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Conrads impressionistische Erzählweise am Beispiel von "Lord Jim"

Hausarbeit (Hauptseminar) 1998 20 Seiten

Anglistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Philosophie und Literaturtheorie Conrads
2.1 Conrads epistomologischer Skeptizismus
2.2 "Solidarity" und "temperament" als Kernpunkte Conrads künstlerischen Konzeptes

3. Analyse der impressionistischen Erzähltechnik Conrads am Beispiel Lord Jims
3.1 Erzählsituation
3.2 Funktion der Erzählinstanz
3.3 Zeitbehandlung
3.4 Fokalisierung

4 Schlußbemerkung

Bibliographie

1. Einleitung

"My task which I am trying to achieve is, by the power of the written word to make you hear, to make you feel - it is, before all, to make you see." (preface to The Nigger of the "Narcissus", x)

Das Vowort zu Conrads The Nigger of the 'Narcissus' gilt als verläßlichste, eigenhändig verfaßte Abhandlung über seinen schriftstellerischen Ansatz und hat programmatischen Charakter für Conrads literarisches Schaffen.[1] Zusammen mit Ford Madox Ford hat Conrad in der Tradition Lockes und Newtons empiristischer Erkenntnistheorie eine Schreibweise entwickelt, die ihm den Ruf eingebracht hat, einer der ersten modernen Autoren Englands gewesen zu sein.[2] Zentral für Conrads Kunstverständnis ist seine Auseinandersetzung mit der Frage nach der Beschaffenheit des menschlichen Bewußtseins.

Conrad sieht Introspektion als "hallmark of artistic creation". Er glaubt nicht daran, daß es in der Welt objektiv zu erkennende Wahrheiten gibt und erklärt somit die persönliche Erfahrung, das individuelle Bewußtsein zum einzig möglichen Ausgangspunkt künstlerischen Schaffens.[3] Trotz dieser stark subjektivistischen Einstellung zum künstlerischen Schaffensprozeß ist Conrad jedoch davon überzeugt, daß diese "private vision" kommunizierbar sein muß.[4] Locke hat in seinem 1670 entstanden Werk Ein Versuch über den menschlichen Verstand das menschlichen Bewußtsein als tabula rasa formuliert, das erst durch Erfahrungen seine individuellen Züge annimmt und das dann assoziativ auf dieselben zurückgreift. Conrad übernimmt Lockes Annahme von der strukturellen Ähnlichkeit der Funktionsweise menschlicher Gehirne und geht davon aus, daß die assoziative Wiedergabe von Impressionen und Gedanken die einzige Möglichkeit darstellt, die potentiellen Rezipienten seiner literarischen Werke zu erreichen.

Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, Conrads literaturtheoretisches Konzept am Beispiel von Lord Jim (1900) zu skizzieren. Besonderes Augenmerk wird hierbei auf die Struktur der erzählerischen Vermittlung, die Funktionen der Erzählinstanzen, sowie auf die Zeitbehandlung im Roman fallen. Diese Aspekte sind von Bedeutung, da für Conrad Bewußtseinsprozesse und deren Vermittelbarkeit im Zentrum seiner literaturtheoretischen Überlegungen stehen. Da die Narratologie sich im besonderen mit dem 'Wie' der erzählerischen Vermittlung literarischer Texte beschäftigt, stellt sie ein geeignetes Instrument zur Beantwortung der Frage nach der Art der Umsetzung Conrads Konzept dar. Der zweite Teil dieser Arbeit besteht somit aus einer Analyse der erzähltechnischen Aspekte Lord Jims, die im Kontext Conrads literaturtheoretischen Äußerungen als relevant erscheinen.

2. Zur Philosophie und Literaturtheorie Conrads

2.1 Conrads epistomologischer Skeptizismus

Die ontologischen Probleme, mit der die Geisteswissenschaft die Autoren am Ende des 18. Jahrhunderts konfrontierte, bilden die Grundlagen für Conrads Denken.[5] Diese Probleme sind im Kontext des immer größer werdenden Einflusses der Naturwissenschaften zu sehen, die mit ihren Erklärungen der Zusammenhänge im Universum zum Beginn der Neuzeit diejenigen Erklärungsmuster ablöste, die von der Kirche mit dem Verweis auf die göttliche Autorisierung gerechtfertigt wurden. Diese Akzentverschiebung nahm seitdem immer stärkeren Einfluß auf die philosophischen Diskurse. Die Welt wurde von nun an durch mechanische Gesetze und mathematische Formeln erklärt, die auf Beobachtung basierten. Durch diese neuen Methoden wurde die subjektive Wahrnehmung des Individuums aufgewertet, die sich zum Ausgangspunkt neuzeitlicher philosophischer Betrachtung entwickelte und die dann im Solipsismus gipfelte.

Der Wegfall des Glaubens an ein göttliches Orientierungszentrum und die Berufung des Individuums auf sich selbst ist nicht nur fundamental für die Philosophie des 17. und 18.Jahrhunderts, sondern auch zentral für ein Verständnis Conrads Literatur. J. Hillis Miller weist darauf hin, daß ein Zugang zu Conrads Lord Jim nur möglich sei über die Einsicht der Nichtexistenz eines übergeordneten Orientierungszentrums, das noch die Literatur im 19. Jahrhundert in Form von heterodiegetischen, allwissenden und sinnstiftenden Erzählinstanzen auszeichnete:

Thematically and structurally Lord Jim is an example of this absence of origin, center, or end. [...] [T]he novel is falsified if the reader imposes on it a notion of aesthetic form modeled on a cosmos with an externally existing divine center, something outside that is its creating source and that stills ist movements, allowing an unequivocal judgement of good and bad, authentic and inauthentic, in the people and events within.[6]

Locke stellte in seinem 1690 erschienen Werk Ein Versuch über den menschlichen Verstand zum ersten Mal die Frage, ob es dem Menschen überhaupt möglich sei, ein Verständnis von der Welt "mit mathematischer Präzision und auf deduktivem Wege zu entwickeln".[7] Hier schon klingt ein Skeptizismus an, der später Conrad beschäftigen und der in seinen Romanen immer wieder thematisiert werden wird. Es stellt sich ihm die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die materielle Welt objektiv zu erkennen, da wir sie doch nur durch unser individuelles Bewußtsein wahrnehmen können? Conrad kommt nicht nur zu dem Schluß, daß dies prinzipiell nicht möglich sei, sondern erkennt auch, daß hier die Grundlagen für ein anderes Problem liegen, nämlich die Frage nach der Möglichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation und somit auch die Frage nach der Möglichkeit von Literatur.[8] Pettersson schließt aus Aussagen, die Conrad in Briefen an Freunde gemacht hat, daß er in der Tat zum Glauben an eine totalen Isolation des Individuums neigt:

"Conrad feels that the individual consciousness is cut off from other consciousnesses as well as from the material world. [...] When the split is placed between the world and the individual rather than between the world and mankind as a whole, other men also become part of the ultimately unreachable external world.[9]

Conrad Beschäftigung mit der Funktionsweise des menschlichen Bewußtseins hat epistomologische Konsequenzen.[10] Er unterscheidet zwischen Fakten und Wahrheiten: Fakten existieren für ihn autonom vom menschlichen Bewußtsein in der materiellen Welt, die Wahrheit findet sich jedoch nicht in der materiellen Welt, sondern konstituiert sich durch die Beziehungen, die das Bewußtsein zu den durch die Sinne wahrgenommenen Fakten herstellt. Sein epistomologischer Skeptizismus geht sogar soweit, daß er "in moments of despair" eine extrem solipsistische Einstellung an den Tag legt, die letztendlich die Möglichkeit zwischenmenschlicher Kommunikation genauso ausschließt wie das Funktionieren von Literatur.

Im krassen Gegensatz zu diesem tief in Conrads Denken verwurzelten Pessimismus steht die enorme Anzahl von Romanen und Kurzgeschichten, die Conrad von 1889 bis zu seinem Tod (1924) produziert hat. "And art itself may be defined as a single-minded attempt to render the highest kind of justice to the visible universe, by bringing to light the truth, manifold and one, underlying its every aspect" schreibt er in seinem Preface zu The Nigger of the Narcissus.[11] Hierdurch wird deutlich, daß er trotz der oben skizzierten Tendenz zu einem extremen Subjektivismus an die Notwendigkeit glaubt, daß allen wahrnehmbaren Dingen eine 'Wahrheit' zugrunde liegen muß, ohne deren Existenz menschliche Kommunikation nicht möglich ist. Kiernan Ryan stellt fest, daß dieser Widerspruch konstitutionell für Conrads künstlerische Vision ist und daß Literaturkritik, die diesen Widerspruch negiert und statt dessen ihr Heil in einer harmonischen, einheitsschaffenden Sichtweise Conrads sucht, den widersprüchlichen Charakter seiner Texte verzerrt.[12] Das nächste Kapitel widmet sich der Frage, wie Conrad diesen Widerspruch aufzulösen versucht und wie er seine schriftstellerische Tätigkeit rechtfertigt.

2.2 "Solidarity' und 'temperament' als Kernpunkte Conrads künstlerischen Konzeptes

Conrad glaubt, daß Wahrheit sich durch die Beziehungen konstituiert, die das Bewußtsein zu den durch die Sinne wahrgenommenen äußeren Erscheinungen herstellt. Um eine Wahrheit erkennen zu können, muß entweder die Sinneswahrnehmung oder die äußere Wirklichkeit von konstanter Natur sein. Wenn beide Parameter vage Größen wären, könnte es weder eine Basis für zwischenmenschliche Kommunikation geben, noch könnte eine den Dingen zugrunde liegende Wahrheit erkannt werden, die die Menschheit zusammenhalten würde. Die wahrgenommenen sichtbaren Erscheinungen können nicht als Basis für eine solche Erkenntnis dienen, denn sie stellen eine unendliche Menge dar. Conrad geht somit davon aus, daß es fundamentale psychologische Eigenschaften geben muß, die alle Menschen teilen und die es ihnen ermöglichen muß, Wahrheiten zu erkennen.

Durch diese Annahme löst Conrad den Widerspruchs zwischen dem Glauben an intersubjektiv gültige Wahrheiten und der Gewißheit, daß diese Wahrheiten vom individuellen Bewußtsein abhängig sein müssen auf: "If all men share some psychological properties, then there will also be constants in their relations to 'facts' which produce'truth' with some general validity".[13] Conrad gleicht den Eindruck der totalen Isolation des Individuums durch ein Beharren auf der Existenz dieser Eigenschaften aus, die die Basis dessen formen was er unter dem Begriff der "solidarity" subsumiert. Pettersson bemerkt jedoch, daß trotz dieses Gegengewichtes der Eindruck der Isolation des Menschen nicht gänzlich aufgelöst wird, sondern immer als bedrückendes Dilemma spürbar bleibt: "[T]his sense of isolation is counterbalanced by an insistence on human solidarity - counterbalanced but never eliminated. It is always there for Conrad as one of the oppressive fundamentals of the human predicament."[14] Die psychologischen Eigenschaften, die alle Menschen teilen, nennt Conrad "temperament".

[...]


[1] Vgl. Watt, Ian (1974: 74)

[2] Vgl. Ebd. sowie Bradbury, Malcolm (1993: 94)

[3] Pettersson (1982: 43)

[4] Ebd. 44.

[5] Watt, Ian (1974: 74)

[6] Miller, Hillis J..(1970: 219)

[7] Störig, Hans Joachim. (1992: 350)

[8] Pettersson. (1982: 29)

[9] Ebd. 29.

[10] Ebd. 35.

[11] Conrad. (1897: vii)

[12] vgl. Ryan, Kiernan(1982: 71)

[13] Pettersson (1982: 36)

[14] Ebd. 29.

Details

Seiten
20
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638104722
ISBN (Buch)
9783640778478
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v718
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Englisches Seminar der Universität zu Köln
Note
1,7
Schlagworte
Joseph Conrad Impressionismus Erzähltheorie Narratologie Erzählstruktur Fokalisierung

Autor

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Titel: Conrads impressionistische Erzählweise am Beispiel von "Lord Jim"