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Traninig the Interpreter: Kriterien zur Ausbildung und Bewertung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 24 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Geschichte der Dolmetschdidaktik

3 Ausbildung
3.1 Zur Ausbildungssituation
3.2 ETI Genf/ESIT Paris
3.3 Weitere Beispiele

4 Zur Didaktik des Dolmetschens
4.1 Allgemeines
4.2 „Pariser Schule“
4.2.1 Vorbereitende Übungen
4.2.2 Notizentechnik und Konsekutiv
4.2.3 Simultan
4.3 Bewertung
4.4 Erfordernis weiterer Untersuchungen

5 Blackbox: Eine Trainingssoftware

6 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Entgegen vorgefasster Meinungen reichen rein sprachliche Kenntnisse allein nicht aus, um ein guter Dolmetscher[1] zu sein. Man benötigt zudem eine Vielzahl von weiteren Schlüsselkompetenzen, die in einer fundierten Ausbildung erlernt und vertieft werden müssen. An dieser Stelle setzt die Dolmetschdidaktik ein.

In den letzten Jahrzehnten haben sich viele Autoren, zumeist selber erfolgreiche Dolmetscher und Dolmetschdozenten, wie Barbara Moser-Mercer, Wladimir Kutz, Danica Seleskovitch, Sylvia Kalina und Dörte Andres, zum Problem der Dolmetschdidaktik geäußert, wobei die Schwerpunkte der diversen Veröffentlichungen zumeist auf Leistungsbewertung und Unterrichtsmethoden liegen (Pöchhacker, S. 177).

In meiner Hausarbeit “Training the Interpreter: Kriterien zur Ausbildung und Bewertung“ gehe ich vor allem darauf ein, welche Strategien und Methoden es für den Erwerb von Dolmetschkompetenz, sei es Konsekutiv- oder Simultandolmetschen, gibt und wie diese den Dolmetschunterricht ergänzen und verbessern können. Dieser ist erfahrungsgemäß noch zu oft sehr realitätsfern, was eines der Haupthindernisse für eine erfolgreiche Dolmetschausbildung darstellen kann.

In dieser Hausarbeit wird zuerst die Geschichte der Dolmetschdidaktik behandelt, um die Entwicklung und Fortschritte dieser noch eher jungen Wissenschaft zu beschreiben. Im folgenden Kapitel wird die Ausbildungssituation mit den konkreten Beispielen Paris und Genf im Vergleich zu Germersheim dargestellt. Kapitel 4 konzentriert sich auf die Dolmetschdidaktik selbst, wobei der Schwerpunkt auf einer bekannten Studie von Seleskovitch/Lederer (Paris, 1989) liegt, aber auch der persönliche Erfahrungsschatz der Autorin wird hier eingebracht. In diesem Kapitel werden weiterhin die noch offenen Fragen und Kontroversen im Bereich der Dolmetschdidaktik formuliert. Im 5. Kapitel wird mit der Präsentation der Trainingssoftware „Black Box“ schließlich ein Ausblick in die Zukunft gegeben.

2 Geschichte der Dolmetschdidaktik

Dolmetschfähigkeit wurde lange Zeit „als eine reine Frage des Talents gesehen, das es lediglich zu fördern galt“ (Kalina, S. 161). Die ersten Simultandolmetscher durchliefen keine Ausbildung, sondern übten diesen Beruf oft aufgrund ihres zweisprachigen Hintergrunds aus oder wurden vom Übersetzen in den Beruf gedrängt, in dem sie dann irgendwann entweder Fuß fassten oder frustriert aufgaben.

Mit dem steigenden Bedarf an professionellen Dolmetschern wurde jedoch bald erkannt, dass für diesen Beruf eine gezielte Ausbildung auf Hochschulniveau nötig war und die reine Förderung einzelner Naturtalente nicht mehr ausreichte, um professionell arbeitende Dolmetscher in der erforderlichen Zahl zur Verfügung zu stellen. So setzte sich langsam eine solide, systematische und methodisch abgesicherte Dolmetscherausbildung auf Hochschulniveau durch. Als Voraussetzungen für eine solche Ausbildung wurden sprachliche Kompetenz, analytische Fähigkeiten, Kommunikationsvermögen und Reaktionsvermögen angesehen, auf deren Basis dann die Dolmetschkompetenz vermittelt werden konnte (Kalina, S. 170).

Die SCIC (Service commun des interprètes de conférence)[2] beschloss 1964, ein eigenes Ausbildungsprogramm für Dolmetscher zu initiieren. Junge Hochschulabsolventen ohne Dolmetschhintergrund durchliefen eine sechs Monate lange Ausbildung, bei der das Üben in stummen Kabinen und die Gelegenheit zur Beobachtung routinierter Kollegen im Vordergrund stand, die Schüler waren praktisch wie Lehrlinge. Dies war ein allgemeiner Ansatz der „Dolmetschlehrer der ersten Generation“, sie selbst waren erfahrene Dolmetscher und gaben ihr Wissen an die Auszubildenden weiter. Dieses Vorgehen wurde jedoch später kritisiert, da man so seine eigenen Leistungen nicht analysieren konnte und auch durch mangelndes Feedback nicht die notwendige Professionalität erreichen konnte (Kalina, S. 170-171).

Erst in den Achtziger- und Neunzigerjahren wurde ein eher wissenschaftlicher Ansatz für die Dolmetscherausbildung befürwortet und Aspekte wie Verstehens- und Verarbeitungsprozesse, das Erlangen von Fachwissen und andere psycholinguistische Ansätze, hielten Einzug in die Dolmetschwissenschaft (Pöchhacker, S. 177). Auch die Dauer, das Niveau und die Intensität der Ausbildungsprogramme wurden neu überdacht.

In den Achtzigerjahren gewann die ESIT (École Supérieure d’Interprétation et de Traduction, Paris III) an Einfluss, auch dank der Veröffentlichung der Studie A systematic approach to teaching interpretation (Seleskovitch/ Lederer, s. Kapitel 4). Ein wichtiger Fortschritt im Bereich der Dolmetschdidaktik stellte auch die Veröffentlichung vom Wladimir Kutz (1985) dar. Er entwarf ein „didaktisches Kompetenzmodell“ (Kalina, S. 169), in dem die einzelnen Fähigkeiten, die lehrbar gemacht werden sollten, aufgelistet waren.

Auch eine Publikation von Daniel Gile (1995) enthielt Hinweise und Ratschläge, wie Lehrveranstaltungen gestaltet werden können.

Sämtliche „Ratgeber“ im Bereich der Dolmetschdidaktik basieren auf eigenen, zum Teil auch gegensätzlichen Erfahrungen. Empirische Untersuchungen fehlen der Dolmetschwissenschaft bisher leider noch (Kalina, S. 169).

Zusammengefasst kann gesagt werden dass, obwohl schon seit ca. 1940 Dolmetscher ausgebildet werden und seitdem eine Vielzahl von Verbesserungen bei der Ausbildung erlangt wurden, beinahe alle Kurse ähnliche Inhalte aufzeigen, die die folgenden Dolmetschgrundkompetenzen vermitteln: Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten, Rhetorik, Erarbeitung von Terminologie, Kulturspezifik, Strategien für Konsekutiv- und Simultandolmetschen mit Notizentechnik, Berufsethik, Terminologie der internationalen Organisationen, Ergänzungsfächer wie Wirtschaft, Recht oder Technik und im steigenden Maße auch wissenschaftliche Grundlagen (Pöchhacker, S. 179).

3 Ausbildung

3.1 Zur Ausbildungssituation

Momentan gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten, eine Dolmetscherausbildung zu absolvieren. Diese reichen von zum Teil unprofessionellen Angeboten an Sprachschulen über sechsmonatige Kurse, wie zum Beispiel an der ehemaligen Polytechnic of Central London, bis hin zu Universitätsausbildungen wie das Diplom oder den europaweit anerkannten European Master of Conference Interpreting, mit dem besonders der Bedarf der Europäischen Union an seltenen Sprachen wie Rumänisch oder Lettisch gedeckt werden soll .

Empfohlen wird in jedem Fall eine Ausbildung im universitären Rahmen, da nur so die notwendigen wissenschaftlichen Grundkompetenzen vermittelt werden können (Hönig, S. 156, S. 158). Im Durchschnitt benötigt man für eine universitäre Ausbildung acht bis zehn Semester, wobei das Problem darin liegt, dass die Studierenden über keine Kenntnisse in einem Spezialgebiet verfügen (Cruz Romão, S. 220). Von Fachleuten wird mittlerweile eine Masterausbildung bevorzugt, die ein bis zwei Jahre dauern sollte und der ein Universitätsabschluss vorausgeht.

3.2 ETI Genf/ESIT Paris

Neben Germersheim zählen die Dolmetschinstitute an den Universitäten in Paris und Genf sicherlich zu den renommiertesten in Europa.

Zum Vergleich der Ausbildungssituation an diesen Hochschulen mit Germersheim habe ich zwei Germersheimer Studentinnen, die an diesen Universitäten ein Semester studiert haben, gebeten, einen Fragebogen auszufüllen (s. Anhang).

In Paris sowie in Genf gibt es einen Dolmetschmaster. Diese Universitäten scheinen sich also früher auf das neue europäische System eingestellt zu haben als Germersheim. Für beide Universitäten scheinen die Aufnahmeprüfungen für diesen Master sehr hart zu sein, in Genf wurden im Jahr 2005 lediglich 14 von 118 Bewerbern genommen. Für deutsche Muttersprachler scheint es beinahe unmöglich zu sein, den Test zu bestehen.

Im Gegensatz zu Germersheim und Paris ist in Genf nicht verpflichtend, eine B-Sprache zu wählen, man kann jedoch jede beliebige Sprache als Muttersprache wählen, optional eine B-Sprache oder nur C-Sprachen.

Wie in Germersheim werden auch in Genf und Paris vorbereitende Notizentechnikkurse angeboten, es gibt jedoch keine Angebote im Bereich Kulturspezifik.

Die technische Ausstattung scheint in Paris schlechter als in Genf oder Germersheim zu sein. Für den Unterricht gibt es dort lediglich neun Kabinen, in Genf und Germersheim dagegen mehrere Unterrichtsräume mit moderner Technik. Weiterhin gibt es in Paris kein Sprachlabor. In Genf wird das Sprachlabor wie in Germersheim zur Zeit digitalisiert und Aufnahmen sind dort zum Teil schon über Computer in den Übungskabinen abrufbar.

Die Studierendenzahlen sind in Genf und Paris wesentlich geringer als in Germersheim, die Kurse bestehen aus sehr kleinen Gruppen und der Unterricht gestaltet sich somit intensiver.

Weiterhin scheint das Niveau in Genf wesentlich höher zu sein, die Ausbildung stressiger und die Studierenden haben teilweise sogar bis um 22 Uhr Unterricht. Das Studium scheint sehr geballt und arbeitsintensiv zu sein und die Studierenden werden extrem unter Druck gesetzt. Die Dozenten arbeiten fast alle für internationale Organisationen wie die WTO, die UNO und die UNESCO, somit liegt auch der Textschwerpunkt eher auf diesem Thema als auf EU oder Innenpolitik.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass die Universität Germersheim im Vergleich mit anderen Hochschulen sicherlich „konkurrenzfähig“ ist, aber nicht zögern sollte, sich auf neue Technologien und Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt einzustellen, um weiterhin ihrem guten Ruf gerecht werden zu können.

3.3 Weitere Beispiele

Ein Beispiel, wie man Dolmetscher in sehr kurzer Zeit effektiv ausbilden kann, beschreibt Tito Lívio Cruz Romão (Cruz Romão, S. 217-226). Um die Nachfrage an kompetenten Dolmetschern für das Sprachenpaar Deutsch-Brasilianisch auch in Zukunft decken zu können, haben der DAAD und das Goethe-Institut zusammen mit der brasilianischen Förderagentur CAPES eine Möglichkeit entwickelt, kurze Dauer und Effizienz einer Dolmetscherausbildung miteinander zu vereinbaren und so 1990 das Modell „Brasilien: Ausbildung der Ausbilder“ ins Leben gerufen. Bei diesem Projekt wurden vier von ca. sechzig Bewerbern mit exzellenten Sprachkenntnissen, jedoch ohne jeglichen Dolmetschhintergrund ausgewählt, die sechs Monate an der Universität Heidelberg und drei Monate an der brasilianischen Universität Porto Alegre intensiv in den notwendigen Schlüsselkompetenzen unterrichtet wurden.

Das Projekt war erfolgreich und ergab, dass es möglich ist, Dolmetscher in sehr kurzer Zeit auszubilden, wenn einige Grundvoraussetzungen wie hervorragende Sprachkompetenz, Engagement, Vorkenntnisse in diversen Fachgebieten, gut ausgebildete Dozenten und das Vorhandensein entsprechender technischer Anlagen erfüllt sind (Cruz Romão, S. 225).

Ein ähnliches Modell wurde in Südafrika entwickelt, wo seit der Abschaffung der Apartheid und der Anerkennung von elf Amtssprachen ein großer Bedarf an kompetenten Dolmetschern herrscht, den es nun zu decken gilt (Lotriet, S. 261-271).

4 Zur Didaktik des Dolmetschens

4.1 Allgemeines

Wie schon erwähnt, benötigt man neben exzellenten Sprachkenntnissen auch eine Dolmetschkompetenz sowie ein ausgeprägtes Allgemeinwissen und Kenntnisse über die Kultur der zu dolmetschenden Sprache. Dies alles sind Grundvoraussetzungen für eine zufrieden stellende Dolmetschleistung und können erlernt werden.

Die Dolmetschdidaktik dient primär nicht dazu, Sprach- oder Kulturkenntnisse sowie Sachwissen zu vertiefen. Ihr Ziel ist es vielmehr, den Umgang mit Texten und ihren Argumentationsstrukturen zu üben, seine eigene Verstehensleistung und sein Gedächtnis zu fordern und an seinem eigenen Output zu arbeiten, insgesamt ein „dolmetschspezifisches strategisches Vorgehen“ zu vermitteln (Kalina, S. 162).

4.2 „Pariser Schule“

Danica Seleskovitch, damalige Leiterin der ESIT und Dozentin sowie Marianne Lederer, Leiterin des Masters Programm in Interpretation der Europäischen Union führten auf Bitte des SCIC eine breit angelegte Studie über Dolmetschdidaktik durch, die 1989 in dem Buch A systematic approach to teaching interpretation (auch bekannt als die „Pariser Schule“ (Pöchhacker, S. 178)) veröffentlicht wurde. Hier werden Methoden beschrieben, die erfolgreich bei der Ausbildung von Dolmetschern an der ESIT Paris und in der GD Dolmetschen der Europäischen Gemeinschaften angewendet wurden. Durch die Aufzeichnung und Auswertung einer Vielzahl von Simultan- und Konsekutivstunden entstand schließlich ein „Ratgeber“ für die richtige Ausbildung von Dolmetschern mit Beispielen und praktischen Übungen, an denen sich Dolmetschdozenten orientieren können. Dieses Buch ist in drei Hauptteile gegliedert: Vorbereitende Übungen, Konsekutivdolmetschen und Notizentechnik.

[...]


[1] Die Bezeichnung „Dolmetscher“ wird hier und im Folgenden in inkludierender Form verwendet.

[2] Generaldirektion Dolmetschen der Europäischen Kommission

Details

Seiten
24
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783638720007
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72195
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,0
Schlagworte
Traninig Interpreter Kriterien Ausbildung Bewertung

Autor

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