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Topische Struktur und Erzählfunktion der Mutter-Imago im Anton Reiser

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 28 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1 Prolegomena: Imagines als „Erinnerungen von Erinnerungen“

2 Die topische Struktur der Mutter-Imago
2.1 Initiationsmodell als narrativer Rahmen
2.2 Ikonographischer Typus und Identitätstopos
2.3 Unrecht-Tun und Unrecht-Leiden
2.4 Melancholie, suizidale Gedanken und Fluchtmotiv
2.5 Beziehungssymbol Lesen

3 Bilanz und Ausblick: Die Ambivalenz der Mutter-Imago für Anton und den Erzähler

Literatur- und Abbildungsverzeichnis
Literatur
Abbildungen

„Unsere Kindheitserinnerungen zeigen uns die ersten Lebensjahre, nicht wie sie waren, sondern wie sie späteren Erweckungszeiten erschienen sind. Zu diesen Zeiten sind die Kindheitserinnerungen nicht, wie man zu sagen gewohnt ist, aufgetaucht , sondern sie sind damals gebildet worden, und eine Reihe von Motiven, denen die Absicht historischer Treue fern liegt, hat diese Bildung sowie die Auswahl mitbeeinflusst.“[1]

1 Prolegomena: Imagines als „Erinnerungen von Erinnerungen“

„Die Erinnerungen aus demselben [scil. meinem eigentlichen Dasein] scheinen mir alle nur Erinnerungen von Erinnerungen zu sein“[2], schreibt Karl Philipp Moritz in seinem 1783 im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde erschienenen Artikel „Zur Seelennaturkunde – Erinnerungen aus den frühesten Jahren der Kindheit“. So belehrt er den Leser wage über den Status, den er den frühen Kindheitserinnerungen beimisst, vermutlich weil seine Gedanken selbst noch ebenso wage bleiben. Wie die Erinnerungen an einen Traum, so kommt ihm zum Beispiel die später im Anton Reiser wieder aufgegriffene Idee der Mutter, die ihn, „in ihren Mantel gehüllt, auf dem Arm trug“[3] , vor und sie wird somit weniger als ein realer Eindruck, mehr als ein Produkt der Einbildungskraft begriffen.

Vermittelt scheinen Moritz die frühen Kindheitserinnerungen zu sein, ihr Bezug zu realen Erlebnissen ist dahin gestellt. Seine Gedanken muten uns bei all ihrer Wagheit als ein Vorgriff auf Freud’sche Theoriebildung an. Auch Freud zufolge werden Erinnerungen konstruiert, sie tauchen nicht unvermittelt auf, so wie es unser eigenes Erleben uns häufig glauben lässt. Besonders die frühen Kindheitserinnerungen stehen seiner Meinung nach im Dienste späterer Tendenzen und sind strukturell analog zu Mythen Phantasieprodukte, die als Deckerinnerungen an die Stelle der infantilen Amnesie treten.

Goldmann, der die Rahmenbedingung der Gelehrtenautobiographien des 18. Jahrhunderts als ein variables Grundschema detailliert aufzeigt,[4] identifiziert unterschiedliche gattungskonstituierende und epochenspezifische Topoi, die sich auch im Anton Reiser wieder finden. Sie lassen sich seiner Ansicht nach allesamt „in sozialanthropologischer Perspektive als Schwellensituationen auffassen“.[5] Der Begriff Schwellensituation steht hier für Initiationsprozesse von sozialer Bedeutsamkeit, die das Individuum auf dem Weg hin zur Findung der eigenen Positionierung in Gemeinschaft durchschreitet. Da sich in der damaligen Pädagogik die Einsicht in die Relevanz früher Kindheitserfahrungen für eben jene Positions- und damit Identitätsfindung durchgesetzt hat, beginnt in den autobiographischen Erinnerungen die Fixierung auf die frühesten prägenden Kindheitserlebnisse.

„Da [diese allerdings] überwiegend der Amnesie zum Opfer fallen, bedarf es einer gesellschaftlich vermittelten Topik, die Koordinaten und Orientierungspunkte für die Rückerinnerung bereitstellt. […] Dort, wo Amnesie herrscht, setzt die topisch geleitete Phantasie mit ihren bekannten Mechanismen der Verdichtung und Verbildlichung, der Verschiebung und der Verkehrung ins Gegenteil ein.“[6]

Der Frage, aus welcher (Ur-)Quelle die durch den Erzähler konstruierten Erinnerungen Reisers an seine Mutter gespeist sind oder aus welchen Topoi sich ihr Modell zusammensetzt, soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Die Schilderungen der Mutter werden aus genannten Gründen hier nicht als Bezug auf ein reales Objekt verstanden[7], sondern es soll versucht werden, ihre erzählerische Struktur und Funktion im Anton Reiser als eines psychologischen Romans[8] herauszukristallisieren.

In einem ersten Teil werden hierzu die der Mutter beigefügten expliziten und impliziten Prädikationen auf ihre Ursprünge aus Moritz zur Verfügung stehenden loci und agentes imagines hin untersucht. Es wird zu diskutieren sein, welchen Realitätsgehalt man einer derart gezeichneten Figur innerhalb der Fiktion, gerade unter Berücksichtigung der Frage nach dem Status der Kindheitserinnerungen überhaupt, beimessen kann.

Geht man von einer idealisierten Symbolbedeutung der Mutterfigur aus, so ist ihre Funktion um so eingehender zu beleuchten. Welchen Anteil hat das vom Erzähler gezeichnete Bild der Mutter überhaupt an der Entwicklung oder auch Nicht-Entwicklung der Figur Anton Reiser. Die Mutter-Imago[9] wird nicht aus der Ich-Perspektive Anton Reisers inszeniert, sondern durch den Erzähler konstruiert. Es muss auch gefragt werden, welche Funktion die Imago für den Erzähler und dessen Versuch, aus zerstückeltem Elend eine harmonische Einheit zu schaffen, übernimmt.

„Die Mutter [ist] dem Manne, von vornherein sozusagen,

eine Angelegenheit von ausgesprochen symbolischem Charakter,

und daher rührt auch wohl dessen Tendenz,

die Mutter zu idealisieren.“[10]

2 Die topische Struktur der Mutter-Imago

2.1 Initiationsmodell als narrativer Rahmen

Die erzählten Erinnerungen Reisers an seine Mutter tauchen nicht systematisch im Sinne einer charakterisierenden Beschreibung auf. Wo auch von Antons Mutter die Rede ist, so wird sie mit dessen eigenem Leben derart in Verbindung gebracht, dass es scheint, dem Erzähler ist nicht daran gelegen, eine eigenständige Figur zu zeichnen, sondern daran, sein Augenmerk auf die psychische Wirksamkeit der Erinnerungen an sie auf die „innere Geschichte“[11] Reisers zu richten und gegebenenfalls die Erinnerung dieser Geschichte derart anzupassen, dass sich eine Kette von Ursachen und Folgen für Reisers Entwicklung erschließen lässt, deren Wahrheitsgehalt (auch innerhalb der Fiktion) äußerst fragwürdig bleiben muss. Entgegen Pfotenhauer bin ich der Ansicht, dass die von Moritz durch den Erzähler produzierten Kausalitäten einer causa finalis unterstehen und zwar der von Blanckenburg postulierten Darstellung einer Vervollkommnung des Charakters des Protagonisten.[12] Die Interpretation, dass das Ziel vom Erzähler nicht erreicht wird, rechtfertigt nicht per se den Ausschluss desselben.

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der vorliegenden und anderen literarischen Gelehrtenautobiographien des 18. Jahrhunderts, so man den Anton Reiser denn als solche betrachtet, spielt nicht nur der Begriff des Heroen eine bedeutende Rolle[13], es wird zudem festgestellt, dass, „da der Autobiograph sich zum Heros, zum Kulturbringer stilisiert, [ihm] die Heroenmythologie als Passform zur Verfügung“[14] steht. Nimmt man an, dass, wie Goldmann zu erweisen sucht, die Heroenmythologie als narrativer Rahmen auch des Anton Reiser dient, so hat die Mutterfigur einen Platz in diesem Rahmen. Die Topoi der Heroenmythologie wie auch der literarischen Autobiographie des 18. Jahrhunderts würden sich ausgehend von dieser Grundannahme gleichermaßen um all das ranken, was man im weitesten Sinne als Interaktion zwischen Individuum und Gesellschaft, im engeren Sinne als Initiation bezeichnen kann.

Berndt identifiziert die von Moritz gezeichnete Mutter als einen „klassische[n] Initiationstopos“[15] . Das Telos der Initiation, im Sinne einer causa finalis, liegt ihrer Ansicht nach in der Überwindung des Konfliktpotenzials, das in der Figur der Mutter gegeben ist. Im Weiteren soll dieses Konfliktpotential näher beleuchtet und die Überwindung oder Nicht-Überwindung desselben durch die Figur Anton Reiser und den Erzähler untersucht werden.

Wenn sich aufzeigen lässt, dass das Telos des Erzählten tatsächlich in der Überwindung des in der Mutter angelegten Konfliktpotentials begründet liegt, avanciert die Figur, der von Moritz im Roman nicht sonderlich viel Raum beigemessen wird, zur Prädikation des gesamten erzählerischen Vorhabens.

2.2 Ikonographischer Typus und Identitätstopos

„Eine von Antons seligsten Erinnerungen aus den frühesten Jahren seiner Kindheit ist, als seine Mutter ihn in ihren Mantel eingehüllt, durch Sturm und Regen trug. Auf dem kleinen Dorfe war die Welt ihm schön, aber hinter dem blauen Berge, nach welchem er immer sehnsuchtsvoll blickte, warteten schon die Leiden auf ihn, die die Jahre seiner Kindheit vergällen sollten.“[16]

In dieser bereits im Magazin zur Erfahrungsseelenkunde geschilderten Erinnerung[17], die dort in Anknüpfung an die Reflexionen über den Status der Kindheitserinnerungen als traumartige Produkte des menschlichen Gemüts geschildert wird, werden die Mutter und Antons Verbindung zu ihr positiv konnotiert. Um Reisers Gedanken und Empfindungen, vielleicht eher Sehnsüchten im Hinblick auf die Mutter Ausdruck zu verleihen, bedient sich Moritz der ikonographischen Schablone der Schutzmantelmadonna.

Dieses idealisierte Objekt erscheint als Garant für Geborgenheit und Sicherheit, aber nicht nur das, in ihm wird die frühe Mutter-Kind-Dyade figuriert, in der das Kind noch symbiotisch mit der Mutter verschmolzen ist.

Die Verschmelzung Reisers mit einer Mutter-Imago, die für Schutz und Geborgenheit steht, wird von Moritz nicht nur an dieser Stelle auf die personale Mutter bezogen. Im gesamten ersten Teil des Romans erscheint Antons Mutter mehrfach in solcher Funktion.

„Da sein Vater im siebenjährigen Kriege mit zu Felde war, zog seine Mutter zwei Jahre lang mit ihm auf ein kleines Dorf. Hier hatte er ziemliche Freiheit und einige Entschädigung für die Leiden seiner Kindheit. Die Vorstellungen von den ersten Wiesen, die er sahe, von dem Kornfelde, das sich einen sanften Hügel hinanerstreckte, und oben mit grünem Gebüsch umkränzt war, von dem blauen Berge, und den einzelnen Gebüschen und Bäumen, die am Fuß desselben auf das grüne Gras ihren Schatten warfen, und immer dichter und dichter wurde, je höher man hinaufstieg, mischen sich noch immer unter seine angenehmsten Gedanke.“[18]

Die Zeit auf dem Dorf, in die Moritz auch das im Roman später reflektierte Bild der Mutter als Schutzmantelmadonna nicht zufällig transportiert, ist wohl eine der angenehmsten Kindheitserinnerungen Reisers, die sicherlich nicht ohne Grund durch die Abwesenheit des Vaters und den damit verbundenen Waffenstillstand zwischen den Eltern allererst zu Stande kommt.

Gutjahr verweist zu Recht auf den topographischen Charakter, den das Verschmelzungserlebnis mit der Mutter in beiden zitierten Textpassagen erhält.[19] Der Umzug aus dem „Haus der Unzufriedenheit, des Zorns, der Tränen und der Klagen“[20] in ein idyllisches Dorf, in „die freie, offene Natur“[21] beinhaltet zweierlei. Zum einen die positiv empfundene Rückkehr in die Symbiose mit der Mutter, zum anderen die in die Freiheit der Natur verlegte prinzipielle Disposition und entwicklungspsychologisch notwendige Sehnsucht Reisers, dieser Einheit zu entfliehen, auf die später noch genauer einzugehen ist.

Besonders markant wird die empfundene Identifikation Reisers mit seiner Mutter, als diese lebensbedrohlich erkrankt und es heißt:

„Es war ihm, als ob er in seiner Mutter sich selbst absterben würde, so innig war sein Daseyn mit dem ihrigen verwebt. - Ganze Nächte durch weinte er oft, wenn er gehört hatte, daß der Arzt die Hoffnung zur Genesung aufgab. - Es war ihm, als sey es schlechterdings nicht möglich, daß er den Verlust seiner Mutter würde ertragen können. - Was war natürlicher, da er von aller Welt verlassen war, und sich nur noch in ihrer Liebe und in ihrem Zutrauen wieder fand.“[22]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es wird deutlich, dass Reisers Sorge um die Mutter bedingt ist durch eigene Existenzängste. Davon ausgehend, dass sich das Selbstbewusstsein des Menschen in der Spiegelung in einem Anderen entwickelt und der Mensch der Anerkennung durch einen Anderen bedarf, um sich selbst als ein lebendiges Subjekt zu begreifen, erhellt sich Reisers Angst, die sich im Text auch entsprechend dadurch begründet findet, dass seine Mutter der einzige Mensch ist, der ihm diese Spiegelung ermöglicht. Die Crux der Emotionen Reisers, die dazu führt, dass er sich nicht zu einem gesunden selbstbewussten Subjekt entwickelt, liegt darin, dass ihm in dem Moment, in dem er sich vollständig mit der Mutter identifiziert, in der Mutter kein differentes Subjekt begegnet. Identität macht Anerkennung in diesem Sinne unmöglich[23] und so ist aus entwicklungspsychologischer Sicht die Symbiose zwischen Anton und der dieserart gezeichneten Mutter-Imago, die mit der personalen Mutter verknüpft wird, als hemmend zu betrachten.

2.3 Unrecht-Tun und Unrecht-Leiden

„Ob er gleich Vater und Mutter hatte, so war er doch in seiner frühesten Jugend schon von Vater und Mutter verlassen, denn er wusste nicht, an wen er sich anschließen, an wen er sich halten sollte […]. In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen zärtlicher Eltern geschmeckt, nie nach einer kleinen Mühe ihr belohnendes Lächeln.“[24]

Diese Aussage über die Beziehung zwischen Anton und seinen Eltern steht im Kontrast zur oben herausgearbeiteten positiv konnotierten Bezüglichkeit auf die Mutter-Imago. Die bereits untersuchten Verschmelzungsmotive, die an späterer Stelle im Roman eingeführt werden, sind mit Gedanken an Zuwendung und Zärtlichkeit der Mutter verbunden, gerade dies wird der Mutter hier abgesprochen, bezieht man beide im letzten zitierten Satz getroffenen Aussagen auf jeweils beide Elternteile.[25] Doch nicht nur um einen Mangel an liebevoller Zuwendung geht es dem Erzähler, sondern auch um einen Mangel an gerechter Behandlung, hier gemessen an einem nicht vorhandenen Belohnungsmodell.

Während die erste Kindheitserinnerung seine Mutter als Schutz und Geborgenheit spendend einführt, so scheint doch eine Erinnerung, die die Mutter als ungerecht strafend erscheinen lässt, einen umso prägenderen Eindruck auf die kindliche Seele Antons gemacht zu haben, sie wird im Kontrast direkt anschließend an die oben bereits untersuchte erste Erinnerung geschildert.

„Die zweite Erinnerung ist aus dem vierten Jahr, wo sein Mutter ihn wegen einer wirklichen Unart schalt; indem er sich nun gerade auszog, fügte es sich, daß eines seiner Kleidungsstücke mit einigem Geräusch auf den Stuhl fiel: seine Mutter glaubte, er habe es aus Trotz hingeworfen, und züchtigte ihn hart. Dies war das erste wirkliche Unrecht, was er tief empfand, und was ihm nie aus dem Sinne gekommen ist; seit der Zeit hielt er auch seine Mutter für ungerecht, und bei jeder neuen Züchtigung fiel ihm dieser Umstand ein.“[26]

Die Mutter-Imago erschöpft sich also nicht in der madonnenhaften, schützenden Mutter, ein anderes Bild steht dem entgegen. Ohne seine Einsicht hinreichend zu begründen, identifiziert Cech das hier gezeichnete Bild mit der realen Mutter, wenn er schreibt „Offenbar konnte die reale Mutter den Idealisierungen ihrer Person zur Imago von Schutz und Bergung gegen die Bedrohung der Objektwelt nicht entsprechen.“[27] Es ist aus nichts zu schließen, dass es sich bei den oberflächlich positiven Schilderungen um eine Idealisierung, bei der oberflächlich negativen Darstellung um Realität handelt. Idealität kann hier kein Wertungsbegriff sein, sondern eine Seinsweise, dies scheint Cech zu verkennen. Meiner Ansicht nach ist es einzig sinnvoll zu sehen, dass es sich in beiden Fällen um Idealisierungen handelt[28], um zwei Seiten einer Medaille (vgl. 3.).

Das Bild der zu Unrecht und willkürlich strafenden Mutter wird bekräftigt durch Berichte über „das unaufhörliche Schelten und Toben seiner Mutter“[29]. „Ihr unaufhörliches Verbieten von Kleinigkeiten und beständiges Schelten und Strafen zu unrechter Zeit verleidete ihm alle edlern Empfindungen“[30], so wird seiner Mutter nicht nur abgesprochen, ihm positiv geneigt zu sein, sie wird im Folgenden auch zur Schuldigen an der mangelnden positiven Geneigtheit seiner anderen Mitmenschen erklärt:

„er verzweifelte sich je die Liebe und Achtung in Pyrmont wieder zu erwerben, die er durch seine Mutter einmal verloren hatte, welche nicht nur gegen seinen Vater, sooft er zu Hause kam, sondern auch gegen ganz fremde Leute beständig von nichts als von seiner schlechten Aufführung sprach, wodurch dieselbe dann wirklich anfing, schlecht zu werden und sein Herz sich zu verschlimmern schien.“[31]

Die Mutter ist also nicht nur an der mutmaßlich vorhandenen Antipathie der Mitmenschen Anton gegenüber Schuld,[32] sie ist auch Schuld daran, dass sich Anton so entwickelt, dass er diese Antipathie denn auch selbstständig hervorrufen kann.

Der Erzähler stellt der Kausalbeziehung zwischen der nicht vorhandenen gerechten Anerkennung durch die Mutter und dem Verhalten Antons, der nicht mehr als anerkennenswert in Erscheinung tritt, eine andere Kausalbeziehung zur Seite. Hierzu wird zunächst die Ursache für die Missstände in der Ehe seiner Eltern in dem ausgeprägten Hang der Mutter zum Joy of Grief gesucht:

„Vielleicht wäre auch alles im Ehestande besser gegangen, wenn Antons Mutter nicht das Unglück gehabt hätte, sich oft für beleidigt und gern für beleidigt zu halten, auch wo sie es wirklich nicht war, um nur Ursach zu haben, sich zu kränken und zu betrüben und ein gewisses Mitleid mit sich selber zu empfinden, worin sie eine Art von Vergnügen fand.“[33]

Hier wird erstmals eine Eigenschaft der Mutter außerhalb der Beziehung zu Anton beschrieben, natürlich nicht, ohne diese in Bezug zu Antons Entwicklung zu setzen: „Leider scheint sich diese Krankheit auf ihren Sohn fortgeerbt zu haben“.[34] Der Begriff der Vererbung ist hier wohl nicht als ein reines genetisches Vererben zu verstehen, der Erzähler scheint ja davon auszugehen, dass vor allem das Verhalten der Mutter ihrem Sohn gegenüber dessen Entwicklung beeinflusst. Eine gewisse Veranlagung ist es aber wohl doch, die Moritz vorschwebt, denn er betont, dass „die Süßigkeit des Unrechtleidens zu empfinden“ Anton „schon als Kind“[35] begleitet. Weitergehend attestiert er Kindern als solchen eine per se hohe Sensibilität gegenüber zuteil gewordenem Unrecht, weswegen er den Abschnitt mit einem seiner so häufigen pauschalen Ratschläge an die Pädagogen abschließt:

„Und gewiß ist wohl bei niemanden die Empfindung des Unrechts stärker als bei Kindern, und niemanden kann wohl leichter unrecht geschehen; ein Satz den alle Pädagogen täglich und stündlich beherzigen sollten.“[36]

Moritz erkennt also den Joy of Grief als einen mehr oder weniger festen Bestandteil der kindlichen Entwicklung, der sich heute entwicklungspsychologisch ohne weiteres näher ausführen und begründen ließe. Schon eine Beschäftigung mit den heute recht unumstrittenen Klassikern der Entwicklungspsychologie Piaget und, bezogen auf die moralische Entwicklung, Kohlberg[37] konfrontiert uns mit den egozentrischen Phasen der kindlichen Entwicklung, in der es gemessen an einer Umwelt, in der es nicht nur im Zentrum stehen kann, zwangsläufig zu einem überproportionierten Unrechtsempfinden kommt, da sein eigener Gerechtigkeitsbegriff einem allgemeingültigen Gerechtigkeitsbegriff noch nicht standhalten kann. Moritz relativiert also indirekt das Unrecht-Leiden Antons und der Leser muss sich fragen, wie weit denn die Schilderungen des erlebten Unrechts tatsächlich tragen. Jedenfalls wird an dieser Stelle ein distanziertes Verhältnis des Erzählers zu seiner Figur Anton Reiser konstruiert.

[...]


[1] Freud (2000): Seite 553.

[2] Moritz (1993): Seite 106.

[3] ebd.: Seite 104.

[4] Goldmann (1994): Seite 660ff.

[5] Goldmann (1994): Seite 668.

[6] ebd.: Seite 669.

[7] So wie auch Berndt (1999: Seite 105) konstatiert: „Vater und Mutter sind im „Anton Reiser“ weit davon entfernt, auf reale Personen zu referieren.“

[8] Die Frage, ob der Anton Reiser als psychologischer Roman oder als Autobiographie zu betrachten ist, wird in der Forschung recht unterschiedlich beantwortet. Sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen, würde den Rahmen der Arbeit sprengen und ist auch nicht mein Anliegen. Es soll hier, auch aus Gründen, die sich im Verlauf der Arbeit als plausibel erweisen, der von Karl Philipp Moritz selbst verliehene Untertitel ernst genommen werden. Dass Literatur mal mehr, mal weniger, mal bewusst, mal unbewusst autobiographisch ist, ist vorauszusetzen, spielt für das Thema dieser Arbeit jedoch zunächst keine Rolle. Die Frage, ob Anton Reiser, der Erzähler und der Autor zu identifizieren sind, wird hier also bewusst nicht primär nachgegangen. Es geraten nur die Bezüge der Mutterfigur zu Anton Reiser als Figur und zum Erzähler als demjenigen, der einen Bezug zu seiner Erzählung hat, in Betracht. Ob die hier gezeichnete Mutterfigur auf Karl Philipp Moritz’ Mutter rekurriert, ist spekulativ und soll hier nicht erörtert werden.

[9] Imago soll hier als psychologischer Begriff verstanden werden und das „im Unterbewusstsein existierende Bild einer anderen Person, das Handlungen und Lebenseinstellungen bestimmen kann“ (Duden. Das große Fremdwörterbuch. Mannheim: 2003. Seite 599.) bezeichnen. Dieser Begriff wird der im Anton Reiser gezeichneten Mutterfigur meiner Meinung nach am Besten gerecht, da sie nur in Hinsicht auf Antons Entwicklung, seine Handlungen und Lebenseinstellungen eine Rolle spielt. Die Verwendung des Begriffs ist natürlich insofern problematisch, dass man recht schnell in Gefahr gerät, die Figur nun als Imago des Autors zu betrachten, was von mir zunächst nicht intendiert ist.

[10] Jung (1995): Seite 119.

[11] Moritz (1997): Seite 9.

[12] Pfotenhauer (1987): Seite 97. „Zusammenhang und romanartige Dichte stiften […] nicht ihre stilisierende Ausrichtung auf Höheres, auf Vervollkommnung.“ Pfotenhauer kommt im Zuge seiner Argumentation dazu, den Anton Reiser gattungstypologisch nicht als Roman, sondern als Autobiographie zu betrachten.

[13] So sprechen Literaturwissenschaftler geradezu ausnahmslos in verschiedensten Kontexten von Anton Reiser als einem Heroen oder Helden, vgl. Goldmann, Pfotenhauer, Jagla-Laudahn u.a

[14] Goldmann (1994): Seite 669.

[15] Berndt (1999): Seite 103

[16] Moritz (1979): Seite 35.

[17] Dort formuliert Moritz ähnlich: „Auf die Art weiß ich es, wie meine Mutter mich einst in Sturm und Regen, in ihren Mantel gehüllt, auf dem Arm trug, und ich mich an sie anschloss, und ich kann die wunderbar angenehme Empfindung nicht beschreiben, welche mir diese Empfindung gewährt.“ (1993: Seite 104). Cech (2001) macht die interessante Beobachtung, dass diese frühe Kindheitserinnerung ebenfalls in Moritz „Tagebuch eines Geistersehers“ Verwendung findet, wo es heißt „O die Einschränkung des Denkens ist so süß, das weiß ich noch aus den allerfrühesten Jahren meiner Kindheit, da ich noch in meiner Mutter Arm, in ihren Mantel gehüllt, getragen ward – wie ich mich damals aus Furcht vor der weiten Welt um mich her, immer dichter an sie schmiegte, und in dieser seligen Nähe das fürchterliche Weite vergaß.“ (zit. nach Cech (2001): Seite 131).

[18] Moritz (1979): Seite 15.

[19] Vgl. Gutjahr (1996): Seite 25.

[20] Moritz (1979): Seite 15.

[21] Moritz (1993): Seite 106. Hier ist der Umzug von der Stadt aufs Land mit der Ambivalenz des in den mütterlichen Mantel gehüllt Seins und der Empfindung der Freiheit der Natur explizit verbunden: „Ich weiß noch, wie ich, in ihren Mantel gehüllt, mit ihr auf dem Wagen saß, und gewiß glaubte, daß Bäume und Hecken vor uns vorbeiflögen, so wie der Wagen fortfuhr.“

[22] Moritz (1979): Seite 93.

[23] „ Identität nämlich ermöglicht kein Bewusstsein, nur die Trennung, die Loslösung und das leidensvolle In-Gegensatz-Gestelltsein, kann Bewusstsein und Erkenntnis erzeugen.“ (Jung (1995): Seite 185.)

[24] Moritz (1979): Seite 15.

[25] Es sei angemerkt, dass es im Hinblick auf die schon hier angedeutete Entscheidung, die zwischen den Eltern zu treffen ist, das heißt auf die Unvereinbarkeit der Hinwendung Antons zu beiden Elternteilen, Sinn machen würde, den Satz wie folgt zu lesen: In seiner frühesten Jugend hat er nie die Liebkosungen geschmeckt (scil. wenn er sich für seinen Vater entscheidet) , nie nach einer kleinen Mühe ein belohnendes Lächeln (scil. wenn er sich für seine Mutter entscheidet). Diese Differenzierung wird von Moritz hier allerdings nicht vorgenommen. Kurz nach der zitierten Textstelle heißt es allerdings: „[…] und doch schien es ihm sehr oft, als wenn sein Vater, den er bloß fürchtete, mehr Recht habe, als seine Mutter, die er liebte.“ (Moritz (1979): Seite 16.) Hier wird also explizit der Vater mit dem Prädikat der Gerechtigkeit, die Mutter mit dem der Liebe verbunden. Da Anton nicht wusste, „an wen er sich anschließen, an wen er sich halten sollte“, stellt Gutjahr für ihn eine psychische Gleichung auf: „Kann aber das Gefühl der Liebe, das mit der Mutter verknüpft ist, nicht mit dem Gefühl des Rechtmäßigen, wie es mit dem Vater verbunden ist, in Einklang gebracht werden, so ergibt sich für das Kind die psychische Gleichung, daß die Liebe unrechtmäßig und die Rechtmäßigkeit lieblos ist.“ (Gutjahr (1996): Seite 24.)

[26] Moritz (1979): Seite 36.

[27] Cech (2001): Seite 132. Natürlich untersteht Cechs Differenzierung einem Ziel, nämlich dem, die gezeichnete Mutterfigur in Beziehung zum „Erziehungsverhalten von Müttern mit borderlinehaften Störungen“ (Seite 133) zu setzen. Da ich es für ausgeschlossen halte, dass Moritz daran gelegen ist realitätsgetreu und objektiv ein Verhalten seiner personalen Mutter zu zeichnen und dies ihm wohl auch kaum möglich ist, halte ich eine derartige Vorgehensweise zumindest für problematisch. Wenn Cechs Interpretation auch in sich stimmig ist, so geht sie meiner Meinung nach von falschen Annahmen aus. Es bleibt für mich unklar, was Cech meint, wenn er einwirft, dass die Idealisierung durch „Abspaltung von dieser [scil. negativen) Einschätzung unbeeinträchtigt bleiben“ (Seite 133) kann, Moritz spaltet die beiden Bilder doch gerade nicht, indem er sie in der personalen Mutter vereint.

[28] Dem möglichen Vorwurf, dass natürlich auch dies willkürlich gesetzt ist, möchte ich entgegen halten, dass es aber doch ein höheres Maß an Konsistenz aufweist, den Schilderungen einen insgesamt idealen Charakter zuzuweisen. Wir haben es mit einer Mutter-Imago zu tun, die als Einheit konstruiert und deren topische Struktur und Erzählfunktion nur als Einheit sinnhaft zu rekonstruieren ist. Unterstellt man den Einschätzungen Antons, sich in Wirkliches und Unwirkliches aufzuspalten, so ist doch stets zu sehen, dass „das Unwirkliche nicht mit dem Fiktionalen und das Wirkliche nicht mit der Realität verwechsel [t werden darf]. Denn beide Aussagenbereiche sind letztlich Gegentand der romanhaften Erzählung. […] Das Unwirkliche ist in diesem Sinne nicht das Gegenteil des Wirklichen […]. Beide Aspekte […] scheinen vielmehr einem erzählerischen Stilmittel zu dienen.“ (Kaiser (1992): Seite 124f.)

[29] Moritz (1979): Seite 31.

[30] ebd.: Seite 38.

[31] ebd.

[32] So bezeichnet es der Erzähler denn auch als Glück, dass die Mutter nicht mit auf die erste Pyrmontreise kam, wobei es auch hier um die Wechselwirkung zwischen der Mutter und dem Vater geht; nur die Absenz beider Elternteile (der Vater hatte „andre Geschäfte in Pyrmont“; Moritz (1979): Seite 29.), verschafft das Glück.

[33] Moritz (1979): Seite 31.

[34] ebd.

[35] ebd.

[36] ebd.: Seite 32.

[37] Die Gedanken Kohlbergs hier nicht näher ausführen könnend, sei auf seinen grundlegenden Aufsatz von 1968 Moralische Entwicklung (In: ders.: Die Psychologie der Moralentwicklung. Frankfurt: 1997. Seite 7 – 40.) verwiesen.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638633888
Dateigröße
903 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72024
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Germanistisches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Topische Struktur Erzählfunktion Mutter-Imago Anton Reiser Literarische Autobiographien Jahrhundert

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