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Von Austin zu Searle: Die Entwicklung der Sprechakttheorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2007 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Grundlagen der Sprechakttheorie nach Austin
2.1. Performative und konstatierende Äußerungen
2.2. Lokutionärer, illokutionärer und perlokutionärer Akt

3. Weiterentwicklung durch Searle
3.1. Grundlagen
3.1.1. Propositionen
3.1.2. Regeln
3.1.3. Bedeutung
3.2. Das Versprechen
3.3. Sprechaktklassifikation

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Teilgebiet der Linguistik beschäftigt sich die Pragmatik in erster Linie mit der Verwendung von Sprache innerhalb eines Kontextes, bzw. ganz allgemein mit sprachlichem Handeln. Neben einer Reihe anderer inte-ressanter Phänomene stellt die Sprechakttheorie in diesem Sinne wohl die Königsdisziplin der Pragmatik dar. Es liegt auf der Hand, dass sprachliche Äußerungen nicht ausschließlich dazu dienen, die Welt zu beschreiben, sondern unter besonderen Umständen gleichwohl Hand-lungen verschiedenster Art vollziehen können. John Langshaw Austin gilt gemeinhin als Begründer der Sprechakttheorie. Seine Vorlesung mit dem Titel How To Do Things With Words, im Jahr 1955 an der Havard-Universität vorgetragen, wurde posthum veröffentlicht. Danach war es insbesondere John R. Searle, der sich Austins Ideen annahm und dessen Analyse im Rahmen seines 1969 veröffentlichten Buches Speech Acts fortführte.

Im Folgenden sollen die Überlegungen Austins und Searles eingehend betrachtet werden und zu einem skizzenhaften Überblick verhelfen. Als Grundlage dienen die bereits erwähnten Hauptwerke der beiden Sprach-Philosophen. Einer Hinleitung über die Auseinandersetzung Austins mit den Sprechakten, folgt eine Definition der für Searle bedeutsamen Begriffe, sowie dessen Analyse des Sprechaktes des Versprechens und die Betrachtung der Taxonomie illokutionärer Akte, bevor der Themen-komplex abschließend bewertet wird.

2. Grundlagen der Sprechakttheorie nach Austin

2.1. Performative und konstatierende Äußerungen

Die Unterscheidung zwischen performativen und konstatierenden Äußer-ungen bezeichnet einen der ersten Schritte der Austinschen Sprechakt-theorie, die er in seinem Hauptwerk How To Do Things With Words beschreibt. In Abgrenzung zur philosophischen Auffassung der allge-meinen Aussage, im Sinne von Beschreibungen eines Sachverhaltes oder Behauptungen einer Tatsache, definiert Austin die Aussage (1) „Ich taufe dieses Schiff auf den Namen Leibniz“ wie folgt:

„Ich schlage als Namen „performativer Satz“ oder „performative Äußerung vor. Der Name stammt natürlich von »to perform«, »vollziehen«: man »vollzieht« Handlungen. Er soll andeuten, daß jemand, der eine solche Äußerung tut, damit eine Handlung vollzieht – man faßt die Äußerung gewöhnlich nicht einfach als bloßes Sagen auf.“[1]

Anders als konstatierende Aussagen wie z. B. „Heute ist schlechtes Wetter“, die dazu dienen, über die Welt zu sprechen und in der Dimension wahr-falsch beurteilt werden können, entziehen sich performative Äußerungen dieser Beurteilung. Die Aussage unter (1) beschreibt keinen Sachverhalt, sondern vollzieht offenkundig Handlung und ist in diesem Sinn weder wahr, noch falsch. Allerdings besteht die Möglichkeit, dass performative Äußerungen unter bestimmten Umständen daneben gehen können, Austin spricht hier von der „Lehre von den Unglücksfällen“[2]. In erster Linie muss die performative Äußerung in einer der fraglichen Handlung angemessenen Situation vorgebracht werden. Ist der Redner nicht in der Lage den performativen Akt zu vollziehen, ist dieser nichtig. So lässt sich ein Schiff beispiels-weise nur durch eine dafür autorisierte Person taufen. Ebenso verunglückt die performative Äußerung, wenn sie unaufrichtig vorgetragen wird. Die Formel des Versprechens wird missbraucht, wenn der Sprecher nicht die Absicht verfolgt, das Versprochene einzuhalten. Eine weitere Form des Misslingens einer performativen Äußerung wird als Bruch der Verpflichtung bezeichnet. In diesem Sinne kann man jemanden „Willkommen heißen“, danach jedoch so tun, als sei die Person jemand unbekanntes oder gar ein Feind. Die performative Äußerung ist hier nur vorgetäuscht und wird im weiteren Verlauf gebrochen, bzw. misslingt.[3]

Auf der Suche nach einem grammatischen Kriterium zur expliziten Kennzeichnung der performativen Äußerung, kommt Austin nach und nach zu der Erkenntnis, dass der vermutete Unterschied zwischen konstatierenden und performativen Äußerungen im Prinzip kaum besteht. Es ist vorstellbar, dass ein Sprecher die Aussage „Der Becher ist im Schrank“ tätigt, gleichzeitig aber nicht glaubt, dass sich der Becher im Schrank befindet. Austin spricht in diesem Zusammenhang von der Unredlichkeit einer Aussage, die, ebenso wie ein unaufrichtiges Versprechen, verunglückt.[4] Auch der Versuch Austins, die performative Äußerung auf eine explizite Formel zu reduzieren, bzw. eine Liste performativer Verben aufzustellen, scheitert. Offensichtlich wird dies z. B. durch eine Aussage der Form „Ich stelle fest, dass die Sonne blau ist“. Während der einleitende Hauptsatz den Ansprüchen für Performativität genügen zu scheint, kennzeichnet der Nebensatz definitiv eine Feststellung, welche auf ihren Wahrheitswert hin überprüft werden kann.

2.2. Lokutionärer, illokutionärer und perlokutionärer Akt

Im weiteren Verlauf von How To Things With Words erkennt Austin die Notwendigkeit genauer zu untersuchen, „was dazu gehört, daß einer »eine Äußerung tut«“[5]. In einem ersten Schritt definiert er den lokutionären Akt:

Diese gesamte Handlung, »etwas zu sagen«, nenne (…) ich den Vollzug eines lokutionären [locutionary] Aktes und die Untersuchung von Äußerungen unter diesen Gesichts-punkten die Untersuchung der Lokutionen [locutions], d. h. der vollständigen Einheiten der Rede.“[6]

Den lokutionären Akt wiederum untergliedert Austin in drei simultane Akte: Der phonetische Akt beschreibt die Äußerung von Lauten. Unter dem phatischen Akt versteht Austin die Äußerung bestimmter Vokabeln (Pheme), bzw. Wörtern, die einer bestimmten Grammatik folgen, also innerhalb einer (syntaktischen) Konstruktion vorkommen. Der rhetische Akt kommt schließlich zustande, wenn Pheme mit Bedeutung benutzt werden, d. h. eine Referenzsituation entsteht. Die Äußerung des rhetischen Aktes selbst bezeichnet das Rhem.

Vollziehen wir einen lokutionären Akt gebrauchen wir Sprache. So ist es möglich z. B. einen Vorschlag zu machen oder einen Rat zu geben. Den Vollzug einer solchen (Sprach-)Handlung bezeichnet Austin als illokutionären Akt:

(…) einen Akt, den man vollzieht, indem man etwas sagt, im Unterschied zu dem Akt, daß man etwas sagt; der vollzogene Akt soll »Illokution« heißen, und die Theorie der verschiedenen Funktionen, die die Sprache unter diesem Aspekt haben kann, nenne ich die Theorie der »illokutionären Rollen« [illocutionary forces].“[7]

Das Zusammenwirken des lokutionären und illokutionären Aktes, enthält noch einen weiteren Aspekt. Wo immer Sprache gebraucht wird, ergeben sich, auch unabhängig von der Intention des Sprechers, zwangsläufig Wirkungen auf die beteiligten Personen. Austin spricht in diesem Zusammenhang vom Vollzug des perlokutionären Aktes, bzw. von Perlokution.[8] Die Beziehung zwischen den drei Akten wird beim Betrachten eines einfachen Beispiels offensichtlich:

1. Lokution

Sie hat zu mir gesagt: „Du musst kommen!“

2. Illokution

Sie hat mich dazu angehalten, zu kommen.

3. Perlokution

Sie hat mich überzeugt/verleitet/genötigt.

[...]


[1] Austin, John L.: „Zur Theorie der Sprechakte“, Stuttgart 1979, S. 29f.

[2] Austin (1979): S. 36

[3] vgl. Austin, John L.: „Performative und konstatierende Äußerung“, in

Hoffmann, Ludger (Hg.): „Sprachwissenschaft. Ein Reader“, Berlin 2000, S. 133

[4] vgl. Austin (1979): S. 71

[5] Austin (1979): S. 110

[6] Austin (1979): S. 112

[7] Austin (1979): S. 117

[8] vgl. Austin (1979): S. 119

Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638727419
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71806
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Schlagworte
Austin Searle Entwicklung Sprechakttheorie

Autor

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