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Ein Unterrichtsentwurf für eine 10. Klasse Realschule im Fach Englisch zu "Martyn Pig" von Kevin Brooks

Seminararbeit 2006 21 Seiten

Didaktik - Englisch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Unterrichtsgegenstand: „Martyn Pig“ von Kevin Brooks
1.1. Zum Inhalt des Romans
1.2. Aufbau und Erzählstruktur
1.3. Figurenkonstellation
1.3.1. Martyn und seine Familie
1.3.2. Der Figurenkreis um Alex
1.6. Kriminalistischer Jugendroman

2. Zur Unterrichtsstunde
2.1. Thema der Unterrichtsstunde
2.2. Schwerpunktziele der Unterrichtsstunde

3. Geplanter Unterrichtsverlauf
3.1. Unterrichtsverlauf nach Phasen
3.2. Bemerkungen zum geplanten Unterrichtsverlauf

4. Didaktische Bemerkungen
4.1. Unterrichtsreihe
4.2. Begründung der Unterrichtsziele
4.2.1. Sachangemessenheit
4.2.2. Richtlinienangemessenheit
4.2.3. Schülerangemessenheit
4.3. Methodische Bemerkungen
4.3.1. antizipierender Leseprozess
4.3.2. Warum eine offene Form des Unterrichts?
4.3.3. Die gewählte Methode der „Projektarbeit“

5. Erwartete Tafelbilder / Arbeitsmaterialien

6. Literaturverzeichnis

1. Unterrichtsgegenstand: „Martyn Pig“ von Kevin Brooks

1.1. Zum Inhalt des Romans

Martyn ist ein Trödler, er liebt es, die Zeit verstreichen zu lassen: Abwarten und Tee trinken, mehrere Tassen, eine Kanne voll, Schokoladenkekse dazu essen, ein Bad nehmen, am Strand laufen in der Dezembereinsamkeit, nichts überstürzen, sich in den Kaufhäusern rumtreiben bei den Weihnachtseinkäufen, vom öden Festrummel ange- widert. Entschlusslosigkeit und Fatalismus bestimmen sein Leben. Er hat kein Vertrau- en in die Zukunft.

Martyns Vater ist ein Trinker mit Kindergeld, er braucht den Jungen - um den monat- lichen Betrag von der Sozialhilfe zu kassieren und um am Morgen sein Erbrochenes aufzuwischen zu lassen. Als der Vater eines Tages im Suff gegen den Kamin knallt und tot zu Boden sinkt, ist Martyn endgültig ratlos. Er lässt den toten Mann erst einmal liegen. Die Stunden verrinnen, erst mal drüber schlafen, aber mit jeder Minute wird es schwieriger, den anderen, der Polizei sein Verhalten zu erklären. Mordverdacht droht. Dann kommt auch noch Tante Jean, also wird mit der Freundin Alex ein haarsträubender Plan ausgeführt. Der Vater wird, damit die Tante nichts merkt, mit einer "Grippe" ins Bett gepackt, Wick-VapoRub-Dünste überlagern den Leichengeruch. Plötzlich ist auch Geld im Spiel, 30 000 Pfund hat der Vater angeblich auf einem Konto, ein mieser Typ versucht eine Erpressung. Und was ist plötzlich mit Alex, Alex, die Schauspielerin werden will und die alle anderen nachmachen, jede Rolle spielen kann und dann spurlos verschwindet?

Fragen schwirren durch Martyns unruhigen Geist. Ist alles was wir erleben vorherbestimmt, wie Einstein es sagt? Was ist am Ende richtig, was ist falsch?

1.2. Aufbau und Erz ä hlstruktur

Das Buch Martyn Pig wird als Rückblick von der gleichnamigen Hauptfigur aus der Ich-Erzählperspektive erzählt. Der Teenager beschreibt auf 220 Seiten detailliert die Woche vor Weihnachten von dem Tag an, an welchem sein Vater in einem Streit mit ihm unglücklich stürzt und zu Tode kommt. Es liegt ein einsträngiger Handlungsverlauf vor. Jedem Tag ist ein Kapitel gewidmet. Den Abschluss bildet ein Epilog des Ich- Erzählers. Die Berichte beinhalten viele dialogische und monologische Sequenzen, die wegen ihrer kurzen Redebestandeile und schnellen Wechsel wiederholt kritisiert wurden.1

1.3. Figurenkonstellation

Das Personal konzentriert sich in erster Linie auf Martyn und das Nachbarsmädchen Alex, in das Martyn verliebt ist. Um Martyn zieht sich ein enger familiärer Figurenkreis bestehend aus seinem Vater und seiner Tante Jean. Neben der Mutter von Alex gesellt sich zu den Personen um Alex noch deren Freund, der 18-jährige Dean. Am Ende tritt eine dritte Figurengruppe um Inspektor Breece hinzu, der Behördenpersonal als Neben- figuren beinhaltet (Kriminalmeister Finlay, die Polizeiwachtmeistern Sanders und Peter Bennett von der Sozialfürsorge). Breece hat nur eine kleine Rolle. Er ist der unverbesserliche Kriminale, der engstirnig seine Verbrechenstheorie verfolgt und von Martyns Schuld überzeugt bleibt, obwohl er ihm nichts nachweisen kann.

1.3.1. Martyn und seine Familie

Martyn ist 14. Sein Nachname „Pig“ setzt ihn unzähligen Hänseleien aus (vgl. S.8)2. Dazu kommt, dass Martyn Scheidungskind ist. Er lebt bei seinem Vater, Kontakt zu seiner Mutter besteht keiner mehr. Wie viele Jugendliche in seinem Alter ist er zum ersten Mal verliebt. Er kriegt schlottrige Knie und ist total durch den Wind (S. 24), wenn das Nachbarsmädchen Alex anwesend ist.

Martyns Vater ist hochgradiger Alkoholiker. Ständige Betrunkenheit und Wutausbrüche des Vaters gehören zum Alltag (vgl. S. 32ff). Martyn beschreibt ihn folgendermaßen:

He could have been a handsome man if it wasn’t for the drink. Handsome in a short, thuggisch kind of way. [...] - but he didn’t. He looked like what he was: drunk. Fat little belly, florid skin, yellowed eyes, sagging cheeks and a big fat neck. Old worn out at forty. (S. 9f) He was a drunken slob and he treated me like dirt.( S. 24)

Martyns Vater kann wegen seines Alkoholismus nicht mehr für seinen Jungen sorgen. Der Teenager ist größten Teils auf sich selbst gestellt: Er führt den Haushalt und versorgt sogar dazu immer wieder seinen Vater (vgl. S. 25), der dazu oft zu betrunken ist. Aus Angst vor einer Heimunterbringung beklagt er sich nicht, sondern kompensiert die Verantwortungslosigkeit. Es könnte ja noch schlimmer kommen, denn da ist ja auch noch Tante Jean:

[...] Dad’s older sister. A terrible woman. [...] An angular woman, cold and hard, with crispy blue hair and a face that makes you shudder. [...] [Her eyes ]have about as much warmth as two depthless pools. (S. 10)

Tante Jean bemüht sich um das Sorgerecht. Martyn will aber auf keinen Fall zu ihr. Erst am Ende bemerkt er: „[She] is not as bad as I thought it would be“ (S.212). Man muss berücksichtigen, dass die Figuren alle durch die subjektive Sichtweise des Ich-Erzählers charakterisiert werden. Auch wenn Tante Jean bei ihrem Kontrollbesuch sehr pedantisch dargestellt wird, so ist sie doch die einzige, die sich nach Martyn erkundigt und Interesse an ihm zeigt (vgl. 90 ff).

Auf der einen Seite hat Martyn für einen 14-jährigen Jungen schon sehr viel Autonomie erworben. Auf der anderen Seite geht ihm darüber jedoch auch ein Stück seiner Jugend verloren. Er kann sich an niemandem orientieren. Reale Vorbilder fehlen ihm:. „It was such an alien concept - being proud of someone - [...].“ (S. 28). Als Folge flüchtet sich Martyn in seine Phantasie. Er lernt, Krimis zu mögen. Geschichten über Mord und Totschlag. Gangsterstorys, Thriller und Detektivromane. (S. 26). Diese Phantasie wird für ihn zur erschreckenden Wirklichkeit, als sein Vater stirbt. Martyn steigert sich in alle möglichen Szenarien einer eventuellen polizeilichen Untersuchung so sehr hinein und spekuliert auf eine Schuldzuweisung, bis er schließlich zur Überzeugung gelangt, dass es besser sei, den Tod seines Vaters zu verschweigen.

Martyns Bekenntnis zur Lüge als Überlebensgarantie bleibt aber fragwürdig: „All you’ve got to do is to stick what you’ve already said, and if anything tricky comes up, you can’t remember.“(S. 216) Seine Ansichten sind von Misstrauen und Fatalismus geprägt: „You see, it doesn’t matter what the police think, it doesn’t matter what they know, all that matters is proof. If they can’t prove something, there’s nothing they can do. [...] That’s justice“ (S. 216) Man könnte manchmal glauben, hier würde ein Jugendlicher auf dem Weg in die Kriminalität dargestellt. So ist es aber keineswegs. Durchgehend ist Martyn glaub- würdig das Opfer seiner kläglichen Lebensumstände und seiner familiären Situation.

1.3.2. Der Figurenkreis um Alex

Das Nachbarsmädchen Alex ist knapp zwei Jahre älter als der 15-jährige Martyn (vgl. S. 19). Martyn verliebt sich schon bei der ersten Begegnung in sie. Er mag ihre lässige Art sich zu kleiden, ihr schwarzes Haar, ihre Art sich zu bewegen (vgl. 19f.). Alex wohnt alleine mit ihrer Mutter zusammen, seit diese ihrem alkoholabhängigen Mann den Laufpass gegeben hat (vgl. S. 26). Die Mutter ist „a sort of dumpy“ und wirkt „grey and tired“(S. 20). Die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter ist aber nicht von der Hand zu weisen. Sie ist Schauspielerin, ihre Karriere scheint jedoch bereits nach einer größeren Rolle, die bereits 15 Jahre zurückliegt, erfolglos zu verlaufen (vgl. S. 27). Dennoch hat Alex in ihrer Mutter ihr Idol gefunden: Sie bewundert sie für ihre schauspielerischen Fähigkeiten und möchte ihr nacheifern. Auch sie will Schauspielerin werden. Sie zeigt gerne ihr Talent, alle möglichen Charaktere in sämtlichen Gefühlslagen darstellen zu können (vgl. S. 28).

Alex hat bereits einen festen Freund, Dean, den Martyn, von Eifersucht geprägt, folgendermaßen beschreibt:

He was eighteen, he worked in the Gadget Shop in town - computers, sound systems, electronic stuff. He was an idiot. Ponytail, long fingernails, bad skin. His face was all the same colour - lips, cheeks, eyes, nose - all rotten and white. (S. 21)

Deans skrupelloser Opportunismus zeigt sich, als er zum Mitwisser von Alex’ und Martyns Vertuschungsaktion wird. Anstatt die Situation retten und die beiden vernünftig zu beraten, wird er zu Martyns Erpresser.

Alex mag Dean und verteidigt ihn. Selbst als dieser Alex und Martyn hintergeht und erpresst, äußert sie sich nicht negativ über ihn. Sie wendet sich zwar von ihm ab, Gefühle zeigt sie aber keine (vgl. S. 135).

Was in Alex vorgeht lässt sich schlecht sagen. Auf der einen Seite sprüht sie vor Charme und Idealismus, auf der anderen Seite scheint sich über alle Grenzen hinwegzusetzen, um ihr Ziel zu erreichen - egal ob es sich um Moral oder Gesetz handelt. Dass sie ohne Führerschein Auto fährt, scheint da noch eher harmlos. Sie hintergeht ihren Freund Martyn und bringt ihn um sein Erbe: obwohl dieser von einer gemeinsamen Zukunft träumt, brennt sie mit seinem Geld durch. Sogar vor Mord scheint sie keinen Halt zu machen: Sie hat wahrscheinlich Deans Bremsleitungen durchgeschnitten und so seinen tödlichen Motorradunfall verursacht (vgl. 181).

1.6. Kriminalistischer Jugendroman

Martyn Pig konzentriert sich zweifellos auf den Jugendlichen als „spezifisches Teilpublikum“3 : Der Protagonist Martyn ist ein Teenager. Seine Lebenssituation greift die jugendspezifischen Themen des Alkoholismus, der ersten Liebe und des Lebens in einem zerrütteten Elternhaus auf. Das Außergewöhnliche an diesem Jugendbuch ist aber, dass es das Leseinteresse in ganz besonderem Maße weckt, indem die altbekannten Themen in die Form einer kriminalistischen Erzählung verpackt sind.

Der Kriminalroman ist im Wesentlichen „inhaltlich-stofflich“4 bestimmt. Es liegt ein festes Schema zugrunde, das drei Faktoren enthält: die Leiche(n), den Detektiv und die Verdächtigen. Alles in Gang bringt der Ermordete, der entweder vor Beginn der Erzählung oder auf den ersten Seiten sein Ende findet. Den Anstoß der Story liefert die Leiche.5

„Um Aufdeckung im klassischen Sinn geht es [bei Martyn Pig ] nicht, auch wenn es die Spannung nahe legt, [ist das Buch] weit weg von Serienkrimis für Junge.“6 Der Protagonist des Buches ist nicht der Ermittler, sondern Martyn, der sich selbst als Verdächtigen in einem Mordfall sieht. Anstatt um die Aufdeckung der Umstände, die zum Tod von Martyns Vater führen, geht es um deren Vertuschung. Die polizeiliche Untersuchung setzt erst sehr spät ein und bleibt überdies auch noch erfolglos. Trotzdem ist der Tod des Vaters Anlass für die Erzählung und alle folgenden Ereignisse hängen davon ab.

Dieses Spiel mit Techniken aus dem Kriminalroman erzeugen eine enorme Spannung und regen die Lesefreude an. Doch gerade weil hier die Vertuschungsaktion des Verdächtigen im Mittelpunkt steht, wird die Rezeption des Buches erschwert. Durch die Fokusverschiebung auf den Verdächtigen wird das Pärchen Martyn und Alex beinahe zu einem glorifizierten Verbrecherpärchen wie Bonnie and Clyde hochstilisiert und erhält auch noch die Sympathie des Lesers:

The overwhelmingly negative focus of this book makes it a difficult read. Even without the dark subject matter, the reader is left with Martyn's rationalization that "it's only wrong if you get caught," a moral judgment that is questionable at best.7

Es wird fragwürdig, ob die noch unausgebildete literarische Rezeptionsfähigkeit der jungen Generation und deren Leseinteressen nicht fehlgeleitet werden könnte. Es handelt sich hier also um ein nicht ganz so einfaches, kriminalistisches Jugendbuch, das zwar die Lesefaszination schnell zu fesseln mag, dennoch einer sorgfältigen Lektüre und einer abwägenden Interpretation bedarf.

[...]


1 vgl. z.B. Kevin Brooks: Martyn Pig. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. In: Literaturbeilage der NZZ am Sonntag. 15. August 2004: hier werden die Dialoge aus „hektisch“ und „staccatohaft“ kritisiert.

2 Dieser Arbeit liegt folgende Textausgabe zugrunde: Brooks, Kevin: „Martyn Pig.“ Frome, Somerset: The Chicken House 2002. 220 Seiten. Im Folgenden wird nach dieser Ausgabe zitiert.

3 vgl.: Hurrelmann, Bettina: „Kinder- und Jugenliteratur im Unterricht“. In: „Grundzüge der Literaturdidaktik.“ hrsg. v. Klaus-Michael Bogdal; Hermann Korte. München, 2002. S. 139

4 vgl.: Stanzel, Franz K.:“Typische Formen des Romans.“ 12. Aufl.. Göttingen, 1993. (Kleine Vandenhoeck-Reihe; 1187) S.9

5 vgl. Heißenbüttel, Helmut: „Spielregeln Des Kriminalromans.“ In: „Der Kriminalroman II. Zur Theorie und Geschichte einer Gattung.“ hrsg. v. hrsg. v. Jochen Vogt . München, 1971. S. 356-371

6 Kevin Brooks: Martyn Pig. Aus dem Englischen von Uwe-Michael Gutzschhahn. In: Literaturbeilage der NZZ am Sonntag. 15. August 2004

7 Nawoj, Jan: „Martyn Pig”. In: Journal of Adolescent & Adult Literacy. 1 October 2002.

Details

Seiten
21
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638719223
Dateigröße
389 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72257
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – IEAS
Note
2,0
Schlagworte
Unterrichtsentwurf Klasse Realschule Fach Englisch Martyn Kevin Brooks Fachdidaktik Offenes Arbeiten Sekundarstufe

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Titel: Ein Unterrichtsentwurf für eine 10. Klasse Realschule im Fach Englisch zu "Martyn Pig" von Kevin Brooks