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Bronx - Rap: Zur Rolle der Rap-Music bei der Identitätsbildung in Segregationsräumen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 22 Seiten

Musik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Räumlicher Prozess
2.1 Einführende Aspekte zur räumlichen Entwicklung der Bronx
2.2 Segregation als Folge des räumlichen Strukturwandels

3. Mentaler Prozess
3.1 Soziale Folgen des räumlichen Strukturwandels
3.2 Auswirkungen der urbanen Entwicklung auf den mentalen Prozess: Identitätsformung

4. Bronx – Rap: Identitätsprozesse
4.1 Entwicklung von Rap in der Bronx
4.2 Identitätsbildende Funktion von Rap-Music

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Literatur.

1. Einleitung

Der Fokus der musikwissenschaftlichen Forschung richtete sich lange Zeit vorwiegend auf musikimmanente akustische Gegebenheiten, auf eine primär tonsatzorientierte Analyse. Heute findet im Zuge einer Ausweitung des musikwissenschaftlichen Erkenntnisinteresses eine methodologische Umorientierung hin auf Analysen auch nicht-akustischer Ausdrucksmittel statt. Aufgrund gravierender gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und dadurch bedingt auch der Forschungsgegenstände, hervorgerufen durch Migration, strukturelle Veränderungen von Metropolen, Medien etc., wurde nun auch im Zusammenhang mit den entstandenen Diskussionen des Begriffs Identität und damit der gesteigerten Sensibilität von kulturgeschichtlichen Identitätsfragen die Hinwendung zu einer auf Mentalitätsgeschichte ausgerichteten Kulturwissenschaft eingeleitet. Die musikwissenschaftliche Analyse von Kulturprozessen sollte nun also auch unter Berücksichtigung mentaler Prozesse erfolgen. Repräsentations- und Darstellungsformen wie Spiele, Tänze, Aufzüge, Theaterdarstellungen, aber auch Handlungen und Farben etc., die ja ebenso essentiell für das Gesamtrepertoire von Kulturmustern sind und deren Einübung und Wiederholung identifikatorische Prozesse steuern, werden zu mentalitätsgeschichtlichen Forschungsgegenständen. (s. Bispo, 2002/1, S. 1-7 u. ebd., 2002/2, S. 6ff.)

In dieser Arbeit steht der Versuch einer Analyse der Funktion von Rap-Music als Darstellungsweise und als konstituierender Vorgang von Identitätsprozessen, beispielhaft am Segregationsraum Bronx, zur Debatte. Dabei geht es nicht nur um die Frage, was Rap-Music über deren Produzenten und Rezipienten verrät, sondern auch um das Problem, „wie die Herstellung und der Gebrauch von Musik die Menschen als Persönlichkeiten, als Gewebe von Identitäten, erst erschafft“ (Frith, 1999, S. 164). In diesem Zusammenhang soll die Aufmerksamkeit auch auf das urbane Umfeld in seiner Form gerichtet werden, das auch Ausdruck des Prozesses kulturidentifikatorischer Formung ist (Gliederungspunkt 2).

Sowohl A. Bispo als auch S. Frith betonen die zeitlich verlaufende Prozesshaftigkeit der identifikatorischen Konstituierung und deshalb die Notwendigkeit unter dieser Prämisse, Darstellungsformen und Repräsentationsformen von Kulturphänomenen wie Musik – in dieser Arbeit speziell der Rap-Music - zu untersuchen. Identität sei also keine Sache, sondern wegen ihrer Wandelbarkeit ein Prozess, ein Prozess einer bestimmten Art von Erfahrung, der sich am deutlichsten in der Musik erfassen lasse. Die Erfahrung von Musik sowohl im Musikmachen wie im Musikhören lasse sich am besten als eine Erfahrung des Selbst in einem Prozess verstehen. Und deshalb scheine Musik der Schlüssel für Identität zu sein, da sie sowohl Performanz als auch Geschichte ist. (s. Bispo, 2002/1, S. 1ff. u. Frith, 1999, S. 152ff.) Ich verwende bei der Themenstellung meiner Arbeit bewusst den Begriff der Identitäts bildung, um das wechselseitige Geschehen von Formung und Findung in Identitätsbildungsprozessen zu betonen. Identitätsformung in der Bronx in den 1960er, 1970er und Anfang der 1980er Jahre vollzieht sich durch räumliche und soziale Segregationsprozesse, durch die den dort lebenden Menschen eine von außen kommende bewusst wie unbedacht gesteuerte kollektive Identität aufgezwungen wurde.

HipHop, in dessen Kontext sich Rap-Music bewegt, „[trägt] mit [seiner] verführerischen Faszination zum partizipativen Vollziehen [seiner] Darstellungen und zur Internalisierung des vermittelten Normensystems […] bei.“ (Bispo, 2002/1, S.5) Aus der aktiven Partizipation und tätigen Teilnahme an solchen Darstellungsformen kommt es zur Aneignung eines differenzierten Erfahrungs- und Wissensrepertoires, was wiederum identitätsstiftend wirkt und somit auch zu untersuchen ist (Gliederungspunkt 3 u. 4).

2. Räumlicher Prozess

2.1 Einführende Aspekte zur räumlichen Entwicklung der Bronx

Im folgenden Kapitel benenne ich chronologisch einige bedeutende städtebauliche und geschichtliche Ereignisse der strukturellen Entwicklung der Bronx. Dabei verfolge ich nicht deren lückenlose und detaillierte Darstellung, es geht mir auch nicht primär um Kontinuität, stattdessen jedoch um die Betonung von folgenreichen stadtplanerischen Entwicklungen, die den Themenkomplex meiner Hausarbeit tangieren und das Erklärungspotential enthalten, das für das in meiner Arbeit verfolgte erkenntisleitende Interesse wichtig ist.

Benannt wurde die Bronx in Erinnerung an Jonas Bronck. Der schwedische Kapitän aus den Niederlanden kam 1639 mit seiner Frau und ein paar deutschen, dänischen und niederländischen Seemännern nach Amerika, um einen Platz am Harlem River, der heute in Mott Haven liegt, zu besiedeln. Erst mit der Gebietsreform 1897 wurde die Bronx mit Manhattan, Brooklyn, Queens und Staten Island zur damals drittgrößten Stadt der Welt „New York City“ zusammengefasst. Die als landschaftlich und ruhig charakterisierte städtische Peripherie mit ihren vorstädtischen Straßen und Bauernhöfen wandelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts, hervorgerufen durch Agglomeration, rapide: Im Zuge der Urbanisation bildete sich der nördliche Stadtteil New Yorks durch rasche Fabrikgründungen und einhergehend mit der Expansion von Wohnsiedlungen schnell zu einem Standort größerer Dichte. Zwischen 1900 und 1930 stieg die Zahl der Bronx-Bewohner von 201.000 auf 1.265.000. Mit der Begründung der Stadtverwaltung, die Infrastruktur des Bezirks verbessern und das ökonomische Potential weiter entwickeln zu wollen, wurden zwischen 1950 und 1960 mehrere Autobahnen gebaut, der Major Deegan Expressway, der Bruckner Expressway und der Cross Bronx Expressway, eine vierspurige Autobahn, die mitten durch die Bronx geht und das Stadtbild entscheidend veränderte. Im Nordosten entstand 1968 „Coop City“, ein gigantischer Häuserblockkomplex mit 15.382 Wohnungen und Wohnraum für über 60.000 Menschen. Der Bau der „Stadt in der Stadt“ und des Cross Bronx Expressway veranlasste viele der bis dahin in der Bronx lebenden mittelständischen Familien, in ruhiger gelegene Vororte sowie nach Coop City abzuwandern. In den 1960er und 1970er Jahren kam es deshalb zu einer dramatischen Depopulation, vor allem in großen Teilen der South Bronx. Nachdem sich die Bronx, bald das Sinnbild des städtischen Zerfalls, in den letzten Jahren dank umfangreicher Sanierungsprojekte teilweise regenerieren konnte, bildet sie heute mit mehr als 1,3 Millionen Einwohnern den 27ten größten Bezirk in den Vereinigten Staaten, von der Fläche her betracht jedoch einen der kleinsten. (vgl. Windhof-Héritier, (1991), S. 17-166. u. Bosworth, 2000)

2.2 Segregation als Folge des räumlichen Strukturwandels

Der erhebliche Anstieg der Einwohnerzahl zwischen 1900 und 1930 zeigt, wie beliebt die Bronx Anfang des 20. Jahrhunderts als Wohnort war, nicht zuletzt wegen der außerordentlich guten Wohnqualität dort: Beinahe 99% der Wohnungen hatten eigene Badezimmer, etwa 95% Zentralheizung, mehr als 97% heißes Wasser und mehr als 48% eine mechanische Kühlung. Der dann außerordentliche städtische Zerfall in den 1960er, 1970er und noch Anfang der 1980er Jahre ist im Wesentlichen auf drei ursächliche Faktoren zurückzuführen, einen ökonomischen, einen sozialen und eine stadtplanerischen. Zum einen führte die allgemeine ökonomische Strukturkrise der 1970er Jahre zu einer massiven Steigerung der ohnehin schon überdurchschnittlichen Arbeitslosigkeit gerade in der Bronx. Zeitgleich, so berichteten Sozialarbeiter, kam es zu einem außerordentlichen Anstieg des Drogenkonsums, und die Arbeitslosigkeit in diesem gettoisierten Gebiet wurde noch höher. Die damit verbundene Kriminalisierung in der Bronx sowie Familienzerrüttungen und bauliche Zerstörungen verursachten einen sozialen Wandel, Auslöser für Abwanderungsbewegungen der besser verdienenden Mittelschicht, die sich vorwiegend aus Italienern, Deutschen, Iren und Juden zusammensetzte. Dieser Entvölkerungsprozess bedingte wiederum, dass zahlreiche Geschäfte und Fabriken schlossen. Der dadurch entstandene massive Verlust gewerblich produzierender Arbeitsplätze traf gerade die ohnehin benachteiligten ethnischen Gruppen der „Urban Underclass“, die armen afroamerikanischen Schwarzen und Hispanics, die mit der Abwanderung der Mittelschicht aus großen Teilen der Bronx nach und nach in die nun leer stehenden Häuser zogen. 1966 lag die Arbeitslosigkeit in der Bronx bei 32,7% und 40,6% aller Nichtweißen dort lebten unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Die dritte Ursache für die fatale Stadtentwicklung in der Bronx war die voranschreitende Suburbanisierung, die Bildung einer neuen Stadt am Stadtrand, Coop City, in die aus der South-Bronx heraus ein Teil der für Krisenzeiten so wichtigen sozial stabilen mittelständischen Bevölkerungsgruppe zog. Der Bau des Cross Bronx Expressway (Baubeginn 1959) unter der Leitung von Robert Moses beschleunigte außerdem die o.a. Abwanderungsbewegung der Mittelschicht (vgl. Zimmermann, 1998, S. 57ff.). Diese stadtplanerischen Entscheidungen wurden trotz absehbarer sozialer und demographischer Folgen getroffen. Die sozialen und kulturellen Standards des Städtischen wurden an der ökonomischen Effizienz einer wandelbaren Infrastruktur gemessen und dann der Wirtschaftspolitik angepasst. Die damit einhergehende Transformation der Bronx betraf in besonderer Weise sozial benachteiligte Gruppen; der Stadtteil, in dem sie lebten, verwahrloste zunehmend. Die Bronx geriet in eine sich selbst beschleunigende Abwärtsspirale aus Desinvestition, Verarmung, Kriminalisierung und baulicher Zerstörung zum städtischen „Wasteland“ und damit zum Symbol des städtischen Zerfalls. (vgl. Bosworth, 2000)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zuschneidung von „Funktionsbereichen des Städtischen wie Wohnen, Arbeiten und Leben […] auf die Bedürfnisse der Standortkonkurrenz und der Warenzirkulation“ ist ein wesentlicher Faktor für Gettobildung (Klein / Friedrich, 2003, S.90). Da in vielen Teilen New Yorks quasi halb-öffentliche Räume existierten und bis heute existieren, welche nur zahlungskräftigen und nicht-deviant erscheinenden Personen zugänglich sind, mussten jene, die nicht diese Bedingungen erfüllen, sich in schlechteren Wohngegenden zusammenfinden. Diese Entwicklungen in den 1960er und 1970er Jahren in der Bronx bedingten die zunehmende sozialräumliche Teilung und Destabilisierung, die zugleich die ethnische Segregation und soziale Polarisierung verstärkte. Aufgrund dieser räumlichen Prozesse entstand eine neue soziale Situation, mit der die Entwicklung neuer Kultur- und Lebensformen einherging. (vgl. Klein / Friedrich, 2003, S. 91)

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Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638619790
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71697
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Abteilung Musikwissenschaft / Sound Studies
Note
1,0
Schlagworte
Bronx Rolle Rap-Music Identitätsbildung Segregationsräumen Musik Urbanistik Metropolitane Kontexte HipHop Hip Hop Rap

Autor

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Titel: Bronx - Rap: Zur Rolle der Rap-Music bei der Identitätsbildung in Segregationsräumen