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Die Pädagogisierung der Eltern-Kind-Beziehung im 18. Jahrhundert

Referat (Ausarbeitung) 2005 20 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsangabe

1. Die Eltern – Kind – Beziehung zu Beginn des 18. Jahrhundert

2. Die Forderungen der Aufklärer

3. Der Wandel der Mutter – Kind – Beziehung
3. (1) Die Erweiterung der mütterlichen Verantwortung
3. (2) Mittel zur Erziehung zur Mütterlichkeit

4. Die negativen Seiten der „neuen Mutter“
4. (1) Die Infragestellung der Mutterliebe durch Elisabeth Badinter

Einleitung

Diese Ausarbeitung bezieht sich auf das gehaltene Referat im Kontext des Seminars mit dem Thema der Epoche der Aufklärung, d.h. das 18. Jahrhundert. Diese Epoche wird auch als das „Pädagogische Zeitalter“ betitelt, was den Wandel der Werte und Normen im gesamten Leben der damaligen Menschen beinhaltet. In dem Seminar wurden die Philanthropen und ihre Ideen vorgestellt, sowie auch das Bildungswesen der verschiedenen Klassen und auch Altersgruppen. Dieser Text beleuchtet nun insbesondere die Familie, und die Stellung des Kindes und der Frau. Zunächst wird erläutert, wie sich die Situation vor dem Wandel gestaltet hat, und was die Forderungen der Aufklärer waren, um sich dem Zeitgeist anzupassen. Der nächste Abschnitt befasst sich mit dem Wandel der Mutter – Kind – Beziehung, wobei die Erweiterung der mütterlichen Verantwortung und die Mittel zur Erziehung zur Mütterlichkeit gesondert beschrieben werden. Anschließend werden auch die negativen Seiten der, durch die Aufklärung entstandenen, neuen Werte und Ideale beleuchtet und abschließend gefragt, ob Mutterliebe wirklich ein Instinkt ist, oder man es nicht als gesellschaftliches Phänomen betrachten kann, oder sogar muss.

Zu den Forschungsergebnissen zu diesem Thema lässt sich sagen, dass die Quellen zumeist indirekt sind, z.B. Briefe, Tagebucheintragungen, und somit doch sehr subjektiv sind. So sollten die Aussagen bezüglich der Liebe und der Fürsorge der Eltern doch mit einem kritischen Auge gesehen werden, da es kaum objektive Quellen dazu gibt.

1. Die Eltern – Kind – Beziehung zu Beginn des 18. Jahrhundert

Die Eltern – Kind – Beziehung stand zu Beginn des 18. Jahrhunderts unter keinem guten Stern, denn sie äußerte sich nicht durch die Mutterliebe, die wir aus heutigen Tagen kennen.

Zu dieser Zeit wurden Kinder als Last und Unglück empfunden, denn diese fordern Aufmerksamkeit, Pflege und wirtschaftliche Opfer.

Das Kind wurde als etwas Böses und Unvollkommenes, wie ein Tier, welchem es an Vernunft, Denk- und Urteilsfähigkeit fehlt, dargestellt, und in den Augen der damaligen Zeit erlangte man nur die Erlösung, in dem sich von der Kindheit freigemacht wird. So wird die Kindheit bekämpf, z.B. durch repressive Erziehung und Zurückhaltung der Eltern.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts herrschte eine hohe Kinder- und Säuglingssterblichkeit[1]. Diese „resultierte aus einer liebevollen, aber fehlgeleiteten Erziehung“[2].

Es gab Schwankungen in der Säuglingssterblichkeit, nämlich abhängig von dem Geburtsort des Säuglings. Das 1. Lebensjahr verlief unterschiedlich, je nachdem, ob das Kind in gut bürgerliche Verhältnisse, in der es relativ gute Überlebenschancen hatte, oder aber in eine Bauerfamilie hineingeboren wurde, wo es wahrscheinlich früh starb[3].

Auch gab es Sterblichkeitsdifferenzen zwischen ehelichen und unehelichen Kindern, denn diese unehelichen Kinder waren illegitim. Diese unerwünschten Säuglinge wurden früher entwöhnt, weniger oft gestillt und sogar tot geboren. Allerdings gab es bei ehelichen, aber trotzdem unerwünschten, Kindern eine verhüllte Form von Kindermord[4].

Es gab damals keine expliziten Erziehungspraktiken, kein reflektiertes „kindgerechtes“ Verhalten, noch ein „mütterliches Eingehen“ auf das Kind[5]. Die Erziehungsmaxime zu dieser Zeit war, den Kindern frühzeitig alle Frucht vor dem Ahnungsvollen und Unsichtbaren zu nehmen und sie ans Schauderhafte zu gewöhnen[6]. Die traditionelle Erziehung führte trotz Zärtlichkeiten und Liebe zu Verletzungen und zerstörerischen Konsequenzen durch Unwissenheit. Diese äußerte sich durch falsche Nahrung und durch Wickeln, was schmerzhaft war, aber gutwillig gemeint war. Allerdings gab es auch damals schon zum Teil verlässliche Informationen, die das verhindern hätten könnten, welche aber weitestgehend ignoriert wurden[7].

Auch gab es kein deutliches Bild in der Betreuung der Kinder, denn es war unklar, ob es tatsächlich immer die Mutter war, die das Kind pflegte und betreute[8]. Die Kinder wurden oft den Bedienten, Mägden und vor allem bezahlten Ammen überantwortet. Die Erklärung dafür ist, dass das Familienleben in der Stadt fast unmöglich war, durch die äußeren schwierigen Bedingungen, in denen der Überlebensinstinkt andere Instinkte, wie den Mutterinstinkt, verdrängt. Durch diese Weggabe der Kinder gab es für die leiblichen Mütter fast keine Mutterpflichten[9]. Dieses Weggeben der Kinder war schon im 13. Jahrhundert in Frankreich möglich, doch galt dies bis zum 16. Jahrhundert fast nur für Aristokraten. Doch seit dem wurde es plötzlich Mode für die Reichen und auch Armen der Bevölkerung, die Kinder in Pflege zu geben. Doch auch von den Ammen wurde die Kinderaufsicht vernachlässigt, was Unfälle und oft Verbrennungen zur Folge hatte[10].

Die Menschen waren zu Beginn des 18. Jahrhunderts sehr gläubig. Jedoch lies sich dies nicht immer mit der Realität vereinbaren. So erlegte das Christentum den Eltern die Pflicht auf, jedes Kind aufzuziehen und zu erziehen, weder abzutreiben, noch als Neugeborenes zu töten. Aber diese christliche Ideologie stand im Gegensatz zu der Handlungsorientierung durch Armut, die damals das Leben der meisten Menschen beherrschte[11]. Des Weiteren praktizierte niemand auch aus religiösen Vorschriften Empfängnisverhütung, was zu vielen unerwünschten Kindern führte. Da Tötung und Abtreibung durch die Religion verboten war, wurden diese Kinder durch Vernachlässigung und abscheuliche Hygiene auf verhüllte Art und Weise getötet[12].

Es herrschte damals eine Beiläufigkeit im Umgang mit Schwangerschaft und Geburt und eine unsentimentale Einstellung demgegenüber. Die Eltern legten eine Lieblosigkeit gegenüber des Kleinkindern an den Tag, die sich dadurch kennzeichnet, dass sie mit Schnaps beruhigten, um das schreien abzustellen. Außerdem wurden die Kleinkinder in den ersten Lebenstagen mit Brei voll gestopft, und anschließend mit Abführmittel gefüttert, da sie den Brei nicht verdauen konnten, wobei sie jedoch nicht medizinisch von Ärzten betreut wurden. Auch wurden die Kinder in den ersten sechs Monaten mit dem Essen für Erwachsene versorgt. Diese Behandlungen führten oft zu Kinderkrankheiten und auch zum Tod. Die Ursachen dafür lagen an dem Mangel an Bildung und an Wohlstand der Eltern. Diese Lieblosigkeit wurde besonders gegenüber kranken und sterbenden Kindern deutlich, auch wurden keine Trauer oder jegliche Emotionen gezeigt. Es herrschte eine regelrechte Unbekümmertheit und sogar die Weigerung, den Arzt zu rufen. Ein Gefühl der Erlösung stellte sich bei dem Kindestod bei den Eltern ein, und sogar Freude, über die „Erlösung“ von dem überzähligem Kind. Totgeburten wurden mit Brutalität beseitigt, und die Kinder wurden zum Teil nicht mal beerdigt. Allgemein wurde oft eine Unachtsamkeit gegenüber dem Leichnam gezeigt. Dieses Verhalten resultierte daraus, dass die Menschen glaubten, dass Kleinkinder direkt als Engel in den Himmel kämen, und somit wurde Sterben als Segen für die Kleinen ausgelegt[13].

Die Mutterliebe war und ist ein viel diskutiertes Thema und ist mit einer Sinuskurve zu vergleichen. Die Höhepunkte dieser Kurve lagen „vor dem 17. Jahrhundert, im 19. und 20. Jahrhundert und Tiefpunkte im 17. und 18. Jahrhundert“[14].

Aber auch in den Zeiten des Tiefpunktes, der hier beschrieben wird, galt die Mutter als „wichtigste Instanz zwischen zischen dieser familiären Umwelt und der frühkindlichen Sozialisation“[15]. Mutter und Kind hatten bis etwa zum dritten Lebensjahr eine exklusive Beziehung, wobei der Vater nur am Rande teilnahm. Die Mutter – Kind – Beziehung galt auch damals als eine grundlegende menschliche Beziehung, auch wenn die Mutterrolle zu diesem Zeitpunkt diffus war, und bestimmt durch Angst vor negativen Sanktionen. Denn die Mutterliebe wurde in Frage gestellt, da sie nicht immer durch Fürsorge gekennzeichnet war. Trotzdem gab es weiterhin keine Absage an die Mutterrolle, da sie eine zählebige soziale Struktur ist und vor allem wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung und Identifikationsbildung des Kindes. Jedoch gab es Uneindeutigkeiten und Ambivalenzen der Mutter – Kind – Beziehung durch sozialen Wandel. So wurde zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Frage gestellt, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Mutterliebe und der hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit gab. Dabei wurde das Stillen als Indikator für Mutterliebe genutzt, und die weitere Frage gestellt, warum einige Frauen stillen und anderen nicht, und ob nicht gestillte Kinder früher sterben würden. Allerdings wurde das Stillen nicht nur positiv gesehen, denn das so genannte „wollüstige Stillen“ galt als Egoismus der Frau und führte zur moralischen Verderbtheit des Kindes. Die Verantwortung der leiblichen Mutter für die Pflege des kleinen Kindes wurde als kulturelle Selbstverständlichkeit gesehen, denn dies wäre die natürliche Bestimmung der Frau, ebenso wie das Stillen. Aber nicht nur die Muttermilch galt als Pflege, sondern auch die psychischen Bedürfnisse des Kindes müssen versorgt werden. Auch sollte sich die Mutter – Kind – Beziehung nicht nur auf die Phase der eigentlichen „Brutpflege“ beschränken, sondern weit länger. Diese Beziehung charakterisiert sich bis ins 20. Jahrhundert durch die Angst um das eigene Leben und um das Leben der Kinder, das „Vertrauen, dass Mutter und Kind in einem religiösen, kosmischen oder magischen Zusammenhang eingebettet seien, der eine Entzweiung selbst durch den Tod verhindere und der allen Schrecken einen Sinn geben konnte“, die Freude, Leben weitergeben zu können und „Stolz, an dem Erfolg, durch legales Muttersein einen verbesserten sozialen Status errungen zu haben“. Allerdings verhinderten im 18. Jahrhundert Hunger, Kälte und Krankheit die Freude und den Stolz und nur die Angst blieb beständig[16].

[...]


[1] vgl. Seite 505 aus Edward Shorter, „Die große Umwälzung in den Mutter – Kind – Beziehungen vom 18. bis 20. Jahrhundert“ aus dem Sammelwerk Jochen Martin, August Nitschke, „Zur Sozialgeschichte der Kindheit“, Freiburg: Alber, 1980

[2] Seite 513 aus E. Shorter, „Die große Umwälzung in den M – K – B vom 18. bis 20. Jhr.“

[3] vgl. Seite 535 aus Irene Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe. Die Mutter – Kind – Beziehung seit dem 18. Jahrhundert“ aus dem Sammelwerk Jochen Martin, August Nitschke, „Zur Sozialgeschichte der Kindheit“, Freiburg: Alber, 1980

[4] vgl. Seite 511, 512 aus E. Shorter, „Die große Umwälzung in den M – K – B vom 18. bis 20. Jhr.“

[5] vgl. Seite 531 aus I. Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe.“

[6] vgl. Seite 663 aus Ulrich Herrmann, „Die Pädagogisierung des Kinder – und Jugendlebens in Deutschland“ aus dem Sammelwerk Jochen Martin, August Nitschke, „Zur Sozialgeschichte der Kindheit“, Freiburg: Alber, 1980

[7] vgl. Seite 506 – 510 aus E. Shorter, „Die große Umwälzung in den M – K – B vom 18. bis 20. Jhr.“

[8] vgl. Seite 548 aus I. Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe.“

[9] vgl. Seite 664, 531 aus U. Herrmann, „Die Pädagogisierung des Kinder – und Jugendlebens in D.“

[10] vgl. Seite 515 aus E. Shorter, „Die große Umwälzung in den M – K – B vom 18. bis 20. Jhr.“

[11] vgl. Seite 549 aus I. Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe.“

[12] vgl. Seite 513 aus E. Shorter, „Die große Umwälzung in den M – K – B vom 18. bis 20. Jhr.“

[13] vgl. Seite 513 – 520 aus E. Shorter „Die große Umwälzung in dem M – K – B vom 18. bis 20. Jhr.“

[14] Seite 529 aus I. Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe.“

[15] Seite 525 aus I. Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe.“

[16] Seite 545 aus I. Hardach – Pinke, „Zwischen Angst und Liebe.“

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638633864
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v72022
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg – Erziehungswissenschaften
Note
2,0
Schlagworte
Pädagogisierung Eltern-Kind-Beziehung Jahrhundert Seminar Theorien Pädagogik Aufklärung

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