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Die Theorie der Selbstäußerlichkeit als Bestandteil einer phänomenologischen Anthropologie in Hans Blumenbergs "Beschreibung des Menschen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsübersicht

1 Einleitung

2 Aussehenskonstitution als anthropina

3 Selbstäußerlichkeit und Selbstkonstitution

4 Visibilität im Kulturzustand: Scham und Verlegenheit

5 Abschluss

Literaturvereichnis

1 Einleitung

In seinem aus dem Nachlass herausgegebenen Werk „Beschreibung des Menschen“ (2006) stellt Hans Blumenberg den Versuch einer phänomenologischen Anthropologie vor. Nach einer grundlegenden Auseinandersetzung mit Husserls Prämisse der Unmöglichkeit einer Bestimmung des Menschen unter Anwendung der phänomenologischen Methode handelt er im zweiten Teil über „Kontingenz und Sichtbarkeit“ die eigentliche Konkretisierung ab.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit seinem Kernpunkt, der Visibilität. Blumenberg zufolge richtete sich der Mensch beim Austritt aus dem Regenwald in die Steppe auf, womit er den Vorteil der weiteren Sicht mit dem gleichzeitigen Nachteil der weiteren Sichtbarkeit vereinbaren musste. Die leibliche Opazität sorgt für die äußere Sichtbarkeit des Menschen unter gleichzeitiger Verbergung des Inneren. Jedoch kommt es zu einer Intentionalitätsausstrahlung durch den Leib, welche für das Zusammenleben immanent wichtig ist, da sie die reine Äußerlichkeit zu durchbrechen hilft. Der Mensch muss sich dazu allerdings seiner Wirkung bewusst sein, bedarf der Selbstkonstitution zur Selbstdarstellung.

Blumenbergs Argumentationsgang zeigt an, dass die passive Optik elementares Merkmal des Menschen ist. Es handelt sich um eine Entthronisierung der Idee des animal rationale oder des logos als anthropina.

In dieser Ausarbeitung soll die These nachvollzogen und konturiert werden, die passive Optik definiere den Menschen. Dazu soll die Selbstlokalisierung des Leibes untersucht sowie die sich aus dem Bewusstsein des eigenen Leibes ergebenden Konsequenzen herausgearbeitet werden. Stets wird versucht, angeführte Gedanken zu deuten oder weiterzuführen, um die Thesen schlüssig zusammengefasst vorzuführen.

2 Aussehenskonstitution als anthropina

Dem Zusammenleben des Menschen liegt der Grundsatz der gegenseitigen Visibilität zugrunde. Aufgrund der optischen Wahrnehmung des Anderen wird das bei der Selbstaufrichtung eingegangene Risiko der weiteren Bemerkbarkeit durch den Effekt der weiteren Sicht minimiert und kalkulierbar. Die Notwendigkeit eines Urzustandes analog dem in Thomas Hobbes Leviathan geschilderten Präventivkrieges aller gegen alle wird obsolet, da das gegenüberstehende Wesen erkannt werden kann.

Es ist doch wohl erheblich für die Selbsterhaltung, daß ich in der Visibilität – auch ohne daß ich mich erklären kann oder bevor ich dazu Gelegenheit bekomme – die Chance habe, als verständig-intentional sich verhaltendes Wesen, als kalkulierbare Größe also, erkannt und akzeptiert zu werden.[1]

Die Undurchsichtigkeit der Leiber führt zu Konstanzannahmen, der Weg eines sich uns nähernden Wesens wird allenfalls durch Hindernisse verdeckt, bleibt aber in sich konsistent. Wir erkennen an der Art der Bewegung, an der Haltung und dem Gesichtsausdruck des Anderen seine Intentionalität und können uns entsprechend vor aller Erklärung adäquat auf das Zusammentreffen vorbereiten.

Wären fremde Personen stets ein unberechenbares und unbestimmbares Risiko, bliebe das Leben „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“[2], da jeder in der ständigen Angst leben müsste, vom Anderen präventiv bei günstiger Gelegenheit niedergestreckt zu werden, wenn er ihm nicht zuvor kommt.

Nicht die innere Motivation, sondern die Zweckmäßigkeit und Zielrichtung unseres Handelns lassen sich über die optischen Eindrücke bestimmen.[3] „Gesehehenwerdenkönnen ist [also – S.B.] Voraussetzung für Verstandenwerdenkönnen aus intentionalen Einstellungen.“[4] Blumeberg fasst die optische Evidenz als die vernunfthafte Basis unserer Kontextbeurteilungen auf und deutet jegliche Interferenzen durch olfaktorische „Sympathie-Antipathie-Vorentscheidungen“[5] als Evolutionsrelikte, die unsere sonst rationale Konstitution unterminieren.

Er hebt als Hauptvorteil der Sicht hervor, sie fungiere im Gegensatz zum Hören unmittelbar: „Eine akustische Fremdwahrnehmung ohne das Medium der Sprache wäre nicht möglich, wie sie optisch ohne das Medium der Sprache möglich ist.“[6] Der Mensch ist nicht mehr das animal rationale, dem sein logos eidetisch inhäriert, vielmehr ist die Wahrnehmung qua Sprache der bloßen optischen Wahrnehmung untergeordnet. Ohne das Hilfsmittel der Sprache lässt sich akustisch keine fremde Intentionalität vergegenwärtigen. Obendrein ist die Geräuschwahrnehmung „atomistisch“[7], es lässt sich weder Konsistenz zwischen den einzelnen Lauten herstellen, noch ihr notwendiger Zusammenhang stiften. Die Geräuschwahrnehmung bleibt eine Hypothese, die keine Affektion in der Außenwelt finden kann und deshalb Ratlosigkeit erzeugt. Der Handlungszweck bleibt verborgen, es stellt sich im Falle der Ermangelung optischer Gewissheit die immanente Folge eines Präventivschlags gegen das Andere, welches man akustisch zu lokalisieren hofft. Die Sprache vermittelt nicht das in den Gegenständen Enthaltene, sie dringt bereits ein in den Raum der Außerakustizität, ist nur Vermittlungsinstanz.

Anthropina ist also offensichtlich nicht mehr die Sprachverwendung, der Mensch ist nicht mehr das animal logon rationale, sondern in erster Linie das Bewusstsein der Visibilität und daraus folgend die „Selbstlokalisierung gegenüber fremder Sinnlichkeit und Intention [… als – S.B.] der genetische Ansatz zu aller Reflexivität […]“[8]. Tiere besitzen keine passive Optik, ihr Bewusstsein bleibt bei den Gegenständen, verharrt im Instinktiven. In unserer reflexiven Erkenntnis manifestiert sich die uns eigentümliche Fähigkeit zur Selbstäußerlichkeit. Mit dieser Feststellung stellt Blumenberg einen erneuten Definitionsessay zur Klärung der Frage „Was ist der Mensch?“ her.

Die Abgrenzung der Spezies homo sapiens vollzieht sich nach unten zum Tierischen wie nach oben zum Göttlichen.

Das Tier handelt instinktiv, es reflektiert nicht über seine Visibilität, kann sich bei seinen Handlungen nicht von außen mit sehen und weist damit keine passive Optik auf. Allein der Mensch hat die Selbstaufrichtung hinter sich, die ihrerseits aufgrund der Selbsterhaltung das Bewusstsein des Anderen und die daraus folgende Notwendigkeit des Wissens und Kalküls der eigenen leiblichen Betreffbarkeit zur Objektivierung führte.

Da hatte die Vernunft das Einzigartigste, was sie zu leisten vermag, unter dem Druck der extremen Ungeschütztheit begonnen, nämlich Bewusstsein zum Zustand der Sensibilität für andere Sensibilitäten – oder die anderer – zu machen. Die Selbstobjektivierung, nicht im Sinne innerer Erfahrung oder Erinnerung, wäre dann der Urtypus der Leistung >Objektivierung< […][9]

Die Selbstlokalisierung gegenüber möglicher fremder Intentionalität wird für den Menschen aufgrund seiner Visibilität unabdingbar. Blumenberg bezeichnet sie als „genetische[n] Ansatz zu aller Reflexivität“[10], die ein Spezifikum menschlicher Individuen ist. Das animal rationale wäre nicht zum verständigen Wesen geworden, hätte es sich nicht durch die Selbstaufrichtung in die Lage versetzt, sich selbst konstituieren zu müssen. Der Mensch wurde also zwangsläufig zu dem Wesen, welches einen anderen Standpunkt einnehmen kann. Der Prozess ist allerdings noch nicht abgeschlossen, da die optische Evidenz als Sinnbild der Rationalität noch „durch eine olfaktorische zunichte gemacht werden kann.“[11]

Das Bewusstsein der weiteren Sicht, aber auch Sichtbarkeit macht weitere rationale Strategien wie die der „actio per distans“[12] nötig, was einem Tier qua definitionem nicht zukommt.

Die divinische Inkarnation als gegenüberliegende Abgrenzung hingegen „ist Visibilität in Reindarstellung“[13], ist eine Offenbarung für die Menschen. Der biblische Gott wird „nicht menschengestaltig, um etwas zu erleben oder wahrzunehmen, sondern um erkannt zu werden.“[14] Zwar ist auch seine Visibilität kalkuliert, indem er sich bewusst den Menschen darbietet, doch muss und kann sich Gott nicht in einen anderen Standpunkt versetzen. Als „Allwissender“ ist für ihn die Frage nach dem Anderen obsolet, die Situierung gegenüber fremder Intentionalität überflüssig. Einziges Ziel seiner Fleischwerdung ist es, in der Welt erfahren zu werden, er ist hierbei allein bei sich.

Insofern ist einzig der Mensch das Wesen, welches sich aufgrund seines Bewusstseins der eigenen Visibilität in einen Außenstandpunkt versetzen kann.

[...]


[1] Hans Blumenberg – Beschreibung des Menschen, aus dem Nachlass herausgegeben von Manfred Sommer, 2006, Seite 852

[2] Thomas Hobbes – Leviathan, Übersetzung von Walter Euchner, Neuwied und Berlin 2004, Seite 96

[3] vgl Hans Blumenberg – Beschreibung des Menschen, Seite 852

[4] ebd., Seite 854

[5] ebd., Seite 855

[6] ebd., Seite 852

[7] ebd., Seite 855

[8] ebd., Seite 855

[9] ebd., Seite 849

[10] ebd., Seite 855

[11] ebd., Seite 855

[12] Infolge der Selbstaufrichtung werden die Vorderbeine unnötig und bilden sich zu den Armen aus. Sie sind Wurfwerkzeuge, mit denen der Gegner auf Distanz getroffen werden kann. Dazu gehört jedoch Kalkül, was sich evolutionär zu immer rationaleren Konditionen entwickelt. Für eine detailliertere Darstellung der „actio per distans“ sei auf das Kapitel bei Blumenberg verwiesen.

[13] Ebd., Seite 841

[14] ebd., Seite 841

Details

Seiten
14
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638620796
Dateigröße
390 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72328
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Theorie Selbstäußerlichkeit Bestandteil Anthropologie Hans Blumenbergs Beschreibung Menschen Oberstufenseminar

Autor

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