske verstärkt. Man könnte sich fragen, warum Trakl hier nicht die Farbe Gold gewählt hat, um den Reichtum anzudeuten, da Gold wertvoller ist als Silber. Es ging Trakl also wirklich um die weitere Symbolik von Silber, der Kälte. Hätte er Gold gewählt, hätte die Maske etwas Freundliches, Warmes erhalten und dies wollte er scheinbar vermeiden.

Im folgenden Vers heißt es „Licht mit magnetischer Geißel die steinerne Nacht verdrängt“ (Z.4). Da dieser Vers durch ein Semikolon vom Vorangegangenen getrennt ist, sind die beiden Verse miteinander verbunden. Das Licht käme also, wenn die Annahme es handle sich bei der „silbernen Maske“ […](Vgl.Z.3) um ein Fenster, aus eben diesem. Das Licht aus der reicheren Bevölkerung Fenster fällt auf die Straße und gewährt einen Einblick in das Leben dort. Der Terminus „Licht“(Z.4) ist hier entfremdet. Für gewöhnlich ist Licht etwas Warmes, eine wichtige Essenz des Lebens, aber hier hackt es „mit magnetischer Geißel“(Z.4) in die Dunkelheit, was maschinell und nicht lebendig wirkt. Dieses kalte Licht bricht also in die „steinerne Nacht“(Z.4), wobei das Adjektiv „steinern“ die Leblosigkeit der Umgebung noch verstärkt, da Steine kalte und tote Formen in der Natur sind. Also schaut die wohlhabende Bevölkerung in all ihrem Reichtum hinaus auf das leblose Treiben auf der Straße und erhält einen Einblick in das trostlose Leben der anderen sozialen Schicht. Die kalte, maschinelle Wirkung des Lichts unterstreicht die Wirkung von Vers drei.

Im letzten Vers dieser Strophe beginnt der Satz wieder mit der Interjektion „O“ (Z.5). Diesmal wird „Das versunkene Läuten der Abendglocken“ (Z.5) beklagt. Mit dem Adjektiv „versunken“[…](Vgl.Z.5) wird hier angedeutet, dass das Klingen nicht mehr zur Geltung kommt und verloren wirkt. Allgemein kommt das „Läuten der Abendglocken“(Z.5) wohl von einer Kirche, ist ein Zeichen für Frieden und stellt auch eine Regelmäßigkeit im Leben der Menschen dar, auch wenn sie es nicht immer wahrnehmen mögen. Natürlich darf man den religiösen Aspekt des Terminus „Abendglocken“(Z.5) nicht vergessen. Dadurch, dass man „das […] Läuten“(Z.5) nicht mehr wahrnimmt, verstummt auch die Bedeutung der Kirche in der Stadt und die Unterdrückung des Glaubensmotivs wird verdeutlicht. Die Kirche ist also nicht länger eine tröstende, wirksame Institution der Bevölkerung.

Zusammenfassend zur ersten Strophe kann man sagen, dass hier eine Reihe von Bildern vorgestellt werden. Bilder vom Elend am, vermutlich armen, Rand der Stadt im Kontrast zum Bild der bösartigen, wohlhabenderen Bevölkerung, die hinter ihrer „silbernen Maske“(Z.3) das Elend beobachtet und nichts tut. Die daraus entstehende Antithese wird durch die Alexandriner, die in der ersten Strophe vorherrschenden Verse, verstärkt, da Alexandriner meist prägnante Gegensätze zum Ausdruck bringen. Die meisten Verse in dieser Strophe enden mit einem Punkt, was die Härte und Kälte, die inhaltlich zum Ausdruck kommt noch zusätzlich betont. Es scheint, als sei alles tot und niemand kann helfen, nicht einmal die Kirche.

Die zweite Strophe besteht aus vier Versen. In Vers sechs wird ein Bild beschrieben, wie wir es ähnlich in August Stramms „Freudenhaus“ finden („Mutterschöße gähnen Kindestod!“[1]). „Hure, die in eisigen Schauern ein totes Kindlein gebärt“ (Z.6) besagt der sechste Vers. „Hure“(Z.6) ist ein Bild für den moralischen Verfall, die Verkommenheit des Großstadtlebens und Käuflichkeit, sie verkauft ihren Körper des Geldes wegen und vergisst dabei Werte wie die Liebe. Im weiteren Verlauf des Verses wird beschrieben, unter welchen Umständen diese Geburt vollzogen wird. Das Adjektiv „eisigen“(Z.6) ist ein Zeichen für Kälte, welches durch das Substantiv „Schauern“(Z.6) , was zum Einen aus Kälte, zum Anderen aus Angst entsteht, verstärkt wird. Man kann also daraus schließen, dass die Geburt im Freien ausgetragen wird, was wiederum die ärmlichen Zustände der „Hure“(Z.6) zum Ausdruck bringt, welche sie wohl überhaupt zu diesem Gewerbe getrieben haben. „Ein totes Kindlein gebärt“(Z.6) verdeutlicht, dass es mit toten Kindern keine Zukunft für die Menschheit geben kann. Der Vers demonstriert die vollendete Todesverfallenheit, wenn sogar unschuldige Wesen, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatten, dem Tod geweiht sind. Weiter steht der Tod eines unschuldigen Kindes, unter religiösen Aspekten betrachtet, im Zusammenhang mit der Erlösung, was die toten Kinder in ein transzendales Licht rückt. Somit lässt sich dieser Vers zweierlei deuten. Zum Einen in die Zukunftslosigkeit der Menschheit, zum Anderen in eine Art Gerechtigkeit. Die Menschen, die schon moralische Brüche begangen haben werden bestraft, Neugeborene, die für diese Zustände nicht verantwortlich sind, müssen in einer harten, kalten Welt wie dieser nicht leben und werden erlöst.

[...]


[1] Aus August Stramms „Freudenhaus“, Zeile 6

Details

Seiten
13
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638632560
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72337
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,0
Schlagworte
Gedichtinterpretation Georg Trakl Verstummten Einführung Literatur Lyrik Expressionismus

Autor

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Titel: Gedichtinterpretation: Georg Trakl - An die Verstummten (1913)