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Kann Migration den demographischen Schrumpfungsprozeß in Deutschland aufhalten? Implikationen für die Sozialversicherungssysteme und den Arbeitsmarkt

von Martin Weißenborn (Autor) Stephanie Köthe (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 40 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Bewegtes Europa – Migration als epochenübergreifendes Phänomen

3 Die Problemlage
3.1 Der demographische Wandel und seine Folgen für die Gesellschaft
3.2 Wachsender Migrationsdruck an deutschen und europäischen Grenzen

4 Chancen und Risiken von Migration
4.1 Die Auswirkungen von Migrationsbewegungen auf die deutsche Wirtschaft
4.1.1 Die zukünftige Entwicklung des Arbeitsmarktes in Deutschland
4.1.2 Der Arbeitsmarktzugang für Ausländer
4.1.3 Migration und Demographie
4.1.4 Migration und Arbeitsmarkt
4.1.5 Migration und Wirtschaftswachstum
4.1.6 Die fiskalische Bedeutung von Ausländern in Deutschland
4.2 Migration und Sozialstaat
4.3 Arbeitsmarktgesteuerte Zuwanderung als Zukunftskonzept / Option
4.2.1 Zukünftiger Zuwanderungsbedarf
4.2.2 permanente Arbeitsmigration
4.2.3 temporäre Arbeitsmigration

5 Integration

6 Fazit

7 Literatur

1 Einleitung

Flüchtlingsboote und leere Schulbänke. Zwei Worte die man in den letzten Monaten und Jahren oft in den Schlagzeilen der Zeitungen fand. Das Erste häufig auf Seite zwei unter der Rubrik „Außenpolitik/Internationales“ und das Zweite eher etwas weiter hinten im Lokalteil von Regionalzeitungen. Zwei Worte die auf den ersten Blick völlig unterschiedliche Assoziationen hervorrufen. Bricht man die Bedeutung dieser beiden Worte auf ein wesentliches herunter, so könnte man mit anderen Worten aber auch sagen: auf der einen Seite der Grenze sind zu viele, auf der anderen hingegen zu wenig Menschen.

In dieser Hausarbeit möchten wir untersuchen ob diese beiden Worte als die zwei Seiten einer Medaille interpretiert werden können. Oder besser gesagt, ob das eine Problem nicht schon die Lösung für das andere ist. Können sich Migrationsdruck an den Grenzen und drohende Bevölkerungsschrumpfung nicht gegenseitig aufheben?

Dem Einstieg via historischen Exkurs folgt eine Analyse der Problemlage. Zentraler Bestandteil soll im Rahmen dieser Hausarbeit vor allem die Wirkung von Migration auf den Sozialstaat und die deutsche Wirtschaft sein. Dem Thema Integration ist ein eigener Abschnitt gewidmet, denn im Laufe der Recherche ist dieses Schlagwort immer wieder gefallen. Es liegt nahe zu unterstellen, dass die Migrationspolitik nur im Schulterschluss mit Integrationspolitik erfolgreich sein kann.

2 Bewegtes Europa – Migration als epochenübergreifendes Phänomen

Wanderungsbewegungen von Menschen sind in der historischen Perspektive nicht neu. Ebenso die Gründe für die Entscheidung, seine angestammte Heimat zu verlassen, haben sich seit Jahrtausenden nicht wesentlich verändert. Schon in der Bibel beginnt das alte Testament mit dem Exodus der Vertreibung der Juden aus Ägypten: „Der Pharao ließ seinen Wagen anspannen und bot seine ganze Kriegsmacht auf. […] Die ganze ägyptische Streitwagenmacht verfolgte die Israeliten und holte sie ein, während sie bei Pi-Habirot gegenüber Baal-Zefon am Meer lagerten“[1]. Ebenfalls steht am Anfang des neuen Testaments eine Flucht. Gott spricht im Traum zu Josef: „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten! Bleib dort, bis ich dir sage, dass du zurückkommen kannst. Herodes wird nämlich alles daransetzen das Kind zu töten“[2]. In Europa gab es seitdem immer wieder große Bevölkerungskrisen.

Zwar liegen die frühesten menschlichen Wanderungen im Dunkeln, doch sind archäologische Funde Zeugnisse von ersten Migrationsbewegungen. Menschen nahmen Feuersteingeräte, Tongefäße, aber auch Riten und kultische Handlungen mit in die neue Heimat. Es gibt unzählige Beispiele von archäologischen Funden die über große Distanzen transportiert wurden. Sei es auf Handelswegen, Beutezügen oder bei Wanderungsbewegungen ganzer Völker.[3] Die Ähnlichkeit der Völkerwanderung zu heutigen Migartionsbewegungen wird ausdrücklich betont.[4] Außerdem bargen demographische Einschnitte in der Vergangenheit viel gesellschaftlich veränderndes Potential. Mit den Pestwellen ab 1348/50 ging eine starke Verminderung der Bevölkerung einher. So gab es in Deutschland um 1300 etwa 170.000 Siedlungen, um 1500 waren es jedoch nur noch 130.000. Ganze Landstriche lagen brach, es kam zu Verzerrungen im Preisgefüge, zur Einschränkung von Freiheiten (vor allem bei Bauern), die Religiösität nahm stark zu, Kapital wurde umgeschichtet.[5] Mit der Aussetzung von Todesurteilen gegen bare Münze wurde versucht die massiven Steuerausfälle zu kompensieren. Das massenhafte Sterben begünstigte chaotische Zustände oder den Übergriff auf fremdes Eigentum. Therapeutische und prophylaktische Pogrome gegen Juden, als mutmaßliche Verursacher der Pest dezimierten die Bevölkerungszahl weiter. Die politische Bedeutung der Pest liegt in einer Verwaltungsrevolution. Durch die Notwendigkeit staatlicher Maßnahmen zur Bekämpfung und Eindämmung der Pest wächst der Verwaltungsapparat. Nicht zuletzt wird dadurch die Entstehung moderner Staatlichkeit befördert, deren wichtiges Element die öffentliche Verwaltung ist.[6]

Der Dreißigjährige Krieg hatte ähliche demographische Auswirkungen auf Deutschland wie die Pest. Die Bevölkerungsverluste betrugen circa 20 Prozent, in manchen Gebieten erreichte die Bevölkerung nur noch ein Drittel des Vorkriegsstandes. Der Krieg zerstörte Ressourcen, eingespielte Wirtschaftskreisläufe, vernichtete Bau- und Kunstwerke, Hexenverfolgungen erreichten ihren dramatischen Höhepunkt. Die Dezimierung wirkte dort am heftigsten und längsten nach, wo die Armeen standen und die Schlachten geschlagen wurden, also in den großen Städten, wichtigen Handelspunkten und infrastrukturellen Knotenpunkten. Kurz gesagt, an den Wirtschaftsstandorten der damaligen Zeit.[7]

Bevölkerungskrisen können also aus den unterschiedlichsten Gründen entstehen. So zum Beispiel Hunger, Armut und Arbeitsmangel, Strukturzerfall und Bürgerkrieg, religiöse und politische Verfolgung als auch in zunehmendem Maße Umweltverschmutzung beziehungsweise Umweltzerstörung. Das Bevölkerungswachstum ist der tief greifende Aspekt. Am Ende einer solchen Krise standen im historischen Rückblick immer Kulturzusammenbrüche, wirtschaftliche Stagnation und politische Verwerfungen. Am Ende des 18. Jahrhunderts erreichte das Bevölkerungswachstum eine niemals vorher da gewesene Dramatik. Anstelle eines Zusammenbruchs wurden hier die Probleme durch die einsetzende industrielle Revolution abgemildert.[8] Migration gab es jedoch auch in dieser Zeit. Zunächst füllte die wachsende Zahl von Menschen die immensen Löcher, welche vorangehende Krisen wie beispielsweise der Dreißigjährige Krieg aufgerissen hatten. Doch spätestens seit der Mitte des 18. Jahrhunderts schoss das Bevölkerungswachstum über die Grenzen des verfügbaren Erwerbsangebotes hinaus. Die Vererbung des Grundbesitzes an den Erstgeborenen als auch die Verteilung des Bodens auf alle Erben fanden dieselben Folgen bei stark wachsender Bevölkerung: Der Grund und Boden reichte nicht mehr aus, um die auf ihm lebenden Menschen zu ernähren. Sozialer Abstieg, vor allem der unteren bäuerlichen Schichten, Arbeitswanderung und Wanderhandel waren die Folge.

Bei der Erwerbsmigration durch Arbeitswanderung und Wanderhandel wurden durchaus mehrere hundert Kilometer zurückgelegt. Beispielhaft für die Not waren die so genannten Schwabenkinder aus Tirol und dem Vorarlberg oder die Kaminfegekinder, die auf Kindermärkten als Arbeitskräfte auf dem Lande angeboten wurden. Neben dem Verdienst, welcher zum Gelderwerb der Familie beitrug, lag die Hauptbedeutung in der Notwendigkeit die Kinder nicht durchfüttern zu müssen. Die Italienischen Zinngießer und die Lippischen Ziegler, in deren kleinem klar umgrenzten Herkunftsgebiet es gar kein Zinngießergewerbe beziehungsweise kein nennenswertes Ziegeleigewerbe gab, veranschaulichen dass die Arbeitsmigration nicht vorrangig eine Wanderung von Fachkräften war, sondern vielmehr die Qualifikation eine Rolle spielte. Der eigentliche Beruf wurde erst in den Zielgebieten erlernt.[9] Das größte dieser Migrationszentren gab es in Mittelitalien. Etwa 100.000 Arbeiter suchten im Dienstleistungsbereich jährlich saisonbedingt auf dem Bau und vor allem in der Landwirtschaft als Erntehelfer Arbeit. Große Migrationssysteme gab es auch in Ostengland und dem Pariser Becken. Saisonal begrenzt strömten hier 20.000 beziehungsweise 60.000 Arbeitskräfte in die jeweiligen Zentren Lincolnshire und Paris um bei der Ernte zu helfen. Nicht selten verdiente ein Arbeiter in dieser kurzen Zeit einen großen Teil des gesamten Haushaltseinkommens. Ein weiteres Migrationssystem befand sich in Kastilien mit seinem Zentrum Madrid. Vor allem aus dem bergigen Umland kamen bis zu 30.000 Wanderarbeiter, um in einer Etappenwanderung der klimabedingt unterschiedlichen Erntesaison zu folgen. Mit der Verkürzung der Transatlantikpassage durch Dampfschiffe erweiterte sich das spanische Migrationssystem beträchtlich. Während des europäischen Winters konnten nun Erntearbeiten im südamerikanischen Sommer übernommen werden. Bei der Reisproduktion in der norditalienischen Po-Ebene waren fast nur Wanderarbeiter beschäftigt. Die Wege in die Arbeitsgebiete entwickelten sich zu bekannten Reiserouten mit einer beachtlichen Anzahl von Herbergswirten und angesiedelten Fuhrunternehmern. Auf diese Weise entwickelte sich eine bedeutende sekundäre Saisonalisierung für die Gewerbe, deren Absatz die Wanderarbeiter sicherten.[10]

Ebenso bedeutungsvoll wie die Wanderarbeiter waren die Wanderhändler. Schon im 15. Jahrhundert liegen die Ursprünge der Wanderhändler an der belgisch-niederländischen Grenze. Ihre Wandergebiete erstreckten sich zum Teil bis nach Russland. Gehandelt wurde mit Dienstleistungen wie Haare schneiden, Kessel flicken, unter anderem aber auch mit Fertigprodukten wie Textilien, Kupferwaren, Bilder, Bücher oder aus den abgeschnittenen Haaren hergestellte Perücken. Erfolgreich Wanderhändler übersiedelten teilweise in ihre Zielgebiete und gründeten dort Geschäfte oder besser gesagt Stützpunkte für den Fernhandel mit der Heimat. Italienische Wanderhändler boten häufig Südfrüchte sowie Kosmetik, Devotionalien und Seide feil. Besonders am Mittelrhein gründeten erfolgreiche die Erfolgreichsten Niederlassungen. 1.400 italienische Ersteinwanderungen sind hier für das 17. und besonders das 18. Jahrhundert belegt. Ein anschließender Aufstieg zum Groß- und Fernhandelskaufmann war keine Seltenheit.

Mit der Industrialisierung rekrutierten sich die Wanderhändler zunehmend weniger aus den armen bäuerlichen, sondern viel mehr aus den städtischen Unterschichten. Staat selbst produzierten Waren, boten sie nun industrielle Fertigprodukte, die sie selbst für einen geringeren Preis eingekauft hatten.[11] Gleichzeitig setzte mit der Industrialisierung eine neue Form der Migration ein. Neben der temporären Zuwanderung durch Saisonarbeiter kam die dauerhafte Zuwanderung durch eine proletarische Massenwanderung in die neuen Zentren der Industrie hinzu. Die Vorteile der neuen Zuwanderungszentren lagen in höheren Löhnen und einer ganzjährigen Erwerbstätigkeit. Aus den deutschen Hollandgängern (angeworben zur Ernte, zum Torf stechen und zum Fischfang) wurden holländische Preußengänger, die nach aufstrebende deutsche Industriestädte wie Essen oder Oberhausen strebten. Gleiches gilt für andere aufstrebende Industriegebiete Europas wie Paris oder Lyon. Demgemäß wurden im Jahre 1901 ca. 419.000 Italiener in Frankreich gezählt. Im Ruhrgebiet arbeiteten im Jahre 1912 circa 118.390 Holländer. In der Schweiz betrug der Ausländeranteil um 1919 fast 15 Prozent oder in Barcelona betrug die Rate um 1920 53 Prozent. Anfang des 20. Jahrhunderts verließen jährlich etwa 250.000 italienische Wanderarbeiter ihre Heimat, um im europäischen Ausland (vor allem Frankreich mit 46 Prozent, Deutschland mit 25 Prozent und Österreich mit 24 Prozent) ihr Glück zu suchen. Etwa 10 Prozent von ihnen blieb auf Dauer dort und etwa 600.000 wanderten als Saisonarbeiter innerhalb italienischer Landesgrenzen.

Auch die transatlantische Migration rückte zunehmend in den Vordergrund. Durch eine verkehrstechnische Revolution (Dampfschiffe und Eisenbahnen) rückten die Kontinente scheinbar näher zusammen. Im Gegensatz zu den Spaniern und Portugiesen verzichteten die Engländer, Holländer und Franzosen anfangs auf afrikanische Sklaven und warben europäische Kontraktarbeiter.[12] Eine große Migrationswelle stellte die Badenser und Würtemberger dar. Diese hatten nach den napoleonischen Kriegen und dem extrem kalten Winter mit leeren Kornspeichern und geringen Ernteerträgen zu kämpfen. 20.000 südwestdeutsche Amerikaeinwanderer wurden 1816/17 gezählt. Seit den 1890er Jahren schwoll dieser permanente Strom von Migranten zu einem reißenden Fluss an. Ebenso verließen etwa in dieser Zeit knapp 600.000 Russen und eben so viele Österreicher, in der darauf folgenden Dekade etwa 2,1 Millionen Österreicher und etwa 1,6 Millionen Russen ihr Land in Richtung Nordamerika. In der Zeit von 1894 bis 1910 gingen auch etwa 380.000 Menschen aus Deutschland in die gleiche Richtung fort. Typisch für die europäische Migration ist das Bild eines wellenförmigen Verlaufs. Hungersnöte, Wirtschaftskrisen und -aufschwünge, der Sezessionskrieg 1861-1865 und politische Entscheidungen wirkten immer wieder bremsend oder beschleunigend auf die Abwanderung.[13] Körner H. berechnet für den Zeitraum zwischen 1820 und 1915 eine europäische Netto-Auswanderung nach Übersee von insgesamt etwa 50-55 Millionen.[14] Dabei wurden nicht nur Gebiete neu besiedelt, sondern auch „entsiedelt“. In Irland, der am stärksten durch Auswanderung geprägten Region Europas, ging die Bevölkerung von acht Millionen im Jahr 1846 auf 4,5 Millionen im Jahr 1901 zurück. Im Gegensatz zu Irland spielte in Preußen weniger die Überseemigration als vielmehr die Ost-West-Binnenmigration des Landproletariats aus den agrarisch geprägten Nordostgebieten in die Industriegebiete Mittel- und Westdeutschlands eine Rolle.

Besonders während des ersten Weltkrieges spielte Arbeitsmigration eine wichtige Rolle. So kamen in der Zeit zwischen 1914–1918 etwa 660.000 ausländische Arbeitskräfte vor allem aus Spanien, Portugal, Italien und Griechenland nach Frankreich. In Deutschland umfasste die Beschäftigung von Ausländern während des ersten Weltkrieges etwa drei Millionen Menschen, wobei etwa Zweidrittel Kriegsgefangene waren. Das entsprach etwa einem Siebtel aller in Deutschland Werktätigen im letzten Kriegsjahr.[15]

Zwischen den beiden Weltkriegen war vor allem die jüdische Emigration von großer Bedeutung. Schätzungsweise 500.000 Juden flüchteten aus Mitteleuropa in die ganze Welt. Dazu kamen noch einmal 300.000 Juden die vor den 1.326 Pogromen in Osteuropa flüchteten. Die Zahl der Umsiedler aus den abgetretenen Gebieten Deutschlands, der Türkei und Griechenlands sowie der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Russland waren noch bedeutend höher. Mitte der 1920er Jahre waren etwa 9,5 Millionen Menschen in Europa auf der Flucht. Die letzte große Migrationswelle stellen 1939 spanische Bürgerkriegsflüchtlinge auf der Flucht vor Franco-Truppen.[16]

Der Zweite Weltkrieg übertraf die Ausmaße des Ersten Weltkrieges noch um ein vielfaches. Allein in der deutschen Zwangsarbeit wurden 1944 über acht Millionen Menschen aus 26 Ländern beschäftigt. Das entspricht etwa einem Drittel aller Werktätigen in Deutschland. Weitere 20 Millionen Arbeitskräfte wurden in den besetzten Gebieten unmittelbar für die Besatzungsmacht zum Arbeitsdienst verpflichtet.[17] Rechnet man die Flucht, Deportationen und Vertreibungen auf beiden Seiten hinzu, so kann man davon ausgehen, dass sich während des Zweiten Weltkrieges etwa 50–60 Millionen Menschen auf einer Massenzwangswanderung befanden.[18] Im direkten Anschluss an den Krieg erfolgte die Vertreibung von Deutschen aus Osteuropa, die Repatriierung der von Deutschen rekrutierten Zwangsarbeiter und die Heimkehr von Kriegsgefangenen. In diesem Zusammenhang waren zwischen 1945 und 1949 noch einmal 20,5 Millionen Menschen auf der Suche nach einer neuen Heimat.[19]

Die Geschichte der Massenmigration in Europa findet seinen Fortgang in der postkolonialen Migration. Zwischen 1940 und 1975 kamen rund sieben Millionen Europäer aus den Kolonien zurück in ihre Heimatländer, vor allem England, Frankreich, Italien, Belgien, Portugal und den Niederlanden. Portugal hatte innerhalb von 18 Monaten in den Jahren 1974/75 einen Zuwachs der Bevölkerung von zehn Prozent zu verzeichnen.[20]

Mit der gezielten Anwerbung von ausländischen Arbeitskräften seit Mitte der fünfziger Jahre beginnt ein neues Kapitel transnationaler Arbeitswanderung in Europa. Die über bilaterale Abkommen angeworbenen Arbeitsemigranten kamen zunächst nur auf Zeit. Später entwickelte sich jedoch die Tendenz zur Verlagerung des Lebensmittelpunktes in das Gastland mit anschließendem Familiennachzug. In den frühen siebziger Jahren wuchs auf diese Weise der Wanderungssaldo auf 15 Millionen Menschen an. Mit der Ölkrise 1973 wurde diese Anwerbung in Deutschland beendet. Ein Jahr später folgten Frankreich, Holland, Belgien und Luxemburg. Die Schweiz und Schweden hatten schon 1970 die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte gestoppt. Zunehmende soziale Probleme, die Angst vor einem Ende des Wirtschaftswachstums, Skepsis gegenüber zunehmenden Daueraufenthalten und wachsende Fremdenfeindlichkeit zählten zu den Motiven des Anwerbestopp. Ausländische Arbeitnehmer wurden de facto vor die Wahl gestellt - Bleiben oder Gehen? Der neu erworbene relativ zum Herkunftsland hohe Standard, erworbene Qualifikationen, die im Herkunftsland nicht gebraucht wurden, der Schutz der Familie in Europa und besondere wohlfahrtsstaatliche Leistungen führten zum Bleiben und zum Nachzug der Familien.[21]

Nachdem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Zerfall der Sowjetunion veränderte sich der Kontext für Migrationsbewegungen aus Ost- und Südosteuropa grundlegend. Allein in den Jahren von 1989-1992 reisten etwa 1,2 Millionen Menschen aus Osteuropa nach Deutschland ein. Ebenfalls machten die in der ehemaligen Sowjetunion unterdrückten Juden von ihrer neuen Reisefreiheit Gebrauch. Knapp 100.000 Juden reisten von 1991-1998 in die Bundesrepublik Deutschland ein. Nach der Revolution in Rumänien und dem beginnenden Bürgerkrieg in Jugoslawien erreichten bis 1993 rund 250.000 Roma die BRD. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien trieb jedoch nicht nur Roma in die Flucht, sondern auch andere Bevölkerungsgruppen. Zusammen waren es rund 1,7 Millionen, die vor dem Krieg in Umländer flüchteten. Allein 300.000 waren in Deutschland registriert.[22]

Seit einigen Jahren verspürt Europa nun einen neuen Migrationsdruck. Jährlich versuchen Zehntausende Menschen von Marokko, Lybien, Tunesien und der Türkei aus über Griechenland, Italien und Spanien in die Europäische Union zu gelangen. In den Jahren 2004 und 2005 wurden die Grenzanlagen der autonomen Stadt Melilla etwa dreißig Mal gestürmt.[23] Dabei sind illegale Migranten einerseits Belastungsfaktoren für die europäischen Wohlfahrtssystem und andrerseits willkommene billige Arbeitskräfte ohne rechtlichen Schutz. Zunehmend interessant dürfte außerdem das Wechselverhältnis von demographischer Schrumpfung und steigendem Migrationsdruck auf die europäischen Grenzen werden.

3 Die Problemlage

3.1 Der demographische Wandel und seine Folgen für die Gesellschaft

Dass der Schrumpfungsprozess der deutschen Bevölkerung langfristig eintreten wird, ist schon seit den siebziger Jahren bekannt. Seit Ende der 1960er Jahre nimmt die Fertilität, dass heißt Kinder pro Frau, in beiden Teilen Deutschlands ab und liegt, von leichten Schwankungen abgesehen, zwischen 1,3 und 1,4. Deutschland besetzt damit im internationalen Vergleich einen Platz nahe der unteren Grenze. Zur Bestandserhaltung der Bevölkerung wäre jedoch eine Fertilität von etwa 2,1 notwendig.[24] Roland und Andrea Tichy sprechen in diesem Zusammenhang vom Ende des demographischen Hedonismus und prophezeien: „Deutschland steht vor dramatischen Veränderungen: kein Stein in dieser Gesellschaft wird auf dem anderen bleiben, keine uns bekannte Ordnung den sich aufbauenden Veränderungsdruck unbeschädigt überleben. Eine Gesellschaft ist am Ende. Es ist die Gesellschaft Deutschlands, die in ihrer uns bekannten Form stirbt, und mit ihr stirbt zeitgleich die Gesellschaft Europas. Alle Formen des Zusammenlebens, die wir kennen, familiäre, freundschaftliche, staatliche, berufliche, lösen sich auf. Unsere Form der Demokratie hat sich zu Ende gewählt, unser Wohlstand ist auf Sand gebaut, der Sozialstaat eine von Würmern zerfressene, die jedes kleine Kind mit einem Fingerschnippen umstoßen könnte. Wenn es denn noch Kinder gäbe“[25]. Seinen verdeckten Ursprung hat dieser Bevölkerungsrückgang bereits in den 1860er Jahren. Die Frauen in diesem Zeitraum geborenen Frauen bekamen jeweils circa fünf Kinder. Seither ist diese Zahl langsam aber kontinuierlich gesunken. Mitte der 1990er Jahre übertraf die Zahl der über Sechzigjährigen erstmals die Zahl derer unter zwanzig Jahren und für diesen Trend ist kein logisches Ende in Sicht. Seit etwa vierzig Jahren schrumpft die Bevölkerung von Generation zu Generation (etwa 28 Jahre) um 34 Prozent. Dieser so genannte Echoeffekt der Bevölkerungsentwicklung bringt zum Ausdruck, dass immer weniger Kinder immer weniger Kinder haben. Dies bedeutet, dass die Zahl potentieller Eltern immer kleiner wird und die Wachstumsraten, zur Wiederherstellung der ursprünglichen Verhältnisse immer größer sein müssten. Für höhere Wachstumsraten gibt es bis jetzt jedoch keine Anzeichen. Und selbst wenn dies so wäre, würde es mindestens hundert Jahre dauern bis die Bevölkerung wieder langsam wachsen würde. Bis zum Jahre 2050 wird die Zahl der Bevölkerung in Deutschland auf etwa 58 Millionen gesunken sein. Gleichzeitig steigt der Anteil der Ruheständler zur arbeitenden Bevölkerung um etwa hundert Prozent.[26] Aus der Konstellation des steigenden Lastenquotients, dem zahlenmäßiges Verhältnis der Ruheständler zur Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, abnehmender Bevölkerung und vor allem der selbst langfristig gesehenen Unumkehrbarkeit dieses Entwicklungsvorganges ergeben sich schwerwiegende Problemlagen, deren gesellschaftliche Sprengkraft größer eingeschätzt wird als die der Französischen Revolution oder beider Weltkriege zusammen.[27]

Die größten Veränderungen der demographischen Wandlung ergeben sich also durch die Verschiebung der Altersstruktur. Die Zahl der über 60-Jährigen wird bis 2050 um acht bis zehn Millionen zunehmen, die Zahl derer zwischen 20 und 60 Jahren um etwa 14-16 Millionen und die Zahl der unter 20-Jährigen um acht Millionen abnehmen. Dabei sind große Prognosefehler ausgeschlossen, weil die heutigen Teenager, also die Rentner des Jahres 2050 schon geboren sind. Deshalb lassen sich die Auswirkungen der Verschiebung der Alterstruktur auf die Sozialversicherungssysteme schon heute zuverlässig berechnen. Grundlage der Versorgung älterer Menschen bildet die durch das Umlageverfahren finanzierte Rentenversicherung. Die eingezahlten Beträge der Arbeitnehmer werden in vollem Umfang an die Rentner ausgezahlt. Rücklagen für die Zukunft werden dabei so gut wie nicht gebildet. Dieses auch Generationenvertrag genannte System finanziert die Renten immer aus den eingezahlten Beiträgen der aktuellen Arbeitnehmer. Aufgrund dieser Abhängigkeit wird es in Zukunft Anpassungen an die demographische Entwicklung geben. Optionen sind die Erhöhung des Beitragssatzes, Senkung des Rentenniveaus, Erhöhung der Zahl der Beitragszahlenden (Anhebung der Geburtenrate, Zuwanderung, Verkürzung der Ausbildungszeiten, höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen u.a.), Anhebung des Rentenalters, Finanzierung der Renten aus Steuermitteln, Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens und zunehmende Kapitaldeckung der Renten. Auch die gesetzliche Krankenversicherung finanziert sich nach dem Umlageverfahren. Im höheren Alter sind die Pro-Kopf-Ausgaben für Gesundheit etwa um den Faktor acht höher als im Alter von 20 Jahren. Der demographische Wandel erhöht aber nicht nur die Ausgaben, sondern vermindert auch die Einnahmen, weil sich die Zahl der Einzahlenden ständig verringert. Eine Erhöhung des Beitragssatzes von 14 Prozent auf 21 Prozent ist selbst dann erforderlich, wenn man davon ausgeht das der medizinisch-technische Fortschritt keine zusätzlichen Kosten verursacht. Deutschland altert also schneller als fast alle anderen Länder dieser Erde, hat die niedrigsten Fertilitätsraten. Gleichzeitig wird aber mit dem umlagefinanzierten Rentensystem den Menschen die Verantwortung für ihr Einkommen im Alter abgenommen, was wiederum die Kinderlosigkeit maßgeblich mit verursacht, denn Kinder kosten Geld, schränken Freiheiten ein und führen zum sozialen Abstieg.[28]

Ebenso wie bei der Krankenversicherung wirkt der demographische Wandel bei der Pflegeversicherung in beide Richtungen. Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Leistungsempfänger stark an. Gleichzeitig steigt der Anteil der kinderlosen Pflegebedürftigen, die keine familiären Pflegeleistungen in Anspruch nehmen können und der Anteil der Einzahlenden verringert sich. Diese Schieflage führt dazu, dass das Prinzip der Beitragsgerechtigkeit verletzt wird. Obwohl das Bundesverfassungsgericht mit dem „Pflegeurteil“ vom 3.4.2001 dem Gesetzgeber einen entsprechenden Auftrag erteilt hat, sind ernsthafte Bemühungen zur Reform der Sozialversicherungssysteme nicht erkennbar.[29]

[...]


[1] 2 Mose/Exodus 13,6 in: Deutsche Bibelgesellschaft (Hrsg.), Die Bibel in heutigem Deutsch. Die Gute Nachricht Des Alten Und Neuen Testamentd, 2. durchges. Aufl., Stuttgart 1991.

[2] Matthäus 2,13 in: Deutsche Bibelgesellschaft (Hrsg.), Die Bibel in heutigem Deutsch. Die Gute Nachricht Des Alten Und Neuen Testamentd, 2. durchges. Aufl., Stuttgart 1991.

[3] Vgl. Maczynska, M., Die Völkerwanderung. Geschichte einer ruhelosen Epoche, Zürich 1993, S 7.

[4] Vgl. Todd, M., Die Zeit der Völkerwanderung, Stuttgart 2002, S. 7.

[5] Vgl. Vashold, M., Pest, Not und schwere Plagen. Seuchen Epidemien vom Mittelalter bis heute, München 1991, S. 62ff.

[6] Vgl. Strothmann, J., Der schwarze Tod – Politische Folgen und die Krise des Spätmittelalters in: Meier, M. (Hrsg.), Pest. Die geschichte eines Menschheitstraumas, Stuttgart 2005, S. 186ff.

[7] Vgl. Schmidt, G., Der Dreißigjährige Krieg, München 1999, S. 88ff.

[8] Vgl. Stürmer, M., Völkerwanderung und politische Stabilität in Geschichte und Gegenwart in: Angenendt, S. (Hrsg.), Migration und Flucht. Aufgaben und Strategien für Deutschland, Europa und die internationale Gemeinschaft, Bonn 1997, S. 27ff.

[9] Vgl. Bade, K. J., Europa in Bewegung. Migration vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2002, S. 18ff.

[10] Vgl. Bade, K. J., München 2002, S. 28ff.

[11] Vgl. ebd.., S. 46ff.

[12] Vgl. Emmer, P. C., Der Atlantikhandel – Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den europäischen Siedlungskolonien und den Mutterländern in: Schmitt, E. (Hrsg.), Dokumente zur Geschichte der europäischen Expansion, Bd. 4, München 1988, S. 17f.

[13] Vgl. Bade, K. J., 2002, S. 142.

[14] Vgl. Körner, H., Internationale Mobilität der Arbeit : eine empirische und theoretische Analyse der internationalen Wirtschaftsmigration im 19. und 20. Jahrhundert, Darmstadt 1990, S. 29.

[15] Vgl. Bade, K. J., 2002, S. 329f.

[16] Vgl. ebd., S. 278ff.

[17] Vgl. Bade, K. J., 2002, S. 287ff.

[18] Vgl. Fischer, W., Wirtschaft, Gesellschaft und Staat in Europa 1914 – 1980 in: Handbuch der europäischen Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 6, Stuttgart 1987, S. 44f.

[19] Vgl. Münz, R., Phasen und Formen der europäischen Migration in: Angenendt, S. (Hrsg.), Migration und Flucht. Aufgaben und Strategien für Deutschland, Europa und die internationale Gemeinschaft, Bonn 1997, S. 37.

[20] Vgl. Bade, K. J., 2002, S. 308.

[21] Vgl. Bade, K. J., 2002, S. 314ff.

[22] Vgl. ebd.,S. 414fff.

[23] Vgl. Bendiek, A., Versagt die Europäische Union in der Flüchtlingspolitik? Überlegungen zu einem kohärenten Politikansatz, Berlin 2005 (SWP-Studie), S. 5ff.

[24] Vgl. Unabhängige Kommission „Zuwanderung“ (Hrsg.), Zuwanderung gestalten, Integration fördern, Berlin 2001, S. 27f.

[25] Vgl. Tichy, R. & A. Tichy, Die Pyramide steht Kopf, München 2001, S. 9.

[26] Vgl. Tichy, R. & A. Tichy 2001, S. 63ff.

[27] Vgl. ebd., S. 10.

[28] Vgl. Sinn, H.-W., Das demographische Defizit. Die Fakten, die Folgen, die Ursachen und die Politikimplikationen in: Birg, H. (Hrsg), Auswirkungen der demograaphischen Alterung und der Bevölkerungsschrumpfung auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft, Münster 2005, S. 53.

[29] Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur politischen Bildung Nr. 828. Bevölkerungsentwicklung, München 2004, S. 38ff.

Details

Seiten
40
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638716635
ISBN (Buch)
9783638718486
Dateigröße
756 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72205
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Institut für Soziologie
Schlagworte
Kann Migration Schrumpfungsprozeß Deutschland Implikationen Sozialversicherungssysteme Arbeitsmarkt Wohlfahrtsstaat

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