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Baum des Lebens - Baum der Erkenntnis

Seminararbeit 2000 30 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1. Was ist eigentlich ein Baum?

II. Hauptteil
1. Der Baum im Paradies
2. Die Symbolik des Baumes
a. Der Baum des Lebens
b. Der Baum der Erkenntnis
3. Der Baum in der Religionsgeschichte
4. Der Baum in der Bibel

III. Schlussteil
1. Religionspädagogische Aspekte

IV. Anhang
1. Abbildungen
2. Strukturskizze einer Unterrichtsstunde

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

1. Was ist eigentlich ein Baum?

„Ein meist mehr als fünf Meter hohes Holzgewächs mit Wurzelwerk, Stamm und Krone, das laubwerfend oder immergrün sein kann.“ (Meyers Lexikonredaktion, 1988, S. 76)

Wenn man etwas länger darüber nachdenkt, wird man bemerken, dass diese Aussage nicht genügt, um einen Baum umfassend zu beschreiben.

Gehören Bäume für den Menschen nicht auch zu den wichtigsten und schönsten Gaben der Natur? Wir verdanken ihnen unendlich viel: Schutz bei Regen und Sturm, Material zur Herstellung von Hütten und Häusern, von Werkzeugen und Gebrauchsgegenständen aller Art, Holz zum Heizen und Kochen. Außerdem schenken sie uns köstliche Früchte und viele wertvolle Stoffe für alle Bereiche unseres Lebens. Wir lieben die Wälder, wandern gern in ihnen und erfreuen uns an den schönen Blumen, die dort blühen, und an den Tieren, die dort leben.

Ohne Bäume wären wir sehr arm. Wir könnten ohne sie nicht einmal leben. Die Luft, die wir einatmen, erhält ihren Sauerstoff zu einem großen Teil von den Bäumen, das Wasser, das wir trinken, ist auch vom Waldboden gefiltert und gereinigt.

(Vgl. Bergmann Sucksdorff, 1982, S. 3)

Wenn wir das alles berücksichtigen, wird uns vielleicht klar, wie wichtig der Baum für unser Leben ist. Das reicht jedoch immer noch nicht aus, um eine genaue Definition von „Baum“ zu liefern. Jeder Baum ist anders und bedarf einer erneuten Betrachtung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenAbbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 (Kurth-Gilsenbach, 1993, Titelblatt)

Bäume sind jedoch auch bedeutende Symbolträger. So ist zum Beispiel das uns wohl bekannteste Symbolbuch „Die Bibel“ voll mit Erzählungen, in denen Bäume eine große Rolle spielen. Bereits zu Anfang in der Paradiesgeschichte (1 Mose 2, 9) berichtet die Heilige Schrift von allerlei Bäumen im Garten Eden, unter ihnen auch der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen.

II. Hauptteil

1. Der Baum im Paradies

„Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ (1 Mose 2, 9)

An dieser Stelle ist zum ersten mal in der Paradiesgeschichte von Bäumen die Rede und ihren Namen nach scheinen sie eine nicht unbedeutende Rolle einzunehmen. In der weiterführenden Erzählung spielt der Baum des Lebens zunächst keine große Rolle mehr. Der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen jedoch nimmt sofort eine sehr bedeutende Stellung ein.

In 1 Mose 2, 16-17 spricht Gott zu Adam und gebietet ihm, dass er von allen Bäumen im Garten essen möge, nur nicht vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, da er sonst sterben müsse. Klarheit darüber, wie bedeutend dieser Baum für den Weitergang der Geschichte und somit auch des menschlichen Lebens ist, erhält man erst, als es zum Sündenfall und somit zur Missachtung des göttlichen Gebots kommt. In 1 Mose 3, 1-24 kommt es zu einer Wandlung. Hier wird der Weg beschrieben, den jeder Mensch vom Einen zum Andern, von der Unschuld zur Angst der Schuld durchmessen muss. Eine Schlange bringt Eva geschickt dazu, die Früchte des Baumes der Erkenntnis zu essen. Da dem Menschen Zweifel an der Güte des Gebietenden praktisch ins Herz gesät sind und er für Verdächtigungen ein außerordentlich helles Ohr hat, fällt es ihr auch nicht allzu schwer, der Schlange Glauben zu schenken. Diese versteht es, das Gebot Gottes als große Fessel für den Menschen hinzustellen. Als sie die Versprechung macht, „An dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“

(1 Mose 3, 5), scheint dem Menschen, was ihm von Gott gegeben wurde, die Fülle des Paradieses und seine Nähe, klein zu werden und zu versinken vor dem Neuen, Unbekannten, das hier in greifbare Nähe gerückt zu sein scheint. Dieser Sündenfall beginnt zwar nicht mit dem Anschauen des Baumes, sondern im Gespräch mit der Schlange, aber das Schauen und schließlich das Nehmen von dem Baum ist ausschlaggebend für das Verderben mit Gott. Da der Mensch auch im Sündigen nicht allein sein möchte und der Schritt von der ersten zur zweiten Sünde kleiner ist als der Schritt hin zur ersten Sünde, bringt nun Eva auch Adam dazu, die Früchte des Baumes zu essen. Danach stellt sich jedoch ganz schnell heraus, dass nicht die von der Schlange versprochene Bereicherung, sondern Armut eingetreten ist.

Durch das Kosten der Früchte des Erkenntnisbaumes entsteht Gottesferne. Wussten die Menschen vorher nur aus dem Mund Gottes, was sie zu tun haben, wissen sie es jetzt, ohne Gott zu befragen: Sie machen sich Schurze, um ihre Nacktheit zu verbergen. Der neue, erwünschte, „gottgleiche“ Stand des Menschen besteht also aus einem Gefühl, sich verbergen zu müssen. Angesichts der Sünde gibt es keine Erklärung, sondern nur das Bekenntnis: Ich habe gesündigt. Dieses Bekenntnis machen auch die Sündiger vor Gott im Paradies. Der Mensch erscheint hier als verantwortliches Wesen. Er hat Gott Rede und Antwort zu stehen. Die Schlange hingegen wird von Gott nicht gefragt. Alles was in der Schöpfung eindeutig und klar war, ist durch den Ungehorsam zweideutig und ungut geworden. Das Leben des Menschen wird jetzt zur Mühe, mit der paradiesischen Mühelosigkeit ist es zu Ende. An dieser Stelle nun kommt der Baum des Lebens wieder ins Spiel. Gott der Herr schickt den Menschen fort aus dem Paradies, damit er nicht auch noch vom Baum des Lebens breche, esse und somit ewig lebe. Den Baum des Lebens lässt er bewachen durch die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert.

(Vgl. 1 Mose 3, 22-24)

Um das Auftreten des zweiten Baumes (Baum des Lebens) an Anfang und Ende der Geschichte zu erklären, geht man hier von zwei verschiedenen Zeugen aus. Der zweite jahwistische Zeuge redet von zwei Bäumen im Paradiesgarten, neben dem Baum der Erkenntnis steht noch der Baum des Lebens. Beim ersten Zeugen erscheinen die Bäume bedeutungslos, da nicht der Baum den Menschen Erkenntnis verleiht, sondern ihr eigener Ungehorsam lässt das Wissen um gut und böse und darin zugleich die von Gott scheidende Mächtigkeit des Gesetzes in ihnen aufbrechen. Der zweite Zeuge geht von einem wirklichen Wissensraub an Gott aus und begründet damit die Angst, sie würden sich auch an dem zweiten Baum „bedienen“. Der Baum der Erkenntnis und der Baum des Lebens sind hier Kräfte, die Gott selbst besorgt hütet. Beim ersten jahwistischen Zeugen hingegen wurde die Geschichte stark umgeändert, das Mythische ist zurückgedrängt, der Lebensbaum ist verschwunden, der Erkenntnisbaum hat seine Gewalt verloren. Das Gebot Gottes, der Gehorsam gegen dieses Gebot und die Folge des Ungehorsams gegen dieses Gebot stehen beherrschend im Mittelpunkt.

Der zweite Zeuge ist in seinem Reden auffallend beschnitten und sein Reden vom Raub der Weisheit ist unterdrückt worden. Nur die Stelle von der Befürchtung Gottes wegen des Lebensbaumes wurde dem gesamtjahwistischen Zeugnis beigefügt. Die Worte des zweiten Zeugen sollen an dieser Stelle scheinbar nur im Schatten der Worte des ersten Zeugen gelesen werden. Der zweite Zeuge darf augenscheinlich nur reden, weil sein Reden an dieser Stelle das Reden des ersten Zeugen verdeutlicht. Im Fluch über den Menschen hatte Gott dessen Todesurteil nur in indirekter Formulierung ausgesprochen:

„Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (1 Mose 3, 19)

Das Wort des zweiten Zeugen vom Lebensbaum aber ist ungleich anschaulicher. Hier geht es um die reale Nähe zum Lebenszentrum.

Aus dieser Nähe wird der Mensch verjagt. (Vgl. 1 Mose 3, 22-24)

Er wird zur Strafe aus der Nähe des Lebensträgers entfernt und durch eine feurige Wache von ihm getrennt gehalten. (Vgl. Zimmerli, 1943, S. 151 ff.)

Dieser kurze Einblick in die Paradiesgeschichte hat gezeigt, welche wichtige Rolle hier der Baum einnimmt beziehungsweise, je nach Auslegung, einnehmen kann. An dieser Stelle stellt sich natürlich die Frage, warum gerade der Baum in diese wichtige Rolle schlüpft. Aus diesem Grund ist es interessant zu wissen, dass der Baum sehr oft als Symbolträger benutzt und verstanden wird und somit selbst zu einem Symbol geworden ist.

(Bibelstellen aus: Evangelische Kirche in Deutschland, 1999)

2. Die Symbolik des Baumes

Der Baum wird oft als machtvolle Repräsentation des Pflanzenreichs angesehen. Des Weiteren wird er auch als Sinnbild göttlicher Wesenheiten oder Aufenthaltsort numinoser Mächte verehrt. Der Laubbaum wird aufgrund seines sich jährlich erneuernden Blattkleids als Symbol für die Wiedergeburt des Lebens angesehen, die den Tod immer wieder aufs neue besiegt. Der immergrüne Nadelbaum steht für die Unsterblichkeit. Die Gestalt des Baumes, in der Erde verhaftete Wurzeln, kräftiger, senkrecht aufsteigender Stamm und zum Himmel strebende Krone, veranlasst oft dazu, ihn als Symbol für eine Verbindung von kosmischen, irdischen und unterirdisch-chthonischen Bereichen zu sehen. Dieser Aspekt spielt bei den Vorstellungen vom Weltenbaum als Träger der Welt beziehungsweise als Verkörperung der Weltachse eine bedeutende Rolle. Die nordische Mythologie spricht hier beispielsweise von der immergrünen Weltesche Yggdrasil. Es besteht die Vorstellung, dass auf diesen Weltenbäumen häufig mythische Tiere mit den Seelen Verstorbener oder Ungeborener, oft in Gestalt von Vögeln, leben. Ein symbolischer Bezug zum Tierkreis ist auch zu sehen, so bewohnen zum Beispiel in der indischen und chinesischen Mythologie zwölf Sonnenvögel die Zweige des Weltenbaumes. Dabei werden die Vögel, die in der Krone dieses Baumes leben, als Symbol einer höheren geistigen Seins- und Entwicklungsstufe betrachtet. In verschiedenen Volksstämmen Zentralasiens, Japans, Koreas und Australiens wird der Baum sogar als mythische Ahne des Menschen betrachtet, da er aufrecht steht wie ein Mensch und wie dieser wächst und vergeht. In mehreren Gebieten Indiens gibt es eine Sitte in Zusammenhang mit dem Baum, die zur Stärkung der Fruchtbarkeit dienen soll. Die Braut wird zu diesem Zweck vor der eigentlichen Hochzeit symbolisch mit einem Baum vermählt. Es werden sogar symbolische Hochzeiten zwischen zwei Bäumen durchgeführt, deren Lebenskraft dann auf ein bestimmtes Menschenpaar übertragen werden soll. Da der Baum im Allgemeinen fruchttragend ist, Schatten und Schutz spendet, wird er nicht selten als Symbol für Weiblichkeit oder gar Mütterlichkeit angesehen. Der aufrechte Stamm hingegen ist ein bekanntes Phallus-Symbol. In der Verbindung von Baum und Feuer spricht man vom Symbol der Lebenskraft, da das Feuer als in manchen Bäumen verborgen gilt, wo es durch Reibung hervor geholt werden muss. Die indische Tradition kennt auch die Vorstellung vom umgekehrt gewachsenen Baum, was unter anderem als Symbol für die lebensspendende Kraft der Sonne im physischen Bereich und des spirituellen Lichts im geistigen Bereich angesehen wird. Bhagavad Gita (Episode eines indischen Volksepos) deutet den umgekehrten Baum auch als Symbol für die Entfaltung alles Seiendem. Er sieht in den Wurzeln die Repräsentation des Prinzips aller Erscheinungen und die Zweige als konkrete und detaillierte Verwirklichung dieses Prinzips. Der umgekehrte Baum taucht beispielsweise in der Kabbala als Lebensbaum oder im Islam als Baum des Glücks auf. Die Psychoanalyse sieht im Baum oft einen sinnbildlichen Bezug zur Mutter, zur selig-geistigen Entfaltung und zu Absterben und Neugeburt. Es wird sogar in manchen psychologischen Testverfahren versucht, Zeichnungen von Bäumen als symbolische Ausdrucksschemata der Gesamtpersönlichkeit auszuwerten.

(Vgl. Herder Verlag, 1978, S. 23 ff.)

Der Baum ist durch und durch lebendig, da er von allen vier Elementen seine Lebenskraft nimmt. Die Wurzel lebt in Erde und Wasser, die Krone in Sonnenlicht und Luft. Der Stamm kann als Mittler dazwischen gesehen werden. Der Baum steht still, aber er verändert sich trotzdem immer wieder bis zu seinem allmählichen Absterben. Er wächst immer mehr den Elementen zu, immer tiefer in die Erde und immer höher in die Luft. Im Laufe der Jahreszeiten verändert er sich. Er ist schön in seinem Grün, aber auch im Herbst, wenn er seine buntgefärbten Blätter fallen lässt. Sogar im Winter, schwarz und skelettartig wirkt er nicht trostlos, eher sehnsuchtsvoll in Erwartung. Der Mensch hat immer Parallelen zwischen sich und dem Baum erahnt. Manche gehen sogar so weit, im Menschen neben dem Tierhaften auch das Baumhafte zu sehen. Wie oben bereits erwähnt sieht man Vergleichspunkte in der aufrechtstehenden Art, aber auch die Äste werden mit dem Menschen in Beziehung gebracht, im Vergleich mit seinen ausgebreiteten Armen (siehe hierzu Abb. 3 im Anhang). Auch der Lebenskreislauf des Baumes vermag es, uns unser eigenes Leben vor die Augen zu führen, den „Lebensfrühling“ so wie den „Herbst des Lebens“. Der Baum ist allerdings im Gegensatz zum menschlichen Körper nie ausgewachsen, er bleibt bis zu seinem Absterben jung. Diese Tatsache wird jedoch auch oft symbolisch mit dem fortwährenden Reifeprozess des Menschen in Beziehung gesetzt, der auch nie abgeschlossen ist. Neben der Selbsterfahrung des Menschen mit Hilfe des Baumes steckt im Baum aber auch die oben bereits erwähnte transzendentale Gotteserfahrung. Der Mensch ist wie der Baum an die Erde gebunden, er hat aber auch die Sehnsucht, über sich hinaus zu wachsen, um sich dem Bereich des „Göttlichen“ zu nähern. Der Baum erscheint neben anderen Ursymbolen wie Wasser, Berg oder Feuer nicht ambivalent. Während den anderen Symbolen auch ein tödlicher, dunkler Aspekt anhängt, eine sogenannte „Schattenseite“ zugeschrieben wird, ist diese bedrohende Macht im Baum nicht zu sehen. Abschließend ist hier anzumerken, dass der Baum eben einfach das Symbol des Lebens schlechthin ist, des Lebens ohne Tod. (Vgl. Kirchhoff, 1982, S. 61 ff.)

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Details

Seiten
30
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638695763
ISBN (Buch)
9783638709316
Dateigröße
11.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v71614
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg – Theologisch-Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Baum Lebens Erkenntnis Fachdidaktisches Seminar

Autor

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Titel: Baum des Lebens - Baum der Erkenntnis