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Erzählstrukturen auf Kaselkreuzen des XV. und XVI. Jahrhunderts an exemplarischen Beispielen

Examensarbeit 2007 78 Seiten

Kunst - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Liturgische Gewänder – Historische Entwicklung bis zum Vatikanischen Konzil 1.1 Liturgische Farben und ihre Symbolik

2 Die Kasel 2.1 Historische Entwicklung der Kasel 2.2 Material und Farbe 2.3 Symbolik der Kasel

3 Kaselkreuze 3.1 Deutsche Kaselkreuze des 15. und 16. Jahrhunderts 3.2 Symbolik der Kreuztypen 3.3 Darstellung der Kreuzigung in der Gotik

4 Typen von Erzählstrukturen 4.1 Entwicklung narrativer Erzählstrukturen 4.2 Zeichenhaftigkeit in mittelalterlichen Darstellungen 4.2 Syntaktische und paradigmatische Erzählstrukturen 4.3 Die Macht der Mitte

5 Erzählstrukturen auf Kaselkreuzen 5.1 Vertikale Erzählstruktur 5.1.1 Kreuzigung mit Kelch 5.1.2 Kreuzigung mit Petrus 5.1.3 Arma Christi 5.2 Mehrfache, simultane Erzählstrukturen 5.2.1 Kreuzigung mit Engeln 5.2.2 Kreuzigung mit Propheten 5.2.3 Ecce Homo und Arma Christi 5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse 5.4 Zusammenhänge zwischen Kaselkreuzen und liturgischen Farben

6. Schluss

7 Katalog

8 Verwendete Literatur

9 Abbildungsverzeichnis

Einleitung

In der vorliegenden Arbeit wird erörtert, welche Erzählstrukturen auf Kaselkreuzen des 15. und 16. Jahrhunderts zu finden sind. Wichtig sind bei der Analyse nicht nur die einzelnen Motive sondern vor allem deren Anordnung und die Bezüge zwischen ihnen, die tieferliegende Bedeutungsebenen in den Gesamtdarstellungen erschließen lassen.

Die Kasel, das liturgische Obergewand des Priesters, fungiert sozusagen als Bildträger des Kaselkreuzes, weshalb hier im ersten Schritt die Entwicklung der liturgischen Gewänder im Allgemeinen beleuchtet wird, um dann in einem weiteren Schritt auf die Entwicklung der Kasel und der Kaselbesätze einzugehen. Wichtig sind im ersten Teil die Fragen, was ein liturgisches Gewand ausmacht, wodurch es von profanen Gewändern zu unterscheiden ist und wann und warum sich besondere Kleidung für christliche Geistliche entwickelt hat.

Vor der Analyse einzelner Beispiele ist es unerlässlich, Typen von Erzählstrukturen darzustellen. Zu diesem Zweck wird ein kurzer Einblick in die Entwicklung von Bildern und Bildergeschichten geliefert, um in diesem Rahmen die Anfänge der Entwicklung narrativer Erzählstrukturen in bildlichen Darstellungen aufzuzeigen.

Im weiteren Verlauf werden verschiedene Bildformen wie die der Andachtsbilder und gotischer Kirchenfenster helfen, die fehlenden Aspekte für die Analyse der Kaselkreuze zu finden. In beiden genannten Beispielen werden unterschiedliche Erzählstrukturen aufgezeigt, d.h. Bildinhalte durch unterschiedliche Mittel dargestellt, welche eng mit den Darstellungsweisen auf Kaselkreuzen verwandt sind, da auch hier mit verkürzten, symbolhaften Darstellungen gearbeitet wird.

Zu allen Aspekten werden im Anschluss exemplarische Beispiele zu einzelnen Kaselkreuzen herangezogen und ausführlich nach den verschiedenen vorher entwickelten Gesichtspunkten analysiert.

Wenn in dieser Arbeit von der „Gegenwart“ oder dem „heutigen Gebrauch" liturgischer Gewänder gesprochen wird, so ist damit stets die Zeit bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil gemeint, da sich durch die Beschlüsse teilweise drastische Änderungen bemerkbar machten: Mit der Liturgiereform wird unter anderem die Umschreibung des Missale Romanum angeordnet, was zur Folge hatte, dass die prunkvollen Gewänder nach und nach durch schlichtere Gewänder ersetzt wurden. Diese Änderungen in der Liturgie führten jedoch dazu, dass eine wirkliche einheitliche Entwicklung nicht mehr festzustellen ist, weshalb eine strukturelle Ordnung nach 1965 in dieser Arbeit nicht geleistet werden kann.

Auch ein Vergleich zu protestantischer Gewandung oder zu anderen Religionen wird hier nicht gezogen, da das Thema zwar durchaus viele interessante Aspekte birgt, diese aber für das Thema der vorliegenden Arbeit nicht weiter von Belang sind.

1 Liturgische Gewänder – Historische Entwicklung bis zum 2. Vatikanischen Konzil

Als liturgische[1] Gewänder werden jene Kleidungsstücke bezeichnet, die ausschließlich dem Klerus für den liturgischen Gebrauch vorbehalten sind und sich in ihrer Form und sonstigen Beschaffenheit von jeder anderen Gewandung unterscheiden.

Doch wie und warum entwickelten sich überhaupt besondere Gewänder für den gottesdienstlichen Gebrauch?

Es mag wohl in der Menschheitsgeschichte schon immer das Bedürfnis gegeben haben, religiöse Führungs- bzw. Vermittlungspersonen mit speziellen Gewändern auszustatten, z.B. um den besonderen Rang der betreffenden Personen zu verdeutlichen, die Ehrfurcht vor den heiligen Geheimnissen zu stärken und -aus christlicher Sichtweise- in den Gläubigen die Hochschätzung des unblutigen Opfers des Neuen Bundes zu wecken.[2]

Sicherlich waren dies nicht die einzigen Gründe. Aus psychologischer Sicht mag auch eine Rolle gespielt haben, dass der Mensch in seiner Schwachheit und Sündenbehaftetheit es für vorteilhaft und geradezu notwendig hält, sich hinter „Masken“ und „Kostümen“ zu verstecken, um der Gottheit entgegentreten zu können.

Schon im Alten Testament finden sich detaillierte Beschreibungen liturgischer Kleidung; so heißt es z.B. im Buch Exodus: „Laß für deinen Bruder Aaron heilige Gewänder anfertigen, die ihm zur Ehre und zum Schmuck gereichen. […] Das sind die Gewänder, die sie anfertigen sollen: Lostasche, Ephod, Obergewand, Leibrock aus gewirktem Stoff, Turban und Gürtel. […] Sie sollen dazu Gold, violetten und roten Purpur, Karmesin und Bysus[3] verwenden.“ (Ex 28,2-5).

Vergleicht man die liturgischen Gewänder der ersten beiden Jahrhunderte mit jüdischer Kultkleidung, stellt man fest, dass die optische Ähnlichkeit eher gering ausgeprägt ist, die neueren liturgischen Gewänder sich stattdessen stärker an der seinerzeit üblichen Zivilkleidung orientierten.

Da die Judenchristen aus dem Judentum jene Überzeugung mitbrachten, die der heilige Hieronymus (347-420)[4] in die Worte kleidete: „Die Göttliche Religion hat ein anderes Gewand im heiligen Dienst, ein anderes im gewöhnlichen Verkehr und Leben“[5], lässt sich ein allgemeiner Einfluss der alttestamentarischen Kleidung für den gottesdienstlichen Gebrauch deshalb nicht von der Hand weisen. Der allgemeine Einfluss ist hier jedoch so zu verstehen, dass die Tradition des Alten Bundes, beim Gottesdienst besondere Kleidung zu tragen, im Neuen Bund weitergeführt wurde.[6]

Die historische Entwicklung liturgischer Gewandung der neutestamentarischen Zeit lässt sich in vier Epochen unterteilen: In die vorkonstantinische Zeit (bis zum 4. Jahrhundert), die Zeit vom 4.–9. Jahrhundert, vom 9.–13. Jahrhundert und in die Zeit vom 13. Jahrhundert bis zum 2. Vatikanischen Konzil[7].

Gab es auch in der vorkonstantinischen Zeit -von der Entstehung des Christentums bis zum 4. Jahrhundert- noch keine einheitlich ausgebildete Sakralkleidung, so war es doch im Allgemeinen üblich, bei gottesdienstlichen Verrichtungen reine und anständige Kleidung zu tragen, wobei dies oftmals schon in der Weise geschah, dass die Kleidung, die am Altar benutzt wurde, nicht zugleich im Alltagsleben Verwendung fand.[8] Die Umsetzung dieser Tradition erwies sich aufgrund der politischen Lage jedoch oftmals als schwierig, da Messen in Zeiten der Christenverfolgung oftmals versteckt stattfinden mussten.

Politisch änderte sich die Lage des Christentums maßgeblich durch die Freigabe der christlichen Religionsausübung durch Kaiser Konstantin (Edikt von Mailand, 313) und schließlich durch die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion durch Kaiser Theodosius I. (380).

Durch die neu gewonnene Freiheit gelangte die schon in vorkonstantinischer Zeit begonnene Scheidung zwischen liturgischer und außerliturgischer Tracht zur Vollendung, so dass sich bis zum 6. Jahrhundert bereits die Hauptbestandteile liturgischer Gewandung herausgebildet hatten.[9]

In dieser wohl wichtigsten Phase der Entwicklung christlicher Riten gab es weitere bedeutende Veränderungen wie beispielsweise die „Einführung liturgischer Distinktiva zur Unterscheidung der höheren Ordines von den niederen […] bzw. des Klerus von den Laien“[10], den Gebrauch von liturgischer Kleidung über der Alltagskleidung und die Einführung der Segnung der beim Gottesdienst verwendeten Kleidung[11], wodurch diese dem profanen Gebrauch entzogen und zu heiligen Gewändern wurden.[12]

Ob oder inwieweit sich die Ausbildung liturgischer Gewänder in der Zeit vom 4.–9. Jahrhundert nur durch bloße Gewohnheit entwickelte oder durch positive kirchliche Vorschriften beeinflusst wurde, lässt sich nicht genau bestimmen, die dennoch relativ homogene Entwicklung lässt aber darauf schließen, dass es zumindest unverbindliche Richtlinien gegeben haben muss.

Zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert vollzog sich nun die völlige Scheidung zwischen liturgischer und außerliturgischer Tracht der Geistlichen und gegen 1200 fasste Papst Innozenz III. (1160-1216) die gebräuchlichen Gewandfarben auf der Grundlage der seit der Karolingerzeit gepflegten Symbolik (vgl. auch Kapitel 1.1) zusammen.

Veränderungen gab es auch hinsichtlich der Verwendung einzelner Gewandstücke. Es wurde nun schärfer zwischen priesterlicher und nichtpriesterlicher Kleidung unterschieden, wodurch die Kasel zum spezifischen Messgewand wurde.

In dieser Phase entwickelten sich nun auch die letzten liturgischen Gewänder, so dass der im Ganzen aus 18 Stücken bestehende Kleiderkanon nun vollständig war.

Bezüglich des Gewandcharakters wird zwischen Obergewändern, Untergewändern, Insignien (Zeichen religiöser Würde und Macht) und bloßen Schmuckstücken unterschieden:

Zu den Schmuckstücken zählen die Pontifikalhandschuhe, die pontifikale Fußbekleidung, die pontifikalen Strümpfe sowie die Mitra und das Rationale; religiöse Abzeichen bilden der Manipel, die Stola, das Pallium und das Subcinctorium; zu den Untergewändern gehören Amikt, Fanone, Albe, Cingulum und Superpelliceum und zu den Obergewändern zählen Dalmatik, Tunicella, Pluviale und die Kasel.

„Unter der Gunst der äußeren Verhältnisse und unter dem Einfluss gesteigerter Prachtliebe sowie namentlich auch opferwilligster Religiosität“[13] und sicher auch durch das Aufblühen des Seidengewerbes um das 14. Jahrhundert entstanden im späten Mittelalter, dem Anfang der vierten Entwicklungsepoche, die wohl prunkvollsten liturgischen Gewänder. Nicht selten wurden sie mit „Perlen, Edelsteinen, Plättchen aus edlen Metallen und Emails“[14] oder kunstvollen Stickereien verziert.

Durch den sich ändernden Geschmack, Ansprüche an Bequemlichkeit, aber vor allem wohl aus Gründen der Ersparnis begann man im 13. Jahrhundert nach und nach damit, die Gewänder zu stutzen. Besonders ausgeprägt war die Umbildung bei der Kasel, da durch die Einführung des liturgischen Farbkanons im späten Mittelalter nun weitaus mehr Gewänder beschafft werden mussten als vorher (vgl. Kapitel 2.1).

1.1 Liturgische Farben und ihre Symbolik

Wie bereits erwähnt fasste Papst Innozenz III. die gebräuchlichen Farben liturgischer Gewänder um 1200 zusammen und erstellte damit den ersten vollständigen, jedoch nicht verbindlichen, liturgischen Farbkanon[15]. Diesem liegt eine Farbsymbolik zugrunde, deren Ursprung bereits in den Religionen der Ägypter und Perser zu finden ist und sich aus den beiden ursprünglichen Farben Schwarz und Weiß –Tod und Leben bzw. Licht– entwickelt hat.[16]

Vor 1200 gab es im Wesentlichen zwei Strömungen:

Als teuerstes Färbeverfahren in der Zeit vor 1200 galt die Färbung der liturgischen Stoffe mit dem Sekret der Purpurschnecke, weshalb die Verwendung der gefärbten Kleidungsstücke „zunächst auf einer Wertabstufung einer „Purpurskala“ bestimmt“[17] wurde, d.h. je dunkler, desto vornehmer, doch auch Grün, Blau, Gelb, Violett und Schwarz wurden getragen.

Zu den Gegnern buntfarbiger Gewänder gehörte beispielsweise Klemens von Alexandrien (2.Jhd.)[18], der ausdrücklich vor dem Tragen farbiger Gewandstücke warnte, da diese einzig Ausdruck verderblicher Üppigkeit seien.

Sicher kann zwar nicht gesagt werden, wie sehr man in der Praxis dieser Forderung entsprochen hat, doch haben weiße Gewänder bereits sowohl im heidnischen Kultus als auch in Neutestamentarischer Zeit eine besondere Bedeutung, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass nicht nur in Einzelfällen auf farbige Stoffe verzichtet wurde.

Festzustellen ist, dass schon in Ägypten Priester in weiße Gewänder gehüllt waren, was die innere Heiligkeit und die Abwehr von Unheil symbolisieren sollte.[19]

Neutestamentarisch ist die weiße Gewandung beispielsweise mit der Verklärung des Heilands auf Tabor (MK 9,3) und der Schar der Seligen vor dem Thron Gottes (Apo 7,9-14) begründet.

Doch schon vor der Erstellung des liturgischen Farbkanons durch Papst Innozenz III. wurden besondere Farben verwendet, d.h. Papst Innozenz erstellte keine neuen Farbregeln, nach denen sich der Klerus bei gottesdienstlichen Handlungen zu kleiden hatte sondern fasste lediglich die schon vorher üblichen Bräuche zusammen.[20]

Die Umsetzung des Liturgischen Farbkanons bedeutete jedoch nicht, dass die Paramente nur eine Farbe je Gewand aufweisen durften; es konnten durchaus auch zwei- oder mehrfarbige Stoffe verwendet werden, wobei eine Hauptfarbe –meist die Farbe des Grundes– erkennbar sein musste. Auch waren diese Farbvorschriften durchaus noch nicht bindend, „was zu regionalen Unterschieden und insgesamt zu großer Vielfalt führte.“.[21]

Erst durch das Konzil von Trient (1545 – 1563, einberufen von Papst Paul III. (1468-1549)), welches nach der Glaubensspaltung der Reformation danach strebte, die Einigkeit der katholischen Kirche wieder sichtbar zu machen, wurde eine verbindliche Farbordnung für liturgische Textilien festgelegt. Zugelassen waren nun nur noch die fünf Hauptfarben Weiß, Rot, Violett (und Rosa als Abschwächung von Violett), Schwarz und Grün, wohingegen Nebenfarben wie Gelb und Blau in der neuzeitlichen Farbordnung nicht mehr vorkommen.

Weiß (auch Gold und Silber für besonders festliche Anlässe) steht symbolisch für Unversehrtheit und Unschuld und wird demnach beispielsweise bei Festen des Herrn, der heiligen Engel und der Jungfrauen sowie an den Oster- und Weihnachtstagen getragen, aber auch bei Begräbnissen derjenigen, die vor Erlangen des Vernunftgebrauchs gestorben sind.

Gold im Besonderen bedeutet den starken Glauben und steht außerdem für die Auferstehung.

Die rote Farbe symbolisiert die Liebe Gottes, das Feuer, aber auch das Blut des Opfertodes und wird deshalb an den Festen der Märtyrer und der Apostel, an den Leidensfesten des Herrn (beispielsweise an Karfreitag) und den Festen der Kreuzerhöhung getragen.

Violett ist die Farbe der Demut, der Buße und der Trauer und wird in der Fastenzeit, in der Adventszeit, bei der Messe der Bitttage und der Spendung des Bußsakraments und Rosa an den Sonntagen Gaudete und Laetare statt Violett getragen.

Schwarz als Farbe der Trauer, Buße und Sühne wird bei Totenmessen und Begräbnissen derjenigen verwendet, die nach Erlangen des Vernunftgebrauchs gestorben sind.

Der grünen Farbe werden zwar viele symbolische Bedeutungen zugeschrieben, doch ist sie im liturgischen Sinne nicht als Bedeutungsträger gemeint sondern soll als „Zwischenfarbe“ an jenen Tagen getragen werden, an denen gemäß obigen Ausführungen weder Rot, Schwarz, Weiß oder Violett getragen werden kann (Kirchenjahr).[22]

2 Die Kasel

Die Kasel –das liturgische Obergewand des Priesters - wird neben der Albe zu den Messgewändern besonderer Art gezählt, da sie in ihrer liturgischen Funktion nur in der Messe getragen werden darf, wohingegen die Stola die eigentliche Amtsinsignie des Priesters ist, die auch bei seinen anderen Funktionen –Taufe, Firmung etc.- getragen werden muss.[23]

Als Schmuck oder Symbol der Ordo erscheint die Kasel bei „den zwölf Priestern, die dem Bischof am Gründonnerstag bei der Ölweihe, sowie bei den Kardinalpriestern, die dem Papst bei feierlichen Funktionen assistieren“.[24] Diakone und Subdiakone dürfen sie lediglich an den Tagen gebrauchen, an welchen sie Dalmatik und Tunicella nicht tragen dürfen und müssen sie zum Unterschied vom Priester „als sog. Planeta plicata anlegen, d.h. vorn auf der Brust aufgerollt oder […] vorn bis zur Brust verkürzt.“[25].

Die Kasel gehört neben dem Amikt, der Albe, dem Cingulum, dem Manipel und der Stola zu den wenigen Gewändern, bei denen eine Segnung vorgeschrieben ist. Durch die Segnung wird sie dem profanen Gebrauch entzogen und erhält einen dauerhaft heiligen Charakter.[26]

Die „moderne“ Kasel, wie sie Joseph Braun 1924 in seinem Buch „Die liturgischen Paramente in Gegenwart und Vergangenheit“ beschreibt, ist in ihrer Gestalt ein „skapulierförmiger, mit Öffnung zum Durchlassen des Kopfes versehener Überwurf, der eine Rückenbreite von 65 bis 73 cm und eine Rückenlänge von 1,05 bis 1,15 m zu haben pflegt.“[27].

Es wird zwischen vier verschiedenen Kaseltypen, der italienischen, der französischen, der spanischen und der deutschen Kasel unterschieden.

Die italienische/römische Kasel ist an den Seiten leicht ausgeschnitten, der Kopfdurchlass ist trapezartig und ihre Verzierung besteht aus „einem vertikalen Streifen in der Mitte des Rückens“[28], einem geradbalkigen Kreuz auf der Vorderseite, von dem jedoch die obere Spitze fehlt, und einer breiten Einfassung um den Halsausschnitt.

Der Kopfdurchlass der französischen Kasel ähnelt dem der römischen Kasel, ist jedoch etwas breiter, weniger tief ausgeschnitten und mit einem breiten Besatz versehen. Verziert ist sie auf der Rückseite mit einem Kreuz, in dessen Winkeln vorspringende Ecken eingefügt sind und auf der Vorderseite mit einem mit einem Stab.

Die spanische Kasel ist die am stärksten ausgeschnittene Variante und erinnert stark an eine Bassgeige. Sie besitzt einen sehr weiten und rundlich ausgeschnittenen Kopfdurchlass, der mal mit breiten Besätzen, mal mit schmalen Borten verziert ist. Sowohl auf der Vorder- als auch auf der Rückseite befindet sich ein Vertikalstab und nirgends ein Kreuz.

Der deutsche Typus hat einen rundlich gestalteten Kopfdurchlass, der mit einer schmalen Borte umsäumt ist. Vorne ist sie leicht ausgeschnitten und mit einem Vertikalstab verstehen, auf der Rückseite befindet sich ein geradbalkiges Kreuz.[29]

2.1 Historische Entwicklung der Kasel

Die Kasel (casula, planeta) stammt von einem in der antiken, griechisch-römischen Welt gebräuchlichen, profanen Gewand des Alltagslebens ab und gilt als das älteste liturgische Obergewand.

Ursprüngliche diente sie als Schutz gegen die Witterungsverhältnisse und bürgerte sich bis zum 2. Jahrhundert immer mehr als gewöhnliches Oberkleid ein.

Bereits gegen Ende des 4. Jahrhunderts erschien die Kasel in Gallien unter dem Namen „amphibalus“ im liturgischen Gebrauch.[30]

Bis in die Karolingerzeit hinein war die Kasel noch nicht ausschließlich priesterliches Gewand, sie war noch nicht einmal liturgisches Gewand im eigentlichen Sinne sondern wurde bei allen feierlichen Funktionen wie Taufwasserweihe, Kirchweihe, Erteilung der heiligen Ölung, Taufe usw. verwendet. Mit der Jahrtausendwende wurde die Kasel nach und nach bei den meisten Feierlichkeiten durch das allmählich in Gebrauch kommende Pluviale ersetzt, so dass sie ab dem Ende des 12. Jahrhunderts fast ausschließlich zur Messe gebraucht wurde.[31]

In ihrer Form war die Kasel im Laufe der Jahrhunderte starken Veränderungen unterworfen.

Noch bis zum 13. Jahrhundert war sie ein großer, ringsum gleichlanger, bis nahe zu den Füßen reichender, Körper umhüllender Mantel und erinnerte in ihrer Form stark an eine Glocke (Glockenkasel). Da lediglich ein Kopfdurchlass, aber keine Armausschnitte vorhanden waren, musste der Priester die Kasel bei der Messe an den Armen aufrollen, damit er seine Hände frei bewegen konnte.[32]

Mit dem 14. Jahrhundert begann man unter anderem aus Gründen der Bequemlichkeit und Sparsamkeit, die Kasel zu verkürzen und an den Armen auszuschneiden.

Einerseits brauchte der Priester seit der in der Lateransynode (1215) beschlossenen Reform der Transsubstantiationslehre[33], wonach Brot und Wein im Messopfer in Leib und Blut Christi verwandelt werden, zur nun üblichen Inszenierung der Elevation[34] mehr Bewegungsfreiheit, weshalb sich die Zustutzung zunächst hauptsächlich seitlich über den Armen vollzog.

Andererseits musste seit der Einführung des liturgischen Farbkanons unweigerlich eine wesentlich höhere Anzahl an Messgewändern beschafft werden, da jedes liturgische Gewandstück nicht mehr nur zwei bis dreimal sondern in jeder Farbe des Farbkanons zwei- bis dreimal vorhanden sein musste, und so musste der Mehrbedarf an Kaseln zumindest in Teilen durch Materialersparnis ausgeglichen werden, wollte man nicht vollständig auf die hochwertigen importierten Stoffe verzichten.

Zum Ausgang des Mittelalters reichte die Kasel seitlich lediglich noch bin zur Mitte des Unterarms, vorne und hinten war sie bis zur Mitte des Schienbeins zurückgestutzt worden.

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts war die Umwandlung der Glockenkasel in die moderne Skapulierkasel abgeschlossen.

Ein Vorteil, den diese formale Umbildung mit sich brachte, war, dass durch die so gewonnene Armfreiheit nun auch schwerste Stickereien auf den Kaseln angebracht werden konnten, ohne den Priester damit in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken.

2.2 Material und Farbe

Da es bereits in vorkarolingischer Zeit üblich war, kirchliche Wandbehänge aus Seide oder Halbseide herzustellen, ist davon auszugehen, dass auch Kaseln zu dieser Zeit im Regelfall weder aus Wolle noch aus Leinen oder anderen preiswerten Stoffen gefertigt wurden sondern aus Seide oder Halbseide, also hochwertigen Stoffen. Ein weiteres Argument für die Verwendung teurer und hochwertiger Stoffe auch bereits zu jener Zeit ist mit dem Wunsch zu begründen, Gott mit besonderen Dingen seine Ehrfurcht zu erweisen, was sich im späten Mittelalter beispielsweise durch die prachtvollen Kirchenbauten äußerte.

Bis zum 19. Jahrhundert war ein relativ einheitlicher Gebrauch von bestimmten Stoffen hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass sich das liturgische Gewand von dem profanen Gewand abgrenzen bzw. abheben sollte, um den besonderen Rang des Priesters zu verdeutlichen.

Der Einfluss gesteigerter Prachtliebe wirkte sich im späten Mittelalter in großem Maße auf das Material der liturgischen Gewänder aus. Im 13., 14. und 15. Jahrhundert war es deswegen nicht verwunderlich, dass der Paramentenbestand vor kostbaren Brokat-, Brokathell-, Damast-, Samt- und anderen aus Seidenzeugen hergestellten Kaseln strotzte, doch parallel gab es immer noch vereinzelt Kaseln aus Leinen, Baumwolle oder anderen Wollstoffen.

Das 18. Jahrhundert brachte bezüglich der liturgischen Gewänder so manche seltsamen Erscheinungen hervor, so auch unter anderem Kaseln aus gepresstem Stroh und bemaltem Leder.

Bis ins 12. Jahrhundert wurden liturgische Gewänder und damit auch Kaseln aus einfarbigen Stoffen hergestellt. Erst seit dem 12. Jahrhundert, im Zusammenspiel mit der allgemein kostbarer werdenden Ausstattung der Paramente, ging man bei der Herstellung nach und nach dazu über, zwei oder mehr Farben zu verwenden, wobei die vorherrschende Farbe wie bei den anderen liturgischen Gewändern den Gewandcharakter bezeichnete.

Im Zuge der steigenden Vorliebe für Verbildlichungen entwickelten sich im späten Mittelalter die sogenannten Bilderkaseln –Kaseln, die über und über mit Bildern bestickt wurden-, welche gleichzeitig den Höhepunkt in der Ausstattung der Kaseln dieser Zeit bildeten.[35]

2.3 Symbolik der Kasel

Mit der Symbolik liturgischer Gewänder ist gemeint, dass „die verschiedenen Bestandteile der liturgischen Kleidung entweder moralisch auf die dem Priester nötigen Eigenschaften und Tugenden hinweisen, oder typisch auf Christus, […] dessen Abbild und Vertreter der zelebrierende Priester ist.“[36] Es wird also unterschieden zwischen einer moralischen/mystischen und einer dogmatischen Symbolik.

Zu beachten ist, dass die Symbolik für die einzelnen liturgischen Gewandstücke nicht wie vormals vermutet ausschlaggebend für die Entwicklung der einzelnen Kleidungsstücke war. Vielmehr kamen die Symboliken erst auf, nachdem die Gewänder im Laufe der Zeit ihren liturgischen Charakter erhalten hatten.[37]

Die älteste, umfassende mystische Deutung liturgischer Gewänder geht auf die gallikanische Messerklärung zurück und gehört damit der vorkarolingischen Zeit an. Die Deutungen für die dort behandelten Gewandstücke –Kasel, Pallium, manicalia oder manicae[38], diakonische Alba und Stola– waren zu jener Zeit noch eher willkürlich und verworren. Der Verfasser dieser Schrift beschäftigte sich unter anderem mit dem verwendeten Material und schrieb, dass das Verwenden der Seide bereits auf die zukünftige Auferstehung verweise, da die Seidenraupe ebenso sterbe, um dann herrlich aus ihrem Grab zu erstehen.[39]

[...]


[1] „Liturgie (liturgia), 1) im weitesten Sinn jeder von der Auktorität od. durch Brauch u. Gewohnheit geregelte gemeinschaftl. öffentl. Gottesdienst. […] 2) im engeren Sinn die von der K. im Namen und Auftrag Christi durch eigens von ihr dazu berufene u. bevollmächtigte Amtspersonen gemäß den von ihr geschaffenen od. anerkannten Formularen und Regeln zur Verherrlichung Gottes u. zum Heile ihrer Angehörigen ausgeübte stellvertretende u. mittlerische Gebetstätigkeit. Die Lit. in diesem Sinn umfaßt die Spendung der Sakr., die W. u. Segn., die Proz. und Exorzismen sowie namentlich die M-feier u. das kirch. Stundengebet (Off.).“(Braun, Joseph S.J: Liturgisches Handlexikon. Verlag Josef Kösel und Friedrich Pustet, Regensburg 19242,S.196)

[2] Vgl.: Braun, Joseph S.J: Die liturgische Gewandung im Occident und Orient – Nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung und Symbolik. Herderische Verlagshandlung, Freiburg 1907, S.769

[3] „Byssus [lat.- grch.] seidige Haftfäden mancher Muscheln zum Befestigen der Tiere an der Unterlage, seit dem Altertum als Muschelseide verarbeitet.“(Der Brockhaus in fünf Bänden, 8. neu bearbeitete Auflage, Mannheim 1993)

[4] „Heiliger und Kirchenlehrer; Hieronymus war ein Schüler Gregors von Nazianz. Er war ein begabter Rhetor und Prediger. Im Auftrag von Papst Damasus besorgte er die Kommentierung und Übertragung der Bibel ins Lateinische – es entstand die Vulgata. Außerdem schrieb er eine christliche Literaturgeschichte (»De viris illustribus«), Streitschriften und Briefe.“(Lexikon: Hieronymus. Digitale Bibliothek Sonderband: Lexikon: Personen, Begriffe, Ereignisse, S. 15566)

[5] Kommentar zu Ezechiel l. 13, c. 44 (entnommen aus Braun 1907, S.767)

[6] Vgl.: Braun 1907, S.766f

[7] „Das II. Vatikanische Konzil wurde am 25.1.1959 von Papst Johannes XXIII. angekündigt.[…] Das Konzil selbst verlief in vier Sitzungsperioden, die jeweils im Herbst der Jahre 1962 bis 1965 durchschnittlich 21/2 Monate dauerten. […]

Es wurden insgesamt sechzehn Texte von unterschiedlicher Bedeutung und Länge (zwischen 1117 und 23335 Wörtern) veröffentlicht, und zwar: vier Konstitutionen: über die Liturgie, die Kirche, die Offenbarung, die Kirche in der Welt von heute; neun Dekrete: über die sozialen Kommunikationsmittel, die katholischen Ostkirchen, den Ökumenismus, das Bischofsamt, die Priesterausbildung, das Ordensleben, das Laienapostolat, das Priestertum und die Mission; drei Erklärungen: über die christliche Erziehung, die nichtchristlichen Religionen und die Religionsfreiheit.“(Fahlbusch, Erwin (Hrsg.): Taschenlexikon Religion und Theologie. Bd. 5, 4., neu bearbeitete und. stark erweiterte Auflage, Göttingen 1983, S.254-255)

[8] Vgl.: Braun Joseph S.J.: Die liturgischen Paramente in Gegenwart und Vergangenheit – Ein Handbuch der Paramentik. 2., verb. Aufl., Herderverlag, Freiburg im Breisgau 1924, S.64

[9] Vgl.: Braun 1924, S.64

[10] Vgl.: Braun 1924, S.65

[11] Vgl.: Braun 1924, S.64

[12] Vgl.: Braun 1924, S.49f

[13] Vgl.: Braun 1924, S.67

[14] Vgl.: Braun 1907, S.782

[15] Traktat über das heilige Festopfer „de sacro altaris mysterio“ von Papst Innozenz III. . ( vgl.: Stolleis, Karen: Messgewänder aus deutschen Kirchenschätzen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Geschichte, Form und Material. Schnell und Steiner Verlag, Regensburg 2001, S.15, Braun 1907, S.729)

[16] Lipffert, Klementine: Symbol-Fibel. Eine Hilfe zum Betrachten und Deuten Mittelalterlicher Bildwerke. 4. durchgehende Auflage, Johannes Stauda-Verlag, Kassel 1964, S.77

[17] http://www.liturgie.ch/Archiv10.htm

[18] „Titus Flavius Clemens, mit dem Beinamen von Alexandria, weil er als Priester dieser Kirche so hohen Ruhm erlangte, war gegen die Mitte des 2. Jahrhunderts (nach Einigen zu Alexandria, nach Andern zu Athen) geboren und gehörte seiner Geburt nach dem Heidenthum an. […] durchwanderte[…] Italien und Griechenland, den Orient und Palästina, bis er endlich nach Aegypten kam, dort den berühmten Lehrer und Vorsteher der Alexandrinischen Katechetenschule, Pantänus hörte […]. Nachdem Pantänus um das Jahr 180 das Vorsteheramt dieser Schule niedergelegt hatte, […] wurde sein Schüler Clemens, der inzwischen zum Priester geweiht worden war, vom Bischofe von Alexandria zu dieser wichtigen Stelle befördert […]Von den zahlreichen Schriften dieses Clemens haben sich nur vier vollständig bis auf uns erhalten, nämlich: 1) »Ermahnung an die Heiden«, 2) »Der Erzieher« (Pädagog), 3) »Schriften vermischten Inhalts« […] und endlich 4) die kleine Schrift: »Welcher Reiche wird selig werden.«“(Stadler J. E., Heim F. J. und Ginal J. N. (Hrsg.): Vollständiges Heiligen-Lexikon. Augsburg 1858 bis 1882, S.637)

[19] Vgl.: Lipffert 1964, S.84

[20] Vgl. hierzu: Braun 1907, S.729f, http://www.liturgie.ch/Archiv10.htm

[21] Stolleis 2001, S.15

[22] Vgl. hierzu: Braun 1907, S.749ff, Braun 1924, S.105f, Lipffert 1964, S.86ff

[23] Vgl.: Braun 1924, S.138

[24] Braun 1924, S.103

[25] Braun 1924, S.103

[26] Vgl.: Braun 1924, S. 315

[27] Braun 1924, S.100

[28] Braun 1924, S.100

[29] Vgl.: Braun 1924, S.100f

[30] Vgl.: Braun 1924, S.104

[31] Vgl.: Braun 1907, S.169

[32] Vgl.: Braun 1924, S.135

[33] „(transsubstantatio, Wesensumwandlung), das katholische Dogma, demzufolge der Gottesmensch Jesus Christus durch vollständige Verwandlung der Substanz des Brotes in seinen Leib und des Weines in sein Blut unter bloßem Verbleiben der Akzidentien des Brotes und des Weines wahrhaft, wirklich und substantiell […] im Altarsakrament gegenwärtig wird. […] Ausdrücklich gelehrt wird es bereits von den Vätern des 4. und 5. Jahrhunderts […]. Definiert wurde es […] dann durch das 4. Laterankonzil 1215“. ( Braun Joseph S.J. (Hrsg.): Handbuch der katholischen Dogmatik. Herderverlag, Freiburg 1926, S.291f)

[34] Der Akt der Erhebung der Hostie und des Kelches nach der Konsekration zum Zweck der Verehrung und Anbetung derselben durch die anwesenden Gläubigen. Bei der großen Elevation werden Hostie und Kelch einzeln für sich, bei der kleinen zusammen emporgehoben. (Vgl.: Braun 1924, S.74f)

[35] Vgl. Braun 1924 , S.113ff

[36] Braun 1907, S.701

[37] Vgl.: Braun 1907, S.701

[38] Manica, manicae (lat) Ärmel

[39] Vgl.: Braun 1907, S.702

Details

Seiten
78
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638625661
ISBN (Buch)
9783638680806
Dateigröße
4.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72239
Institution / Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Schlagworte
Erzählstrukturen Kaselkreuzen Jahrhunderts Beispielen

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Titel: Erzählstrukturen auf Kaselkreuzen des XV. und XVI. Jahrhunderts an exemplarischen Beispielen