Lade Inhalt...

Urteilsverzerrungen bei Schiedsrichtern: Die Wirkungs sozialer Einflüsse auf Schiedsrichterentscheidungen im Basketball

Examensarbeit 2007 152 Seiten

Gesundheit - Sport - Sportpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

I DER SCHIEDSRICHTER IM SPORTSPIEL BASKETBALL
2 Anforderungen an die Schiedsrichtertätigkeit
2.1 Physische und geistige Anforderungen
2.2 Psychische Anforderungen
2.2.1 Persönliche Voraussetzungen
2.2.2 Kommunikative und soziale Kompetenzen
3 Aufgaben des Schiedsrichters
3.1 Regelbasierte Entscheidungen
3.2 Sinngerechte Auslegung des Regelsystems
3.3 Spielgestaltung – ein Spiel spielbar machen
3.3.1 Game Management
3.3.2 Die Regulationsfunktion

II DER SOCIAL–COGNITION ANSATZ ALS RAHMENMODELL
4 Der Entscheidungsprozess bei Schiedsrichtern
4.1 Wahrnehmung
4.2 Kategorisierung
4.3 Gedächtnisorganisation
4.4 Urteilen und Entscheiden
5 Ursachen von Schiedsrichterfehlentscheidungen
5.1 Stressrelevante Belastungsfaktoren bei Basketballschiedsrichtern
5.1.1 Funktionsbezogene Belastungen
5.1.2 Personenbezogene Belastungen
5.1.3 Spielsituationsbezogene Belastungen
5.2 Probleme bei der Verarbeitung von Informationen
5.2.1 Interne Fehlerquellen
5.2.2 Externe Fehlerquellen
Inhaltsverzeichnis

III UNTERSUCHUNG ZUR WIRKUNG SOZIALER EINFLÜSSE AUF _ SCHIEDSRICHTERENTSCHEIDUNGEN IM BASKETBALL
6 Fragestellung, Hypothesen und Ziele
6.1 Spezifische Fragestellung
6.2 Hypothesen
6.3 Ziele der Untersuchung
7 Methode
7.1 Überblick und Versuchsplan
7.2 Variablen
7.3 Stichprobe
7.4 Realisierung
8 Ergebnisse
9 Diskussion
9.1 Ergebnisdiskussion
9.2 Psychologische Aspekte der Schiedsrichterschulung

VI SCHLUSSTEIL DER ARBEIT
10 Zusammenfassung und Ausblick
11 Verzeichnisse
11.1 Abbildungsverzeichnis
11.2 Tabellenverzeichnis
11.3 Literaturverzeichnis
12 Anhang

1 Einleitung

Schon Dr. James Naismith, der Erfinder des Basketballsports, erkannte die Notwendigkeit einer Schiedsrichterfunktion, die vor allem bei der Aufsicht eines brisanten Spiels zu erfüllen sei. Alker, Straub und Leary (1973) zitieren Naismith, der angibt: „The position of umpire is a very responsible one … and on his ruling depend, to a great degree, the value of a game …” (Naismith, 1914. In : Alker, Straub und Leary 1973, S. 335).

Wenn der Schiedsrichter als unentbehrlich gilt, so entspricht sein Image aber heute keineswegs der Bedeutung eines wichtigen Amtes im Basketballsport. Das öffentliche Bild des Schiedsrichters wird von massiven Vorurteilen geprägt, die ihn insgesamt zu einem am Rande stehenden Außenseiter abstempeln. Dementsprechend erlebte die Basketball-Bundesliga 2006 beim zweiten Spiel der ersten Play-Off-Runde einen traurigen Höhepunkt ihrer Geschichte. Beim Spiel zwischen den Telekom Baskets Bonn und Titelverteidiger GHP Bamberg kam es zu einer Massenschlägerei. Wie so oft bei solchen Vorfällen, wurde in der Presse, von den Trainern und von den Fans die meiste Schuld den Schiedsrichtern zugewiesen. Durch das Nichtahnden von harten Fouls hätten sie diese Vorfälle provoziert. Kaum ein Spiel endet heute ohne heftige Debatten über die Leistung der Schiedsrichter, wie in diesem Beispiel. Brand (2002 a) weist darauf hin, dass Schiedsrichter heute nicht unbedingt viel mehr Fehler machen als vor 20 Jahren. Zwar sind die Anforderungen an die Beobachtungsleistung von Schiedsrichtern in den letzten Jahren durch ein immer schnelleres und komplexeres Spielgeschehen im Basketball deutlich gestiegen, mögliche Fehlentscheidungen werden aber auch immer häufiger in der Öffentlichkeit kritisiert. In zunehmendem Maße werden Schiedsrichter als Teil des Spiels registriert, zu ihren Entscheidungen wird oftmals vom Fernsehsessel aus Stellung genommen. Entscheidungen in Bruchteilen einer Sekunde getroffen, können heute in Zeitlupe und aus verschiedenen Blickwinkeln wiederholt betrachtet werden. Dadurch sind mögliche Fehlentscheidungen sehr leicht zu finden und häufiger zu beanstanden.

Als Schiedsrichter ist es jedoch äußerst schwierig den Ablauf Wahrnehmung – Wertung – Entscheidung zu automatisieren. So haben die Unparteiischen im Gegensatz zu den Kommentatoren und Zuschauern kaum die Möglichkeit, in Zeitlupenstudien ihre fachkundige Sicht des Geschehens einzubringen. Häufig unterlaufen ihnen schon Fehler bei der optischen Wahrnehmung, wenn beispielsweise der Angreifer im Basketball bei seiner Korbwurfaktion knapp hinter der

Drei-Punkte-Linie gefoult wird und der Schiedsrichter nur zwei Freiwürfe vergibt. Solche Wahrnehmungsfehler kommen aber nicht nur im Basketballsport bei Schiedsrichtern sondern in allen Lebensbereichen (z.B. Verkehrsunfall etc.) vor. Eine absolute Ausschaltung dieser Fehlerquelle ist bekanntlich unmöglich: Schiedsrichter sind eben auch nur Menschen. Derartige Vorfälle, die vom Trainer sowie Zuschauern und Spielern bemerkt werden, nur vom Schiedsrichter nicht, führen aber zu den heftigsten Protesten. So ist es dem Trainer völlig unverständlich, dass der Schiedsrichter nur zwei Freiwürfe vergibt. Bei einem Punktestand von 73:76 nennt er ihn einen Betrüger. Zweifel kommen beim Schiedsrichter auf, ob er die richtige Position zum Geschehen hatte. Der bisherige Spielablauf und das sonstige Verhalten beider Spieler wirken in seinem Unterbewusstsein nach. Plötzlich findet er sich inmitten einer Spielertraube; viele reden auf ihn ein und er befürchtet, sich überzeugen lassen zu müssen. Die Befürchtung der Beeinflussbarkeit der Schiedsrichter bei vermehrtem und damit auch engerem Kontakt zu den Spielbeteiligten stellt auch für viele andere Funktionäre eine Hauptsorge dar. „Die wie ein Augapfel gehütete Neutralität wird der Versuchung ausgesetzt“ (Feddern, 1988, S. 32) und könnte zu einer Urteilsverzerrung führen. So ist der Prozess der Wertung eine der größten Schwierigkeiten schiedsrichterlichen Tuns. Psychische Struktur, Erfahrung, Stimmungslage, Spielverlauf und Konzentrationsphase sind nur einige Aspekte, die bei der Wertung des Vorgangs mit einfließen. Hat der Schiedsrichter die Bewertung des Vorgangs abgeschlossen, steht für ihn die Entscheidung fest. Sie ist meist unumstößlich, weil es sich um eine Tatsachenentscheidung handelt, die unwiderruflich ist. Diese kann jedoch, wie schon erwähnt, auch eine Fehlentscheidung sein. Solche Fehlentscheidungen sind keineswegs Einzelfälle. Insbesondere jene Sportarten, in denen Menschen als Schiedsrichter fungieren, offenbaren gelegentliche Unzulänglichkeiten in der Wahrnehmung und Beurteilung durch das Messinstrument Mensch. Auch Schiedsrichterexperten bleiben damit von möglichen Fehlentscheidungen nicht verschont.

Im Basketball können jedoch besonders in der Endphase, die häufig in Zehntelsekunden gemessen wird, schon Kleinigkeiten ein Spiel entscheiden. Es darf daher nicht zugelassen werden, dass durch Urteilsverzerrungen möglicherweise der Bessere verliert. Fehlentscheidungen gilt es, so gut wie es geht zu vermeiden. Die Bedeutung einer psychologischen Untersuchung der Schiedsrichtersituation muss daher nicht lange diskutiert werden. Der Theorieteil dieser Arbeit soll einen Überblick über die Schiedsrichterproblematik im Basketball unter verschiedenen Gesichtspunkten ermöglichen. Diese Ansatzpunkte sollen letzten Endes zeigen, wie

die vielfältigen Aufgaben und Anforderungen im Schiedsrichteramt besser bewältigt werden können, um so letztendlich auch Urteilsverzerrungen bei Schiedsrichtern zu verringern. Ziel dieser Arbeit ist also die Schaffung eines Problembewusstseins für die Schwierigkeit des Schiedsrichteramtes im Basketball verbunden mit dem Versuch, Ursachen zu erforschen, die zu Fehlleistungen der Unparteiischen führen.

Das zweite Kapitel listet spezifische Anforderungen und notwendige Qualifikationen des Schiedsrichteramts auf und analysiert sie aus sportpsychologischer Betrachtungsweise. Darüber hinaus werden im dritten Kapitel Einblicke in die Aufgaben des Basketballschiedsrichters gegeben. In einem weiteren Schritt werden im vierten und fünften Kapitel, unter Zuhilfenahme des Social–Cognition Ansatzes der Sozialpsychologie, mögliche Ursachen von Fehlentscheidungen bei Schiedsrichtern im Basketball beleuchtet. Die Anwendung des Social–Cognition Ansatzes leitet letztendlich zu einer eigenen Fragestellung über, die mit einer empirischen Untersuchung belegt wird. Gegenstand dieses empirischen Teils ist der soziale Einfluss von Trainerverhalten auf Schiedsrichterentscheidungen im Basketball. Insbesondere wird dabei der Frage nachgegangen, wie stark Trainer durch Zurufe und Hinweise auf mögliche Fouls den Schiedsrichter beeinflussen und möglicherweise zu Urteilsverzerrungen verleiten können.

I DER SCHIEDSRICHTER IM SPORTSPIEL BASKETBALL

Der Schiedsrichter im Basketball hat die Aufgabe, das Spiel im Wettkampf zweier konkurrierenden Mannschaften zu regeln und zu leiten. Dies ist mit erheblichen Anforderungen verbunden. Im folgenden Kapitel werden diese Aufgaben und Anforderungen beleuchtet, um einen Einblick in die Schiedsrichtertätigkeit im Basketball zu bekommen und um letztendlich hervorzuheben, warum Schiedsrichterfehlentscheidungen keine Ausnahme darstellen.

2 Anforderungen an die Schiedsrichtertätigkeit

Vor welche Herausforderungen Schiedsrichter im Basketball stehen, lässt sich gut aus einer Untersuchung von Anshel (1995) herausstellen. Anshel (1995) konstruierte ein Bewertungssystem zur Kompetenz von Basketballschiedsrichtern. Dieses Instrument umfasste 13 unterschiedliche Kriterien: Beherrschung der Regeln, verbale Kommunikation auf dem Spielfeld, nonverbale Kommunikation auf dem Spielfeld, Ausrüstung, Kommunikation außerhalb des Spielfeldes, Fitnessgrad, Präsentation auf dem Spielfeld, aktiver Beitrag zum Spiel, Verbesserung des eigenen Verhaltens, Nutzung kritischer Rückmeldungen, Interaktion mit dem Partner, Aufrechterhaltung der Glaubwürdigkeit und Durchführung einer mentalen und körperlichen Vorbereitung vor dem Spiel. 212 Schiedsrichter schätzen im Rahmen eines Expertentrainings die 13 Merkmale als wesentlich für die Tätigkeit der Basketballschiedsrichter ein. In einer Analyse konnten in 11 der 13 Aspekte unterschiedliche Kompetenzen bei erfahrenen und weniger erfahrenen Schiedsrichtern festgestellt werden. Aus dieser Untersuchung ist erkennbar, dass bei Schiedsrichtern nicht nur die Beherrschung der Regeln vorausgesetzt wird, sondern auch physische und psychische Anforderungen die Schiedsrichtertätigkeit im Basketball bestimmen. In der Diskussion über Schiedsrichterleistung wird zumindest immer wieder von Überforderung durch körperliche und psychische Faktoren sowie deren Zusammenwirken gesprochen. Im Folgenden werden daher die physischen und geistigen Anforderungen beleuchtet und mit Untersuchungsergebnissen von Schmidt, Zimmermann und Lange (1987) belegt. Ein noch größerer Wert wird aber vor allem auf die psychischen Anforderungen von Basketballschiedsrichtern gelegt, da die Schiedsrichterleistung vielmehr noch durch psychische Belastungsfaktoren beeinträchtigt wird. Wie hoch die

Belastung beim Schiedsrichter ist, hängt nach Schmidt et al. (1987) neben den

individuellen Leistungsvoraussetzungen (Trainerzustand, Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit, Vorbeanspruchung, Leistungsbereitschaft, u.a.) auch von den situativen Leistungsanforderungen (z.B. Spitzenspiel in emotional geladener Atmosphäre) und von der aktuellen Handlung (Auswirkung der Tätigkeit auf den Spielerfolg) ab.

2.1 Physische und geistige Anforderungen

In den letzen Jahren hat sich das Sportspiel Basketball wesentlich gewandelt. Bedingt durch die athletische Spieltechnik und ein immer schnelleres Spieltempo sind die Schiedsrichter mit gesteigerten Anforderungen an die eigene physische Verfassung konfrontiert. Weinberg und Richardson (1990) schlagen Schiedsrichtern deshalb vor, die physische Fitness zu trainieren. Schiedsrichter sollten sich demnach um ihre Ausdauer, Stärke, Beweglichkeit und Ernährung sorgen sowie ausgeruht beim Spiel erscheinen. Ebenso sollten nach P. Bühler (1989) die physischen Belastungen einer Spielleitung vermehrt in die Vorbereitung einfließen. Denn am besten können Regelwidrigkeiten erkannt werden, wenn man als Schiedsrichter ständig in Ballnähe ist. Dadurch verschafft sich der Unparteiische eine bessere Legitimation seiner Entscheidung, die Konfliktpunkte zwischen Spieler, Trainer und Zuschauer vermeiden lässt. Auch nach Pier (2000) erreicht der Schiedsrichter durch die unmittelbare Nähe zum Spielgeschehen eine bessere Akzeptanz seiner Entscheidungen seitens aller Beteiligten. Vom Schiedsrichter wird daher im konditionellen Bereich eine Laufleistung gefordert, die nahe an die der Spieler heranreicht.

Die physischen Anforderungen von Basketballschiedsrichtern konnten in einer Studie von Schmidt et al. (1987) durch die Messung und Analyse der Laufwege und der Laktatkonzentration im Blut belegt werden. Die Laufwege wurden mit einer Videokamera aufgenommen, maßstabsgerecht auf Spielfeldskizzen übertragen und ausgewertet. Die Ergebnisse von 22 Spielen der Herren-Bundesliga wurden analysiert. Dies ergab eine durchschnittliche Laufweglänge der Schiedsrichter von ca. 4150 m pro Spiel. Die Laufwege setzen sich aus ca. 200 Lauf- (43%) und 200 Gehstrecken (41%) mit ca. 210 Standphasen dazwischen zusammen. Der Anteil der Sprintstrecken beträgt ca. 16%. Zur Bestimmung der Blutlaktatkonzentration wurden den Schiedsrichtern vor dem Spiel, während der Halbzeitpause und nach dem Spiel 20 ml Kapillarblut aus dem Ohrläppchen entnommen und analysiert. Vor dem Spiel lagen allgemein niedrige (2,14 bis 2,20 mmol/l) Blutlaktatwerte vor. Über die erste

Spielhälfte hinweg bis zum Messzeitpunkt in der Halbzeitpause steigen diese auf durchschnittlich 2,47 bis 2,65 mmol/l an. Nach dem Spiel wurden Werte von durchschnittlich 2,07 bis 2,64 mmol/l gemessen (s. Abb. 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Durchschnittliche Laktatwerte von Basketballschiedsrichtern bei Herrenspielen (Nach: Schmidt, Zimmermann & Lange, 1987, S. 161).

Die Analysen der Laufwege und der Laktatwerte deuten daraufhin, dass der überwiegende Teil des Spiels im Durchschnitt nur eine geringe bis mittlere körperliche Beanspruchung darstellt. Da einige Schiedsrichter beim Messzeitpunkt in der Halbzeitpause aber nur knapp unter der 4mmol-Grenze lagen, kann nicht ausgeschlossen werden, dass teilweise bei Spitzenbelastungen während des Spiels (z.B. durch mehrere Schnellangriffe in Folge) die aerob-anaerobe Schwelle doch überschritten wird. Als Ergebnis halten die Autoren fest, dass für Schiedsrichter kaum die Gefahr einer körperlichen Überlastung bestünde, sofern sie über eine durchschnittliche Grundausdauerleistungsfähigkeit verfügen.

Diese Grundlagenausdauer ist nötig, da bei einer zu schnellen körperlichen Erschöpfung mit Sicherheit auch eine geistige Ermüdung folgt. Zumindest wird sich nach Malka (1976) dann auch die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit bei Schiedsrichtern vermindern und sich negativ auf die Schiedsrichterleistung auswirken. Spieler mit einer guten Kondition sind gewöhnlich auch noch gegen Ende eines Spiels leistungsfähig, da ihr Gehirn mit genügend Sauerstoff versorgt wird, so

dass sie noch klar denken und richtige Entscheidungen treffen können. Das gleiche gilt für die Schiedsrichter. In einem ausgeglichenen Spiel, in dem es auf jede Entscheidung ankommt, ist eine falsche Schiedsrichterentscheidung aufgrund von Konzentrationsmangel unentschuldbar. Schiedsrichter sind somit auch vor hohe geistige Anforderungen gestellt. Der Unparteiische muss sich nach W. Bühler (1990):

[…] an schriftlich abgefaßte, abstrakte Regeln, welche räumliche Eigenschaften des Spielfeldes, zeitliche Vorschriften sowie menschliche Bewegungen und körperliche Fähigkeiten betreffen, erinnern und laufend mit tatsächlichen Bewegungsabläufen der Spieler bzw. des Balles vergleichen. Von ihm werden fast pausenlos auf hohem Konzentrationsniveau kognitive Vergleichs-, Erkennungs- und Entscheidungsleistungen verlangt, welche an Aufmerksamkeitsprozesse bei schneller Akkordarbeit am Fließband erinnern. (ebd., S. 81)

Ziobro (1973) ging in seiner Untersuchung sogar davon aus, dass Schiedsrichterentscheidungen hauptsächlich vom Grad der geistigen Fähigkeit wie von den Merkmalen der Aufmerksamkeit des Schiedsrichters abhängig sind. Er erhob bei 50 Fußballschiedsrichtern Maße aus Persönlichkeitsfragebogen und einem so genannten Drehtachistoskop. Die Daten wurden anschließend mit Expertenurteilen korreliert. Auf Grundlage der gewonnenen Korrelationskoeffizienten schloss er, dass zwischen der geistigen Leistungsbereitschaft und den Beurteilungen eine Abhängigkeit besteht.

Einhergehend mit der Verbesserung der körperlichen und geistigen Leistungsbereitschaft des Unparteiischen ist nach P. Bühler (1989) auch eine Erhöhung der psychischen Belastbarkeit verbunden. Trotzdem muss der Schiedsrichter zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um seine psychischen Eigenschaften den gestiegenen Anforderungen des Basketballspiels anzupassen.

2.2 Psychische Anforderungen

Neben der Analyse der Laufwege und der Laktatwerte haben Schmidt et al. (1987) in ihrer Untersuchung auch die Pulswerte der Basketballschiedsrichter festgehalten, die darauf hinweisen, dass die Schiedsrichter auch starken psychischen Belastungen ausgesetzt sind. Die aus 24 Bundesligaspielen stammenden Pulsfrequenzen sind erstaunlich hoch. (s. Abb.2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Durchschnittliche Pulsfrequenzen von Basketballschiedsrichtern bei Herrenspielen (Nach: Schmidt, Zimmermann & Lange, 1987, S. 159).

Schon bei Spielbeginn liegen die Pulswerte der Schiedsrichter durchschnittlich zwischen 127,6 bis 144,9 Schlägen pro Minute. Die demnach ohne körperliche Aktivität entstandenen hohen Werte, sind durch das Ins-Rampenlicht-Treten und die für die Schiedsrichter entscheidende erste Spielphase zu erklären. Während der ersten Halbzeit steigen diese Werte auf durchschnittlich 146,6 bis 152,3 Schläge pro Minute an, mit teilweise starken Schwankungen. Diese hohen Pulsfrequenzen und besonders die Schwankungen lassen sich nicht durch die anhand der Laufweganalyse gemessenen körperlichen Belastungen, sondern durch Stresseinflüsse, die mittels eines Ereignisprotokolls festgestellt wurden, begründen. Da die Auszeiten meistens in problematischen Spielphasen genommen werden, an denen die Schiedsrichter emotional nicht unbeteiligt sind, fallen selbst in einminütigen Ruhezeiten die Pulswerte kaum ab (133,2 bis 136,8 Schläge pro Minute). In der Halbzeitpause wurden dann zwar niedrigere Pulswerte von 113,2 bis 120,8 Schlägen pro Minute gemessen, die jedoch immer noch für eine gewisse Anspannung und psychische Belastung sprechen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit steigen die Werte dann wieder an (116,0 bis 138, 1 Schläge pro Minute), bewegen sich aber während der zweiten Halbzeit unter dem Niveau der ersten. Bei Spielen mit engem Ausgang

bleiben die Werte bis zum Ende auf hohem Niveau (bis 147,2 / Max. 171 Schläge pro Minute), bei Spielen mit klarem Ausgang sinken die Werte, wie auch in den Auszeiten der zweiten Halbzeit, langsam wieder ab.

Um die psychische Belastbarkeit von Basketballschiedsrichtern weiter zu ermitteln, wurde von Schmidt et al. (1987) die Prüfung der Eigenstandsanalyse nach Nitsch vor und nach den Spielen durchgeführt. Die psychische Eigenstandsanalyse nach Nitsch ist ein standardisiertes Testverfahren zur Ermittlung der vier Motivationskategorien Anstrengungsbereitschaft, Kontaktbereitschaft, soziale Anerkennung und Selbstsicherheit und der vier Beanspruchungskategorien Stimmungslage, Spannungslage, Erholtheit und Schläfrigkeit. Aus den Ergebnissen, die ein starkes Absinken der Motivation und der Beanspruchungsfähigkeit zeigen, kann man schließen, dass Basketballschiedsrichter großen psychischen Belastungen ausgesetzt sind.

Letztendlich lässt sich zwar aus der Untersuchung von Schmidt et al. (1987) nicht entnehmen, über welche besonderen Fähigkeiten und Fertigkeiten Schiedsrichter zum Umgang mit solchen Beanspruchungen verfügen müssen. Recht deutlich wird jedoch, dass die während eines Spiels zu bewältigenden Aufgaben zum Teil erhebliche psychophysische und psychische Anpassungsreaktionen bei den Schiedsrichtern zur Folge haben. Hinzu kommt, dass diese Untersuchung nun schon mehr als 20 Jahre alt ist. Verglichen mit den Zuschauerzahlen, der Medienpräsenz und dem Professionalisierungsgrad dieser Sportart in der heutigen Zeit dürfte sich der aus solchen Faktoren resultierende Druck auf die beteiligten Schiedsrichter noch vergrößert haben.

Des Weiteren ist an den Maximalwerten der Untersuchung gut zu erkennen, dass die psychischen Belastungen individuell verschieden aufgenommen werden, was zum großen Teil mit den persönlichen Eigenschaften des Schiedsrichters zusammenhängt.

2.2.1 Persönliche Voraussetzungen

In der sportpsychologischen Literatur zum Schiedsrichterphänomen ist deutlich zu erkennen, dass von vielen Autoren extreme Persönlichkeiten bei den Schiedsrichtern vermutet werden. Dies würde es zumindest verständlich machen, weshalb viele Schiedsrichter den fast unausweichlichen Konflikten oft so gut gewachsen zu sein scheinen. Schiedsrichter müssen mit der ständigen Kritik von Spielern, Trainern und Zuschauern zurechtkommen. In einer schon etwas älteren tiefenpsychologischen

Analyse wird von Heisterkamp (1977) die Auffassung vertreten, dass Schiedsrichter quasi bereit sein müssen, eine gewisse Sündenbockfunktion im Spiel auszufüllen. Auch nach Franck, Ramond und Rudloff (1993) wird häufig über Schiedsrichter geschimpft: „Sie sind Schuld am verlorenen Spiel und so weiter… Für alle, Zuschauer und Spieler sind die Schiedsrichter ein Rätsel“ (ebd., S. 314). Trotz seiner Notwendigkeit steht der Schiedsrichter also im Kreuzfeuer kritischer Äußerungen von Journalisten, Trainern, Zuschauern und Spielern. Heisterkamp (1979) fand bei einer Durchsicht zahlreicher Artikel des Sportmagazins „KICKER“ und der „BILD-Zeitung“, dass diese in 70% bzw. 53% aller Fälle den Schiedsrichter im Fußball mit negativen Etikettierungen versahen, während nur in 7% bzw. 6% aller Fälle positive Kategorien Verwendung fanden. Die restlichen Artikel beinhalten neutrale bzw. ambivalente Beurteilungen. Ähnliche Ergebnisse würden sich sicherlich auch bei Schiedsrichtern im Basketball finden. Der Schiedsrichter muss also damit zurechtkommen, dass er von vornherein eine Rolle vertritt, die wenig Anerkennung findet. „Schiedsrichter, die mit dieser bewusst gesteuerten Unpopularität nicht fertig werden, die die innere Ruhe und moralische Kraft nicht aufbringen, um im jetzigen Zirkus-Gladiatoren-Sportzeitalter als Propheten und Hüter des wahren sportlichen Geistes zu wirken (…)“, taugen nach Horle (1968, S. 138) von vornherein nicht zu diesem Amt. Die Notwendigkeit, als Spielleiter eine Persönlichkeit zu verkörpern, wird auch von Blatter (1992) betont: „Der Schiedsrichter ist ein Einzelkämpfer inmitten von (…) Spielern, Zehntausenden von Zuschauern im Stadion und Millionen am Bildschirm. Es gibt nur wenige vergleichbare Aufgaben, die mit einer derartigen Belastung verbunden sind“ (ebd., S. 20). Wer in all den leidigen Situationen letztendlich den Mut nicht aufbringt, gegen all die immer wieder auftretenden Exesse anzukämpfen, der ist der Verantwortung, die ihm als Schiedsrichter übertragen worden ist, nicht gewachsen. Es gehört eine Menge Mut dazu, harte Entscheidungen zu fällen. Schiedsrichter dürfen keine Ängste haben, Fehler zu begehen oder sich lächerlich zu machen. Wer Angst hat, mit seinen Entscheidungen auf Widerstand zu stoßen, der wird auch eher weniger zur Schiedsrichterpfeife greifen. Bereits Heisterkamp (1975 a) betont, dass es menschlich sehr verständlich und normal sei, wenn man sich dem Meinungsdruck seiner Umgebung anpasst. Nur willensstarke und besonders geschulte Persönlichkeiten könnten im Allgemeinen diesen sozialen Zwängen widerstehen. Aresu, Bucarelli und Marongiu (1979) umschreiben Schiedsrichter als autoritäre Persönlichkeiten. In ihrer Studie analysierten sie das Persönlichkeitsmerkmal der autoritären Tendenz von 26 Schiedsrichtern im Fußball, 14 im Basketball und 10 im Tischtennis mittels eines 20 Aussagen umfassenden Fragebogens. Die Basketball-

Schiedsrichter wiesen die zweitstärkste autoritäre Tendenz auf. Neben der Autorität sollten sich Schiedsrichter aber auch durch eine hohe Akzeptanz gegenüber den Spielbeteiligten auszeichnen. Die fehlende Charaktereigenschaft einer mangelnden Achtung vor anderen Menschen kann beim Schiedsrichter schnell zu Konflikten führen. Viele Schiedsrichter beschweren sich über Trainer und Spieler. Wenn der Schiedsrichter den Trainer jedoch akzeptiert als das, was er ist – ein Coach, der niemals die Dinge so sehen wird wie der Schiedsrichter, weil er ein unterschiedliches Interesse am Ausgang des Spiels hat, dann wird er viel besser verstehen können, warum er so handelt. Dies bedeutet nicht, dass ein Trainer nicht für sein schlechtes Benehmen bestraft werden soll. Akzeptanz bedeutet lediglich, dass man als Schiedsrichter versteht, warum der Trainer sich so verhält. Akzeptiert der Schiedsrichter ihn, wird er viel weniger aufgeregt sein und seine Aktionen nicht persönlich nehmen. Das gleiche gilt für Spieler oder Zuschauer. Auch sie haben ganz andere Interessen am Spiel. Schiedsrichter müssen akzeptieren, dass Spieler und Zuschauer weniger respektvoll sein können, als sie es vielleicht eigentlich sein sollten. Schiedsrichter sollten daher höflich und kontrolliert sein, ihr Temperament im Griff haben und im Umgang mit Spielern, Trainern oder Zuschauern niemals die Geduld verlieren.

In der sportwissenschaftlichen Literatur befassten sich vor allem Krug (1998), Trose (2001) sowie Weinberg und Richardson (1990) mit der Persönlichkeit des Schiedsrichters. Ihrer Auffassung nach hängt die Beziehung zu den Spielbeteiligten von den wesentlichen Charakteristika und dem spezifischen Verhalten des Schiedsrichters ab. Die beiden Sportpsychologen Weinberg und Richardson (1990) haben aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung als Basketballschiedsrichter typische Persönlichkeitsmerkmale herausgearbeitet, die Schiedsrichter ihrer Meinung nach haben oder sich aneignen sollten, um in diesem Amt erfolgreich tätig sein zu können: 1.) Beständigkeit / Gleichmäßigkeit: Spieler und Trainer erwarten von den Schiedsrichtern Beständigkeit und Gleichmäßigkeit in ihren Entscheidungen. Widersprüchliche Entscheidungen sind ein Ärgernis und werden von Spielern und Trainern kritisiert. Wahre Beständigkeit resultiert nicht aus dem Versuch, Entscheidungen auszugleichen, sondern durch eine einheitliche Anwendung der Regelinterpretation in jeder Situation. Um die erforderliche Gleichmäßigkeit zu erreichen, sind mentale und emotionale Fähigkeiten beim Schiedsrichter nötig. Gleichmäßigkeit in den Entscheidungen erfordert einen psychisch ausgeglichenen Zustand. Die Fähigkeit, sich in diesen Zustand zu versetzen und ihn während des gesamten Spieles aufrechtzuerhalten, ist nach Weinberg und Richardson (1990)

entscheidend dafür, ein effektiver Schiedsrichter zu sein.

2.) Harmonie: Dieses Merkmal bezeichnet die Eigenschaft, mit anderen wirkungsvoll kommunizieren zu können. Schiedsrichter müssen nach Weinberg und Richardson (1990) versuchen, Harmonie zwischen sich, den Spielern und den Trainern herzustellen. Das heißt aber nicht, dass ein Schiedsrichter einen Beliebtheitswettbewerb gewinnen soll, er soll sich aber auch keine Feinde machen. Der Schlüssel für eine gute Harmonie liegt in einer wirkungsvollen Kommunikation (vgl. Kapitel 2.2.2). Diese steigert die Akzeptanz bei Spielern und Trainern, das Hinterfragen von Entscheidungen nimmt ab.

3.) Entschlossenheit: Eines sollte man als Schiedsrichter auf jeden Fall vermeiden, nämlich Unsicherheit bei Entscheidungen zu zeigen. Eine Entscheidung des Schiedsrichters sollte demnach gleichzeitig mit der Beobachtung der Aktion oder aber so schnell wie möglich danach erfolgen. Das heißt aber nicht, dass er Entscheidungen ohne Zögern treffen sollte. Manchmal ist es von Vorteil, eine Sekunde vergehen zu lassen, um die Situation zu verarbeiten. Eine zu lange Pause könnte jedoch den Spielern Unsicherheit vermitteln. Sie hätten damit wieder Anlass, die verzögerte Entscheidung in Frage zu stellen. Dies kann der Schiedsrichter dadurch umgehen, indem er schnelle, klare Entscheidungen trifft und sie mit Entschlossenheit präsentiert. Je zweifelhafter die Entscheidung, desto wichtiger ist die dargestellte Sicherheit bei der Entscheidung. Durch einen überzeugten Pfiff lässt sich auch eine falsche Entscheidung besser verkaufen, ohne dass Beteiligte bemerken, dass diese nicht korrekt war.

4.) Gelassenheit: Jeder Schiedsrichter weiß, dass Basketball ein schneller und aufregender Sport ist, mit Spielern, Trainern und Zuschauern, die sich speziell in der Schlussphase nicht immer im Griff haben. Es gehört zur Aufgabe eines guten Schiedsrichters, sich auf solche Situationen vorzubereiten und mit diesen Emotionen dann umgehen zu können. Weinberg und Richardson (1990) erwarten von einem Schiedsrichter, dass er sich gegenüber aufgebrachten Spielbeteiligten vergleichsweise unbeeindruckt zeigt. Ein Schiedsrichter muss in jedem Fall ruhig und gelassen bleiben, egal was passiert. Obwohl der Schiedsrichter nicht unbedingt die Emotionen anderer kontrollieren kann, geht jeder davon aus, dass er in jeder Situation seine Emotionen unter Kontrolle hat. Dazu gehört es unter anderem, dass er keine Angst vor einer Fehlentscheidung haben darf, da dies zu zusätzlicher Belastung und damit zu abnehmender Konzentration auf das Spielgeschehen führt (vgl. Kapitel 5.1). Es gibt leider viele Schiedsrichter, die darum bemüht sind, es allen recht zu machen. Dieser Versuch ist jedoch nutzlos und schädlich zugleich. Denn

sich dem Druck auszusetzen, immer die richtige Entscheidung zu treffen, erhöht nur die Gefahr eines „Burn outs“ und die Möglichkeit, zu selbstkritisch zu werden. Ein Teil der Gelassenheit besteht also darin, keine Angst vor Fehlern zu haben, Menschen zu enttäuschen oder die Kontrolle zu verlieren. Wenn der Kopf frei ist von negativen Gedanken an mögliche Konsequenzen bei eventuellen Fehlern, erhöht dies die Konzentration für die gestellte Aufgabe.

5.) Integrität: Nach Weinberg und Richardson (1990) beweist ein Schiedsrichter Integrität, wenn er ein Spiel unparteiisch und ehrlich leitet, unabhängig von den Reaktionen der Spieler, Trainer und Fans, der Restspielzeit oder dem Spielstand. Schiedsrichter die sich nach dem geflügelten Wort „Entscheide nur, was Du siehst“ richten, haben kein Problem, ihre Integrität aufrechtzuerhalten.

6.) Urteilsvermögen: Ein gesundes Urteilsvermögen hilft, jede erdenkliche Situation während des Spieles zu meistern. Grundlage, um bestimmte Aktionen auf dem Spielfeld beurteilen zu können, ist selbstverständlich eine umfassende Regelkenntnis. Da Schiedsrichter nicht als einzige über diese Kenntnis verfügen, merkt man ihnen mangelnde Regelkenntnisse relativ schnell an. Daher gehört selbstverständlich eine umfangreiche Regelkenntnis zum guten und überzeugenden Auftreten eines Schiedsrichters.

7.) Selbstsicherheit: Für Weinberg und Richardson (1990) ist es wichtig, dass Schiedsrichter Selbstsicherheit ausstrahlen. Kompetente Schiedsrichter haben Vertrauen in sich selbst und ihren Fähigkeiten. Dies geht über das Spiel hinaus. Selbstsichere Schiedsrichter behalten nach Weinberg und Richardson (1990) stets die Kontrolle, auch in schwierigen Situationen. Treffen sie falsche Entscheidungen, fallen diese den Spielern, Trainern und Zuschauern nicht sofort auf, da diese Schiedsrichter nicht an sich zweifeln und dadurch selbstsicher sowie entschlossen auftreten.

8.) Motivation / Spaß: Eine Voraussetzung, ein gutes Spiel zu leiten, ist für Weinberg und Richardson (1990) die Motivation. Wer dazu keine Lust hat, wird keine gute Leistung zeigen. Ein Schiedsrichter muss Interesse am Spiel haben. Spitzenschiedsrichter haben enormen Spaß an ihrer Arbeit. Diese Art der Motivation ist verknüpft mit einer positiven mentalen Einstellung. Gute Schiedsrichter arbeiten sehr hart an sich, trainieren ihre Fähigkeiten und Qualitäten und zeigen großes Engagement. All dies basiert auf einer sehr hohen Motivation mit großer Freude und Spaß daran, Schiedsrichter zu sein. Auf der anderen Seite haben die Schiedsrichter, die unter „Burn out“ leiden, ihre Leidenschaft durch den hohen Druck und die mangelnde Anerkennung verloren.

Schließlich liegen auch wissenschaftliche Untersuchungen vor, die sich um die psychologische Aufschlüsselung einer möglichen „besonderen“ Persönlichkeitsstruktur von Schiedsrichtern bemühen. Die ersten psychologischen und soziologischen Untersuchungen zur Persönlichkeit des Schiedsrichters sind bereits 1976 bei Fußballschiedsrichtern von Pilz und Trebels vorgelegt worden. Mit Hilfe des Minnesota Multiphasic Personality Inventory (MMPI) erhofften sich Pilz und Trebels (1976) eine Beschreibung der Persönlichkeit von Fußballschiedsrichtern. Sie untersuchten insgesamt 90 Schiedsrichter und kamen zu dem Ergebnis, dass es zwei Gruppen zu unterscheiden gilt: Die Schiedsrichtergruppe A wies mehr angstbetonte und auf Anpassung ausgerichtete Persönlichkeitsmerkmale auf. Sie umfassten höhere Werte für die Faktoren Ängstlichkeit, Fehlanpassung, Aggressionskontrolle, Anpassungsfähigkeit an neue Situationen, positive Einstellung zur Arbeit und Verpflichtungen sowie Introvertiertheit. Im Gegensatz hierzu ließ die Gruppe B in stärkerem Maße autoritätsbetonte Persönlichkeitsmerkmale erkennen, die sich unter anderem in dem Dominanzverhalten, der Ichstärke, dem Durchsetzungsvermögen, den Leitungseigenschaften, der Selbstsicherheit und dem aktiven Gruppenverhalten ausdrückten. Pilz und Trebels (1976) führten diese Persönlichkeitsunterschiede auf verschieden lange Erfahrung als Schiedsrichter auf unterschiedlichem Leistungsniveau zurück. Der Forschungsansatz und die deskriptive Datenanalyse dieser Untersuchung lassen allerdings nach Albrecht und Musahl (1979) Zweifel daran aufkommen, ob die von den Autoren vorgelegte Interpretation gerechtfertigt ist. Albrecht und Musahl (1979) verglichen spezifische Persönlichkeitsmerkmale von unterschiedlich qualifizierten Fußballschiedsrichtern mit den Charakteristika von Fußballspielern. Als Instrumente zur Überprüfung der Persönlichkeitsmerkmale wurden das Freiburger Persönlichkeitsinventar (FPI) und ein Belastungsfragebogen (BELA) verwendet. Es konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Gruppen in Hinsicht auf somatische Labilität, Individual-Resistenz, emotionale Labilität und Leistungslabilität nachgewiesen werden. Allerdings zeigten die Schiedsrichter des höheren Kaders höhere Werte in der Soziabilität, das heißt der vielseitigeren sozialen Einsatzbereitschaft als die Kontrollgruppe. Das von Albrecht und Musahl (1979) festgehaltene Fazit, dass „keine auffälligen Persönlichkeits- und Leistungsunterschiede […] zwischen Schiedsrichtern unterschiedlicher Kader und der Kontrollstichprobe nachweisbar“ sind (ebd., S. 59), spiegelt auch trefflich das Gesamtbild wieder, das sich ergibt, wenn man die Ergebnisse anderer Untersuchungen in die Beurteilung mit einbezieht (z. B. Alker et al., 1973; Aresu, Bucarelli & Marongiu, 1979; Fratzke, 1975; Ittenbach & Eller, 1988; Quain & Purdy,

1988). Einige der genannten Autoren erreichen in einzelnen Auswertungsaspekten, bei durchgängig sehr geringen Differenzen, knapp die Signifikanzgrenze. Aufgrund der meist extrem kleinen Untersuchungsstrichproben sollten diese Ergebnisse jedoch sehr vorsichtig beurteilt werden. Zusammenfassend lässt sich jedoch aus der Überlegung von Alker et al. (1973) vermuten, dass sich Schiedsrichter in ihrer Persönlichkeit ähneln sollten und daher bestimmte Merkmale einfach als Voraussetzung für die Schiedsrichtertätigkeit angesehen werden müssen: „Each individual must make the same calls as any other official, and, of course these must be the `right` call. Consequently there is reason to expect an exceptional amount of similarity among th personalities of individuals within this vocation“ (ebd., S. 336).

Psychologisch besonders interessant erscheint des Weiteren die Frage, ob neben Merkmalen in der Persönlichkeit auch soziale Merkmale angenommen werden können, die für die Tätigkeit als Schiedsrichter besonders qualifizieren. Verschiedene Autoren versuchen dabei, vor allem der Frage nachzugehen, ob die soziale Gruppe der Schiedsrichter zum Beispiel Sozialisationsvariablen teilen, von denen man annehmen könnte, dass sie die persönliche Entwicklung zum Sportspiel-Schiedsrichter begünstigen. Ein häufiger erhaltenes Ergebnis zeigte beispielsweise, dass es sich bei fast der Hälfte aller untersuchten Schiedsrichter in der Geschwisterreihenfolge um Erstgeborene handelt (z. B. Furst, 1989; Purdy & Snyder, 1987). Purdy und Snyder (1987) verwendeten in ihrer Untersuchung mit 689 Schiedsrichtern eine nach Wohnorten stratifizierte Stichprobe von lizenzierten Basketballschiedsrichtern des Staates Ohio (USA), die zumindest auf der High School-Ebene als Schiedsrichter tätig sind. Die Autoren berichten unter anderem, dass 59% der Schiedsrichter in ihrer Stichprobe einen College- oder höheren akademischen Abschluss besitzen. Zudem stellen sie fest, dass 57% der Personen in ihrer Stichprobe eine höhergestellte berufliche Position bekleiden. Auch Schlösser (1988) befasste sich mit dem Sozialprofil und der Rolle des Schiedsrichters im Sport. Hierzu wurden Fußballschiedsrichter in den Kreisen Bad Kreuznach, Kaiserslautern, Ludwigshafen, Worms sowie 100 Spitzenschiedsrichter des DFB befragt. Im Ergebnis ließ sich die Tendenz erkennen, dass mit steigender Spielklassenzugehörigkeit auch das Bildungsniveau anstieg. Diese Tendenz zeigte sich auch bezüglich der Berufe und der sozialen Schichtung. Auffallend war die starke Überrepräsentativität der Beamten in der Amateuroberliga und der Bundesliga. Aus einer anderen Untersuchung berichtet Furst (1991) für eine 165 Personen umfassende, noch höherklassig (State Division 1) agierende Schiedsrichterprobe aus verschiedenen Sportspielen einen noch höheren Prozentsatz von 63% College-Absolventen und

„well over 50 & of the officials in managerial or professional careers“ (Furst, 1991, S. 98). Des Weiteren greifen Brand und Neß (2004) bei einer explorativ-empirischen Untersuchung berufsbezogene motivationale Personeneigenschaften heraus und betrachten sie in Relation zur Spielleitertätigkeit im Sport. Bei der Studie handelt es sich um eine Befragung von 163 Spitzenschiedsrichtern aus den drei Sportspielen Handball, Basketball und Eishockey. Diese Schiedsrichter zeichnen sich vor allem durch eine hohe, berufsbezogene Leistungs- und Führungsmotivation aus, was Brand und Neß (2004) darauf zurückführen, dass diese Schiedsrichter auch häufig hochqualifizierenden Berufstätigkeiten nachgehen. Denkbar wäre also, dass sich berufliche Erfahrungen auf spielleitungsbezogene Erfahrungen übertragen. Brand und Neß (2004) weisen darauf hin, dass die gefundenen Qualifizierungsmerkmale allerdings keine notwendige Bedingung für eine erfolgreiche Schiedsrichterkarriere darstellen. Vielleicht aber erleichtern sie Schiedsrichtern, ein Spiel besser zu leiten. Im Widerspruch zu all diesen untersuchten soziodemographischen Merkmalen stehen Angaben, die einer Studie von Albrecht und Musahl (1979) entnommen werden können. Sie untersuchten 91 in hohen Spielklassen tätige Fußballschiedsrichter und berichten von einer Rate von 16% Abiturienten und mehr als 50% Hauptschulabsolventen in ihrer Stichprobe. Dieses Ergebnis sollte jedoch nach Brand (2002 a) am Datum der Untersuchung, 1977, bzw. an den in Deutschland zu dieser Zeit herrschenden (bildungs-) gesellschaftlichen Umständen relativiert werden. Ist der Schiedsrichter in seiner hauptberuflichen Tätigkeit eine Führungskraft mit autoritärem Führungsstil, wird sich diese Verhaltensform auch nach Trose (2001) auf seine Nebentätigkeit übertragen. Die soziale Rolle, die er in seiner Gesellschaft spielt, wird übernommen. Daraus ergibt sich: Persönlichkeit und Verhalten werden in der Nebentätigkeit von Hauptberuf und Familie bestimmt.

Letztendlich ist festzuhalten, dass Charakterstärke, Mut, Entschlossenheit, Pflichtbewusstsein, Menschenkenntnis und noch vieles andere mehr im richtigen Maße zusammenwirken müssen, um ein allseits anerkannter und geachteter Schiedsrichter zu werden. Da aber alle Eigenschaften sehr selten in einem Menschen in gleichem Maße vereint und ausgeprägt sind, gilt es, als Schiedsrichter fortlaufend Erfahrungen zu sammeln, diese auszuwerten und Fehler zu erkennen. Im Rahmen einer Untersuchung mit Basketballschiedsrichtern konnten Rainey & Winterich (1995) signifikante Zusammenhänge zwischen den Merkmalen Alter und Stressintensität sowie Schiedsrichtererfahrung und Stressintensität ermitteln. Demnach berichten erfahrenere Schiedsrichter von weniger Stress als jüngere und unerfahrene Kollegen. Der Schiedsrichter muss sich also bewusst sein, dass er erst nach einigen Jahren

Erfahrungen im Schiedsrichteramt die psychischen Anforderungen besser meistern kann. Das bedeutet, dass nur ein ständiger Lernprozess die Leistung des Schiedsrichters positiv beeinflussen kann. Das wiederum setzt voraus, dass nur derjenige Schiedsrichter seiner Aufgabe gerecht werden kann, der ein gewisses Maß an Ehrgeiz aufbringt.

2.2.2 Kommunikative und soziale Kompetenzen

Eine wirkungsvolle Kommunikation ist in jeder zwischenmenschlichen Begegnung Grundlage für ihren Erfolg, so auch im Mannschaftssport. Dies gilt vor allem in Bereichen, in denen Konflikte durch Missverständnisse unter den Beteiligten vorprogrammiert sind. Ein Spitzenschiedsrichter zeichnet sich somit nicht nur durch sein Spielverständnis und seine psychologische Ausgeglichenheit aus, sondern in erster Linie durch eine souveräne Kommunikation mit allen Spielbeteiligten. Der Schiedsrichter im Basketball sollte sich daher bewusster mit diesem Thema auseinandersetzen, allgemeine Grundprinzipien der Kommunikation erkennen und dann versuchen, sein Kommunikationsverhalten als Schiedsrichter zu reflektieren und in Zukunft bewusst und erfolgreich gestalten. Im Allgemeinen heißt es, in der Verständigung zwischen Menschen sei die Sprache das Wichtigste. Das ist allerdings ein Irrtum. Die Worte alleine sind der unwichtigste Teil der Mitteilungen eines Menschen.

Schleiffenbaum, Brand, Roschinsky und Schmidt (2001) haben sich daher mit der nonverbalen Kommunikation im Schiedsrichteralltag auseinandergesetzt und deren Grundzüge und Probleme durchleuchtet. Demnach ist die menschliche Kommunikation, auch die des Schiedsrichters, komplexer als es auf den ersten Blick scheint. Sobald nicht nur schriftlich kommuniziert wird, sondern die Kommunikationspartner hörbar und sichtbar sind, werden Nachrichten nicht nur über den verbalen Kanal sondern auch über den paralinguistischen (z.B. Sprechintensität, Sprachwahl) und sichtbaren Kanal gesendet und interpretiert (vgl. Schleiffenbaum et al., 2001 nach Manstead, 1991). Deshalb kommunizieren wir immer, auch dann wenn wir nichts sagen, da auch dann unser Körper für uns spricht. Allerdings beruht die nonverbale Kommunikation weniger auf universellen Vereinbarungen und Regeln und besitzt somit einen größeren Interpretationsspielraum. Dies führt häufig zu Missverständnissen unter den Spielbeteiligten insbesondere zu Spannungen gegenüber den Unparteiischen. Vom Schiedsrichter werden daher kommunikative Kompetenzen sowohl in seiner Rolle als Sender wie auch als Empfänger verlangt,

das bedeutet, dass er sich auch der nonverbalen Kommunikation bewusst werden muss. Als Sender ist der Schiedsrichter für die erfolgreiche Kommunikation verantwortlich. Er sollte möglichst eindeutig kommunizieren und sich vergewissern, dass alle Spielbeteiligten ihn richtig verstanden haben. Der Schiedsrichter sollte aber auch als Empfänger versuchen, die Botschaften des anderen richtig und vor allem vollständig zu verstehen. Voraussetzung dazu sind ein konzentriertes Aufnehmen aller Signale, Offenheit und die Bereitschaft, Missverständnisse zu vermeiden. Nach Schleiffenbaum et al. (2001) hat der Schiedsrichter im Wesentlichen zwei Aufgaben zu erfüllen, die von ihm kommunikative Kompetenzen sowohl in der Sender- als auch in der Empfängerrolle verlangen. Zum einen muss der Schiedsrichter über mögliche Regelverstöße entscheiden (Entscheidungsfunktion), zum anderen hat er dafür zu sorgen, dass das Spiel möglichst flüssig läuft (Leitungsfunktion). Für die Entscheidungsfunktion stehen dem Schiedsrichter zu verhängende Strafen und Verwarnungen zur Verfügung, die Leitungsfunktion übernimmt er unter anderem durch das Aussprechen von Ermahnungen. Abbildung 3 verdeutlicht die Stellung beider Funktionen im Geflecht der Kommunikation des Schiedsrichters mit den anderen Spielbeteiligten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Bedeutung von Kommunikation für die Aufgaben des Schiedsrichters (Nach: Schleiffenbaum et al., 2001, S. 231).

Wie in Abbildung 3 zu erkennen ist, erfordert die Entscheidungsfunktion Unabhängigkeit des Schiedsrichters von den übrigen Spielbeteiligten. Für die Entscheidungsfunktion ist daher vor allem die Fähigkeit des Schiedsrichters in der Empfängerrolle von Kommunikation gefordert, denn Botschaften der anderen Spielbeteiligten haben ein Potential, die Unabhängigkeit des Schiedsrichters zu beeinträchtigen. Durch ein Abblocken dieser Botschaften könnte dies zumindest für

die Anteile verhindert werden, die bewusst aufgenommen werden. Gerade die nonverbalen Botschaften werden jedoch eher unbewusst empfangen. Für die Leitungsfunktion sind dagegen primär die Qualitäten des Schiedsrichters in der Senderrolle gefragt. Die Leitungsfunktion erfordert Autorität, die vom Schiedsrichter ausgestrahlt werden sollte. Beide Funktionen sind selbstverständlich nicht unabhängig voneinander. So können mangelhafte Entscheidungen nach Schleiffenbaum et al. (2001) einen Autoritätsverlust nach sich ziehen, geringe Autorität kann wiederum Beeinflussbarkeit in den zu treffenden Entscheidungen zur Folge haben.

Nach Schleiffenbaum et al. (2001) gibt es drei verschiedene Ursachen, auf die ein Widerspruch zwischen ausgesandten nonverbalen Signalen und den eigentlichen Kommunikationsintentionen zurückzuführen sein kann. Die sich ergebenden Konfliktpotenziale sind für den Schiedsrichter vor allem in seiner Rolle als Sender von Signalen von Bedeutung. Der Schiedsrichter sollte sich zudem bewusst sein, dass die Signale seiner Kommunikationspartner prinzipiell den gleichen Problemen unterworfen sind und dies bei seiner Interpretation beachten. Ein erstes Konfliktpotenzial ergibt sich daraus, dass Inhalts- und Beziehungsfunktion im Widerspruch zueinander stehen können. Auf der Inhaltsebene (Schiedsrichter gibt das Handzeichen für ein unsportliches Foul an) wird anderes kommuniziert als auf der Beziehungsebene (Schiedsrichter hat gleichzeitig ein Lächeln auf dem Gesicht). Widersprüchliche Signale können nach Schleiffenbaum et al. (2001) zu einem Autoritätsverlust führen. Ein zweites Konfliktpotenzial ergibt sich aus der engen Nähe der nonverbalen Kommunikation zum Emotionsausdruck. Zum einen ist der Emotionsausdruck nur bedingt kontrollierbar, zum anderen hat er eine doppelte Funktion (vgl. Schleiffenbaum et al., 2001 nach Schlattmann, 1991). Über den Emotionsausdruck wird nicht nur die Beziehung zum anderen reguliert (fremdregulative Funktion), sondern er hat auch eine Rückwirkung auf den eigenen Befindenszustand (selbstregulative Funktion). So kann in manchen Situationen der Ausdruck von Wut das Gefühl der Wut entschärfen, in anderen Situationen wird das Gefühl der Wut eher durch die Unterdrückung des Ausdrucks gemildert. Dabei kann es zu einem Konflikt zwischen selbst- und fremdregulativer Funktion kommen. Versucht der Schiedsrichter, in einer Auseinandersetzung zum Beispiel im Ausdruck ruhig zu bleiben, um sich zu beruhigen, kann der Ausdruck allerdings vom Gegenüber als Provokation verstanden und entsprechend beantwortet werden. Ein drittes Konfliktpotenzial ergibt sich aus einem möglichen Widerspruch zwischen allgemeiner Selbstpräsentation einerseits und aktuellen Situationserfordernissen oder der

aktuellen emotionalen Befindlichkeit andererseits. Allgemeine Regulatoren können im

Widerspruch zu Anforderungen der aktuellen Situation stehen, aber auch im Widerspruch zu aktuellen Emotionen und ihrem Ausdruck, mit entsprechend resultierender Mehrdeutigkeit des Ausdrucks. Abbildung 4 fasst die angesprochenen Konfliktpotenziale noch einmal zusammen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Konfliktbereiche der Kommunikation (Nach: Schleiffenbaum et al., 2001, S. 236).

Wie man sieht, ist die erfolgreiche Kommunikation schon bei ganz normaler, störungsfreier Ausgangslage nicht ganz einfach. Im Basketball gibt es allerdings noch zusätzliche Störfaktoren, die das gegenseitige Verstehen weiterhin erschweren. So ruft eine negative Beziehungsebene zwischen Spielern, Trainern und Schiedsrichtern zusätzliche Missverständnisse hervor, da durch die Spannungen ein Teil der mit der Botschaft gesendeten Informationen übersehen werden. Optimal kommunizieren bedeutet daher, die Bedürfnisse des anderen zu beachten. Schiedsrichter sollten sich also in Spielbeteiligte hineinversetzen können, um sich klar zu werden, was sie in ihrem Handeln antreibt. Letztendlich kann nur der Schiedsrichter, der die Trainer und die Spieler in ihrer Rolle im Spiel versteht, richtig auf sie reagieren und mit ihnen kommunizieren.

Wenn es einem Schiedsrichter gelingt, in strittigen Situationen seine Entscheidung glaubwürdig zu präsentieren und zu vertreten, gewinnt er das Vertrauen der Spieler und damit für eine souveräne Schiedsrichterleistung charakteristische Spielkontrolle.

Nach Brand (2001, 2002 b) könnte der Schlüssel einer souveränen Spielleitung vielleicht sogar in der Art des besonderen, unauffälligen „Sich-Präsentieren“ von Schiedsrichtern liegen (vgl. Kapitel 9). Möglicherweise gelingt es Spitzenschiedsrichtern eben dadurch besser, sich im Hintergrund des Spielgeschehens zu halten, dass sie eine getroffene oder nicht getroffene Entscheidung, im Sinne eines erfolgten oder nicht erfolgten Pfiffs, gut verkaufen können. Entwickelt er dabei noch ein Gespür für die soziale Situation auf dem Spielfeld (Stimmungen, Emotionen usw.), dann wandelt er sich vom einfachen Schiedsrichter zum Schiedsrichter als Spielleiter. Snyder und Purdy (1987) schlagen vor, Schiedsrichter zunächst einmal als Instanzen zur Sicherung der sozialen Situation des Wettkampfspiels zu betrachten. Ihre Aufgabe bestünde demnach nicht allein darin, sportartspezifische Regelverstöße zu überwachen und zu ahnden, sondern vor allem auch dafür zu sorgen, dass die allgemeinen (z.B. zwischenmenschlichen) Verhaltensweisen der Spielbeteiligten einer sportlichen Wettkampfsituation angemessen bleiben. Die Rolle des Schiedsrichters als Spielleiter hat demzufolge auch nach Brand (2002 a) nicht nur die Aufgabe, zwischen regelgerechten und nicht-regelgerechten Aktionen auf dem Spielfeld zu unterscheiden, sie erfordert vielmehr die Führung von Sportlern und die Fähigkeit zu einem sozialkompetenten Umgang mit Konfliktsituationen.

3 Aufgaben des Schiedsrichters

Schmidt, Hagedorn, Niedlich und Preller (1996) weisen darauf hin, dass im Wort Schiedsrichter zwei Funktionen enthalten sind: „1) Entscheiden aufgrund von Beobachtungen, ob das Regelwerk eingehalten oder überschritten wird; 2) Richten, d.h. bei Verstößen die im Regelwerk vorgesehenen Sanktionen verhängen“ (ebd., S. 461). Die primäre Aufgabe des Schiedsrichters im Basketball besteht wie bei allen Sportspielen also darin, die Regeleinhaltung auf dem Spielfeld durchzusetzen. Das resultierende Bild vom „Schiedsrichter als Regelüberwacher und –durchsetzer“ (Emrich & Papathanassiou, 2003, S. 6) stellt nach Brand und Neß (2004) allerdings nur eine verkürzte Beschreibung der Aufgaben von Schiedsrichtern im Sportspiel dar. Demgegenüber vertreten sie eine weitergehende Auffassung: Schiedsrichter im Sport sollen regelbasierte Entscheidungen treffen, die von einer sinngerechten Auslegung des Regelsystems zeugen und das Sportspiel unter gegebenen Kontextbedingungen spielbar machen. Diese drei Aufgaben werden im Folgenden konkretisiert, wobei deutlich wird, dass die sinngerechte Auslegung des Regelsystems, das entscheidende Problem im Basketball darstellt, Urteilsverzerrungen bei Schiedsrichtern entgegenzuwirken.

3.1 Regelbasierte Entscheidungen

Die Aufgaben des Schiedsrichters bestehen größtenteils in der Feststellung einer Regelverletzung und deren Ahndung. Mit regelbasierten Entscheidungen eröffnen Schiedsrichter den Handlungsspielraum, der den übrigen Spielteilnehmern die Durchführung eines Basketballspiels garantiert. Gleichzeitig sanktionieren sie Regelverletzungen, die den Rahmen dieses Spielraums überschreiten. Das bedeutet aber nicht, dass Schiedsrichter im Basketball die Aufgabe haben, jedes kleine Vergehen entsprechend der Regeln zu ahnden. Man stelle sich einen Schiedsrichter vor, der exakt die Entfernung der Drei-Punkte-Linie zum Korb mit dem Zollstock mäße, oder die 8- Sekunden-Regel jedes Mal mit der Stoppuhr überprüfen würde. Schiedsrichter müssen nach Brand und Neß (2004) vielmehr in schnell zu entscheidender Interpretation, Spielregeln in einer Grundsatzabwägung zwischen Geltungsanspruch und Erhaltung des Spielflusses auslegen.

3.2 Sinngerechte Auslegung des Regelsystems

Die Entscheidung über die Regelwidrigkeit einer sportlichen Handlung ist in vielen Fällen eindeutig. So sind zum Beispiel die Kriterien, wenn der Ball ins „Aus“ gespielt wird, im Basketball-Regelwerk klar definiert, und entsprechende Situationen leicht zu beurteilen. In einigen Fällen aber ist die Grenze zwischen Regelwidrigkeiten und Erlaubtem äußerst unscharf. In einer experimentell angelegten Untersuchung fanden Schmidt, Bloch und Göbel (1981) heraus, dass die Regelungen zum Foulspiel im Basketball so uneindeutig sind, dass versierte Basketballspieler und auch erfahrene Schiedsrichter, selbst unter Verwendung der Zeitlupenfunktion auf einem Videoband, zu gravierend voneinander abweichenden Urteilen darüber gelangen, welche Situation als Foulspiel oder als noch regelkonform einzustufen seien (s. Abb. 5):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Vergleich von tatsächlichen und drei Monate später getroffenen Foulentscheidungen durch zwei zusätzliche Schiedsrichter und zwei Spieler der beteiligten Mannschaft (Nach: Schmidt, Bloch & Göbel, 1981, S. 47).

Kommt es in einem Spiel zu so genannten „Grauzonen“, in denen die Grenze zwischen Gerade-Noch-Erlaubtem und Unerlaubtem sehr unscharf ist, müssen Schiedsrichter das Regelsystem sinngerecht auslegen können. Bei Foulentscheidungen ist der Artikel 43.1.2 aus den offiziellen Basketballregeln bedeutend. Hier heißt es, dass das Spiel keineswegs unnötig unterbrochen werden sollte. Deshalb sollen zufällige Kontakte, sofern sie dem verantwortlichen Spieler keinen Vorteil verschaffen, nicht weiter beachtet werden. Ein als Foulspiel abgepfiffener Körperkontakt, der selbst vom gefoulten Spieler als unerheblich

akzeptiert wird, würde demnach keine sinngerechte Anwendung der Regel durch den Schiedsrichter sein. Der Schiedsrichter entschiede in einer solchen Situation nicht das, was für das Spiel (zwischen den Beteiligten) das Richtige wäre (vgl. DBB, 2004).

Die sinngerechte Auslegung des Regelwerks fordert demnach den Schiedsrichter heraus, seine subjektive Einschätzung darüber, was für das Spiel gerade das Richtige ist und was von den Spielbeteiligten gerade vermutlich gewollt wird, mit zu seiner Entscheidungsgrundlage zu machen. Bei der Handfertigkeit der Basketballspieler und den dauernden Positionswechseln auf engstem Raum, bleibt den Schiedsrichtern in vielen Situationen jedoch häufig nichts Anderes übrig, als nach Gefühl zu entscheiden. Diese subjektive Einschätzung in uneindeutigen Situationen führt zu der Gefahr, dass Schiedsrichter von ihrem sozialen Umfeld besonders stark beeinflusst werden können (vgl. Kapitel 5.2.1). Der Interpretationsspielraum der Regeln wird von den meisten Spielparteien (Spieler, Trainer, Zuschauer) bewusst zur Manipulation genutzt (vgl. Hagedorn, 1976; Brand, 2002 a). Sie verstärken positiv durch Lob und Beifall die für sich selbst günstigen Entscheidungen und beantworten unerwünschte Entscheidungen mit negativer Kritik. Sofern die positive Verstärkung generell als Bestätigung für regelkonforme, gute Leistung gedeutet wird, werden Schiedsrichter beeinflussbar. Bei Situationen, die dagegen eindeutig kategorisiert werden können, bestehen für spätere Urteilsstadien, wie der Gedächtnisorientierung oder dem Urteilen und Entscheiden (vgl. Kapitel 4) weniger Spielraum, in dem sich typische Einflussfaktoren auswirken könnten. Wie im Beitrag von Plessner, Freytag und Strauß (2006) dargestellt, lässt sich auch bei Schiedsrichterurteilen kein Einfluss von Erwartung mehr feststellen, wenn es sich um klare Foulsituationen handelt (vgl. 5.2.1). Da in einem Basketballspiel aber viele Grauzonen existieren, scheint der Schiedsrichter in dieser Sportart besonders gefährdet hinsichtlich seiner Beeinflussbarkeit zu sein, was die vielen Untersuchungen über Schiedsrichterurteile im Basketball letztendlich rechtfertigt.

Nach den Ergebnissen aus der Untersuchung von Bleeser (2003) entstehen Probleme mit der Foulauslegung besonders auf der Centerposition. Grund hierfür ist, dass „je näher man zum Brett kommt, desto größer ist die Intensität des vom – Korb – fernhaltens“ (Bleeser, 2003, S. 52). Auf der Centerposition treffen die großen Spieler aufeinander, die meist das körperbetonte Spiel bevorzugen. Sie kämpfen und rangeln beim Posting und beim Rebound um jeden Zentimeter. Für die Schiedsrichter ist es besonders schwierig, in diesem Match-ups eine genaue Grenze zwischen Foul und Nicht-Foul zu ziehen. Weitere Probleme lassen sich auf der Aufbauposition feststellen: „Also bei den Playmakern eindeutig im Ballvortrag, die Art und Weise wie

der Verteidiger versucht, die Bewegungsfreiheit des Playmakers einzuschränken“ (Bleeser, 2003, S. 53).

3.3 Spielgestaltung – ein Spiel spielbar machen

In Zeiten, in denen Basketballspiele spannend und ergebnisoffen sein sollen, vor allem aber dramatisch und medienwirksam sein müssen, ergeben sich nach Brand und Neß (2004) weitere Aufgaben für den Schiedsrichter. So hat er mit seinen Entscheidungen wesentlich zur Inszenierung von Sportveranstaltungen beizutragen, so dass die für einen Verein erfolgreiche Durchführung eines Spiels gewährleistet ist. Da vor allem Bundesligaspiele medienwirksam und zuschauererregend sein müssen, können auch sportliche Niederlagen vom Verein als erfolgreich bewertet werden, solange den „zahlenden“ Zuschauern ein attraktives und spektakuläres Spiel geboten wurde. Demnach erscheint es einleuchtend, dass vergleichbare Schrittfehler von Spielern in einem Damen-Kreisligaspiel anders als in einem Herren-Bundesligaspiel beurteilt werden müssen. In der Praxis haben Schiedsrichter also auch die Aufgabe, ihre Entscheidungen am Kontext der Inszenierung auszurichten und damit vor allem die Erwartungshaltungen von Spielern und veranstaltenden Organisationen, aber auch die des Publikums zu berücksichtigen. Brand (2002 a) verdeutlicht dies an einem Beispiel, das in Abstimmung mit dem Arbeitskreis „Regeln“, der Schiedsrichterkommission des Deutschen Basketballbundes entwickelt und interpretiert wurde:

Im alles entscheidenden, packenden Meisterschaftsfinale gelangt ein Spieler kurz vor Ablauf der Spielzeit in Ballbesitz und dribbelt mit hohem Tempo allein auf den gegnerischen Korb zu. Unter der tosenden Begeisterung der Zuschauer nimmt er den Ball in der Bewegung auf und vollendet die Aktion mit einem krachenden „Dunking“, der seine Mannschaft den schon verloren geglaubten Sieg bringt. Der sich in nächster Nähe zu dem Spieler bewegende Schiedsrichter kann genau beobachten, wie der Spieler beim Stemmschritt sein Absprungbein auf dem Boden leicht verrückt. Der Schiedsrichter entscheidet auf Schrittfehler, die andere Mannschaft hat das Spiel damit gewonnen. (ebd., S. 27 f.)

Weil der Schiedsrichter in seinem Urteil, die Bedeutung der Gesamtsituation nicht angemessen berücksichtigte, traf er nach Brand (2002 a) eine für diese Situation ausgesprochen schlechte Entscheidung. Nach ihm wäre es besser gewesen, wenn der Schiedsrichter seinen Pfiff unterdrückt und die Situation gewissermaßen übersehen hätte. So wollte der Spieler durch seinen „Dunking“ besonderes Aufsehen erregen und den Zuschauern ein möglichst spektakuläres Vergnügen bieten. Darüber

hinaus tat er dies in der letzten und sogar spielentscheidenden Situation in einem packenden Meisterschaftsfinale, das nicht zuletzt auch zur Unterhaltung zahlender Zuschauermengen ausgetragen wurde. In einer weiteren Funktion sieht man den Schiedsrichter also letztendlich auch als Mittler zwischen absoluter Fairness und dem, was die Zuschauer sich zum Teil von einem Basketballspiel versprechen, wobei die Regeln nur noch am Rande beachtet werden. Sogar die Welt-Technische Kommission der FIBA 1999 vermittelt in einem Arbeitspapier zur „Philosophie des Schiedsrichterns“ ihre Position, dass der Merksatz „Don´t stop the music !“ zur grundlegenden Orientierung von Spitzensschiedsrichtern werden sollte. Unter diesen Gesichtspunkten wandelt sich die Auffassung vom Schiedsrichter als Regelverwalter nach Brand und Neß (2004) zum Schiedsrichter als Spielleiter, der unter gewissen Bedingungen vom bloßen Anspruch der strikten Regeldurchsetzung zurücktreten muss. Die Aufgabe von Schiedsrichtern besteht demzufolge darin, die sich im Spielprozess entwickelnden Situationen und Interaktionen zwischen den Spielparteien so zu gestalten, dass das Spiel für diese spielbar wird.

Der Schiedsrichter hat zwar keine schöpferische Gestaltungsmöglichkeit, etwa im Sinne der Erneuerung im Hinblick auf das Regelwerk (vgl. Emrich & Papathanassiou, 2003). Um ein Spiel als Schiedsrichter trotzdem gestalten zu können, weisen Brand und Neß (2004) darauf hin, dass jedem Pfiff des Schiedsrichters eine doppelte Bedeutung zukommt. So beinhalten Schiedsrichterentscheidungen stets einen retrospektiven Bedeutungsaspekt (zeigt, dass die abgepfiffene Aktion regelwidrig war), genauso wie einen prospektiven Bedeutungsaspekt (zeigt, dass vergleichbare Aktionen zukünftig zu unterlassen sind). Hieraus ergibt sich eine nicht zu unterschätzende Gestaltungsmöglichkeit, aber auch eine Gestaltungspflicht des Schiedsrichters, die im Kontext der Beurteilung von Foulsituationen am deutlichsten wird. Die Aufgabe, ein Spiel zu gestalten und spielbar zu machen, wird in der sportwissenschaftlichen Literatur auch unter den Begriffen Game Management und Regulationsfunktion zusammengefasst (z.B. Brand, Schmidt & Schneeloch, 2006; Mascarenhas, Collins & Mortimer, 2002; Heisterkamp, 1978).

3.3.1 Game Management

Als Game Manager hat sich der Schiedsrichter in die verschiedenen Spieler und das variantenreiche Spielgeschehen einzufühlen. Der Spielfluss darf nicht durch kleinliche und pedantische Entscheidungen zerpfiffen werden. Dann wäre er der reine Regelschiedsrichter, der ohne Rücksicht auf den Spielverlauf stur nach dem Regel-

werk pfeift. Unter dem Begriff Game Management entbrannte zwischen Mascarenhas, Collins und Mortimer (2002) und Plessner und Betsch (2001, 2002) eine Diskussion darüber, ob von einer Fehlentscheidung oder vom Game Management gesprochen werden sollte, wenn eine Schiedsrichterentscheidung aufgrund des konkreten Kontextes heraus geschieht, indem der Schiedsrichter beispielsweise den Punktestand oder den Spielverlauf berücksichtigt. Plessner und Betsch (2001) zeigen unter Verwendung von manipuliertem Videomaterial, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Entscheidung auf Strafstoß zugunsten von Mannschaft A steigt, wenn vorher bereits ein Strafstoß für Mannschaft B vergeben wurde. Sie erbringen mit diesem Ergebnis einen experimentellen Beleg dafür, dass Urteile von Schiedsrichtern nicht objektiv, und ausschließlich auf die aktuelle Situation bezogen sind, und erklären so fehlerhafte Strafstoßentscheidungen. Mascarenhas et al. (2002) geben in ihrem Kommentar zur Untersuchung von Plessner und Betsch (2001) eine alternative Ergebnisinterpretation. Demnach könnten Schiedsrichter mit einer Elfmeterentscheidung für Mannschaft A auf die zunehmende Härte im Spiel reagieren wollen, um so eine weitere Eskalation der Körperkontakte zu verhindern. Die getroffene Strafstoßentscheidung gründet damit auf nachvollziehbaren und sinnvollen Überlegungen der Schiedsrichter, die versuchen, das Spiel zu managen.

Nach Brand und Neß (2004) beruht die Kontroverse zwischen den Autoren auf einem Missverständnis. Sie vermuten, dass den Autoren unterschiedliche Auffassungen über die Rolle von Schiedsrichtern und deren primäre Aufgabe im Sport zugrunde liegen: Der Schiedsrichter als Regelanwender ist einerseits vor allem der korrekten und objektiven Entscheidungsfindung nach dem Regelwerk verpflichtet. Andererseits soll ein Schiedsrichter das Spiel managen und die Regeln sinnvoll und auf den konkreten Kontext bezogen auslegen. Schneeloch (2004) konnte in ihrer Studie unter anderem die Existenz des Game Managers bei Basketballschiedsrichtern nachweisen. In ihrer Untersuchung wurden insgesamt 18 Basketballszenen zwei Schiedsrichtergruppen vorgespielt. Die erste Gruppe bekam die Spielszenen in der kontextgebundenen Reihenfolge zu sehen, während die zweite Gruppe die Szenen unter Zufallsreihenfolge, also kontextunabhängig bewerten musste. Letztendlich kam es in der Gruppe 2 (kontextfreie Folge) insgesamt zu weniger Urteilsdiskrepanzen innerhalb der Gruppe als in der Gruppe 1 (kontextgebundene Reihenfolge). Zudem wurde in einigen Szenen deutlich, dass die Schiedsrichter in der kontextfreien Beurteilung öfter in das Spiel eingriffen und zudem eine „härtere“ Entscheidung trafen. Im Vergleich beider Gruppen wirken sich der Spielverlauf und der Kontextzusammenhang in Gruppe 1 also oft als Milderung auf

die Entscheidungen aus. In Gruppe 2 (kontextfrei) hingegen werden die Entscheidungen eher am Regelwerk orientiert getroffen. Insgesamt wird der Zwiespalt der Schiedsrichter, auf der einen Seite das Spiel nicht ständig unterbrechen zu wollen, und auf der anderen Seite dem Regelwerk entsprechend und eskalationsvorbeugend zu pfeifen, durch diese Untersuchung hervorgehoben. Nichtsdestotrotz setzt auch das bewusste Übergehen einer Regelüberschreitung im Sinne des Spielflusses zunächst deren akkurate Erkennung voraus. Die Unterstellung von Fehlentscheidungen des Schiedsrichters erscheint für Brand und Neß (2004) daher nur sinnvoll, solange davon ausgegangen werden kann, dass diese Entscheidungen tatsächlich nicht intentional sind, das heißt, die Entscheidungen nicht aus Gründen des Game Managements getroffen wurden.

In einer Studie von Brand et al. (2006) wird dieser Vorschlag bekräftigt. Auch sie konnten nachweisen, dass Foulentscheidungen in Abhängigkeit vom jeweiligen Spielverlauf stehen. Jedoch interpretieren sie diese Ergebnisse nicht als Urteilsverzerrungen im Hinblick auf den Prozess der sozialen Informationsverarbeitung (vgl. Kapitel 5.2), sondern erklären:

Unfortunately, there is a substantial grey area between legal and illegal contacts (fouls) in most sports, so that contact interpretations cannot be solely based on the written rule system. From this point of view, relating decisions to each other is a most appropriate strategy. There may be practical situations in officiating at sporting events in which the adequateness of a decision and not its formal correctness is the key criterion. (ebd., S. 98)

Unter „Game Management“ ist also letztendlich weniger das Ziel der Genauigkeit von Entscheidungen gemeint, sondern eher das Herstellen von Fairness und die Erhaltung des Spielflusses (vgl. Brand, Schmidt & Schneeloch, 2006; Mascarenhas, Collins & Mortimer, 2002), wobei sich beides aber nicht ausschließt. Um den Spielfluss aufrecht zu erhalten und unnötige, für die Zuschauer unattraktive Spielunterbrechungen zu vermeiden, soll nach Anweisung der FIBA und des DBB bei Kontaktsituationen verstärkt nach dem Vorteil-Nachteil-Prinzip beurteilt werden (s.o. Art. 43.12). Bedingt durch die Zunahme des körperbetonten Spiels und absichtlicher Fouls in den letzten Spielminuten, was zu immer mehr Spielunterbrechungen führte, den Spielrhythmus störte und das Spiel langweilig und uninteressant werden ließ, hat sich diese Regelinterpretation entwickelt. „Die Taktik des Spieles war oft darauf ausgelegt, den besten Spieler des Gegners aus dem Spiel zu foulen, da jeder Kontakt als ein Foul geahndet werden musste. Die Grundidee von Jaimes Naismith jedoch war oder ist es, den Ball in den Korb zu werfen“ (Wöhl, 2004). Die Anwendungen des Vorteil-Nachteil-Prinzips soll also die ständigen Unterbrechungen unterbinden und

Basketball, angepasst an Zeit und Gesellschaft, entgegen den traditionellen Grundprinzipien, nach denen Basketball ein körperloses Spiel ist und jeder Kontakt mit einem Foul bestraft werden soll, für die Zuschauer wieder attraktiv gestalten. Schiedsrichter müssen demnach nach wie vor alle Regelübertretungen sofort erkennen und den Verursacher nach dem Wortlaut des Regelwerks identifizieren. Aber sie sollen dies nur pfeifen, wenn die Regelverletzung einer Mannschaft in dieser Spielsituation einen unmittelbaren Vorteil oder Nachteil bringt oder zu übermäßiger Härte im Spiel führen kann.

Diese Regelentwicklung scheint das Selbstbild der Basketballschiedsrichter entscheidend geprägt zu haben. So sehen sich in der Studie von Brand und Neß (2004) vor allem die Schiedsrichter aus dem Basketballsport mehr als Spielleiter denn als Regelverwalter (s. Abb. 6):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Boxplots zum Selbstbild der Schiedsrichter (Aus: Brand & Neß, 2004, S. 133).

3.3.2 Die Regulationsfunktion

Nach Heisterkamp (1975 a) liegt die grundlegende Aufgabe der Schiedsrichter in der Regulation eines Spiels. Der Vorgang der Regulation impliziert, dass das Spielgeschehen nicht völlig seinen autonomen Entwicklungsprozessen überlassen bleibt, und sich nicht in beliebige Situationen entfalten darf. Die entsprechende

Funktion übt der Schiedsrichter aus, wenn er in das Geschehen eines Sportspiels eingreift, das häufig nur unter ständiger Kontrolle, auf dem Niveau eines organisierten Regelspiels gehalten werden kann. Diese Kontrolle erhält er durch ein regelmäßiges Ausbalancieren zwischen den Polen Richtbestimmung und Regelordnung, Konstanzbildung und Zulassung, Beschränkung und Perfektionierung. Mit Hilfe der Regulationsfunktion lässt sich nach Heisterkamp (1978) die Leitung von Sportspielen durchführen. Heisterkamp (1975 a) stellt diese Schiedsrichtersituation in einem Konstruktionsgefüge der Spielleitung wie folgt dar (s. Abb. 7):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Die Regulationsfunktion von Schiedsrichtern in Sportspielen (Nach: Heisterkamp, 1975 a, S. 71).

In Abbildung 7 wird deutlich, dass die Regulationsfunktion im Ausgleich dreier Kontinua besteht. Schiedsrichter müssen erstens im Rahmen der Regelordnung die Richtlinien für jeden Wettkampf oder jedes Spiel bestimmen, und zweitens unter der Schaffung konstanter Bedingungen, Abweichungen von Regeln zulassen bzw. die Grenzen dieser Abweichungen von Regeln aufzeigen. Drittens sind Schiedsrichter daher immer durch situationale und personale Beschränkungen bestrebt, ihr Verhalten trotz aller Widrigkeiten zu professionalisieren. Solange es dem Spielleiter gelingt, diesen Systemzusammenhang zu gewährleisten, das heißt einen Ausgleich zwischen den sechs, die Handlung des Unparteiischen bestimmenden Faktoren zu schaffen, muss die Bewältigung seiner Aufgaben als gelungen angesehen werden. Sobald sich aber einer der Pole verselbstständigt und sich aus dem Systemverband löst, ist eine optimale Spielleitung nicht mehr gesichert (vgl. Heisterkamp, 1975 a).

Das in der Denkpsychologie dominante Paradigma der Informationsverarbeitung hat die sozialpsychologische Forschung wesentlich beeinflusst (vgl. Strack, 1983; 1988). Die Grundüberzeugung, die im Paradigma der Informationsverarbeitung enthalten ist, lässt sich gut in der Abbildung 8 erkennen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Standardsequenz der Informationsverarbeitung (Nach: Strack, 1988, S. 73).

Es wird davon ausgegangen, dass „mentale Vorgänge als Prozesse der Verarbeitung von Informationen verstanden werden können und einer Standardsequenz folgen“ (Plessner, 1997, S. 14). Die Abfolge dieser Standardsequenz der Informationsverarbeitung umschreibt Strack (1988) folgendermaßen: „Informationen werden abgespeichert und dabei in einen internen Code übersetzt. Auf den abgespeicherten Informationen werden kognitive Operationen durchgeführt, welche die Art der internen Repräsentation verändern. Schließlich werden Informationen aus dem Gedächtnis abgerufen“ (ebd., S. 73).

Das Paradigma der Informationsverarbeitung wird durch die aktuelle Social-Cognition Forschung erweitert, indem sie neue, bisher vernachlässigte Aspekte in die Analyse einbezieht (vgl. Strack, 1988). Bei dem Schlagwort „Social Cognition“ geht es um die Untersuchung sozialen Wissens und die kognitiven Prozesse, die beteiligt sind, wenn Individuen ihre subjektive Realität konstruieren (vgl. Plessner & Haar, 2006). Eine Kernannahme besagt, dass sich im Rahmen der Informationsverarbeitung, Abweichungen von einem rationalen Prozess des Wahrnehmens, Denkens, Entscheidens und Handelns ergeben können (vgl. Strang &

Ziegler, 2006). Das Ziel besteht darin, zu analysieren, wie Informationen enkodiert, gespeichert und aus dem Gedächtnis abgerufen werden, wie soziales Wissen strukturiert und repräsentiert wird, und um welche Prozesse es geht, wenn Individuen zu Urteilen kommen und Entscheidungen fällen. Der Social-Cognition Ansatz der Sozialpsychologie beschäftigt sich also damit, wie Menschen sich selbst und andere wahrnehmen und beurteilen, und welchen Einschränkungen sie dabei unterliegen (vgl. Fiske & Taylor, 1991).

Das folgende Kapitel soll einen Überblick über empirische Arbeiten zu Schiedsrichterurteilen geben, und den Social-Cognition Ansatz der Sozialpsychologie als eine theoretische Perspektive aufzeigen, um Schiedsrichterurteile und damit auch Fehlentscheidungen besser zu verstehen. Denn diese können nur nachvollzogen und erklärt werden, wenn auch die verborgenen, kognitiven Prozesse berücksichtigt werden. Der Social-Cognition Ansatz soll in Anlehnung an Fiedler und Bless (2003) angewendet werden. Dieser Ansatz wurde bewusst gewählt, um vorliegende sportpsychologische Arbeiten zu systematisieren und daraus ableitbare Hypothesen für die anschließende empirische Untersuchung zu begründen.

[...]

Details

Seiten
152
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783638623322
ISBN (Buch)
9783638888349
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71751
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Schlagworte
Urteilsverzerrungen Schiedsrichtern Schiedsrichterentscheidungen Basketball soziale Einflüsse

Autor

Zurück

Titel: Urteilsverzerrungen bei Schiedsrichtern: Die Wirkungs sozialer Einflüsse auf Schiedsrichterentscheidungen im Basketball